22 Juni 2017

22. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Ein ereignisreiches Jahr könnte für Lauri Markkanen in der Draftnacht einen krönenden Abschluss erhalten. Die Reise begann für den jungen Finnen im vergangenen Sommer, als er der go-to Player seiner U20-Nationalmannschaft bei der Heim-EM in Helsinki war.

Vor vollen Rängen mit toller Stimmung zeigte Markkanen die dominantesten, individuellen Leistungen des gesamten Turniers und stellte sich vor allem als sehr vielseitiger Spieler dar. Trotz 24,9 Punkten, 8,6 Rebounds und einem Assist pro Spiel bei einer Dreierquote von knapp 39 Prozent konnte er den Abstieg des finnischen Teams nicht verhindern.

Doch dem damaligen Teenager blieb nicht viel Zeit zum Trübsal blasen. Kaum war die U20-EM vorbei stand auch schon der Spätsommer bei der A-Nationalmannschaft an. Er machte die Vorbereitung mit und nahm in den Freundschaftsspielen eine wichtige Rolle ein. Beim Super-Cup in Ulm spielte Markkanen beispielsweise gegen gestandene Männer und legte den Deutschen zehn Zähler, den Polen gar 24 Zähler in den Korb.


Kaum war die Zeit mit der Nationalmannschaft um, musste der Big schon wieder die Koffer packen und die Reise nach Arizona antreten. Dort spielte der Freshman seine einzige College Saison und konnte die US-Medien relativ schnell von sich begeistern. Als dreiertreffender Sevenfooter, der in den Anfangsmonate drei verschiedene Positionen bekleiden musste, war ein nicht zu verteidigendes Matchup für die meisten Gegner

Erst im Februar folgte eine kurze Schwächephase, die angesichts seines Mammutprogramms nachvollziehbar war. Pünktlich zum März fand Markkanen aber wieder zu neuen Kräften, spielte ein dominantes PAC12 Tournament und verhalft Arizona auch am ersten Wochenende des NCAA Tournament mit seinen guten Leistungen zum Einzug ins Sweet Sixteen.

Dort wartete für den Geheimfavoriten auf eine Final Four Teilnahme Xavier und beendete den Traum von der Teilnahme an der Endrunde vor der eigenen Haustür. Markkanen wurde in den letzten zehn Minuten des Spiels überhaupt nicht mehr einbezogen. Dennoch war das Jahr ein großer Erfolg, da er sich individuell verbessern konnte und nun mit einem Namen in den Draft geht.


Offense
Lauri Markkanen ist guten Gewissens als der beste Schütze des Drafts einzuschätzen. Lange Zeit sah es so aus, als könnte er entlang der 50 Prozent Grenze verweilen und damit eine auch in Zahlen überragende Shooting Saison hinlegen. Doch eine Schwächephase im Februar, die wohl Müdigkeit und der Umstellung nach der Ankunft von Topscorer Allonzo Trier geschuldet war, ließ den Wert rapide nach unten schnellen.


Dennoch ist und bleibt Markkanens Wurf technisch eine Augenweide. Er hat sehr viel Touch im Handgelenk und der Ball verlässt die Hand mit sehr viel Spin und einem natürlich aussehenden Bogen Richtung Korb. Markkanen kann den Wurf aus dem Catch & Shoot, im Pick & Pop, aus Offscreens oder auch aus dem Dribbling gleichermaßen sicher treffen und hat dabei auch die Range bis zur NBA Dreierlinie.

Durch seinen exzellenten Wurf eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Der junge Finne verfügt über eine Menge Ballgefühl und kann daher Closeouts mit Leichtigkeit attackieren. Besonders den Drive über die linke Hand liebt der Finne. Er kann entweder komplett bis zur Zone ziehen oder er stoppt in der Mitteldistanz für den Pullup oder Floater ab. Selbst auf NBA Ebene sollte er solche Fähigkeiten demonstrieren können. Hier wird ihm das breitere Spielfeld mit längeren Wegen der Defense und das bessere Spacing der Mitspieler zu Gute kommen.

