21 Juni 2017

21. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Den Weg, den Kadeem Allen genommen hat, um in die NBA zu gehen, trauen sich nicht viele Spieler zu. Doch genau diese Einstellung zu harter, geduldiger und ehrlicher Arbeit ist es, die Allen einen Spot in einem NBA Kader einbringen wird.

Allen begann seine College Karriere am Junior College. Nach seinem zweiten Jahr wurde er zum Junior College Spieler des Jahres gewählt und konnte sich zwischen verschiedenen etablierten Programmen eines auswählen. Er entschied sich für Arizona, nur um dort von Coach Sean Miller dazu überredet zu werden, direkt doch mal ein Jahr auszusetzen und an seinem Spiel zu arbeiten. Die meisten Junior College Spieler hätten sich wohl direkt wieder verabschiedet und wären weitergezogen, doch Allen stimmte dem Redshirt Jahr zu.


Und tatsächlich zeigte das Jahr Pause Wirkung. Am Junior College war Allen noch ein absoluter Scorer, für die Wildcats sollte Allen hingegen den Organisator und Verteidigungsspezialisten geben. Während gerade der defensive Part glänzend funktionierte, tat er sich als Organisator schwer. Die Fußstapfen, die T.J. McConnell hinterließ, waren dann doch zu groß.

Nach einem enttäuschend frühen und deutlichen Aus gegen Wichita State, präsentierte sich Allen in der vergangenen Saison nochmals entschlossener. Ohne groß ins Scheinwerferlicht zu treten entwickelte sich der Guard aus Wilmington zu einem der elitärsten Verteidiger der gesamten NCAA, der mit Vorliebe Spieler wie Lonzo Ball, Markelle Fultz oder Dillon Brooks beackerte.

Wie wichtig Allen seinen Mannschaftskameraden war, wurde deutlich, als Arizona im PAC12 Tournament UCLA bezwang, Coach Miller eine Auszeit nahm und sich alle um Allen versammelten, der in seiner Senior Night eine schmerzhafte Niederlage gegen die Bruins knapp zwei Wochen zuvor hinnehmen musste.


Offense
Auch wenn er am Junior College ein großartiger Punktesammler war, liegt der Fokus für Kadeem Allen nicht auf seinen Leistungen in der Offensive. Dennoch konnte sich der Combo Guard an diesem Ende des Courts in den vergangenen Jahren deutlich steigern. Besonders seine Fehlerquote schraubte er nach unten und lernte effizienter zu spielen.

Der wichtigste Part für Allen wird ein verlässlicher Dreipunktewurf sein. Genau hier ist er mittlerweile wesentlich stabiler. Er traf in der abgelaufenen Saison nicht nur starke 42,7 Prozent seiner Dreier, sondern konnte auch die Ausbeute auf fast einen Treffer pro Spiel steigern.

Bei vielen Gegnern stand auf dem Scouting Report, dass sie beispielsweise im Pick & Roll unter dem Block verkürzen sollten, was Allen in der letzten Saison endlich konstant bestrafen konnte, auch wenn eine Reaktion auf diese neugewonnene Fähigkeit seitens der Gegner ausblieb.


Neben seinem Wurf geht es für Allen in erster Linie darum, Fehler zu vermeiden. Was sich zunächst schnöde und zu einem gewissen Grad bitter für einen NBA Prospect anhört, könnte den Unterschied zwischen Borderline NBA Spieler und Rollenspieler mit Starterpotenzial machen. 

Allen hat leider die schlechte Angewohnheit Layups nicht zu finishen und Bälle wegzuschmeißen. Gerade die Anfälligkeit für Turnovers hat sich in der vergangenen Saison aber gelegt. Besonders diese Ballverluste, die einen Run des eigenen Teams kaputt machen, unterliefen dem Guard in der letzten Spielzeit nicht mehr.

Als Finisher muss Allen in der Tat zu legen. Angesichts seiner Athletik und langen Arme liegt hier noch viel unausgeschöpftes Potenzial, das er dringend ausbilden sollte, um offensiv als größere Gefahr für den Korb wahrgenommen zu werden. 

Überraschend gut ist hingegen die Übersicht des Guards im Pick & Roll. Immer wieder beweist er ein gutes Auge bei seinen Pässen zu den großen Mitspielern in der Zone oder am Rand des farblich unterlegten Bereichs. Allen lässt zwar nicht mit einem einzigen Pass drei Verteidiger aussteigen, das muss er aber auch nicht. Er beschränkt sich in solchen Situationen auf den einfachen Pass und fährt mit dieser Strategie ganz gut.

