25 Juni 2017

25. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Charlotte Hornets.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Saison 2016/17
Die Hoffnung war groß in Buzz City. Nach einer beinahe sensationellen Saison mit 48 Siegen und einer darauffolgenden Offseason, die für viele positive Reaktionen sorgte, schien es nicht unrealistisch, eine weitere Verbesserung der Hornets zu erwarten.

Diese Erwartungen erfüllte das Team trotz eines sehr guten Saisonstarts nicht. Der Grund dafür liegt nicht etwa im befürchteten Sättigungseffekt durch die zahlreichen guten Verträge, die vom Front Office im Sommer verteilt wurden.

Vielmehr schien das Team nach dem Jahreswechsel ausgelaugt, vielleicht durch die relativ enge Rotation von Coach Steve Clifford. Insbesondere defensiv, wo die Hornets eigentlich ihre Stärke haben sollten, fehlte in dieser Phase oft die nötige Frische.


Als dann auch noch der oft unterschätzte Starting-Center Cody Zeller für 15 Spiele ausfiel, unterlag Charlotte in 13 davon und verlor in dieser Zeit so viel Boden, dass sie den Anschluss an die Playoff-Ränge nie wieder wirklich herstellen konnten. 36 Siege und Platz elf im Osten genügt nicht dem eigenen Anspruch

Offseason Agenda
Die Kadertiefe war in der vergangenen Saison durchaus ein Problem für die Charlotte Hornets. Selten wurden mehr als neun Spieler von Steve Clifford eingesetzt, das lag teilweise an seiner Einstellung zu festen Rotationen und dem (mangelnden) Vertrauen gegenüber unerfahrenen Spielern, teilweise aber auch einfach am vorhandenen Spielerpotenzial.

Der erste Move dieser Offseason verbessert das Roster auch eher in der Spitze als in puncto Bank: Dwight Howard wechselt zur fünften Franchise seiner Karriere, während Marco Belinelli und Miles Plumlee nach Atlanta zu den Hawks transferiert werden.


Das Front Office um Rich Cho lässt sich damit auf ein ziemlich teures Roster ein, dessen bester Spieler in Kemba Walker nur auf Rang sechs unter den Bestverdienern rangiert.

Um mit dieser neuen Besetzung Chancen auf Playoffs zu haben, werden weitere Aktionen nötig sein, um auf den Kaderplätzen vier bis sieben Gehalt einzusparen und damit Free Agents oder junge, günstige Draft-Picks zu addieren, die eine konkurrenzfähige zweite Garde bilden und damit Entlastung für die Starter liefern können.

Personal
Der Kern der letztjährigen Starting Five um Kemba Walker, Michael Kidd-Gilchrist und Cody Zeller spielte schon gemeinsam in Charlotte, als die Franchise noch Bobcats genannt wurde, das war 2013.

Mit Marvin Williams kam dann das vierte Fünftel der 2017er Starter ein Jahr später dazu, das Quartett geht also nun bereits ins vierte gemeinsame Jahr. Als im Sommer 2015 dann noch Nicolas Batum den Weg zur Franchise von Miteigentümer Michael Jordan fand war schon damals der voraussichtliche Grundstein des 2017-18 Kaders beisammen.


Jetzt gehört zu diesem Kern neuerdings auch Dwight Howard. Neue Impulse schaden eigentlich nach einer so langen gemeinsamen Zeit sicherlich nicht. Die Historie von D12 zeigt bisher nach drei Franchise-Wechseln in den letzten fünf Jahren leider wenig was die Fans auf solche Impulse allzu sehr – und wenn dann nicht positiv hoffen lässt.

Draft
Auch hier muss der jüngste Trade um Howard erwähnt werden. Die zehn Positionen anfangs der zweiten Runde zu gewinnen und von 41 auf 31 zu springen könnte sich bei dem vorhandenen Bedarf an günstigen Bankspielern sicherlich noch lohnen. Nicht auszuschließen, dass der ein oder andere spannende Name durchrutscht, bis der Pick dann die zweite Runde eröffnet.

Das Prachtstück, mit dem die Entscheidungsträger in North Carolina am Draft-Abend aber agieren, ist der Draft-Pick an Nummer elf. Dort warten passenderweise auch voraussichtlich gleich mehrere Spieler, die zum Profil des sofort einsetzbaren und etwas beitragenden Rollenspielers von der Bank passen.

Egal ob es ein Scorer wird wie Luke Kennard oder Malik Monk, eine körperliche Präsenz wie Zach Collins oder Jason Collins, oder aber ein Talent, das durch die Fähigkeiten als Spielmacher glänzt, wie Dennis Smith oder Frank Ntilikina - die Hornets haben die Qual der Wahl beim „Best of the Rest“ in einem Jahrgang, dem unmittelbar nach den Top Ten häufig ein kleiner Bruch im Talentlevel nachgesagt wird.


Zukunft
An wenigen Orten ist die mittelfristige Zukunft (zumindest aus heutiger Sicht) so klar vorhersehbar wie in Charlotte. Buchstäblich alle Rotationsspieler sowie die beiden Draft-Picks stehen bis mindestens zum Ende der Saison 2018-19 unter Vertrag.

Das lässt nur wenig bis gar keinen Raum auf dem Free Agency Markt, wodurch Kaderveränderungen nur via Trade möglich sein werden, aber gleichzeitig gibt es dem Front Office die Sicherheit, bis dahin fest planen und alle Veränderungen selbst steuern und beeinflussen zu können.

Wenn dieses Team, das der 48-Siege Truppe von 2015-16 immer noch sehr ähnlich ist, nach der Dwight Howard Verpflichtung nominell eher noch besser, das vorhandene Potenzial abruft, sollten die Playoffs das Mindestziel für Charlotte sein.

Kein Spieler ist älter als 31, kein aktueller Rotationsspieler jünger als 23 – und das ist Michael Kidd-Gilchrist, der bereits in seine sechste NBA-Saison starten wird.

Die Zeit der Wahrheit für dieses gewachsene Roster ist also gekommen. In den nächsten beiden Jahren sind alle wichtigen Spieler entweder im, kurz vor oder kurz nach dem besten Basketball-Alter.

Können jetzt keine Erfolge eingefahren werden, steht ein größerer Umbruch auf allen Ebenen an. Bis dahin darf dieser Komposition aber durchaus einiges zugetraut werden.