18 Juni 2017

18. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Vor knapp einem Jahr war der Name Justin Patton nur den ganz eingefleischten College Basketball Fans schon mal untergekommen. Patton ist ein Spätzünder und wurde als Highschool Spieler übersehen.

Erst in seinem letzten Sommer vor dem College konnte er durch AAU Leistungen auf sich aufmerksam machen. Creighton war die einzige Division I Universität, die dem Big Man ein Stipendium anbot.

Dort angekommen überzeugte ihn Coach Greg McDermott davon, das Freshman Saison freiwillig auszusetzen und in einem Redshirt Jahr seinen fragilen Körper zu stärken. Der Rekrut willigte ein und verschwand damit vorerst wieder vom Radar.


Umso kometenhafter verlief dafür der Aufstieg binnen der letzten neun Monate. Creighton galt vor der Saison als ein gefährlicher Sleeper für die March Madness - die Gründe dafür wurden jedoch (verständlicherweise) zunächst im starken Backcourt verortet. Doch bereits nach wenigen Spielen wurden College Berichterstatter und Talentspäher auf den immer noch schlaksigen Center der Blue Jays aufmerksam.

Als beweglicher und mobiler Big Man passte er perfekt in die Spielkonzeption der in Nebraska ansäßigen Big East Truppe. Schnelles Spiel, viele Dreier, ideales Spacing und Pick & Roll bis zum Abwinken: Wo andere Bigs vor Erschöpfung umgefallen wären und den Dienst verweigert hätten, schien Patton geradezu aufzublühen. Mit Aufbauspieler Mo Watson bildete er ein gefährliches Duo im Blocken-und-Abrollen.

Der Schock war groß, als sich Watson das Kreuzband riss und damit seine College Karriere frühzeitig beenden musste. Creighton hatte als Team Probleme, den Verlust aufzufangen. Auch Patton war betroffen und büßte in seinen Leistungen an Konstanz und Effizienz ohne die exakten Zuspiele seines Guards ein. Nichtsdestotrotz konnte Patton sein immenses Potenzial zur Schau stellen und Begehrlichkeiten bei vielen NBA Teams wecken. Er ist der erste One-and-Done-Spieler der Blue Jays.


Offense
Als erstes sticht die Beweglichkeit und Mobiltät des nominellen Innenspielers hervor. Obwohl er an der Marke zum Sevenfooter kratzt, ist Patton flink wie eine Gazelle und hat kein Problem mit schnellem Spiel, harten Rimruns oder hohen Anspielen im Halbfeld. Gerade mit Anlauf ist Patton trotz seiner immer noch schmächtigen Statur nur schwer aufzuhalten und immer für ein Highlight zu haben.

Er koordniert seine Bewegungen hervorragend und ist ein flüßiger Athlet. Zusätzlich zu seiner Sprungkraft und Schnelligkeit verfügt Patton über eine Wingspan von über 2,20m, was ihm theoretisch einen zusätzlichen Vorteil beim Offensivrebound verschafft.

Allerdings nutzt Patton diese Längenvorteile viel zu selten aus. Seine Offensivreboundquote liegt gerade mal bei acht Prozent, was den letzten Platz aller 14 Bigs bedeutet, die wir innerhalb dieser Reihe vorstellen (Spitzenwerte liegen fast bei 19 Prozent).

Hier machen sich noch mangelnde Kraft und Angewohnheit bemerkbar. Momentan sprintet er lieber zurück oder verharrt irgendwo im Bereich der Dreierlinie, wo seine Ausflüge ihn gerne hinführen.


Pattons zweiter großer Bonus, der die Habgier der NBA GMs steigen lässt, ist sein Potenzial zum Stretch Fünfer. Zwar nahm er nur 15 Dreier und traf davon acht Versuche, was nur eine sehr geringe Stichprobenmenge ist, doch der Touch lässt sich nicht bestreiten. Das Handgelenk sieht sehr weich aus.

Allerdings gilt es für die Shooting Coaches seines künftigen Arbeitgebers noch eine Menge Baustellen zu beseitigen, ehe Patton die Chance dazu haben kann, ein ordentlicher Schütze von der Freiwurf- (knapp über 50 Prozent) und Dreierlinie zu werden. Die Füße sind zu weit auseinander, der Arm ist nicht nach oben gestreckt und der Wurf daduch zu flach.

Patton steht jedoch nicht nur an der Dreierlinie und wartet auf den Dreier. Stattdessen besitzt er die interessante Angewohnheit, auf eigene Faust wie ein Flügelspieler zum Korb zu ziehen oder Kickout Pässe bei herannahender Helpside zu verteilen.

Tatsächlich sehen auch hier seine Bewegungen sehr vielversprechend aus und offenbaren eine weitere mögliche Stärke in ferner Zukunft, die Patton zu einem noch einzigartigeren Spielertypen mutieren lassen können. Noch finisht er Layups nicht, aber zumindest beweist er bei seinen Pässen gutes Auge. An Decisionmaking und Ballhandling muss Patton jedoch noch feilen, wenn er in der NBA solche Aktionen irgendwann mal bringen möchte.

