17 Juni 2017

17. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Miami Heat.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Saison 2016/17
Gemessen an den Erwartungen verlief die Saison der Miami Heat grundsolide. Die Buchmacher hatten ein Over/Under von lediglich 34,5 Siegen angeboten und die Heat schienen diese Linie noch deutlich unterschreiten zu wollen.

Zur Halbzeit der Saison standen elf Siege ganzen 30 Niederlagen gegenüber. Nach einer katastrophalen Off-Season im letzten Jahr, die im Abgang des jahrelangen Franchise Players Dwyane Wade ihren unrühmlichen Höhepunkt fand, verwunderte diese Zwischenbilanz kaum jemanden. Die Segel schienen im Wind klar in Richtung Lottery und Rebuild gesetzt.

Umso überraschender dürfte der kundige NBA-Beobachter die Rolle der Heat in der zweiten Saisonhälfte aufgenommen haben. Plötzlich lief alles wie am Schnürchen. Dank einer starken Defense und einer ausbalancierten Offensive, in der das Scoring auf vielen Schultern verteilt war, gelang den Heat im Januar eine 13 Spiele andauernde Siegesserie, welche sie sogar ins Rennen um die Playoffplätze katapultierte.


Am Ende stand ein Negativ der Negativbilanz aus der Hinserie: 30 Siege bei nur elf Niederlagen, was einer ausgeglichenen Saisonbilanz von 41-41 entsprach. Hiermit verpasste Miami die Playoffs jedoch denkbar knapp, da die Chicago Bulls bei gleichem Endstand mit besserem Direktvergleich den achten Platz belegten.

Bemerkenswert war jedoch nicht nur die Bilanz der Rückserie, sondern vor allem mit welchem Personal diese Leistung erreicht wurde. Chris Boshs Lungenprobleme und die schwere Schulterverletzung von Justise Winslow stellten die Heat zwischenzeitlich vor enorme Personalprobleme.

Neben den verbleibenden Stars Goran Dragić und Hassan Whiteside sprangen jedoch eine Menge Rollenspieler wie James Johnson, Wayne Ellington, Willie Reed, Luke Babbitt, Tyler Johnson und vor allem der von vielen Seiten längst abgeschriebene Dion Waiters in die Bresche. Dazu lieferten mit Spielern wie Rodney McGruder oder Okaro White auch jene ab, die vorher allerhöchstens den gut informierten D-League-Experten ein Begriff gewesen sein dürften.

Offseason Agenda
Der erste Schritt, Klarheit in die Wirren um Chris Bosh (33) zu bringen, ist getan. Das letzte Relikt der Not2-Not3-Not4-Not5-Ära hat seit über 16 Monaten kein NBA-Spiel mehr absolviert und sein tatsächlicher Gesundheitszustand bleibt mehr als nebulös.

Bereits vor der Saison war die Rede von Sportinvalidität, welche kürzlich erst medizinisch bestätigt wurde. Somit verschwinden Boshs 52 Mio. $ Gehalt für die nächsten beiden Jahren von der Gehaltsliste der Heat und eröffnen dem Team einige Möglichkeiten für den Sommer.

Bosh selbst scheint sich damit jedoch noch nicht abgefunden haben und liebäugelt Quellen zufolge mit einer Rückkehr in die Liga, muss dafür jedoch eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung vorlegen, die aktuell illusorisch erscheint. Immerhin wird er der Basketballwelt erhalten bleiben.


Miami hat derweil grünes Licht für Verstärkungen im Sommer. Mit Mittelmaß lässt sich in der modernen NBA bekanntlich kein Blumentopf gewinnen. Und die Heat sind mit dem aktuellen Kader nicht mehr als durchschnittlich. Die gut eingespielte Führungsriege um Pat Riley, Erik Spoelstra & Co. ist folglich unter Zugzwang, einen soliden Drei- bis Fünf-Jahresplan aufzustellen, welcher Entscheidungen im Draft und der Free Agency erheblich beeinflussen wird.

