20 Juni 2017

20. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Brooklyn Nets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Mit 20 Siegen haben die Nets den miserablen Vorjahreswert noch um ein gewonnenes Spiel unterboten und sind damit immerhin Spitzenreiter bei der umgedrehten Tabelle. Der „Lohn“ dieser „Leistung“, ein hoher Erstrundenpick – in diesem Fall sogar der allererste des bevorstehenden Drafts – geht an die Boston Celtics.

Brooklyn leidet noch immer schwer unter den Folgen des im Nachhinein, gelinde ausgedrückt, desaströsen Trades mit den Kelten aus dem Jahr 2013, in dem die Neu-New-Yorker drei Draft Picks (2014, 2016, 2018) sowie das Recht, die Reihenfolge zu tauschen (2017), verramschten.

Diese Wanderschaft durch die Wüste ohne signifikanten Pick nähert sich nach gefühlt 40 Jahren langsam ihrem Ende zu. Dennoch sind kleinste Lichtblicke wie die beiden Siege im innerstädtischen Duell gegen die New York Knicks im März, der Leistungssprung des ungedrafteten Sean Kilpatrick sowie das anständige Rookie-Jahr von Caris LeVert bereits das höchste der Gefühle.

Die ablaufende Spielzeit hat gezeigt, dass die Nets noch mehrere Jahre davon entfernt sind, den Abgründen der Eastern Conference oder gar der Atlantic Division zu entkommen. Die Hoffnungen der Stadtrivalen bauen auf Kristaps Porzingis, die der Philadelphia 76ers auf Joel Embiid und Ben Simmons. Die der Nets? Gähnende Leere.


Der neue Head Coach Kenny Atkinson hat zumindest in seinem ersten Jahr an der Seitenlinie ein Zeichen gesetzt: Die Nets sind erster in der Pace und auch wenn das schnelle Spiel noch keine Früchte getragen hat (28. in Offensiver Effizienz), bildet sich zumindest so etwas wie eine Identität.

Offseason Agenda
Der im letzten Jahr installierte neue General Manager Sean Marks bestellt die ihm hinterlassene verbrannte Erde mit bemerkenswerter Akribie und hat sich von sämtlichen Altlasten befreit. Der Kader weist in Randy Foye einen einzigen Ü30-Spieler auf, der zudem im Juli Free Agent werden wird und nicht zwingend seinen Mietvertrag verlängern sollte.

Marks wird die Verjüngungskur weiter radikal voran treiben. Da er angesichts des qualitativ begrenzten Rosters keine Rücksicht auf Positionen nehmen muss, ergeben sich ganz nach dem Motto 'Schlimmer geht nimmer' zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten von der Resterampe.

Im vergangenen Jahr versuchten die Nets mit ihrem Überschuss an Cap Space Restricted Free Agents ins Barclays Center zu ködern. Sie legten Allen Crabbe (Portland TrailBlazers) und Tyler Johnson (Miami Heat) ein Offer Sheet jenseits von Gut und Böse vor, das von den jeweiligen Teams dennoch gematcht wurde. Selbst im Laufe der Spielzeit blitzten sie bei Donatas Motiejunas (damals Houston Rockets) ab.

Das wird die Verantwortlichen aber nicht von einem neuen Anlauf abhalten. Namen wie Kentavious Caldwell-Pope (Detroit Pistons), Otto Porter (Washington Wizards) und Nerlens Noel (Dallas Mavericks) werden gehandelt und entsprechen dem Anforderungsprofil – jung und verheißungsvoll. Marks wird auch in diesem Jahr Offer Sheets austeilen.


Personal
Acht garantierte Verträge und 63 Mio. $ sind bislang für die kommende Spielzeit fix. Die Nets hätten also genügend Raum für einen Veteranen-Maximalvertrag, nur wird sich kein Spieler, der einen solchen legitim verlangen kann, überhaupt mit Brooklyn beschäftigen.

Ein kleiner Vorteil dieser misslichen Lage: Die Nets können große, unliebsame Verträge anderer Teams absorbieren und sich diesen Gefallen mit dem ein oder anderen Draft Pick versüßen lassen. Unter anderem werden sie mit den Portland TrailBlazers in Verbindung gebracht, die dieses Jahr gleich drei Erstrundenpicks haben, dafür aber auch eine völlig übersättigte Payroll.

Mitten in der Gerüchteküche steht wieder einmal Brook Lopez. Mehr denn je, da dessen mit über 20 Mio. $ Jahressalär dotierter Vertrag im nächsten Sommer ausläuft und trotz seiner neun Jahre bei den Nets etwas mehr sportliche Relevanz weit oben auf der Wunschliste stehen dürfte.


Höher als diesen Sommer wird der Marktwert des 29-Jährigen nicht mehr steigen, folglich besteht Handlungsanreiz. Da Lopez allerdings gefühlt schon bevor er überhaupt gedraftet wurde Gegenstand von Trade-Gerüchten war, die sich bis dato nie verwirklichten, bestehen auch ordentliche Chancen eines längerfristigen Verbleibs des Centers.

EDIT: Kurz nach Veröffentlichung dieses Textes traden die Nets Lopez zusammen mit dem 27. Pick des 2017 Drafts zu den Los Angeles Lakers und erhalten dafür D'Angelo Russell und Timofey Mozgov.

Draft
Die ein oder andere schwarz-weiße Träne wird fließen, wenn am 22.6. an der Position der Nets mit dem ersten Pick aller Voraussicht nach in Markelle Fultz ein möglicher Franchise Player zu den Boston Celtics/Philadelphia 76ers geht. Weil die Kelten zudem noch eine hervorragende Regular Season mit der viertbesten Bilanz hinter sich gebracht haben, wirft der Tausch der Picks die Nets weit zurück, an die 27. Stelle, fast ans Ende der ersten Runde.


Der Trade im Februar um Shooter Bojan Bogdanović verschafft Brooklyn einen zweiten Erstrundenpick, an 22. Stelle wählen sie an der Position der Washington Wizards. Beim 57. Pick dürfen sie auch noch einmal, anstelle der Celtics – als minimale Genugtuung für erwähnten Desaster-Trade.

Auch wenn an diesen späten Positionen durchaus noch Rohdiamanten zu finden sind – der prominenteste der jüngeren Vergangenheit ist Rudy Gobert (27. Pick, 2013) – werden die Nets mutmaßlich keinen Spieler in ihre Reihen holen, der sie auf Anhieb weiter bringt. Dass sie überhaupt einen Erstrundenpick haben, muss an dieser Stelle schon als Privileg gelten.

Zukunft
Düster, doch erste Lichtstrahlen erscheinen am Ende des Tunnels. Die neue sportliche Führung hat den Ernst der Lage angenommen, treibt die Agenda 2020 inständig voran. Mindestens eine weitere Saison zum Vergessen steht an, viel mehr als 20 Siege werden auch 2018 nicht drin sein.


2019 höchstwahrscheinlich auch nicht – aber dann steht die gesamte Saison unter der Prämisse, dass am Ende der Spielzeit endlich ein strahlender Retter infolge eines hohen Draft Picks in Richtung Brooklyn reitet.

Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass sich aus der Vielzahl an begabten, aber nicht übertalentierten jungen Spielern wie LeVert (22), Rondae Hollis-Jefferson (22), Isaiah Whitehead (22) oder K.J. McDaniels (23) ein solides Fundament für die Zeit bildet, in der die Nets nicht mehr die grüne Koboldklaue um den eigenen Hals spüren.