22 Juni 2017

22. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Einer der schwierigsten Abwägungsprozesse, die GMs in der ersten Runde treffen müssen, ist zu entscheiden, ob sie O.G. Anunoby wählen oder ihnen das Risiko doch noch zu groß ist. Anunoby war eine der großen Entdeckungen der College Saison 2015/2016. Dank Anunoby waren die chronisch defensivschwachen Indiana Hoosiers plötzlich auf einem akzeptablen Level, das es ihnen sogar erlaubte Kentucky aus dem NCAA Tournament zu werfen.

Anunoby hatte in diesem Spiel großen Anteil an dem Triumpf, da er Jamal Murray im Alleingang kontrollierte und ihn zu einem der schwächsten Spiele der Saison zwang. Bereits in der vergangenen Draft Periode war Anunoby daher ein Sleeper Kandidat, der plötzlich im allgemeinen Drafttalk in der ersten Runde verortet wurde.


Anunoby entschied sich aber für eine Rückkehr nach Indiana. Dabei hatte er fest das Ziel vor Augen, sich besonders offensiv deutlich zu steigern und als kompletterer Spieler den Weg in die NBA anzutreten.

Allerdings machten ihm Verletzungsprobleme einen dicken Strich durch die Rechnung. Im besten Saisonspiel der Hoosiers, als sie den späteren Champ North Carolina vor stimmungsvoller Kulisse bezwangen, knickte Anunoby um und verpasste daraufhin drei Spiele. Er braucht danach erst wieder einige Partien, um in Tritt zu kommen.

Gerade als er wieder auf der Höhe seines Schaffens angelangt war, verletzte sich Anunoby Mitte Januar so schwer am Knie, dass er operiert werden musste und den Rest der Saison daraufhin verpasste. Die Draftanmeldung folgte noch im April.


Offense
Anunobys Stärken liegen war ganz klar in der Verteidigung, doch auch offensiv sollte sich der in London geborene Flügelspieler zumindest zu einem tauglichen Rollenspieler abseits des Balls entwickeln.


Schlüssel dazu wäre zunächst ein solider Wurf aus der Distanz. Den hat Anunoby noch nicht beweisen können. In seiner Freshman Saison nahm er nicht mal einen Dreier pro Spiel, als Sophomore traf er wiederum nur 31 Prozent seiner Versuche. 

Auch technisch muss Anunoby dringend noch an dem Wurf arbeiten. Momentan ist der Release sehr weit unten und er streckt den Arm eher nach vorn als nach oben. Zudem sind seine Hüft- und Fußstellung noch nicht optimal. Sein rechtes Bein schnellt nach dem Wurf nach vorne, wodurch der Wurf im letzten Moment noch zur Seite abdriftet. Grundsätzlich hat Anunoby aber Touch und sollte zumindest das Potenzial zu einem durchschnittlichen Schützen haben.

Ansonsten lebt der Wing sehr von seiner Athletik und Physis. Die Mischung aus Muskelmasse und explosiver Sprungkraft ist selten und wird selbst auf NBA Ebene nicht von vielen Gegenspielern in ähnlichem Maße zu matchen sein.

Als Cutter kann Anunoby sich oft im Rücken seines Verteidigers davonschleichen und entweder per Backdoor Pass zum Dunk oder direkt als Alley-Oop-Anspiel über Ringniveau finishen. Anunoby ist smart genug, um zu erkennen, wann sein Verteidiger pennt, wo Freiräume enstehen und wie er für den ballführenden Spieler erreichbar ist.

Die große Stärke Anunobys ist bislang der Drive gegen Closeouts, aus Handoffs oder aus Curl-Situationen. Anunoby nimmt keine Rücksicht auf sich selber oder die Verteidiger, sonst zieht mit all der Power, die er hat, zum Korb. In der Regel enden solche zielstrebigen Penetrations mit einem Dreipunktspiel. Auch für Highlight-Dunks ist meistens gesorgt.

