28 Juni 2017

28. Juni, 2017


Während in Oakland die Sektkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Atlanta Hawks.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Jahr eins nach Al Horford lief für Atlanta wie erwartet. Gut – aber wieder einmal nicht gut genug für die Spitze. Die neuen Hawks starteten stark, standen Mitte November mit 9-2 Siegen auf den vorderen Plätzen der Eastern Conference, doch eine folgende Niederlagenserie ließ jede Euphorie verflachen und die Spielzeit zu einer abwechslungsreichen, aber nicht sonderlich aufregenden werden.

Mit Dennis Schröder als neuem Playmaker und Dwight Howard als Heilsbringer reichte es unterm Strich immerhin für 43 Siege und den fünften Rang im Osten. Nach zwei Sweeps von den Cleveland Cavaliers in den letzten beiden Jahren in den Conference Finals bzw. Conference Semis war dieses Mal schon in der ersten Runde gegen die Washington Wizards relativ schnell in sechs Spielen das Ende der Fahnenstange erreicht.


Die seit Jahren diffus und ohne eindeutige Richtung agierende sportliche Führung ließ sich auch dieses Mal nicht lumpen und glorifizierte die eigene Orientierungslosigkeit mit dem Trade um ihren Scharfschützen Kyle Korver. Den schickten die Falken ausgerechnet zum Rivalen nach Cleveland, erhielten dafür den fast genau so alten Mike Dunleavy, die Überreste von Mo Williams sowie einen geschützten Draft Pick. Ein klarer Rebuild-Move – eigentlich (wenngleich Dunleavy besser als erwartet ablieferte).

Den daraus resultierenden – eigentlich – konsequenten Reset und damit verbundenen Trade um Paul Millsap verweigerten die Hawks dann jedoch, gingen mit ihrem leidlich kompetitiven Kader in die Postseason. Der Rest ist bekannt.

Offseason Agenda
Die erste signifikante Entscheidung traf die Franchise bereits: Travis Schlenk, zuletzt Assistent der sportlichen Führung der Golden State Warriors, wird neuer General Manager und Head of Basketball Operations. Er entlastet damit Head Coach Mike Budenholzer, der all dies zuletzt in Personalunion ausführte, sich ab sofort aber wieder auf die Trainerbank fokussieren soll.

Schlenk setzte auch direkt die erste Duftmarke und unterband ein potentielles neues „Dwightmare“ – Howard beschwerte sich nach dem Aus gegen die Wizards lautstark über die eigene Präsenz auf der Bank im letzten Viertel. Der ehemalige Weltklasse-Center ist jetzt das Problem der Charlotte Hornets.

Um ihn loszuwerden war Schlenk sogar bereit, einen der miesesten Verträge der Liga zu absorbieren, Miles Plumlee (2,5 PPG, 2,1 RPG) 37,5 Mio. $ bis 2019 zu bezahlen – und sogar noch einen Pick Swap (#31 gegen #41) draufzulegen. Der ebenfalls akqurierte Marco Belinelli ist an guten Tagen höchstens Durchschnitt. Dass dieses Paket das beste Angebot für den einstigen dreifachen Defensive Player of the Year gewesen ist, spricht für sich.


Dwight praktisch ohne Gegenwert fortzuschicken ist als eindeutiges Zeichen in Richtung Rebuild zu verstehen. Die letzten beiden Jahre waren die Hawks weder Fisch noch Fleisch. Da sie in absehbarer Zeit die immer größere werdende Lücke zu den Cavaliers nicht zu schließen vermögen, ist dieser Schritt das, was die Franchise zuletzt nicht war: Konsequent und logisch.

Personal
Die wichtigste Personalie in diesem Sommer ist Paul Millsap, dem letzten Mohikaner des 60-Siege Teams vom 2015. Millsap wird von mehreren Teams, darunter den Sacramento Kings, Minnesota Timberwolves und Denver Nuggets, einen Maximalvertrag unterbreitet bekommen. Die Hawks selbst haben bereits betont, dass sie mit diesen Summen nicht mitzuhalten gedenken – immerhin hat Millsap die 32 überschritten und chronische Knieprobleme.

Dies war allerdings schon im Februar zur Trade Deadline bekannt und ein Abschied Millsaps ohne Gegenwert die nächste, hoffentlich finale Offenbarung der Zaghaftigkeit der Verantwortlichen in Georgia.


Neben Millsap stehen auch bei den älteren Semester José Calderon (35) und Mike Dunleavy (36) die Zeichen auf Trennung. Calderon wird Unrestricted Free Agent, Dunleavys Vertrag für die nächste Spielzeit ist nur teilweise garantiert. Sollten sie den Flügel als Veteran und Mentor behalten, wird seine Zeit bei den Hawks vermutlich 2018 ablaufen.

Ersan Ilyasova, Kris Humphries, Thabo Sefolosha und Mike Muscala werden zum 1.7. ebenfalls ohne Vertrag sein. Nach Schlenks erstem radikalen Schnitt stehen auch für diese Vier die Chancen auf eine mittelfristige Zukunft in Atlanta eher schlecht.

Für Restricted Free Agent Tim Hardaway Jr. (25) gaben die Hawks immerhin ein Qualifying Offer ab. Im Falle eines hochpreisigen Angebots für den Shooting Guard werden sie aber wohl nicht mitziehen.

Draft
Für die angestrebte Erneuerung sind Draft Picks unerlässlich. Erste Akquisition aus dem Talent-Pool ist John Collins, ein athletischer Power Forward, für den bei einem Abgang Millsap sofort ordentlich Spielzeit frei werden könnte.

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Der frühe Zweitrundenpick ging im Zuge des Dwight Howard-Deals nach Charlotte, später zu den New Orleans Pelicans. Mit dem dafür erhaltenen 41. Pick sicherten sich die Hawks die Rechte am amerikanisch-griechischen Combo-Guard Tyler Dorsey. Der dritte Neuzugang im Bunde ist der französische Big Man Alpha Kaba (kein Schreibfehler), der 60. und letzte Pick des 2017 Drafts.

Zukunft
Das Gesicht der Hawks wird sich in den nächsten Jahren drastisch ändern. Dennis Schröder ist als Spielmacher und potentieller Franchise Player gesetzt, bei Kent Bazemore und dessen voluminösem Vertrag wäre es zu früh, nach einer mäßigen Spielzeit das Handtuch zu werfen.

2018 erhalten sie unter Umständen den Pick der Timberwolves (Lottery protected) und 2019 den der Cavaliers (Top-10 protected). Zusammen mit einem eigenen, mutmaßlich hohen Pick wäre diese Ansammlung ein stabiles Fundament, um in nächsten Jahrzehnt wieder richtig anzugreifen.