15 Juni 2017

15. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Toronto Raptors.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

Saison 2016/17
Das Vorjahr war die erfolgreichste Spielzeit in der Historie der Kanadier. 56 Siege, dazu das erstmalige Überstehen einer Playoff-Serie seit 2001. Die Neuauflage der „Jurassic Park“-Filmreihe hatte die Dinos sprichwörtlich wiederbelebt. Nur zwei Siege fehlten Toronto zu den NBA Finals. Dem großen Ziel so nahe änderte das Front Office im Sommer recht wenig.

Der „größte" Neuzugang hörte auf den Namen Jared Sullinger. Früh bestanden Zweifel, dass der vormalige Celtic das Loch der Raptors mit etwas anderen als seinem Gewicht füllen könnte. Andererseits kostete der heute 25-Jährige nur sechs Millionen und der finanzielle Spielraum von „We The North“ war nach der Verlängerung von DeMar DeRozan nicht gerade groß.


139 Millionen Dollar für fünf Jahre lautete der Deal für den Franchise-Player der Kanadier. Dass er diesen Haufen Geld wert war, bewies DeRozan mit einem starken Saisonstart. In 22 der ersten 32 Spiele war der Shooting Guard Topscorer seiner Mannschaft. Toronto hatte ebenso viele Spiele gewonnen. Die Raptors waren erneut in der Spitzengruppe im Osten.

Damit war es Mitte Januar jedoch plötzlich vorbei. Das Team verlor unmittelbar vor dem All-Star-Break elf der letzten 15 Patien. GM Masai Ujiri musste handeln und schickte Terrence Ross für Serge Ibaka nach Orlando. Als der gebürtige Nigerianer auch noch P.J. Tucker zehn Jahre nach seinem ersten Halt in Toronto nach Ontario zurückholte, sahen die Raptors wie der Gewinner der Trading-Deadline aus.


Doch eine Handgelenksverletzung bei Point Guard Kyle Lowry bereitete den Fans im Norden weiter Sorgen. Zunächst war vom Saison-Aus die Rede. Soweit kam es zwar nicht, doch der bullige Aufbauspieler ging sichtlich angeschlagen in die Playoffs. Als er sich gegen Cavaliers auch noch den Knöchel verstauchte, war es um Lowry und die Raptors geschehen.

Offseason Agenda
Der Gesundheitszustand ihrer Nummer sieben wird die 1995 gegründete Franchise im Sommer weiter verfolgen. Lowry ist Torontos mit Abstand größter Free Agent. Der 31-Jährige hatte großen Anteil am Aufschwung der jahrelang vor sich hin dümpelnden Truppe. Drei All-Star-Nominierungen in Folge waren der gerechte Lohn.

Das einstige Problemkind hat Begehrlichkeiten geweckt. Sollten Chris Paul und Stephen Curry bei ihren jeweiligen Teams bleiben, wird Lowry wahrscheinlich der beste Aufbauspieler, der im Sommer zu haben ist. Sein neues Salär dürfte also deutlich über den aktuellen zwölf Millionen liegen. Wie viel ist Toronto bereit einem Akteur zu bieten, der vor dem Herbst seiner Karriere steht und in den letzten fünf Jahren durchschnittlich zehn Spiele fehlte?


So wie es in der NBA läuft, dürfte das Management nahezu gezwungen sein, die Schubkarre voller Dollar-Bündel aus dem Tresor zu holen, denn wo kommt sonst Ersatz her? Gleiches gilt für Serge Ibaka und P.J. Tucker. Beide wurden im Februar mehr oder weniger teuer ertradet.

Ob es sich dabei um gute Deals für Toronto gehandelt hat, hängt fest damit zusammen, ob die Verpflichtungen ein mehrmonatiges Leasing oder eine Investition in die Zukunft waren.

Personal
An garantierten Verträgen stehen vor Beginn der Free Agency 76,8 Millionen Dollar in den Büchern der Raptors. Bei einem aktuell auf 101 Millionen geschätzten Salary Cap stehen Masai Ujiri demnach theoretisch rund 25 Millionen für Verstärkungen zur Verfügung. Doch dieses Geld wird nichtmal ausreichen, um die alten Leistungsträger zu halten.


Neue Verträge für Lowry, Ibaka und Tucker brächten Toronto nicht nur tief in die Luxussteuer, sondern würden der Franchise auch auf Jahre die finanzielle Flexibilität rauben. Dass mit Patrick Patterson noch ein weiterer brauchbarer Rollenspieler auf ein neues Arbeitspapier wartet, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Draft
Die letztjährigen Draft-Picks Jakob Pöltl und Pascal Siakam schlugen nicht ein wie ein Bombe. Aufgrund ihres geringeren Gehalts und durchaus vorhandenen Potentials sind die beiden für das im Air Canada Centre beheimatete Team jedoch trotzdem nützlich. 2017 darf das Front Office an 23. Stelle versuchen, erneut in die Tiefe und Zukunft der Mannschaft zu investieren.


Nun ist die Prognose der Verfügbarkeit von möglichen Zielen so spät in der ersten Runde eine sehr ungenaue Wissenschaft. Da die Free Agency erst nach dem Draht ansteht, kann Toronto hier auch nicht auf potentielle Abgänge reagieren. Da zuletzt eher nach Big Men Ausschau gehalten wurde, lohnt sich dieses Jahr aber vielleicht ein Blick auf die kleineren College-Stars. Davon gibt es dieses Jahr immerhin jede Menge.

Zukunft
Die Raptors stehen am Scheideweg. Die eigenen Free Agents für teures Geld halten, scheint unausweichlich, um in der Spitzengruppe im Osten zu bleiben. Doch reicht das, um erstmals die Larry O'Brien Championship Trophy auf kanadischem Boden in den Arenahimmel zu stemmen?

Verletzung von Klye Lowry hin oder her. Die Raptors sind in den letzten zwei Jahren in dieser Zusammenstellung zweimal deutlich an LeBrons Cavaliers gescheitert. Warum sollte sich daran in den nächsten Spielzeiten etwas ändern? Ergibt es nicht mehr Sinn, einen Neustart für die Zeit nach der Ära des Königs zu wagen?


So lässt sich sicherlich argumentieren. Doch gerade, wo Basketball in Toronto so richtig angekommen ist, – die Fans eine der besten Atmosphären der NBA erzeugen – die jetzige Erfolgsgeschichte zu beenden, ist ein Spiel mit dem Feuer. Meister werden kann pro Jahr nur eine Mannschaft – das heißt aber nicht, dass alle anderen ein mieses Jahr hingelegt haben.