21 Juni 2017

21. Juni, 2017



Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Seit letztem Sommer gilt Markelle Fultz bei den meisten Draftportalen als einhelliger Favorit auf den ersten Pick im Draft 2017. Angesichts der Tiefe und des Talents in der Top-10 sind die Vorschusslorbeeren für den Aufbauspieler eine beachtliche Anerkennung seines Talents.

Lange Zeit sah es jedoch nicht so aus, als würde Fultz überhaupt einen festen Spot in der NBA erhalten - geschweige denn in der eigenen High School Auswahl. Denn der aus Maryland stammende Guard war als Sophomore nur knapp über 1,70m klein und schaffte nicht den Sprung in die erste Mannschaft. Erst ein Wachstumsschub über den Sommer ließ den Guard für seine letzten beiden Jahre ins Varsity Team rutschen, wo er anschließend sehr zu überzeugen wusste.


Er entschied sich für Lorenzo Romar und wagte den Sprung von der Ost- an die Westküste, nach Seattle. Romar - ein wahres Recruiting-Schlitzohr - konnte von Glück reden, dass er Fultz relativ früh von den Washington Huskies überzeugte, denn im vergangenen Sommer führte Fultz die U18-Auswahl der USA zur Goldmedaille bei den Amerikameisterschaften.

Im Anschluss überschlugen sich die Draft Experten vor Lob für das ausgezeichnete Turnier und das immense Talent des Aufbauspielers. Umso ernüchternder verlief jedoch die Saison. Wie schon 2015/16, als das Team mit Marquese Chriss und Dejounte Murray gleich zwei Erstrundenpicks im Kader hatte, waren die Huskies auf dem Court dysfunktional.

Magere neun Spiele gewann Fultz mit seinen Teamkameraden und das Tournament war schon im Dezember de facto nicht mehr zu erreichen. Quervergleiche mit Ben Simmons wurden laut, der als erster Pick mit LSU ebenfalls das Tournament in 2016 verpasste.

Auch wenn der Vergleich zwischen beiden Spielern und ihren Teams auf mehreren Ebenen hinkt, enthielt er doch einen wahren Kern: Beide konnten ihr Team nicht ins Tournament führen, obwohl sie sich extra ein Programm ausgesucht hatten, wo sie diese Fähigkeit beweisen wollten. Auf Fultz wird nun noch etwas mehr Druck lasten, die Anfangseuphorie zu rechtfertigen und neu zu entflammen. Die Konkurrenz sitzt ihm im Nacken.


Offense
Markelle Fultz konnte in seiner einzigen Saison am College fast alle Aspekte im Angriff demonstrieren, die sich NBA Teams und Scouts von einem ersten Pick im Draft erhoffen.

Angesichts des unerfahrenen Teams um ihn herum und der wenigen offensiven Optionen war Fultz dazu gezwungen, die Offensive im Alleingang zu schultern. Dass er diese extrem schwierige Aufgabe nahezu optimal löste und dabei noch effizient agierte, zeigt, welches Talent in Fultz schlummert und wie sehr er jetzt schon eine Mannschaft auf eigene Faust anführen kann.

Fultz nutzt seine athletischen und körperlichen Voraussetzungen, die selbst auf NBA Level nur einem elitären Kreis nachgesagt werden können, besonders im Umschalten von Verteidigung auf Angriff exzellent. Seine Schrittlänge ist enorm und ermöglicht es ihm, große Distanzen mit wenigen Bodenkontakten und in kürzester Zeit zu überwinden. Teilweise braucht er mit dem Ball in der Hand gerade einmal vier Sekunden für die Länge des Spielfelds.

Er kann aber auch Tempovariationen einbauen und damit Verteidiger auf den Arm nehmen. Als Finisher kann Fultz entweder kraftvoll und mit Autorität über Ringniveau abschließen oder elegant den Verteidiger mit Eurosteps und Spinmoves umkurven. Seine Körperkontrolle bei hohem Tempo ist faszinierend.


Im Eins-gegen-Eins im Halbfeld gesellt sich zu seinem großen ersten Schritt, seiner Physis und seinen kreativen Abschlüssen auch noch ein ordentliches Ballhandling dazu. Fultz kann mittels Hesitation Dribblings, In-and-Outs, Crossovern aller Art und geschickten Tempowechseln nach Belieben seinen Verteidiger schlagen und in die Zone marschieren.

Wenigen Spielern fällt es so einfach, sich im Eins-gegen-Eins eine relativ gute Position zum Abschluss zu erarbeiten und genau das macht Fultz so attraktiv für die NBA Franchises. Durch den Drang in die Zone ist Fultz nicht auf die Fähigkeiten von Mitspielern oder Coaches angewiesen, sondern kann jederzeit improvisieren.

Einziger Schönheitsfehler bei solchen Drives ist jedoch, dass Fultz sich noch als Finisher am Korb verbessern muss. Er ist eher smooth als explosiv, weswegen er nicht einfach über oder an jedem Verteidiger vorbei springen kann.

Fultz hat noch die Tendenz sich zur Brettkante abdrängen zu lassen, weswegen seine Abschlüsse zum Teil eine Mischung aus Layup und Floater sind. Zwar trifft er diese Würfe regelmäßig, doch auf Dauer ist der Schwierigkeitsgrad zu hoch und gerade in der NBA wird er gegen kräftigere und athletischere Verteidiger eher mal das Nachsehen haben.

