22 Juni 2017

22. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Die High School Scoring Legende Luke Kennard drohte zu Beginn der vergangenen Saison ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Zu groß war der Hype um die Neuankömmlinge Jayson Tatum und Harry Giles und Rückkehrer Grayson Allen, bei dem alle nach einer überragenden Sophomore Saison fest mit der Anmeldung zum Draft gerechnet hatten.

Relativ schnell zeichnete sich jedoch ab, dass keiner der drei genannten Spieler der wichtigste Akteur für die Blue Devils werden würde. Stattdessen war Kennard derjenige, der Spiele entschied und die erste Option im Angriff war. Das erkannte auch Coach K und stellte angesichts eines fehlendes Point Guards gar die Offense ein wenig um und ließ vermisst Shooter Plays für Kennard laufen.


Der Sophomore dankte es der Trainerlegende, indem er endlich seinem Ruf als Schützen und Scorer gerecht wurde. In einer Saison, die von vielen Umwegen gezeichnet war, stellte Kennard die einzige Konstante im Spiel der Blue Devils dar.

Bezeichnend war daher, dass beim frühen und unerwarteten Aus gegen South Carolina in der zweiten Runde des NCAA Tournaments ausgerechnet Kennard einen rabenschwarzen Tag erwischte und mit Foulproblemen das Elend die meiste Zeit von der Bank aus betrachten musste. Diese bittere Niederlage war das unrühmliche Ende einer grandiosen individuellen Saison, die den Schützen erstmals auf die Draftboards und sogar je nach Portal des Vertrauens bis in die erste Runde katapultierte.


Offense
Luke Kennard ist ein geborener Scorer und Schütze. Er ist ein Instinktbasketballer, der viele Dinge auf dem Feld kann, die ihm nie ein Coach vermitteln musste. Der sichere Dreier wird ihm über Jahre hinweg helfen, Fuß in der NBA zu fassen und mit Scoringexplosionen für Furore zu sorgen.

Kurios ist dabei, dass Kennard mit der linken Hand wirft, nach eigenen Angaben aber eigentlich Rechtshänder ist. Tatsächlich nimmt daher viele Abschlüsse in der Zone auch mit rechts und zeigt sich hier ähnlich treffsicher wie mit der linken Hand.


Kennards Wurf ist von einem ästhetischen Standpunkt aus gesehen der Perfektion relativ nah. Er hat gute Balance, ein butterweiches Handgelenk, bringt Arm- und Beinbewegung in einen guten Rhythmus und verleiht dem Ball beim Wurf eine bilderbuchartige Rotation. Bei Fehlwürfen macht sich fast schon Erstaunen breit. Nicht viele Spieler können einem Beobachter dieses Gefühl vermitteln - schon gar nicht in dieser Draft Class.

Kennard kann aus dem Catch & Shoot, aus dem Dribbling oder aus Screens kommend gleichermaßen sicher verwandeln. Besonders die letztbeschriebene Situation macht ihn als Schützen so wertvoll. Bei den Blue Devils konnte er durch seine Gravity bisweilen die Abstinenz eines Point Guards ausgleichen, weil sich mehrere Verteidiger nur auf die Blockverteidigung konzentrierten und die Blocksteller so oft sträflich vernachlässigt wurden.

Geht Kennard nicht zum Wurf hoch, liegt es meist daran, dass sein Bewacher ihm weiterhin dicht auf den Fersen ist. In solchen Situationen liebt der ehemalige Blue Devil den Curl zur Spielfeldmitte. Nach dem ersten Dribbling guckt er sich in der Regel die Situation an und baut eine kurze Hesitation ein, um Zeit zu gewinnen.

Sobald sich die Situation für Kennard aufgeklärt hat, folgt meist der richtige Entschluss. Entweder findet er den Blocksteller oder er zieht zum Korb. Selten endet dieser Drive direkt am Brett. Dafür ist Kennard dann doch nicht konstituiert und er weiß, um seine Schwächen als Finisher gegen Helpside Verteidiger.

Viel lieber bringt er den Ball per Floater im Korb unter. Hierbei kann er mit rechts und links ähnlich sicher verwerten. Kennard stoppt auch gerne mal unvermittelt mitten in der Zone ab, um einen lästigen Verteidigen aussteigen zu lassen und dann mit einem lässigen Spinmove um das Standbein mit der anderen Hand einen Abschluss zu suchen.

Im Eins-gegen-Eins wird Kennard gegen NBA Verteidiger aufgrund mangelnder Athletik und Schnelligkeit keine Chance haben. Dank seiner Wurfgefahr und seines cleveren Einsatzes von Täuschungen kann er aber zumindest ab und an auch mal ein Foul ziehen.

Potenzial besteht noch beim Pick & Roll. Kennard traf hier am College durchaus viele intelligente Entscheidungen und strahlte eine Menge Gefahr aus. Ob er solche Situationen gegen NBA Athleten replizieren kann, muss die Zukunft zeigen.

Defense
In der Verteidigung wird Kennard allerdings ernsthafte Schwierigkeiten haben. Weder im Eins-gegen-Eins noch als Teamverteidiger kann er sich zum jetzigen Zeitpunkt sonderlich empfehlen.


Im Eins-gegen-Eins fehlt dem Shooter die notwendige Schnelligkeit. Selbst am College hatte er oft genug das Nachsehen und schien auch wenig Ehrgeiz zu haben, Punkte persönlich zu verhindern. Etwas mehr Resilienz wäre hier eine gern gesehene Verbesserung, doch realistisch gesehen wird Kennard ein unterdurchschnittlicher Verteidiger sein.

Viel wichtiger ist daher, dass Kennard zumindest innerhalb einer Teamdefense seine Aufgaben erfüllen kann. Auch hier hatte Kennard in der vergangenen Saison so seine Schwierigkeiten. Das kann natürlich auch damit zusammenhängen, dass Duke kaum eingespielt war und wenig als Team trainieren konnte. Dennoch hat Kennard einiges aufzuholen.

ABs Pick
Luke Kennard wird dank seines sehr sicheren Wurfes auf jeden Fall einen Spot im Kader eines NBA Teams finden und auch einige Jahre in der Liga verweilen. Dass er offensiv zusätzliches Potenzial bietet und auch mal ein Closeout attackieren kann oder als Ballhandler im Pick & Roll kluge Entscheidungen trifft, wäre ein netter Bonus, der Kennards Minuten mittelfristig steigern könnte.

Restriktiv können sich jedoch defensive Schwächen auf die Spielanteile des Scharfschützen auswirken. Kennard darf keine zu große Schwachstelle abgeben und muss lernen mit der Zielscheibe auf dem Rücken klarzukommen. Fortschritte als Teamverteidiger wären enorm wichtig.

Im bestmöglichen Fall wird Kennard sich in die Richtung eines Kyle Korvers bewegen, der für ideales Spacing sorgt und einer der besten Schützen der Liga ist. Die zweite denkbare Variante in die andere Richtung wäre ein Carlos Delfino, der sich in der NBA nie richtig durchsetzen konnte, aber international zumindest Duftmarken setzte.