21 Juni 2017

21. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Einem breiteren Publikum wurde Jawun Evans erstmals ein Begriff, als er im Sommer 2015 mit der U19-Auswahl der USA an der Seite vieler anderer Talente dieses Draftjahrgangs Gold gewann. In einem mit Ausnahmetalenten gespickten Team konnte Evans als Organisator und Dirigent eine auffällige Rolle einnehmen.

Seine Freshman Saison bei den Oklahoma State Cowboys war hingegen von weniger Erfolg gekrönt. Bereits als Freshman lastete viel Druck auf dem jungen Aufbauspieler, der im Alleingang dem stagnierenden Programm ein weiteres Mal die Tournament Teilnahme ermöglichen sollte. Doch es fehlte an Erfahrung und zu allem Überfluss verpasste Evans die letzten zehn Saisonspiele wegen einer Verletzung an der rechten Schulter.


Im vergangenen Frühjahr musste Travis Ford seinen Hut nehmen und wurde durch Brad Underwood, einen der erfolgreichsten Mid-Major-Coaches ersetzt. Unter dem neuen Trainer im neuen System blühte Evans als Sophomore auf.

Underwood ließ schnellen Basketball spielen, bei dem offensiv schnelle Abschlüsse und viel Pick & Roll das Ziel waren, während defensiv getrappt und gepresst wurde, dass die Sneakersohlen Rauchschwaden bildeten. Gerade offensiv konnte Evans brillieren und reduzierte auch seine Fehlerquote, nachdem das konsequente Pressen zur Rückrunde der Conference Saison eingestellt wurde.

Prompt spielte das Team erfolgreich und konnte sich auf den letzten Metern doch noch für das Tournament qualifizieren. Dort war in einem sehr engen Spiel gegen Michigan zwar direkt in der ersten Runde Schluss, doch Evans' Saison hinterließ genug Eindruck, um eine vorzeitige Draftanmeldung zu rechtfertigen.


Offense
Jawun Evans ist ein klassischer Aufbauspieler, der einer Partie Struktur verleiht und dann am besten ist, wenn er seine Mitspieler in Szene setzen kann oder im Pick & Roll Entscheidungen treffen darf.

Gerade die Cowboys waren in der vergangenen Saison davon abhängig, dass ihr Point Guard sich auf dem Court wohlfühlt und die Regie übernimmt. Dass Oklahoma State aus dem vorhandenen Talent innerhalb der Mannschaft im Angriff nahezu das Optimum freisetzte und zu den besten Offensiven der NCAA gezählt werden durfte, ist zu einem gehörigen Anteil dem Konto von Evans gutzuschreiben.


In der Transition und im offenen Feld kann Evans den ganzen Court überblicken und somit immer eine Gefahr für die Defense darstellen. Er variiert das Tempo geschickt, ist kaum vom Ball zu trennen und hat stets den Kopf oben.

Somit kann er situativ entscheiden, ob er selber scort oder seine Mitspieler auf verschiedene Arten bedient. Selbst in hektischen und auf den ersten Blick undurchsichtigen Situationen, scheint Evans immer die Ruhe zu bewahren und die richtige Entscheidung zu treffen.

Diese Fähigkeit setzt er auch und gerade im Pick & Roll ein. In dieser Kategorie kann er durchaus das beste Entscheidungsverhalten der gesamten Draft Class aufweisen. Evans ist ein Meister darin, Fehler der Verteidigung zu bestrafen. Und diese Aussage bezieht sich nicht bloß auf die beiden direkt am Ball involvierten Verteidiger. 

Selbst bei äußerstem Druck mit zwei Verteidigern gleichzeitig dicht an sich dran, scheint Evans instinktiv zu spüren, wo der freie Mann steht. Er findet den Blocksteller, wenn sich dieser ordnungsgemäßg abrollt, kann aber genauso gut den lauernden Schützen in der gegenüberliegenden Spielfeldecke bedienen.

Notfalls kann Evans aber auch durchaus selber scoren - zumindest gegen College Defense. Er trifft den Pullup Dreier und bestraft auf diese Weise Verteidiger, die unter dem Block durchgehen wollen. Macht die Defense Druck, attackiert er den Big und kann Doppeln mit Splits elegant entgehen. In der Zone hat sich der kleine Aufbauspieler einen passablen Floater angeeignet, auf den er zu einem gewissen Grad angewiesen ist.

Switches konnte Evans hingegen am College schon nur ungenügend bestrafen, da er aufgrund seiner geringen Größe nur schwierige Abschlüsse erspielte.

Gerade als Finisher in der Zone wird sich Evans in der NBA beweisen müssen. Sicher wird er von besserem Spacing profitieren. Außerdem wird sich nicht mehr die ganze Defense auf ihn konzentrieren.

Dennoch bleiben Fragezeichen, da Evans athletisch unterdurchschnittlich veranlagt ist und er am College zusätzlich von Pfiffen der Schiedsrichter und entsprechend vielen Freiwürfen abhängig war. Sechs Mal stand Evans in der vergangenen Saison pro Partie an der Linie. Viele dieser Freiwürfe waren bedingt durch Fouls, die Evans den Schiedsrichtern clever verkaufte.

Im Eins-gegen-Eins wird Evans deutlich mehr Probleme haben, überhaupt in die Zone vorzudringen. Außerdem ist noch nicht abzusehen, wie gut sein Dreier fällt. Gerade aus dem Catch and Shoot nahm Evans kaum Würfe. Nicht mal 40 Prozent seiner getroffenen Dreier ging ein Assist eines Mitspielers voraus. Umgekehrt waren es bei allen Mitspielern außer Shooter Phil Forte 90 Prozent oder mehr. Diese Verteilung unterstreicht, wie wichtig Evans für die Offense der Cowboys war.

Defense
An diesem Ende des Feldes wird Evans ebenfalls wegen seiner geringen Körpergröße ernsthafte Probleme bekommen. Knapp über 1,80m in Schuhen wird er gegen die vielen großen und athletischen Guards der NBA Probleme bekommen. Allerdings kann Evans vieles mit seiner enormen Spannweite von fast zwei Metern kompensieren.


In Kombination mit seiner Spielintelligenz stibitzt Evans viele Bälle, wenn seine Gegenspieler unaufmerksam sind oder eine Situation nicht richtig lesen. Außerdem wird Evans dann doch oft genug unterschätzt, um seine Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Innerhalb einer guten Teamdefense kann es dann durchaus gelingen, den kleinen Guard für einige Minuten zu verstecken. Für längere Strecken wird er im Eins-gegen-Eins und auch im Pick & Roll physisch einfach zu unterlegen sein.

Speziell Switches sind mit Evans keine gute Idee. Neben seiner fehlenden Körperhöhe ist er oft schlecht positioniert und schien in der vergangenen Saison grundsätzlich selten gewillt, in der Verteidigung das letzte Korn aus sich heraus zu holen. Natürlich musste er offensiv die Mannschaft schultern, doch in vielen Situationen war die Gegenwehr einfach viel zu gering.

ABs Pick
Insgesamt ist Jawun Evans ein spielintelligent Aufbauspieler, der in der NBA seine Nische finden kann, wenn er eine Position erhält, in der er offensiv Entscheidungen aus dem Pick & