12 Juni 2017

12. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Der aus Saint Louis stammende Flügelspieler ist bereits seit einigen Jahren ein prominenter Name in den Notizbüchern der NBA Scouts. An der Seite von Duke Teamkollege Harry Giles und Kansas Allrounder Josh Jackson sammelte Jayson Tatum bereits reichlich internationale Erfahrung. Er gewann 2014 mit der U17-Auswahl und 2015 mit der U19-Auswahl der USA die Goldmedaille der Jugendweltmeisterschaft.

Bei den Blue Devils trat der Wing in die Fußstapfen von Jabari Parker und Brandon Ingram: Als spielstarker Playmaking-Vierer sollte er für Gefahr als fleißiger Punktesammler sorgen.


Allerdings begann seine Saison bedingt durch eine Knöchelverletzung erst am 3. Dezember. Nicht nur Tatum hatte mit Verletzungen zu kämpfen: Das ganze Team schleppte sich mit Blessuren, Suspendierungen und zeitweise ohne Coach K durch die Saison.

Das frühzeitige Tournament-Aus gegen den späteren Final Four Teilnehmer South Carolina war die Quittung für fehlende Rollenverteilung und die Abstinenz eines klaren Aufbauspielers.

Auch Tatum war von der Rollenproblematik betroffen, konnte nichtsdestotrotz gerade zum Ende der Saison teils überragende individuelle Leistungen aufbieten und damit sein Ansehen bei Scouts und Entscheidern nochmal steigern.


Offense
Über zwei Meter groß, mit langen Armen und einer ordentlichen Schrittlänge unterwegs, ist Tatum für das Umschalten von Defense zu Offense perfekt ausgestattet.

Er greift meist selbst den Rebound, kann den Ball anschließend selbst nach vorne bringen oder seinem Outletpass hinterhersprinten. Er ist ein exzellenter Finisher und demonstriert seine Körperkontrolle und seine Sprunggewalt gerne über Ringniveau.

Tatum kann mit Kontakt abschließen und sammelt Bonusfreiwürfe. Er muss nur aufpassen, dass er nicht zu übermütig wird und zu oft gegen zwei oder mehr Gegenspieler zum Abschluss ansetzt.

Auch als Cutter kann Tatum sich einbringen, da er seine Verteidiger liest und für seine Mitspieler ein einfach zu erreichendes Passziel darstellt.


Der Wurf könnte das entscheidende Kriterium sein, das darüber entscheidet, wie erfolgreich Tatums NBA-Karriere verlaufen wird. In einer Liga, in der sich die Teams in den Finals Schussgefechte liefern, kann ein wackeliger Wurf schnell Pessimismus verbreiten.

Tatum hat grundsätzlich sehr viel Touch und das Potenzial zu einem überaus soliden, vielleicht sogar großartigen Schützen heran zu reifen. Allerdings fehlt momentan die Konstanz (34 Prozent bei vier Versuchen pro Spiel).

Tatum wirft nur aus den Armen und dem Oberkörper, der leider oft nach vorne schnellt und die Balance stört. Koordiniert er Arm- und Beinbewegung besser, sollte Tatum zumindest ein überdurchschnittlicher NBA Schütze werden.

Meistert Tatum diesen Balanceakt, kann er Würfe auch aus Screens kommend, nach Handoffs oder einer Wurftäuschung mit anschließendem Dribbling sicher einnetzen.

Eine große Stärke im Halbfeld ist der Drive. Kein anderer Spieler dieser Draftklasse sieht im Eins-gegen-Eins so elegant aus wie Tatum. Seine langen Schritte, der clevere Einsatz von Fakes verschiedenster Art und die Fähigkeit, am Ring jederzeit die Kontrolle zu behalten, machen ihn zu einem unwiderstehlichen Isolation-Scorer.

Dass er als Power Forward auflief und entsprechend oft überforderte Bigs am Perimeter vernaschen durfte, sollte hierbei zwar nicht vergessen werden. Es besteht aber wenig Anlass zur Sorge, dass Tatum solche Aktionen nicht auch im NBA Alltag gegen ebenbürtige Athleten bieten wird.