Besonders als Blocksteller im Pick & Pop ist Markkanen eine Gefahr für die Defense, weil er einen exzellenten Wurf mit solidem Ballhandling kombiniert und damit für die meisten Bigs nicht zu verteidigen ist.  Er liebt den Spinmove von seiner linken zur rechten Hand.

Viele College Teams gingen daher dazu über, den Block mit Markkanen zu switchen. Das erwies sich oft als effektiv, weil der Ballhandler diese Entwicklung entweder nicht im Blick hatte oder Markkanen nicht in der Lage war das Mismatch am Perimeter auszunutzen.

Hier muss er lernen, sich seinen kleineren Gegenspieler zu schnappen und mit ihm im Schlepp zum Zonenrand zu marschieren, wo er seine Größe besser ausspielen kann.

Dafür müsste sich Markkanen jedoch als Finisher in der Zone und als Lowpostspieler verbessern. Bei seinen Finishes profitiert Markkanen hauptsächlich von seiner Größe und seinem Touch. Er kann zwar durchaus auch springen und Alley-Oops spektakulär finishen, allerdings braucht er dafür ein wenig Anlauf und Schwung. Gibt ihm der kleinere Verteidiger keinen Platz dazu, ist der Größenvorteil gar nicht mehr so groß, falls überhaupt noch vorhanden.

Als Finisher im Break oder nach Drives hat Markkanen oft zu viel Bodenhaftung und sieht gegen Athleten oder bei Kontakt nicht gut aus. Doch gerade hier konnte Markkanen während der Saison zulegen und zumindest seine Rumpfstabilität finishen.

Im Lowpost fehlen Markkanen noch ordentliche Moves, doch er hat noch genug Zeit, um aus einem Potenzial, das sich aus Touch, Fußarbeit und Intelligenz zusammensetzt, das Optimum herauszuholen.

Im Pick & Roll wurde Markkanen sogar oft als Ballhandler eingesetzt und erledigte diese Aufgabe überraschend gut. Immer wieder konnte er in die Zone ziehen und die Verteidigung richtig lesen. Allerdings haperte es auch hier beim Finish.

Neben dem eigenen Scoring, das Markkanen an vielen Enden noch verbessern kann, muss er als Playmaker für Mitspieler besser werden. Er hat das Spielverständnis und die Passing Skills, bisher ist er aber in dieser Hinsicht noch viel zu schüchtern und muss erst noch beweisen, wie gut er wirklich sein kann.

Defense
In der Verteidigung wird Markkanen gerne als potenzielle Schwachstelle betrachtet, da er weder das Perimeter noch den Ring beschützen kann. Beide Aspekte werden mit Sicherheit während seiner Anfangszeit in der NBA problematisch sein. Doch ihn jetzt schon als hoffnungslosen Fall abzustempeln, wäre falsch.


Markkanen wird nie mehr als ein durchschnittlicher Verteidiger in Bezug auf Rimprotection und Perimeter Defense sein, doch sogar dieser Durchschnitt wird häufig in Abrede gestellt. Während ich bei der Rimprotection geneigt bin zuzustimmen, da Markkanen einfach nicht die Länge und Instinkte eines wahren Ringbeschützers auf NBA Level hat, wäre ich bei der Perimeter Defense vorsichtiger.

Im Laufe der Saison konnte Markkanen sich als Verteidiger grundsätzlich steigern. In den letzten Saisonwochen blockte er Würfe, die er zu Saisonbeginn noch nicht mal erschwert hätte, und sah bei Switches nicht mehr gänzlich so aus, als wäre er auf verlorenem Posten. Markkanen hat jetzt schon eine gute Fußarbeit und ist sehr mobil unterwegs. Etwas mehr Erfahrung könnte in der NBA daher einen deutlichen Effekt haben.

