24 Juni 2017

24. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Chicago Bulls.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Stürmische Zeiten in Chicago. Die Bulls waren eines der Mysterien der Spielzeit – angefangen mit der fragwürdigen Personalpolitik bis in den Oktober ('Shooter? Nein, danke!'), über interne Querelen und einem Fast-Rauswurf von Rajon Rondo, bis hin zum knappen Erreichen der Playoffs, in denen die Erben Michael Jordans völlig unerwartet und trotz aller Unzulänglichkeiten beinahe den #1 Seed zum Fallen gebracht hätten.

Die Bullen starteten überraschend gut in die Saison, standen Anfang Dezember bei 11-7 Siegen und eroberten zeitweise den dritten Rang der Eastern Conference. Mit fortlaufender Spielzeit bestätigen sich jedoch sämtliche Vorbehalte gegen diese Mannschaft: Letzter in Effective Field Goal Percentage, Drittletzter im True Shooting Percentage und 20. in Offensiver Effizienz.

Der einfallslose und kalkulierbare Angriff trug die Bullen zu einer mühevoll erkämpften ausgeglichenen Bilanz (41-41), die haarscharf noch für die Postseason-Teilnahme reichte, allerdings nur dank des direkten Vergleichs gegen die Miami Heat.

In der ersten Runde setzen Dwyane Wade, Jimmy Butler und vor allem Rajon Rondo den Boston Celtics unerwartet zu, gewannen die ersten beiden Spiele auswärts. Eine mittlere Sensation bahnte sich an, wurde jedoch von einer Handverletzung Rondos unterbunden.


Ausgerechnet der Ex-Celtic, der noch immer nicht in der modernen NBA angekommen ist und um den es erwartungsgemäß auch in der Windy City Irritationen gab, legte mit 11,5 Punkten 8,5 Rebounds und 10,0 Assists einen überragenden Auftritt in der Postseason hin, den die Bulls nach seinem Ausscheiden nicht zu kompensieren vermochten. Die Serie ging mit 4-2 an den Rivalen in Grün.

Somit endet nach dem Verpassen der Playoffs 2016 die zweite Spielzeit in Folge desillusioniert. Aus deutscher Sicht erfreulich: Paul Zipser spielte sich früh in die Rotation, erarbeitete in knapp 20 Minuten pro Abend solide Spielzeit für einen Second Round Rookie und somit seinen Platz bei den Zukunftsplanungen.

Offseason Agenda
Vergangenen Sommer haben die Bulls den überfälligen Rebuild verpasst und eine Truppe nach Namen zusammengestellt, nicht nach sportlicher Synergie. Diesen Scherbenhaufen gilt es nun aufzukehren.

Das spätestens nach der unbeeindruckenden Saison 2016/17 bei den Fans verpönte Führungs-Duo „GarPax“ (General Manager Gar Forman und Director of Basketball Operations John Paxson) verordnet dem Team eine radikale Frischzellenkur.

Mit dem Trade um Franchise Player Jimmy Butler ist der erste Schritt getan. Auf dem für Butler von den Minnesota Timberwolves kommenden Paket um Aufbauspieler Kris Dunn (23), Slam Dunk-Champion Zach LaVine (22) und dem siebten Pick Lauri Markkanen (20) steht in fetten Buchstaben 'Reset'.


Damit behebt Chicago einige seiner Mängel, vor allem in Athletik, Variabilität und Shooting. Sie verlieren jedoch in Butler einen der besten Two-Way Player der Liga. Der eigenwillige Flügel hätte dem Rebuild sicherlich im Weg gestanden, was einen Trade legitimiert.

Allerdings stimmt auch hier das Timing nicht und „GarPax“ hätten vor einem Jahr, als ein Deal mit den Wolves ebenfalls kurz vor dem Abschluss stand, oder zur Trade Deadline im Februar mutmaßlich einen besseren Preis für den 27-Jährigen erzielt.

Dieser neu eingeschlagene Weg wird möglicherweise Chicagos anderen multiplen All-Star Dwyane Wade zum Umdenken bewegen. Der erst im letzten Jahr von den Miami Heat akquirierte dreifache NBA Champion hat eigentlich bereits entschieden, seine Player Option in Höhe von 23,8 Mio. $ zu ziehen und damit ein weiteres Jahr in seiner Heimatstadt zu bleiben.