Ein Schönheitsfleck sind seine unentwegten Versuche, den Schiedsrichter zum Pfiff zu verleiten. Damit schießt er sich öfter mal ein Eigentor. Des Weiteren muss Tatum sein Ballhandling verfeinern. Er verliert relativ oft (schlechtere Turnover Percentage als De’Aaron Fox & Markelle Fultz) den Ball und kann zusätzlich seine ordentliche Übersicht nicht einsetzen, weswegen er cuttende Mitspieler nicht so oft findet, wie er könnte.

Das Postup ist die große Spezialität von Tatum, der als Wing sowohl im Lowpost als auch im Midpost effizient punkten kann. Nah am Korb sorgen seine Kombination aus Touch, Länge und guter Fußarbeit für Probleme beim Gegenspieler.

Im Faceup ist Tatum noch gefährlicher. Entweder zieht er mit einem großen Schritt am Gegner vorbei oder er versenkt seinen geliebten Mitteldistanzwurf. Hierauf darf er sich jedoch nicht zu sehr verlassen und sollte aufhören, seinen Abschlüssen absichtlich einen höheren Schwierigkeitsgrad zu verleihen.

Im Pick & Roll besitzt Tatum viel Potenzial. Er kann selbst attackieren, Switches bestrafen oder als Playmaker für andere Spieler in Erscheinung treten. Die Gefahr, die von seinem Wurf ausgeht, und die Anfälligkeit für Ballverluste werden darüber entscheiden, wie oft und erfolgreich Tatum als Pick & Roll Ballhandler Verantwortung übernimmt.

Defense
In der Verteidigung ist seine Länge der wichtigste und bislang auch einzige Trumpf, den Tatum im Ärmel hält. Mit ausgestreckten Armen kann er Matchups der Positionen Eins bis Vier bei Pässen und Würfen erheblich stören.


Seine Spannweite kaschiert ein wenig, dass seine Fußarbeit noch nicht ausgereift ist und ihm zur Verteidigung von Bigs noch Kraft im Rumpfbereich fehlt. Schlechte Closeouts, bei denen er nicht genug Kraft auf den Vorderfuß verteilt, werden mit Blocks gerettet. Trotzdem muss er lernen, jederzeit seine Arme zu nutzen und beispielsweise Schützen keinen Raum zu gestatten.

Im Pick & Roll hängt viel davon ab, wie sehr Tatum gewillt ist, sich über Blöcke zu kämpfen, die Penetration zu verhindern und druckvoll zu agieren. Die Werkzeuge zu einem vielseitigen Verteidiger, der selbst nach Switches gut aussieht, sind vorhanden und warten auf den richtigen Einsatz.

Als Teamverteidiger muss Tatum noch aufmerksamer werden und ebenfalls mehr Interesse daran zeigen, Körbe zu verhindern. Ab und an blockt er zwar einen Wurf, auf solche Aktionen ist aber noch kein Verlass, was angesichts seiner Möglichkeiten auf Dauer nicht zu tolerieren ist.

ABs Pick
Tatum ist eines der Kronjuwelen der Freshman Class. Getrübt wird der Anblick durch einen wackeligen Dreier, die Liebe zum verpönten Midrange Game und die vielen Unkonzentriertheiten in Bezug auf Ballsicherheit und Defense. Tatum kann aber durchaus als drittbester Spieler des Drafts diskutiert werden.

Im schlechtesten Fall wird Tatum ein zweiter Rudy Gay. In dieser Version entwickelt Tatum nicht den nötigen Killerinstinkt, verbleibt in der Mitteldistanz und wird somit ein solider Scorer und womöglich der beste Spieler eines unterdurchschnittlichen Teams.

Im besten Fall kann Tatum jedoch eine athletischere Version von Carmelo Anthony werden. Tatum ist wesentlich athletischer und explosiver als Anthony es im gleichen Alter war - was gerade defensiv viel mehr Potenzial eröffnet.