19 Juni 2017

19. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Nicht mal 15 Minuten sah Tony Bradley pro Spiel in seiner ersten Saison für North Carolina. Am zweiten Tournament Wochenende gegen Butler und Kentucky erreichte er diese Marke kombiniert nicht. Dennoch ist Bradley einer dieser Bigs, die im diesjährigen Draft gegen Ende oder gar Mitte der ersten Runde gezogen werden könnten.

Potenzial ist das Stichwort. Davon hat Bradley jede Menge. Dass der talentierte Big Man, der in seiner geringen Spielzeit das Maximum aus seinen wenigen Gelegenheiten herausholte, nur so wenige Chancen erhielt, war vor allem der Tiefe und Erfahrenheit des UNC Frontcourts geschuldet. Mit Kennedy Meeks und Isaiah Hicks waren zwei Seniors als Starter gesetzt, hinter denen nur wenige Minuten übrig blieben.


Die gewonnene Meisterschaft und die Aussicht auf einen relativ frühen Pick im Draft dürften dafür sorgen, dass der Big die vergangene Saison nicht nur als nette Erfahrung, sondern gar als Erfolg verbuchen wird.

In einem von vielen Foulpfiffen bestimmten Finale erhielt Bradley sogar 18 Minuten Spielzeit, in denen er auf der großen Bühnen vor den Augen vieler Gelegenheitsgucker seine physischen Anlagen und seinen unbändigen Willen präsentieren konnte.

Als einer der letzten Underclassmen entschied sich Bradley für den Verbleib im Draft, was ein Indikator dafür sein sollte, dass sich Bradley tatsächlich aufgrund des erhaltenen Feedbacks gute Chancen ausrechnet, in der ersten Runde gedraftet zu werden.


Offense
In seiner begrenzten Spielzeit brachte Bradley es immerhin fertig, knapp sieben Zähler pro Begegnung zum Teamerfolg beizusteuern. Auf 40 Minuten hochgerechnet lesen sich 19,5 Punkte bereits wesentlich imposanter. Der Wert des Bigs liegt jedoch weniger in der reinen Produkvität, die angesichts der geringen Rolle nochmals hervorgehoben werden sollte. Viel wichtiger sind hingegen die Effizienz und Energie, mit denen Bradley all seine Aktionen versieht.


Bradleys Spielweise eignet ist in der heutigen NBA durchaus gefragt. Er braucht nicht viele Würfe oder Postups, um seine Punkte zu erzielen oder von der Verteidigung ernstgenommen zu werden. Stattdessen ist der vermutlich beste Rebounder dieser Draftclass. Speziell am offensiven Brett ist Bradley schlicht nicht zu halten. 

Eine Offensivreboundquote von 18,8 Prozent sucht ihresgleichen unter den Draftees und gibt eine erste Idee, was für eine Dampfwalze Bradley sein kann. 2,11m groß, eine Spannweite von etwa 2,25m und knapp 115 Kilos - ein Wert, der sich im Laufe der kommenden Jahre angesichts des breiten Kreuzes noch nach oben korrigieren dürfte - geben ihm die physischen Attribute im Reboundduell.

Dazu gesellt sich ein eiserner Wille, selbst unmögliche Rebounds noch abgreifen zu wollen. Als Kirsche auf der Torte boxt Bradley sogar am gegnerischen Brett seinen Kontrahenten aus, erarbeitet sich so eine hervorragende Ausgangslage und antizpiert sehr gut, wann und wo das Leder vom Ring abprallen wird. Nachfolgend schließt er entweder per Putback ab oder kann nur mittels Foul gestoppt werden.

An der Freiwurflinie und als Werfer generell muss sich der UNC Freshman aber noch steigern. Er hat durchaus Touch und damit das Potenzial zu einem ordentlich Freiwurfschützen, muss aber noch an seiner Technik arbeiten. 

Neben seiner Arbeit als Offensivrebounder rechtfertigt das Potenzial zum Pick & Roll Spieler die hohe Erwartungshaltung an den NCAA Champ. Schon jetzt stellt Bradley Screens für den Ballhandler, an denen sich die Verteidiger die Zähne ausbeißen. Zusätzliche Masse und Erfahrung werden die Effektivität der Blöcke noch weiter steigern.

Als Roller hat er ein gutes Timing, wann er den Block lösen muss, und rollt sich anschließend vorbildlich ab. Er nimmt Augenkontakt mit dem Ballhandler auf, rollt so tief in die Zone wie möglich und sealt nach Möglichkeit seinen Gegenspieler. Seine guten Hände machen ihn zu einem idealen Abnehmer für Pässe in die Zone.

Im Eins-gegen-Eins wird Bradley nie ein Spieler sein, der im Lowpost dominiert. Allerdings ist das in der NBA momentan und in absehbarer Zukunft auch nicht erforderlich, weswegen diese Baustelle zu einem gewissen Grad zu vernachlässigen ist. Nichtsdestotrotz wären Up-and-Under-Bewegungen oder auch eine stabile linke Hand nette Boni.

Defense
Als Verteidiger bringt Bradley ebenfalls interessante Anlagen mit, die ihm mittel- bis langfristig dazu verhelfen sollten, ein sehr solider NBA Spieler zu werden. Die Kombination aus Physis und Länge bietet eine gute Grundlage.


Schon jetzt kann Bradley diese beiden Eigenschaften als Rimprotector in der Zone geltend machen. Er hat ein gutes Gespür dafür, wann seine Hilfe erforderlich ist und wie er diese dann geben muss. Als Shotblocker bewacht er rigoros die Zone und sollte selbst gegen NBA Athleten viele Würfe verändern. Zudem ist er als Defensivrebounder eine verlässliche Bank.

Im Pick & Roll ergibt sich da noch ein auszudifferenzierendes Bild. Einerseits hat Bradley jetzt schon eine ordentliche Fußarbeit und kann durchaus den direkten Drive des Guards verhindern. Andererseits fehlt ihm noch die Schnelligkeit, um beispielsweise zu switchen oder bewegliche Bigs bei Short Rolls oder im Pick & Pop zu verteidigen.

Hier muss Bradley seinen Körperschwerpunkt weiter nach unten verlegen und vor allem an Erfahrung gewinnen, ehe er auch in solchen Situationen eine realistische Chance hat.

ABs Pick
Tony Bradley ragt aus der Ansammlung talentierter Bigs, die Mitte bis Ende der ersten Runde gehandelt werden, noch nicht heraus, und auch sein Name hat noch nicht die Lobby anderer Kandidaten.

Allerdings kann er im Vergleich zu seinen Konkurrenten das Rebounding als eine Stärke bezeichnen, die in dieser Form einzigartig in dieser Draftklasse ist. Dass zusätzlich noch jede Menge unerschöpftes Potenzial in Bradley lauert und sein Stil perfekt zur NBA in ihrer momentanen Form passt, macht Bradley spätestens Ende besagter ersten Runde zu einem heißen Kandidaten.

Der Name Tristian Thompson wäre für Bradley vermutlich etwas zu hoch gegriffen, auch wenn eine solche Entwicklung nicht gänzlich auszuschließen ist. Zu den Namen, die mir in Zusammenhang mit Bradley jedoch regelmäßig durch den Kopf schwirren und ebenfalls solide Rollenspieler in der NBA sind/waren, zählen Ian Mahinmi und Ronny Turiaf. Mahinmi ist körperlich näher an Bradley dran, Turiaf ist wegen seiner Kämpfernatur ein mögliches Vorbild für Bradley.