In der Pick & Roll/Pop Defense muss Markkanen noch lernen, besser auf den Blocksteller aufzupassen und gleichzeitig bei der Recovery dem Mitspieler nicht in die Quere zu kommen. Gute Schützen hatten im Pick & Pop zu viel Zeit und zu viel Platz.

Wirklich problematisch ist jedoch sein schwaches Defensivrebounding. Er vergisst oft das Boxout oder lässt sich einfach von seinem Gegenspieler quer durch die Zone schieben. Das wird in der NBA noch wesentlich schlimmer aussehen.

Grundsätzlich muss sich Markkanen in der Defense einfach zur Wehr setzen. Oft werde ich den Eindruck nicht los, dass Markkanen einfach viel zu lieb, introvertiert und freundlich ist, um in der Verteidigung zwei Punkte zu verhindern. Hier muss er sein Mindset deutlich verändern und aggressiver spielen. Erst gegen Ende der Saison waren mal entschlossene Blocks gegen kleine Guards, die ein Statement senden, zu sehen.

ABs Pick
Für meinen Geschmack kommt Lauri Markkanen in den meisten Big Boards und Mock Drafts viel zu schlecht weg. Zwar wird er einhellig in den Top10 verortet, allerdings scheint bei den meisten Draft Experten die Tendenz eher nach unten als nach oben zu gehen. Viele Reporter und Scouts sehen das Risiko, dass Markkanen zu abhängig von seinem Dreier ist und er defensiv eine Schwachstelle sein könnte.

In der Tat sind diese Kritikpunkte nicht unberechtigt, allerdings werden einfach viele Begleitumstände der vergangenen Saison außen vor gelassen und Markkanen negativ ausgelegt.
Kein anderer Prospect musste in den vergangenen Monaten so viele kurzfristige Änderungen und Umstellungen hinlegen wie Markkanen.

Da wären zum einen die verschiedenen Spielstile. In der U20 war Markkanen der zentrale Anlaufpunkt der Offense, bei den Herren konnte er gegen höchste Competition überzeugen und in Arizona musste er sich auf eine ganz andere Art Basketball einstellen.

Die wenigsten groß gewachsenen Europäer sehen gegen die Athleten der NCAA in ihrer Freshman Saison gut aus in der Verteidigung - das braucht Zeit zur Eingewöhnung und ist insofern eine perfekte Vorbereitung für die NBA, auf die Markkanen nun besser eingestellt sein sollte.

Zudem hatte Arizona während der Saison massive Personalprobleme. Zwischenzeitlich standen vier gelernte Außenspieler für die drei Spots am Perimeter zur Verfügung, was dazu führte, dass Markkanen als der Big mit den besten Skills plötzlich ein Playmaker auf der Drei sein musste. Diese Herausforderung löste er durchaus solide.

Grundsätzlich hatte Arizonas Sean Miller Probleme zu erkennen, wie er Markkanen richtig einsetzen sollte, was er auch immer wieder selber betonte. Er hatte nie zuvor einen solchen Spielertypen gecoacht und seine Offense ist zwei Bigs am Zonenrand ausgelegt. Markkanen hier zu integrieren, dauerte eine ganze Weile und war auch am Ende nicht perfekt gelungen.

Markkanen mit einem NBA Spieler zu vergleichen fällt schwer und jeder der Spieler, die mir in den Sinn kommen, weist deutliche Unterschiede zu Markkanen auf.

Dirk Nowitzki wird oft als Vergleich aufgeworfen und obwohl ich auch diesen Vergleich nicht mag, weil die beiden einfach ganz unterschiedliche Spielertypen sind und Markkanen nie einen derartigen Legendenstatus in der NBA wie der Deutsche genießen wird, ist er nach langem Überdenken derjenige, der am ehesten zutrifft.

Markkanen ist der beste Shooter des Drafts, baut sein Spiel um seinen Wurf auf, wird aber zusätzlich als Offensivspieler unterschätzt. Er kann am Brett finishen, den Ball auf den Boden setzen und Closeouts attackieren. Im schlechtesten Fall wird Markkanen ein zweiter Keith van Horn.