16 Juni 2017

16. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Philadelphia 76ers.

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Saison 2016/17
Nach der komplett (gewollt) in den Sand gesetzten letzten Saison mit nur 10 Siegen waren die Rahmenbedingungen in der vergangenen Saison deutlich besser. Neu an Bord: Nummer 1 Pick Ben Simmons und Joel Embiid. Während der Nummer 1 Pick sich im Sommer den Fuß brach und erstmal ausfiel, fieberte die Sixers-Fans dem Debüt ihres „Heilsbringers“ entgegen.

Außerdem sollte neben Embiid ein weiterer Spieler aus dem Draft 2014 sein Debüt in der NBA geben: Dario Saric wagte nach zwei Jahren in Europa den Sprung über den großen Teich nach Philadelphia. In der Free Agency kamen dann noch die Veteranen Jerryd Bayless, Gerald Henderson und Sergio Rodridguez, die Stabilität und Erfahrung in den Backcourt bringen sollten.

Dass Philly an den Playoffrängen schnupperte, hatte niemand so wirklich auf dem Schirm. Doch die Sixers gewannen im Januar 10 von 15 Spielen, angeführt von Joel Embiid auf absolutem All-Star-Level. Der Kameruner zeigte sein enormes Potential in der ersten Saisonhälfte, bevor er wegen eines Meniskusrisses die restliche Saison verpasste.

Der Rookie-Center legte fantastische 20,2 Punkte, 7,8 Rebounds und 2,5 Blocks aufs Parkett und eroberte die Herzen in der Stadt der brüderlichen Liebe und in der gesamten NBA-Anhängerschaft. Embiid zeigte, dass sein Game auf dem Court seine Social-Media-Skills durchaus übertrumpfen kann.


Auch Dario Saric war eine positive Überraschung. In Abwesenheit von Embiid nutze der Kroate seine Möglichkeit und darf sich zurecht Hoffnungen für die Rookie des Jahres Auszeichnung machen. Der Kroate erwies sich als Point Forward und kreierte viel in der Offensive.

So euphorisch die erste Hälfte der Saison war, so deprimierend waren die letzten 41 Partien. Ben Simmons sollte die komplette Saison verpassen, und so muss weiter auf die spannende Paarung von Simmons und Embiid gewartet werden.  Am Ende war es dann doch wieder das gewohnte Bild: viele Niederlagen und das deutliche Verpassen der Playoffs.

Offseason Agenda
Während der Frontcourt und die Flügel relativ solide aufgestellt sind, fehlt es auf beiden Guard Positionen an Talent. T.J. McConnell, Justin Anderson, Timothé Luwawu-Cabarrot und Nick Stauskas spielten zwar eine solide Runde, die langfristige Lösung ist aber wohl nicht unter ihnen. Es sei denn, Luwawu-Cabarrot überrascht.

So könnten die Sixers, mit massig Cap Space bewaffnet, Jagd auf Free Agents wie Kentavious Caldwell-Pope, Tim Hardaway Jr. und Otto Porter machen - oder zumindest gegnerische Teams dazu bringen, für ihre eigenen Spieler überzubezahlen.


Eine weniger namhafte Option wäre beispielsweise Tony Snell. So oder so können die Sixers dank ihrem Platz unter dem Salary Cap einiges anstellen.  Bryan Colangelo darf mit dem größten Cap Space der Liga operieren.

Kyle Lowry, der aus Philly stammt und immer wieder mit den Sixers in Verbindung gebracht wird, kann keine Lösung sein. Lowry ist 31 Jahre alt und passt nicht in die Altersstruktur des Kaders. Nicht weniger als einen Maximalvertrag würde Lowry fordern. Der Raptor würde zwar sofort helfen, wäre aber in den besten Jahren von Embiid und Simmons eine finanzielle Last.

Personal
Bei Henderson, Richaun Holmes, Robert Covington, McConnell und Shawn Long haben die Sixers eine Option auf weitere Jahre. Bis auf Long werden vermutlich alle gehalten werden.

