29 Juni 2017

29. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Utah Jazz.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Spätestens nach den überraschenden Akquisitionen der Veteranen Joe Johnson und Boris Diaw galten die Jazz als Dark Horse im Westen. Obwohl sie letztes Jahr knapp an den Playoffs gescheitert waren, blieben die Erwartungen nicht bescheiden. Homecourt sollte es mit dieser Mischung aus Erfahrung und jugendlichem Eifer schon werden – und bis zuletzt spielten sie auch um Heimvorteil in den Playoffs.

Utah startete durchwachsen in die Saison, erkämpfte sich erst Ende November ein Polster zur ominösen .500-Marke, das sie dann aber auch den Rest der Saison nicht mehr abgaben und erstmals seit 2010 wieder mehr als 50 Siege errangen. Mit einer 51-31 Bilanz und Rang fünf, nur knapp hinter dem anvisierten vierten Platz, beendeten sie die Regular Season.

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In den Playoffs kam es zum Duell mit den L.A. Clippers, dem einzig knappen der ersten Runde im Westen. Obwohl sich Utahs Center Rudy Gobert gleich in Spiels eins beim allererster Spielzug verletzte, lagen die Jazz in der Serie zwischenzeitlich 1-0 und 3-2 in Führung, mussten dann aber auswärts in das einzige siebte Spiel der Western Conference Playoffs 2017, das sie überraschend souverän mit 104-91 für sich entschieden und damit in die zweite Runde einzogen – ebenfalls zum ersten Mal seit 2010.

Dort warteten allerdings in den Golden State Warriors der spätere Champion, der mit 4-0 kurzen Prozess mit den Mormonen machte. Utah hatte in keinem der Duelle gegen die Armada aus Nordkalifornien eine echte Chance – immerhin waren sie da bei weitem nicht die einzigen.


Offseason Agenda
Alles steht und fällt mit Gordon Hayward. Der 9. Pick des 2010 Drafts hat sich in Utah zum All-Star und legitimen Franchise Player entwickelt, in der ablaufenden Saison Karrierebestewerte in Punkten und Rebounds aufgelegt. Nun darf er zum ersten Mal in seiner Karriere den freien Markt testen.

Hayward wird unter anderem von den Boston Celtics und Miami Heat stark umworben, sodass sich die Jazz-Fans frühzeitig vor Beginn der Free Agency genötigt sahen, die #Stayward-Kampagne ins Leben zu rufen.


Ein Abgang des Rotschopfes wäre für die Jazz verheerend, da sie zwar über die Kapazität, nicht aber die Strahlkraft verfügen, einen gleichwertigen Ersatz nach Salt Lake City zu lotsen. Weil die Picks der jüngeren Vergangenheit wie Dante Exum, Rodney Hood und Alec Burks (noch?) nicht in der Verfassung sind, Hayward als primäre offensive Option zu ersetzen, stünde sogar ein Rebuild im Raum.

Sollte Utahs Nummer 20 aber den erhofften Maximalvertrag bei seinem bisher einzigen Team unterschreiben, ist die Franchise gerüstet, für die nächsten Jahre weiterhin mindestens als Dark Horse in den oberen Regionen der Western Conference mitzumischen.

Personal
Neben Hayward werden die Point Guards George Hill und Shelvin Mack sowie Big Man Jeff Withey Unrestricted, dazu der zuletzt überraschend starke Joe Ingles Restricted Free Agent.

Mack wusste im Trikot der Jazz selten zu überzeugen und wird daher wohl die Koffer packen müssen. Auch der Verbleib Hills steht angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit (absolvierte in den letzten drei Jahren nur 166 von 246 möglichen Partien) sowie des dringenden Bedarfs nach einem klassischen Point Guard – Utah wird Interesse an Ricky Rubio von den Minnesota Timberwolves nachgesagt – in den Sternen.


Für Ingles hingegen gaben die Jazz ein Qualifying Offer ab und werden den australischen Flügel halten, sofern kein pekuniär-unanständiges Angebot kommt.

Aktuell stehen acht garantierte Verträge und knapp 70 Mio. $ in den Büchern. Den restlichen Cap Space muss GM Dennis Lindsey fest für Hayward einplanen. Große Sprünge sind bei dessen Zusage im beschaulichen Salt Lake City nicht möglich, stattdessen werden die Verantwortlichen nach der Blaupause des Vorjahres den Kader gezielt um gestandene, aber nicht allzu teure Spieler erweitern.

Bei Trade-Gesprächen richtet sich der Fokus vor allem auf Derrick Favors, der in den Playoffs zwar für Gobert exzellent in die Bresche sprang, als ehemaliger dritter Pick aber bis heute nicht die hohen Erwartungen erfüllte. Infolge Goberts kometenhafter Entwicklung sinkt Favors' Perspektive in Utah immer weiter.

Draft
Die Jazz tradeten sich in der Draft-Nacht nach oben, schickten ihren 24. Pick zusammen mit dem 2015 an 12. Stelle geholten Trey Lyles zu den Denver Nuggets, bekamen dafür den 13. Pick, mit dem sie sich die Rechte an Donovan Mitchell sicherten.

Mitchell ist ein kleiner, dafür sehr athletischer Combo-Guard und aggressiver Verteidiger, in dem NBACHEF-Draftguru Axel Babst Ähnlichkeiten zu Avery Bradley von den Boston Celtics sieht.

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Mit dem 30. und 42. Pick tradete sich Utah ein weiteres Mal nach oben, um an 28. Stelle Tony Bradley nach Salt Lake City zu holen, einen erst 19 Jahre alten Big mit Stärken im Rebounding und der Physis. In der zweiten Runde wählten die Jazz an 55. Stelle in Nigel Williams-Goss einen weiteren Point Guard.

Zukunft
Sehr abhängig von Gordon Hayward. Doch selbst im Falle eines Abganges Haywards sind die Mormonen dank der besonnenen Klubführung zumindest nicht in Gefahr, zum dauerhaften Tiefflieger abzusteigen.


In Rudy Gobert (bis 2021 unter Vertrag) steht ein Fels in der Brandung des Salzsees, um den herum die erwähnten Exum (21), Hood (24) und Burks (25) genügend Potential mitbringen, zu einem starken Kern heranzuwachsen und die Franchise notfalls über ein paar magere Jahre zu tragen und dann mit hohen Draft Picks gut gerüstet ins nächste Jahrzehnt zu marschieren.