Postups sind noch nicht seine Paradedisziplin und werden es vermutlich auch nie werden. Dafür fehlt ihm in erster Linie noch die Kraft. Er hat durchaus einige Basics schon drauf. Seine Fußarbeit ist ordentlich und dank seines Gefühls im Handgelenk verwandelt er auch schwierige Abschlüsse. Auf Dauer sollte Patton hier (noch) nicht gesucht werden.

Allerdings kann er kluge Pässe aus dem Lowpost spielen und den Ball verteilen. Ein bisschen weniger Risiko wäre traumhaft, aber Patton ist jung und wird aus seinen Fehlern lernen, sofern er am Zonenrand seine Chancen erhält.

Wie bereits eingangs erwähnt, ist das Pick & Roll momentan Pattons verlässlichste Punktequelle. Patton hat ein gutes Gespür dafür, wann er einen Block slippen oder generell lösen muss und rollt sich anschließend so ab, dass er ein gutes Ziel für den Ballhandler darstellt. Er hat seine Hände bereit, kann über dem Ring finishen, sein Rolling an die Defense anpassen und sogar mit Kontakt finishen.

Defense
Pattons Kombination aus langen Armen, Mobilität und Aktivität erweist sich an diesem Ende des Courts immer wieder als sehr hilfreich und macht ihn defensiv zu einem sehr interessanten Prospect mit enormem Two-Way-Potenzial.


Am Perimeter ist er schnell und lang genug, um sich nicht von Wings vorführen zu lassen. Hier stellt sich die Frage, wie gut er den Übergang von College zu NBA Guards und Flügelspielern verkraften wird.

Gegen die bulligeren und größeren Spieler der NBA kann sich Patton nicht mehr rein auf seine körperlichen Vorteile beschränken, sondern muss seine Fußarbeit verfeinern und nach Fehlern eine schnelle Auffassungsgabe beweisen. Er verteidigt naiv und ist sehr anfällig für Fakes jedweder Art.

Im Lowpost wird ihm die Kraft fehlen, um jetzt schon ein Hindernis darstellen zu können. Er wird in den ersten Monaten und Jahren eine Menge Lehrgeld bezahlen, hat jedoch mit mehr Rumpfstabilität durchaus das Zeug zu einem soliden Verteidiger am Zonenrand.

Beim Pick & Roll kann Patton mit seiner Beweglichkeit Guards von der Penetration abhalten und dank der Spannweite auch den Ring beschützen. Allerdings muss er seine defensive Grundhaltung verbessern, da er bisweilen noch zu hüftsteif wirkt und für Splits ein leichtes Ziel ist. Außerdem macht sich auch hier die fehlende Kraft bemerkbar, da explosive Guards keine Probleme haben, gegen den Big Man mit Kontakt zu finishen und ihn in die Reihen der Fotografen befördern.

Als Rimprotector ist Patton ein wahrer Anker in der Zone. Selbst in der NBA sollte er auf Anhieb seine Präsenz unterstreichen, auch wenn er mit seiner ungestümen Art durchaus auf einem Poster oder auf Youtube landen könnte. 

Eine riesige Schwachstelle ist allerdings seine Arbeit am defensiven Brett. Ähnlich wie offensiv fehlt einfach die Kraft. Dazu gesellen sich Mängel in Boxout-Technik und vor allem Aufmerksamkeit.

ABs Pick
Justin Patton ist einer der vielen interessanten Bigs, die sich ab Mitte der ersten Runde in der Verlosung tummeln. Patton setzt sich von der Gruppe durch seine Mischung aus Länge und Athletik, Perimeter Game/Shooting Potenzial, Rimprotection und Potenzial in der Pick & Roll Defense ab.

Da Patton erst eine Saison geregelten Basketballs hinter sich hat und gerade erst seinen 20.Geburtstag feierte (und damit ein Monat als Lauri Markkanen und vier Monate jünger als Josh Jackson ist), ist Pattons Entwicklung gerade erst am Anfang. Zudem hat der Big Man ein Feuer und eine Spielfreude in sich, die viele andere Talente in dieser Range nicht versprühen.

Patton als Wahl ist aufgrund seiner fragilen körperlichen Erscheinung sicherlich auch gewisses Risiko, doch das könnte sich mittelfristig gehörig auszahlen. Als Sleeper ist Patton sicherlich nicht mehr zu bezeichnen, doch noch immer scheint sein Name in der Diskussion ein wenig unterzugehen.

In der Bust Variante geht Patton in die Richtung eines Jared Jeffries, der körperlich ebenfalls interessante Anlangen mitbrachte, aber seine daraus abgeleitete Vielseitigkeit nie abrufen oder beweisen konnte.  

Tritt die absolut optimale Entwicklung ein, wäre Boom Patton ein wenig mit Brook Lopez zu vergleichen. Ein großer beweglicher Big, der eine Reboundallergie hat, dafür aber über viel Touch verfügt, (mittlerweile) den Dreier trifft und für seine Größe sehr beweglich ist. Patton wird nie der Eins-gegen-Eins-Scorer sein, der Lopez ist, besitzt jedoch als Rimprotector mehr Potenzial.