Personal
Josh McRoberts hat seine Player Option gezogen. In James Johnson, Dion Waiters, Luke Babbitt und Willie Reed testen derweil einige wertvolle Bauteile des Kaders der letzten Serie die Free Agency, sodass fix nur 55 Mio. $ (Boshs Vertrag rausgerechnet) in den Büchern stehen.

Bei einem erwarteten Cap von über 100 Mio. $ wäre also durchaus ein größerer Scheck für Free Agents der höchsten Gehaltsklasse bereit. Miami ist nach wie vor ein interessanter Zielort für Free Agents, sodass auch halbwegs gleichwertiger Ersatz für die Abgänge in realistischer Erreichbarkeit liegt.

Vor allem Abgänge von Waiters (25) und Johnson (30) dürften das spielerische Gefüge empfindlich schädigen. Johnson wird mindestens das Doppelte der vier Mio. $ der letzten Saison verlangen. Waiters hat angekündigt, den Heat einen Rabatt zu gewähren, was jedoch angesichts seiner forschen Selbsteinschätzung monetär schwer zu einzuordnen ist. Eine Verlängerung wird aber so oder so finanzielle Einschränkungen an anderer Stelle mit sich bringen.


Junge Spieler wie Sophomore-Zweitrundenpick Josh Richardson (23) oder Justise Winslow (21) deuteten ihre Klasse bereits an und wecken Hoffnungen für die zukünftige Entwicklung. Langfristig ans Team gebunden ist auch Tyler Johnson (25), der seine üppige Vertragsverlängerung mit guten Leistungen in der letzten Saison durchaus rechtfertigte. Mit Wayne Ellington bleibt ein erfahrener und solider Rollenspieler ebenfalls für ein weiteres Jahr am South Beach.

Center Hassan Whiteside (28) und Guard Goran Dragić (31) stehen noch drei bzw. zwei Jahre als Topverdiener der Heat in den Büchern. Insbesondere der Slowene Dragić könnte mit seiner Vertragslaufzeit und seinem Gehalt von vergleichsweise günstigen 17 Mio. $ in der nächsten Saison Objekt der Begierde vieler möglicher Trade-Szenarien sein.

Draft
Entsprechend ihres knappen Scheiterns in der ablaufenden Saison wählen die Heat in der ersten Runde des Drafts an der undankbaren Position #14. In der zweiten Runde hat die Truppe aus Miami in diesem Jahr keinen Pick verfügbar. Für die Heat sollte in diesem Draft klar die Devise gelten, den bestmöglichen Spieler an die Franchise zu binden.

Ein akuter Bedarf besteht auf keiner Position, weil Coach Spoelstra in der letzten Saison immer wieder mit stark guardlastigen Lineups und kleinen Aufstellungen um Center Whiteside experimentierte und die Offensive der Heat für gegnerische Mannschaften nur schwer ausrechenbar machte.


Diese Entscheidung wird Pat Riley jedoch auch mit Blick auf mögliche Trades treffen und den neuen Rookie gegebenenfalls im Paket weiterverschiffen.

Zukunft
Sonnig mit Wind vom Atlantik. Miami dürfte in der diesjährigen Offseason zu den interessantesten Spielern auf dem Markt mutieren, was eine exakte abschließende Prognose schwierig macht. Die Franchise hatte in den vergangenen Jahren selten Probleme damit, gute Free Agents von sich zu überzeugen.

Ob es ein ganz großer Fisch oder mehrere mittelgroße oder kleine werden, steht noch in den Sternen. Der Weg aus der Mittelmäßigkeit gelingt nur mit hochkarätigen Additionen in Richtung Playoffs oder über einen kompletten Neuaufbau, dem vor allem der sich im besten Basketballeralter befindliche Dragić zum Opfer fallen würde. Viele der anderen Spieler im Kader sind jung oder günstig genug, um mit den Heat auch durch ein tieferes Tal der Tränen zu schreiten.