Als Schütze konnte Fultz überragende Quoten aufweisen. Selbst zum Ende der Saison war seine Dreierquote mit 41 Prozent noch überaus respektabel. Gemessen am Schwierigkeitsgrad vieler Würfe ist dieser Wert noch beeindruckender. Fultz trifft aus dem Catch-and-Shoot, aus der Bewegung (besonders zur linken Seite), kann um Screens laufen oder aus dem Dribbling hochsteigen.

Ein wenig Skepsis ist jedoch angebracht. Fultz' Wurf sieht nicht unbedingt technisch perfekt aus und ist in seiner Ausführung auch noch nicht konstant. Letzteres sollte eine Frage der Zeit sein und die technischen Mängel können sich rückblickend ebenfalls als Hirngespinnste herausstellen. Dennoch wird der Wurf zu beobachten sein.

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Im Pick & Roll gibt es in diesem Draft keinen besseren Scorer als den Husky. Seine Moves, seine Entscheidungen und sein Killerinstinkt sind schon jetzt auf die NBA übertragbar und werden ihm jederzeit einfache Punkte ermöglichen. Fultz findet überaus elegante Lösungen, splittet das Pick & Roll nach Belieben und lässt mit Vergnügen komplizierte Anschlussbewegungen folgen. Mit einer Aktion kann er mühelos gleich vier Verteidiger schlecht aussehen lassen.

Mit fähigeren Mitspielern und Blockstellern sollte Fultz auch als Playmaker für seine Kumpanen öfter in Erscheinung treten. Die Fähigkeiten und die Courtvision dazu sind vorhanden.

Abschließend wird abzuwarten sein, wie Fultz sich in einer NBA Offense mit besserem Spacing und fähigeren Mitspielern arrangiert. Einerseits wird er enorm davon profitieren und gerade im Eins-gegen-Eins noch gefährlicher sein. Allerdings kann sein Entscheidungsverhalten durchaus mal abdriften. Wie schnell wird er lernen, seinen Mitspielern zu vertrauen?

Defense
Markelle Fultz in der Verteidigung zu bewerten fällt nach dem vergangenen Jahr enorm schwer. Körperlich hat er sicher die Anlagen, um mindestens ein durchschnittlicher NBA Verteidiger zu werden, was angesichts seiner offensiven Leistungen schon ausreichend wäre. Über 1,90m groß und mit langen Armen ausgestattet, kann er theoretisch verschiedene Positionen verteidigen, Pässe stören und Druck am Ball ausüben.

Allerdings war davon in der abgelaufenen Saison nichts zu sehen. Natürlich waren die Huskies als Team desaströs und ließen sich von einfachsten Plays komplett überrumpeln. Es wirkte teilweise so, als hätten einige Spieler noch nie davon gehört, dass zur Defense Basics wie Kommunikation, Körperspannung und Konzentration gehören.


Über taktische Dinge zu reden wäre da fast schon zu viel erwartet. Eine funktionierende Pick & Roll Defense gab es nicht. Hilfen wurden nicht gegeben, zweite Hilfen waren gar nicht notwendig, weil der Ball schon nach der ersten Penetration im Korb landete. Romar kapitulierte zusehends und ließ immer mehr 2-3-Zone spielen, die zwar die Penetrations minderte, dafür aber den kleinen Rest Körperspannung entzog.

Trotz dieser schlechten Gegebenheiten hätte Fultz sich als Verteidiger deutlich besser verkaufen können. Gerade er kann sich nicht von Fehlern freisprechen, da er selber oft Hilfe verpennte oder sie nur halbherzig gab. Viel lieber spekulierte er auf schwache Pässe und versuchte Würfe zu blocken.

In der NBA muss er sein Defensivverhalten deutlich verbessern und beweisen, dass er smart und willens genug ist, ein ordentlicher Verteidiger im Eins-gegen-Eins, Pick & Roll und im Teamverbund zu sein.

ABs Pick
Fultz ist ohne Frage der Spieler des Drafts, der das interessanteste Offensivpaket als Scorer mitbringt und bereits in seinen ersten Wochen problemlos Punkte auf die Anzeigetafel legen kann. Er ist in der Transition und auch im Pick & Roll nahezu unstoppable, wird ein überaus solider Eins-gegen-Eins-Spieler sein und hat zusätzlich Anlagen als Passgeber und Organisator. Defensiv sollte er ein Niveau erreichen, auf dem er seinem Team zumindest nicht schadet, wenn er auf dem Feld steht.

Insofern stellt sich eigentlich nicht die Frage, ob Fultz ein guter NBA Spieler wird, sondern wie gut er werden kann. Der schlechteste Fall wäre wohl, dass Fultz ein zweiter Brandon Roy wird, der sein Team als Combo Guard jedes Jahr in die Playoffs führt und mal eine Playoffrunde gewinnt.

Sich Fultz als besten Spieler eines heißen Titelaspiranten aus der ersten Reihe vorzustellen, fällt mir hingegen schwer. Eine fehlende Winnermentalität möchte ich ihm gar nicht unterstellen, allerdings bleibt der fade Beigeschmack, den Fultz mit seiner Körpersprache und seinem Entscheidungsverhalten in vielen Phasen bei Washington hinterließ - gerade in kritischen Phasen. Zudem bleibt abzuwarten, wie sich sein Basketball IQ entwickelt. Diesem scheinen nach den ersten Eindrücken Grenzen gesetzt zu sein.

Insofern wäre James Harden wohl die bestmögliche Entwicklungsform. Umringt von Schützen und ein Pick & Roll nach dem anderen laufend, führt er sein Team durch die Regular Season zum Heimvorteil, kann dort in guten Jahren bis in die Conference Finals vorstoßen und erreicht spätestens dann das Ende der Fahnenstange.