30 Juni 2017

30. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Cleveland Cavaliers.

von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Saison 2016/17
Nach einer mehr oder weniger durchwachsenen Saison, die immerhin auf Platz zwei im Osten hinter den Boston Celtics beendet wurde, steigerten sich die Cleveland Cavaliers in den Playoffs gewaltig.

Der 51-Siege-Ex-Champion offenbarte zwar wie gewohnt Schwächen am eigenen Korb, aber offensiv lieferte das Team um LeBron James rekordverdächtig ab.

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Nach der 1-4 Schlappe in den Finals gegen die Golden State Warriors bleibt allerdings eine offene Erkenntnis zurück: das Dilemma der Cavs. Die Schützlinge von Tyronn Lue sind zu stark für den Osten, weisen aber einen erkennbaren Qualitätsunterschied zum Meister auf.

Als wäre die zweite Endspielpleite in drei Jahren gegen die GSW nicht schon genug gewesen, setzte Besitzer Dan Gilbert mit der Beendigung der Zusammenarbeit mit GM David Griffin einer bescheidenen Runde die Krone auf. Einen der besten Frontoffice-Männer der kompletten Association ziehen zu lassen, fand keinen großen Anklang im Roster.


Und...

Offseason Agenda
... solange die Franchise aus Ohio keinen Nachfolger präsentiert, ist die weitere Entwicklung schwierig abzuschätzen. So sollen nach übereinstimmenden Medienberichten eigene Spieler Jimmy Butler davon abgeraten haben, einen Trade gen Cleveland zu forcieren.

Daran hatte Griffin zuletzt gearbeitet. Als Nachfolger ist mit Chauncey Billups der Finals MVP von 2004 im Gespräch, jedoch besitzt dieser keinerlei Erfahrungen als GM.


Dabei wäre ein Defensivspezialist Marke Butler eine wahrhaftige Bereicherung für die Cavaliers. Über das komplette Jahr gesehen, bot Lue die 21.-schwächste Defense der kompletten Liga auf (Defensive Rating von 114.25) – für einen amtierenden Champion eine absolute Farce. Vom All-Star Break bis zum Ende der regulären Saison fiel der Verteidigungswert gar auf den letzten Rang.

Des weiteren hat Center Tristan Thompson an enormen Wert eingebüßt (5,6 Punkte und 5,8 Rebounds pro Spiel in den Finals), aber Alternativen finden sich im Kader nicht wieder.

Vor allem haben die Cavs Matchup-Probleme gegen große, kräftige Pivoten, denn außer Backup Edy Tavares (2,21 Meter), der nur eine Partie absolvierte, ist niemand größer als 2,08 Meter.

Zusätzlich muss die Bank wie jeden Sommer aufgewertet beziehungsweise neu besetzt werden, da die Verträge zahlreicher Rollenspieler ausgelaufen sind. Hier werden die Cavaliers ein Auge auf überdurchschnittliche Veteranen werfen, die Gehaltseinbußen in Kauf nehmen, um auf ihren letzten Tagen nochmals eine Chance auf die Meisterschaft zu haben.

Personal
Dass Cleveland bei Free Agents keine großen Sprünge machen kann und daher arg auf die Cap-Situation achten muss, liegt vor allem an der Teure der Starter. James (33,3 Mio. $), Kevin Love (22,6 Mio. $), Kyrie Irving (18,8 Mio. $), Tristan Thompson (16,4 Mio. $) und J.R. Smith (13,7 Mio. $) kosten alleine schon mehr als zwei Drittel der Liga überhaupt in den Büchern haben.


Folgerichtig sind Verstärkungen nur durch Trades möglich – die nächste Krux. Weder Thompson, Smith, Iman Shumpert, Channing Frye, Richard Jefferson, Tavares oder Sophomore Kay Felder generieren einen überschwänglichen Markt an Abnehmern.

Reizvoll bleibt Love, der sich auch schon in zahlreichen Gerüchten wiederfindet, doch läuft es beim Power Forward oder anderen Moves darauf hinaus, dass mindestens ein dritter Tradepartner gefunden werden muss.

Es wurde bereits über einen Five-Team-Blockbuster-Trade spekuliert, der Paul George und Carmelo Anthony zum Lake Erie bringen soll. Auch wenn dieses Ausmaß an involvierten Klubs eher zum Reich der Fabeln verwiesen werden sollte, beschreibt es doch ein weiteres Problem der Cavs Anno 2017: Das Frontoffice wird ein Risiko eingehen müssen, um den Kader zu verstärken.


George geht beispielsweise in sein letztes Vertragsjahr, Melo wurde im Mai 33. Cleveland wird bei Trades Zugeständnisse machen, weil die eigenen Assets rar gesät sind. Griffin schaffte es in den letzten drei Jahren stets, den Kader ohne nennenswerten Gegenwert durch Deals zu verstärken, doch der GM ist fort.

Draft
Der Draft spielte auch in diesem Jahr keine Rolle in Cleveland. Solange James zur Spitze der NBA gehört, wird sich an diesem Umstand nichts ändern. Einen Erstrundenpick besitzen die Cavs 2018 wieder, dürfen diesen aber wegen diversen Trades und deren komplizierten Verstrickungen nicht für einen Deal verwenden.

Zukunft
Aktuell verfügen zehn Akteure über ein gültiges Arbeitspapier für 2017/18. Sollte es keinen nennenswerten Deal geben und es heuern lediglich ringgierige Routiniers beim Champ von 2016 an, bastelt Cleveland weiter am eigenen Strick, der dann enger am Hals liegt.

Natürlich sind die Cavs mit dem nach wie vor besten Basketballer dieser Welt, Irving und Love das Maß aller Dinge in der Eastern Conference, doch während der Weg bereits im abgelaufenen Spieljahr steinig war, warten diesmal Felsbrocken.


Die Konkurrenz schläft nicht; sie fiebert nur dem Tag entgegen, an dem LeBron James erdet. Joel Embiid kündigte dies vor nicht allzu langer Zeit bereits an.

Die Altersstruktur der Cavaliers fordert somit zunehmend Tribut, aber die Möglichkeiten sind aufgrund der geschilderten Situation, des Personals und der Finanzen begrenzt. Es wird zeitnah ein fähiger Strippenzieher hinter den Kulissen benötigt, der mindestens zwei Rollenspieler besorgt, die vor allem verteidigen können.

Wahrscheinlich wird Love seine Koffer packen müssen. Nur Stillstand darf nicht herrschen, ansonsten brennen im nächsten Jahr erneut Jerseys mit der Nummer 23.