11 Juni 2017

11. Juni, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Memphis Grizzlies.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Murmeltiertag in Memphis. Bereits im Vorjahr referierte das „Wat Nu“ der Grizzlies auf Bill Murray und das Nagetier. Geändert hat sich... nichts: Das Grindhouse bekommt einmal mehr Bestnoten in Leidenschaft und Toughness, stellt eine der ekligsten Verteidigungen der Liga. Die Playoff-Teilnahme – die siebte in Folge – war auch in dieser Saison nie gefährdet.

Und doch haben es die Bären zum x-ten Mal nicht vermocht, die altbekannten Probleme auszumerzen: Zu alt, zu langsam, zu verletzungsanfällig, offensiv zu ausrechenbar weil zu wenige Schützen. Konsequenz der Dinge: Ein weiteres Erstrundenaus, wie schon im Vorjahr gegen die San Antonio Spurs.

Zwar lieferten die Grizzlies dem Divisions-Rivalen einen harten Kampf, mit dem 110-108 Sieg in Overtime in Spiel vier als emotionalem Höhepunkt. Letztlich mussten sich die Bären aber der anderen Veteranentruppe des Westens klar geschlagen geben.

Sinnbild des erneuten Scheiterns: Neuzugang Chandler Parsons. Der mit einem saftigen 94 Mio. $ Vertrag ausgestattete Flügelspieler agierte das ganze Jahr über wie eine schlechte Kopie seiner Selbst, ließ all die Dynamik und Athletik vermissen, die ihn einst auszeichneten.

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6,2 Punkte, 2,5 Rebounds und 1,6 Assists pro Nacht sind Zahlen, die für einen der hinteren Bankspieler OK sind – nicht jedoch für den Hoffnungsträger der Franchise. Die inzwischen dritte Knie-OP beendete die Saison des 28-Jährigen frühzeitig und setzt ein dickes Fragezeichen hinter Parsons' sportlicher Perspektive.

Offseason Agenda
Der gescheiterte Plan, um Parsons, Gasol und Conley ein kompetitives Gerüst aufzuziehen, bringt Teambesitzer Robert Pera, GM Chris Wallace und Coach David Fizdale vor eine richtungsweisende Entscheidung: Wie viel Sinn ergibt es noch, mit dieser Truppe, dieser Philosophie weiterzumachen? Übersetzt auf den bevorstehenden Sommer: Wollen die Grizzlies wirklich noch ein weiteres Jahr mit Tony Allen (35), Zach Randolph (im Juli 36) und Vince Carter (40) verlängern?

Mehr als der nächste First Round Exit ist in dieser Zusammenstellung so oder so nicht möglich, vielleicht nicht einmal das. Bei annähernd 93 Mio. $ an garantierten Gehältern für die kommende Spielzeit sind große Sprünge in der Free Agency kaum möglich. Junge Spieler, die nachrücken? Fehlanzeige.

Womöglich liefert das Desaster um Parsons den Ausschlag, den roten Knopf zu drücken und den Markt für die wertvollsten Anlagegüter Marc Gasol (32) und Mike Conley (29) zu testen, solange diese noch einen erschwinglichen Gegenwert bringen.


Einzige Alternative ist die verzweifelte Hoffnung, mit dem kleinen Rest an grünen Scheinchen einen legitimen Shooter nach Tennessee zu locken, die rüstigen Recken möglichst günstig eine weitere Saison zu halten und dann wahlweise via Stoßgebet, Voodoo oder Seelenverkauf darauf zu hoffen, dass Floridas Jungbrunnen unerwartet am Mississippi River entdeckt wird.

Personal
Zum 1. Juli stehen zehn garantierte Verträge in den Büchern, jedoch geht hier Quantität deutlich über Qualität. Die Kluft zwischen den All-Star-Kalibern Gasol/Conley und dem restlichen Kader rückt immer weiter auseinander – und könnte noch größer werden.

Neben den erwähnten Allen, Randolph und Carter läuft der Vertrag von JaMychal Green aus, der voraussichtlich zum Restricted Free Agent werden wird. Green ersetzte im Laufe dieser Saison Randolph als Starter, brachte im Schnitt anständige 8,9 Punkte und 7,1 Rebounds aufs Parkett.


Die Grizzlies werden sich also ereifern, den Power Forward im Grindhouse zu halten. Angesichts der Preisschilder für Restricted Free Agents und der völlig überzogenen Offer Sheets im Vorjahr ist ein Verbleib des 26-Jährigen jedoch nicht selbstverständlich. Der kleinste Markt der NBA kann die Luxussteuer nicht lange halten, schon gar nicht für ein höchstens mittelmäßiges Team und wird womöglich gezwungen sein, Green bei einem entsprechenden Angebot ziehen zu lassen.

Draft
No Country for Young Men! Die Grizzlies haben keinen Pick im Draft 2017, was die beschriebene Situation um den überalterten Kader weiter verschärft. Angesichts von Memphis' Draft-Bilanz der vergangenen Jahre fällt das allerdings gar nicht so sehr ins Gewicht: Das Sammelsurium um Jamaal Franklin, Jordan Adams, Jarrell Martin, Wade Baldwin und Deyonta Davis ist ein Who-is-who der personellen Fehlgriffe und vergeudeten Gelegenheiten.

Zukunft
Ungewiss. Mit sieben Mal Playoffs, zwei Mal Conference Semis und ein Mal Conference Finals gehören die Bären zu einem der konstanteren Teams des Jahrzehnts – doch die Grit and Grind Ära neigt sich unerfüllt ihrem Ende zu. Der Anschluss an die Spitze des Westens ist längst auf und davon, von 50 Siegen spricht in Tennessee keiner mehr.

Memphis ist – noch – gut genug für die Playoffs im Westen, was angesichts der Ambitionen etwa der New Orleans Pelicans, Minnesota Timberwolves oder Denver Nuggets im nächsten Jahr nicht mehr selbstverständlich sein wird.


Aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit, Loyalität zu den altgedienten Spielern, des tiefen Zusammenhalts in der Kabine und der Ungewissheit eines Resets werfen sich die Grizzlies wahrscheinlich noch einmal mit bestehendem Personal und besten Hoffnungen in die Schlacht. Indes werden sie um den überfälligen Generationenwechsel nicht mehr lange herumkommen.

Das stand allerdings auch schon letztes Jahr hier an Ort und Stelle – und wird es wohl im Juni 2018 wieder.