Als Ballhandler muss Anunoby aber noch einen gewaltigen Schritt nach vorne machen. Bis jetzt verlangsamt ihn der Ball und bei mehr als zwei Dribblings erhöht sich die Gefahr eines Ballverlusts exponentiell.

Defense
Wie schon erwähnt ist die Defense die besondere Leidenschaft von Anunoby, die ihn aus NBA Perspektive so interessant macht. Wenn alles glatt läuft und sich Anunoby entsprechend enwickelt, ist es durchaus realistisch anzunehmen, dass er mehrere - vielleicht sogar alle fünf - Position auf dem Feld verteidigen kann und der Stopper für den die Superstars wird, nach dem ein Viertel der Liga lechzt, um ernsthafte Titelambitionen anmelden zu können.


Anunoby ist ein überaus kräftiger 2,03m großer Musterathlet, der mit einer Spannweite von 2,18m zusätzlich Länge mitbringt. Neben diesen rein physischen Voraussetzungen hat er zudem einen Energiehaushalt, der scheinbar nie versiegt und ihn damit für Spezialaufgaben in einem Spiel prädestiniert. 

Für Guards ist es schwierig am größeren und kräftigeren Anunoby vorbei zu ziehen, da er seine Füße gut bewegt und auch in seitlichen Bewegungen sehr schnell ist. Anunoby kann somit zumindest noch in Reichweite bleiben und Würfe entscheidend stören, wenn der Guard es bis zum Brett schafft. Einen sauberen Abschluss wird der kleinere Gegner auf keinen Fall bekommen. 

Für Innenspieler hat Anunoby die Masse und die Länge, die notwendig ist, um Würfe zu erschweren und sich nicht einfach bis in die Zone schieben zu lassen. Gegen gestandene NBA Bigs könnte der Flügelspieler anfangs noch Probleme haben, doch mit zunehmender Erfahrung scheinen sich auch solche Bedenken in Wohlgefallen aufzulösen.

Durch diese Vielseitigkeit ist Anunoby auch im Pick & Roll mit reichlich Potenzial ausgestattet. Gerade der Switch ist durch die vielen Optionen und Fähigkeiten, die Anunoby vereint, eine verlockende Alternative. Allerdings stellt sich der Hoosier noch nicht sonderlich geschickt an. Viel zu oft läuft er mitten in einen Block oder lässt dem Ballhandler zu viel Zeit und Platz eine Entscheidung zu treffen. Gutes Coaching sollte in dieser Hinsicht aber ausreichen, um diese Schwierigkeiten in kürzester Zeit zu beseitigen.

Als Teamverteidiger kann Anunoby den Ring beschützen, einen Blocksteller beim Abrollen bumpen, Offensivfouls annehmen oder auch Pässe abfangen. Da Indiana häufig Lücken in der Defense offenbarte, bekam Anunoby genug Gelegenheiten zur Übung.

ABs Pick
Sobald Anunoby sich defensiv etwas geschickter anstellt und sich ordentlich über Blöcke kämpft, ist er in dieser Hinsicht über jedem Zweifel erhaben. Es gibt keinen anderen Draft Kandidaten, der schon jetzt so gut auf NBA Level verteidigen könnte wie Anunoby - und der Abstand zum Nächstbesten ist nicht klein.

Wenn Anunoby allerdings mehr als ein reiner Defensivspezialist und Rollenspieler werden möchte, muss er seinen Dreier dringend stabilisieren und an seinen Fertigkeiten im Umgang mit dem Ball arbeiten.

Fügen sich alle Puzzleteile zusammen, wäre Gerald Wallace jemand, der Anunoby ähnlich sein könnte, wobei Wallace offensiv dann doch deutlich versierter war und Fertigkeiten besaß, die Anunoby sich nicht aneignen wird. Zeigt die Verletzung am Knie jedoch Nachwirkung und schränken ihn diese bei der Verteidigung ein und bleibt der Dreier wackelig, wird es für Anunoby schwierig, sich auf Dauer in der Liga zu halten. Devean George wäre ein abschreckendes Beispiel.