Defense
Die wahre Passion des Kadeem Allen liegt jedoch in der Verteidigung. Oft sprechen Trainer von einer Kettenhund oder Bulldog Mentalität - bei wenigen Spielern ist diese Bezeichnung passender. Allen beißt sich wie eine Zecke in die Wade seines Matchups und lässt für die folgenden 40 oder demnächst 48 Minuten nicht mehr los.

Allen hat alle Anlagen, die ein großartiger Verteidiger auf NBA Toplevel braucht: Lange Arme, schnelle Hände und Füße und eine Lunge, die scheinbar genug Sauerstoff für drei Spieler produziert. Ermüdungserscheinungen sind bei Allen nur sehr selten auszumachen, obwohl er in der Regel das höchste Energielevel und längste Pensum aller Spieler gehen muss.


Im Eins-gegen-Eins kann Allen alle Spielertypen am Perimeter problemlos verteidigen. Und das heißt in seinem Fall nicht bloß vor ihnen zu bleiben, sondern sie derart unter Druck zu setzen, dass das Timing des gesamten Angriffs gestört wird und die Gegner irgendwann der Versuchung nicht widerstehen können, blindlings in die Zone zu ziehen.

Da Allen jedoch schnell unterwegs ist und mit seinen langen Armen immer einen Finger an den Ball bekommt, wird jedes Dribbling gegen ihn zum Abenteuer. Selbst NBA Spieler sollte mit dieser Hartnäckigkeit Probleme haben. Auch auf den eigenen Körper nimmt Allen keinerlei Rücksicht. Er wirft sich munter in die härtesten Screens und tut alles, um seinen Kontrahenten vom Ballerhalt abzuhalten.

Oft ist Allen in seinen Aktionen viel zu ungestüm, doch zumindest am College konnte eindrucksvoll seine Spannweite ausnutzen und den einen oder anderen spektakulären Block aus dem Hinterhalt auspacken. In der NBA wird jedoch noch häufiger Fouls an Shootern begehen oder als Flopper auf dem Boden liegend ansehen müssen, wie sein Gegner scort. Hier fehlt ihm eindeutig noch die Cleverness.

Als Pick & Roll Verteidiger kämpft sich Allen über Blöcke und erschwert Würfe. Er kann auch mal switchen, allerdings fehlen ihm noch Masse und Geschick, um einen größeren Gegenspieler in der Zone dauerhaft zu beschäftigen. Zumal es schade wäre, Allens Druck am Ball zu verlieren.

In der Teamdefense rotiert Allen smart und hilft, wann immer es nötig ist. Auch hier sind seine Länge und Schnelligkeit wichtige Stützen, da er beispielsweise Blocksteller aufnehmen kann und schnell genug zum eigenen Schützen an die Dreierlinie rausrotieren kann, falls der Ballhandler Allens Hilfe erkennt.

ABs Pick
Neben Derrick White und Namen wie Sterling Brown hat Kadeem Allen das Potenzial, einer der großen Sleeper der zweiten Runde zu werden. Selbst wenn der Guard nicht gedraftet werden sollte, wäre es viel zu früh die Kämpfernatur abzuschreiben.

Das würde erstens nicht zu Allens Einstellung passen und wäre spätestens dann eine falsche Entscheidung, wenn sich Allen über Trainingscamps in einen NBA Roster spielt. Dass er es in den Kader schafft, ist eigentlich nicht die Frage. Viel mehr geht es darum, wie lange Allen im Kader bleibt und in welcher Position.

Ein Spot als Rollenspieler ist durchaus realistisch, da Allen als 3-and-D-Spieler das Profil eines klassischen Spezialisten ausfüllen kann. Gerade die Defense sollte vom ersten Tag an vorhanden sein. Läuft es für Allen optimal, wäre eine ähnliche Entwicklung wie bei Patrick Beverley möglich.

Tritt hingegen der genau gegenteilige Prozess ein, wird Allen vermutlich schnell in der Versenkung verschwinden, weil der Dreier nicht fällt und die Defense alleine nicht ausreicht. Der eine oder andere Anhänger der Dallas Mavericks erinnert sich vielleicht noch an den Namen Dominique Jones, der körperlich ähnliche Voraussetzungen wie Allen mitbrachte.