Covington, der in der letzten Saison zu einem der besseren Verteidiger der Liga wurde, darf sich Hoffnungen auf eine verfrühte Vertragsverlängerung machen. Holmes ist als Center-Backup gesetzt und hat momentan sogar Jahlil Okafor verdrängt.

McConnells Option auf jeweils 1 Million Dollar pro Jahr für die nächsten beiden Jahre ist für einen soliden Backup ein unglaublicher Deal.

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Eine Vertragsverlängerung mit Free Agent Tiago Splitter scheint ebenfalls logisch. Da Embiid und Okafor mehrseitige Injury Reports haben, darf der Brasilianer als weitere Center-Absicherung und als Mentor für die jungen Center bleiben.

Head Coach Brett Brown manövrierte die Sixers gut durch die bisherigen Rebuild-Jahre und sitzt momentan sehr sicher im Sattel. Gefährlich werden könnten ihm nur die steigenden Erwartungen in Philadelphia.

Draft
Nach dem vergangen Draft und dem logischen Nummer 1 Pick Ben Simmons muss Colangelo diesmal strategisch draften. Hier haben die Sixers eine Menge Optionen. Dank der Sacramento Kings, mit denen die Sixers ihre Draftposition via Trade tauschen dürfen, wählen die Sixers an Position #3 anstatt #5.

Jackson ist nach Fultz und Ball der wohl talentierteste Spieler, der noch an Nummer drei verfügbar sein wird. Der Forward ist sehr athletisch, was ihm in der Verteidigung enorm hilft. Seine Schnelligkeit, gepaart mit Hustle, machen Jackson zum spannenden Fit bei den Sixers.

An der Seite von Covington könnten die Sixers eines der besten Verteidigerduos auf dem Flügel stellen. Doch das Paket Jackson hat eine Haken: der Wurf. Da auch hinter Ben Simmons‘ Wurf ein Fragezeichen steht, ist es fraglich, inwieweit Jackson die Offensive durch mangelndes Spacing behindert.

Es gibt auch andere Optionen: Jayson Tatum, ein All-Rounder der alles gut kann, ist eine echte Alternative. Denkbar wäre auch ein Trade, um später zu picken. Hierfür wäre dann Shooter Malik Monk ein echter Kandidat.

Edit: Philadelphia einigte sich am Wochenende mit den Boston Celtics über einen Trade, der den ersten Pick 2017 involviert. Der Wunschspieler der 76ers: Markelle Fultz.

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Zukunft
Die Grundbausteine für eine erfolgreiche Zukunft sind theoretisch vorhanden. Der Erfolg der Sixers in der kommenden Saison 2017/18 wird maßgeblich davon abhängen, wie oft Embiid und Ben Simmons auf dem Parkett stehen werden. Mit Embiid schnupperten die Sixers an den unteren Playoff-Rängen.

Mit Embiid, Simmons, Covington, Saric, und einem weiteren guten Rookie, haben die Sixers ein solides Fundament für die kommenden Jahre beisammen. Die Cap Flexibilität, die Draft Assets und die jungen Spieler machen die Sixers auch zu einem eventuellen Landing Spot von Spielern per Trade.

Während das Grundgerüst steht, fehlt es noch am Beiwerk. Vor allem die Aufbauposition hat die Sixers in der letzten Saison noch sehr geschwächt. Insbesondere hier wird Colangelos Management gefordert sein.

Die Sixers sind jung und der Erfolg wird nicht sofort passieren. Es könnte sein, dass Philly verfrüht in die Playoffs geschrieben wird, wie es bei den Minnesota Timberwolves letztes Jahr der Fall war. Doch junge Spieler verlieren häufig. Hier wird Geduld gefragt sein, auch wenn das vielen wegen der vielen Niderlagenserien in den letzten Jahren sehr schwer fallen wird.

Embiid hat letzten Januar ein Feuer in der City of Brotherly Love entfacht, das schon wieder aus war, bevor es richtig brennen konnte. Die Zeichen stehen zumindest darauf, dass es diesmal ein wenig länger fackeln wird.