21 Juni 2017

21. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die New York Knicks.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Saison 2016/17
Melodrama, Porzingis-Drama, Tradegerüchte-Drama, mehr Drama, Verletzungsdrama, Phil-Drama, “Charles Oakley for President!” Drama… und Niederlagen nonstop. Die abgelaufene Saison der New York Knicks war, selbst an Knicks-Ansprüchen gemessen, ein einziges Kackhaufen-Emoji.

Jeff Hornacek wurde im Juni als neuer Head Coach vorgestellt. Dann kamen die pompös-teuren Neuakquisitionen Derrick Rose, Joakim Noah, Courtney Lee und Brandon Jennings. Kurt Rambis avancierte inmitten der Saison zum Defensivkoordinator.

Anthony bedankte sich bei Phil Jackson und pries die Chancen seines Klubs. Rose sprach von “Superteam”, Lee sprach davon, dass NY “very scary” sein könnte. Das waren die Knicks dann tatsächlich auch - nur nicht auf dem Basketball-Parkett.

Zur Weihnachtspause noch auf einem mittleren Playoff-Platz im Osten (16-13), verlor das Big Apple Team 38 seiner letzten 53 Partien. Am Ende fiel Platz zwölf im Osten ab. Rang 18 im Angriff, Rang 25 in der Verteidigung - die Knicks zählten erneut zu den Kellerkindern.


Viel schlimmer als eine weitere verlorene Saison war der Schaden. Für Kristaps Porzingis, dessen Frust sich viel zu häufig manifestierte. Für Carmelo Anthony, der sich zwischen Trade und No-Trade nicht entscheiden kann. Für Charles Oakley, und für treue Fans, die live miterleben mussten, wie der Publikumsliebling und Knicks-Ikone von Team-Besitzer James Dolan im Madison Square Garden gedemütigt wurde.

Offseason Agenda
New York muss in den nächsten Wochen ein paar grundlegende Entscheidungen treffen. Phil Jackson, der seinen Vertrag um zwei Jahre auf die bei seiner Unterschrift vereinbarten fünf verlängerte, wird die bisher wichtigste Frage beantworten müssen: sind Carmelo Anthony und/oder Kristaps Porzingis Teil der Knicks-Zukunft.

Der Youngster aus Lettland hat mehrfach betont, dass er mit dem Chaos, das diese Franchise fest im Griff hat, überhaupt nicht einverstanden ist - dass er aber gleichzeitig New York über alles liebt und sich momentan nicht vorstellen kann, für irgend eine andere Mannschaft aufzulaufen.

A post shared by Kristaps Porzingis (@kporzee) on

Anthonys Zeit im Big Apple hingegen scheint sich dem Ende zuzuneigen. Um endlich Raum für einen echten Neuaufbau zu machen - falls der in NYC überhaupt gewünscht wird - müsste 'Melo' seine No-Trade Klausel fallen lassen. Gegen Ende der regulären Saison schien sich der ehemalige Abo-Allstar in sein Schicksal gefügt zu haben. Das muss bei Anthony freilich nichts heissen.

Ein letzter, wichtiger Punkt auf der Offseason-Agenda, ist die vakante Position des Point Guards. Rose' Vertrag läuft aus. Beide Parteien haben gedroht angekündigt, an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert zu sein.

Zu den Bezügen, und angesichts Rose' Inkompatibilität mit der Triangle Offensive, wäre es sinnvoller den ehemaligen Most Valuable Player ziehen zu lassen, um statt dessen via Lotterie oder Free Agency in den Bereichen Playmaking, Shooting und Basketball-IQ nachzuladen.

Personal
New York geht mit acht garantierten Verträgen in die freie Transferperiode: Anthony, Porzingis, Noah, Lee, Willy Hernangomez, Mindaugas Kuzminskas, Lance Thomas umd Kyle O'Quinn. Rose, Justin Holiday, Ron Baker und Sascha Vujacic werden Free Agent.


Die Deals von Chasson Randle, Maurice Ndour und Marshall Plumlee sind nur teilweise oder nicht garantiert. Sollten die Kaderfüller vor einem bestimmten Stichtag entlassen werden, kann New York ein paar zusätzliche Millionen (3.9 Mio. $) freiräumen.

Das grösste Hindernis stellt die Personalie Derrick Rose dar. Sportlich wie finanziell. Der Cap Hold für den Point Guard liegt bei 30 Millionen Dollar, hievt die Knicks also im Alleingang über die Cap-Grenze. Nur wenn NY die Bird-Rechte auflöst und auf Rose' Dienste verzichtet, stehen knapp 15 Mio. $ parat.