Die neuen Entwicklungen werden diese Entscheidung aber zumindest hinterfragen. Der 35-jährige Wade hat noch bis zum 27. Juni Zeit, seine Entscheidung rückgängig zu machen, um dann für kleineres Geld bei einem Titelanwärter anzuheuern.


Headcoach Fred Hoiberg scheint derweil nicht infrage zu stehen, obwohl er auch in seinem zweiten Jahr in der NBA glücklos agierte und vor allem im Umgang mit den Superstars überfordert zu sein schien.

Für den in die Wege geleiteten Rebuild mit jungen, formbaren Spielern wird er jedoch angesichts seiner Erfolge im College Basketball als Übungsleiter der Iowa State Cyclones eher geeignet sein. Vielleicht gab und gibt es exakt deswegen keine Trainerdiskussion im United Center.

Personal
Anders als bei Wade hat die Führung im Falle Rajon Rondos alle Hebel in der Hand: Von dem mit knapp 13,4 Mio. $ dotierten Vertrag des Point Guards sind nur drei Mio. $ garantiert, bis zum 30. Juni haben „GarPax“ die Möglichkeit, Rondo aus den Büchern zu streichen.

Im frisch geholten Kris Dunn sowie Michael Carter-Williams, Cameron Payne, Jerian Grant und Isaiah Canaan sind die Bullen auf Rondos Position bereits deutlich überbesetzt, seine Weiterbeschäftigung demnach unwahrscheinlich.

Carter-Williams ist neben Nikola Mirotić, Joffrey Lauvergne und Cristiano Felicio einer von gleich vier Spielern, die zum 1.7. Restricted Free Agent werden – sofern Chicago ein Qualifying Offer abgibt.

Angesichts der Neuausrichtung und der zuletzt verqueren Personalpolitik der Bulls verbieten sich hierfür Prognosen. Sinnbild für die Unschlüssigkeit ist der Umgang mit Mirotić, der im Frühjahr an einem Tag komplett aus der Rotation fiel, am anderen als Leistungsträger maßgeblich zu Siegen beitrug.


Einer der letzten verbliebenen Veteranen, der ebenfalls erst vor einem Jahr geholte Robin Lopez, wird derweil wie schon zur Trade Deadline feilgeboten werden. Somit besteht die Wahrscheinlichkeit, dass kein einziger Spieler der Starting Five der Saison 16/17 im nächsten Jahr im Bulls-Trikot aufläuft.

Draft
Infolge des Butler-Deals spielt der siebte Pick Lauri Markkanen ab sofort in der Windy City. Das finnische Double von Dirk Nowitzki bringt Shooting und offensive Versatilität nach Chicago – beides haben die Bullen zuletzt sehnlichst vermisst.


Den 38. Pick, Jordan Bell, drafteten die Bulls für die Golden State Warriors, die dafür saftige 3,5 Mio. $ nach Illinois überweisen. Wenn es schon in den Rebuild geht, dann will der chronisch knausrige Teambesitzer Jerry Reinsdorf wenigstens den Pegel des hauseigenen Geldspeichers hochhalten.

Zukunft
Die gute Nachricht: Der sechsfache Meister hat endlich die Zeichen der Zeit erkannt und das vorne und hinten nicht zusammenpassende Konstrukt gesprengt.

Die schlechte: Chicago hat seinen besten Spieler unter Wert verkauft, wird kurzfristig in die unteren Regionen der Eastern Conference abdriften, die mittelfristige Qualität hängt gänzlich von der Entwicklung vor allem des aus Minnesota akquirierten Trios ab.

Der restliche Kern an Youngstern um Bobby Portis (22), Paul Zipser (23), Denzel Valentine (23) und Cameron Payne (22) überzeugt bei weitem nicht so sehr wie der etwa der Milwaukee Bucks oder Philadelphia 76ers.

Es werden womöglich mehrere hohe Draft Picks notwendig werden, um zunächst auf deren Level zu gelangen. Zumindest halten die Bulls ihre relevanten Picks der kommenden Jahre in den eigenen Händen.