25 Juni 2017

26. Juni, 2017


Im Vorfeld des Drafts 2017 wurde der Junioren-Nationalspieler Isaiah Hartenstein als nächster Deutscher in der NBA gehandelt. Diverse Mock Drafts sahen ihn als späten Erstrundenpick oder sogar in der Lottery. Gekommen ist es etwas anders, zu Hartensteins Ungunsten. Er geht als 43. Pick zu den Houston Rockets – und das nicht sofort. Der Zähler der Deutschen in der besten Basketballliga der Welt bleibt vorerst bei Drei.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Hartenstein war zum Draft in Brooklyn vor Ort, in der Hoffnung, als Erstrundenpick einen garantierten Vertrag bei einem NBA-Team zu erhalten, somit auf einen Schlag zum Millionär zu werden und direkt über den großen Teich zu siedeln. Entsprechend betreten war seine Miene, als er erst nach stundenlangem Warten auf die Bühne gerufen wurde.

Für die Rockets ein Glücksfall: General Manager Daryl Morey wählt unabhängig vom Teambedarf prinzipiell immer den besten verfügbaren Spieler, was an 43. Stelle ohne Frage Hartenstein war. Als Shooting Big, dem zukünftig ein stabiler Dreier zuzutrauen ist, passt er exzellent ins „Moreyball“-System, das infolge dessen Vertragsverlängerung bis 2022 noch einige Zeit in Houston praktiziert werden wird.


Umgekehrt hat es Hartenstein mit den Rockets ebenfalls gut getroffen. Houston formte zuletzt in Clint Capela einen jungen, europäischen Big zum Starter. Die Franchise wird seit Jahren seriös und klug geführt.

Ab und zu besucht sogar Rockets-Legende Hakeem Olajuwon das Trainingszentrum, um speziell mit den Großgewachsenen zu arbeiten. Für Hartenstein wäre jede von „The Dream“ geleitete Einheit pures Gold – vorerst bleibt dies aber eben ein Traum.

Denn der derzeit in Litauen bei Žalgiris Kaunas aktive Hartenstein ist für die Rockets ebenso ein wertvoller Pick, weil sie ihn guten Gewissens vorerst in Übersee lassen können, was Morey auch zeitnah verkündete.

Houston will Cap Space sparen, um in der Free Agency einen Hochkaräter zu landen. Ein in Europa geparkter Spieler zählt nicht gegen den Cap und wird auch nicht zum Maximum von 15 Spielern pro Team gerechnet. Gleichzeitig ist im Falle Hartensteins weitere Entwicklungszeit in Litauen alles andere als verkehrt.

Zweifel am Gesundheitszustand

Bereits kurz nachdem Hartenstein die Draft-Bühne wieder verlassen hatte, machten Gerüchte die Runde, der 2,13 Meter Hüne sei wegen akuter Rückenprobleme so tief im Draft gefallen.


Natürlich verwies der Ex-Quackenbrücker dies sofort ins Reich der Fabeln mit dem Hinweis, dass er zuletzt sämtliche Spiele und Trainingseinheiten ohne Probleme absolvierte. Der Schaden war aber bereits angerichtet – und das Umfeld der Rockets kam um die längst kursierenden und zugleich wenig schmeichelhaften Vergleiche mit Donatas Motiejunas nicht mehr herum.

Beide sind sehr groß, aber keine klassischen Center, linkshändig, offensiv versatil und spiel(t)en in Litauen. Neben der Warnung vor Schwierigkeiten mit dem Rücken – Motiejunas musste sich im Sommer 2015 einer Operation unterziehen, die ihn mehrere Monate außer Gefecht setzte – wird Hartenstein zu allem Überfluss noch von B.J. „We have our rights“ Armstrong vertreten, eben jenem Agenten, der es sich mit den Rockets im Drama um Motiejunas vergangenen Winter ziemlich verscherzte.


Da die Verträge von Second Round Picks anders als die der erste Runde individuell verhandelt werden, darf Hartenstein nicht allzuviel Wohlwollen vom Verhandlungspartner erwarten, sollte er bis dahin nicht den Agenten wechseln.

Konkurrenz aus China

Weitere schlechte Nachrichten für Hartenstein kommen aus dem Reich der Mitte. Die Rockets halten die Rechte an Zhou Qi, dem 43. Pick des 2016 Drafts. Zhou und Hartenstein wurden nicht nur an exakt der gleichen Position gedraftet, sondern ähneln sich von der Statur und vom Spielertyp her sehr.


Der Chinese ist etwas größer und schlaksiger, jedoch mit 21 Jahren auch älter und erfahrener, gewann mit den Xinjiang Flying Tigers dieses Jahr als Starter und Leistungsträger die CBA Finals. Somit ist er mehr 'NBA-ready' als Hartenstein und wird daher auch früher seine Chance bei den Rockets erhalten. Sollte er sie nutzen, wird es für den Deutschen noch schwieriger, in Houston zum Zuge zu kommen.

Summer League als erste Bewährungsprobe

Hartenstein wird 2017/18 nicht zum Aufgebot der Houston Rockets gehören, zumindest aber in der Summer League im Juli sofort ein erstes Ausrufezeichen setzen können. Erst recht weil Zhou Qi ebenfalls vor Ort sein wird und die Verantwortlichen somit einen Direktvergleich erhalten.

Zudem wird sich die medizinische Abteilung der Rockets eingehender mit dem angeblichen Rückenleiden beschäftigen und im Idealfall die Sorgen ausräumen. Die Summer League startet für Houston am 7. Juli in Las Vegas.


Fazit und Ausblick

Der Draft-Abend hätte für Hartenstein sicherlich besser laufen können. Anstatt zu einem der besten 30 Teams der Welt zu wechseln, muss er sich in Geduld üben, bei Žalgiris oder einem anderen Euroleague-Club an den bekannten Mängeln arbeiten.

Da die Rockets bekannt dafür sind, ihre Rookies im ersten Jahr fast durchweg zu ihrem D-League Team, den Rio Grande Valley Vipers, zu senden, wird es voraussichtlich sogar mindestens bis 2019 – wenn nichts sogar später – dauern, bis er sich auf der ganz großen Bühne beweisen darf.

Da Hartenstein aber gerade erst 19 Jahre alt geworden ist, bleibt noch genug Zeit, um Körper und Geist für die NBA bereit zu machen.