Streicht New York obendrein die soliden Holiday (der seinen Marktwert gesteigert hat und vermutlich zu teuer wird), Baker (Restricted Free Agent) und 'The Machine' Vujacic aus dem Kader, kann Jackson mit etwa 20 Millionen Dollar einkaufen gehen.

Erfahrene, echte Point Guards wie George Hill oder Jrue Holiday dürften damit nur schwer zu locken sein. Sie würden zu den Knicks und ihrer intendierten Spielweise in Offense und Defense jedoch besser passen, als der hauptsächlich im Eins-gegen-Eins operierende Rose. Günstigere, gefragte Alternativen im Backcourt wären Free Agents wie JJ Redick (Shooting), Shaun Livingston (Basketball-IQ) oder Michael Carter-Williams (Länge).

Draft
Der bisher beste - und vielleicht einzige - brillante Move von Jackson als Team-Präsident der Knickerbockers war seine Selektion von 2,18 Meter Mann Porzingis vor zwei Jahren.

Damals war Jacksons lange richtiger Instinkt on point. Er selektierte, trotz Warnungen, doch lieber einen erfahreneren, in den USA ausgebildeten College-Junior oder -Senior zu ziehen, das international noch unbeschriebene Blatt aus Lettland mit dem vierten Pick 2015.


Die Knicks dürfen heuer an Position acht auswählen. Wenngleich die projizierten Superstars in der Mitte der Lotterie bereits weg sein dürften, hat Jackson einen grossen Luxus: das Angebot an Guards, die eines Tages eine Franchise führen können, ist in einer der tiefsten Guard Klassen aller Zeiten üppig.

Dass New York massiven Bedarf im Backcourt hat, wissen alle. Youngster wie Malik Monk, Frank Ntilikina, Dennis Smith oder Donovan Mitchell werden an New Yorks Position noch verfügbar sein.

Was also könnte diesen no-brainer von einem Pick gefährden? Eine Rose-Verlängerung, ein Free Agent Signing eines Playmakers… oder Jacksons Vorbliebe für Big Men. Die Knicks picken ausserdem an #44 und #58 in Runde zwei.

Zukunft
Was auf dem Papier wie ein klares Playoff-Team aussah (Rose, Lee, Anthony, Porzingis, Noah) zerfiel in seine Einzelteile und brannte lichterloh aus. Die intendierte Philosophie passte nie zum Personal - und vice versa - was Jacksons Personalpolitik umso verwirrender machte.


Der forcierte Push in Richtung Playoffs, um Anthony und Porzingis glücklich zu machen, entpuppte sich als teurer Fauxpas, der finanziell weh tun wird. Nicht unterm Strich, denn die Knicks bleiben, trotz chronischer Inkompetenz, die teuerste, monetär gesündeste Franchise der NBA.

Jacksons Flexibilität unter dem Salary Cap ist jedoch viel eingeschränkter, als sie es ohne die knapp 150 Millionen Dollar, die er vergangenen Sommer ausgab, gewesen wäre. Die Zeichen stehen auf mindestens einen Abschied. Idealerweise sogar zwei hochkarätige, falls Rose nicht verlängert und Anthony per Buyout entlassen wird.

Sollte der Zen-Meister auf einen vollen, ehrlichen Rebuild setzen, wird er das Zepter vollständig an sein junges Einhorn mit der Nummer 6 überreichen müssen. Porzingis bringt viele Qualitäten eines Franchise-Players mit. Dass er mehr Seriosität vom Front Office fordert, beweist auch, dass der 21-Jährige seine Rolle als Anführer bereits jetzt ernst nimmt. Das Team-Meeting zu skippen war falsch, die Intention dahinter aber richtig.

New York braucht junge Spieler, die zu Porzingis passen, sich ins System fügen, an beiden Enden hart spielen und besser werden wollen. Ein Top-Ten Pick und zwei weitere in Runde zwei könnten diese Sorte Jungprofis abwerfen und die 'Bockers aufs richtige Gleis stellen.

Es sind jedoch Gerüchte wie das um einen möglichen Porzingis-Trade im Draft-Vorfeld, die Knicks-Anhängern die Haare zu Berge stellen. Anstatt sich endlich in Geduld zu üben und Gevatter Zeit die Arbeit erledigen zu lassen, scheinen sie in New York weiterhin nicht zu wissen, wie genau sie wieder relevant werden wollen. More of the same also, ein Wachtraum in der Stadt die niemals schläft...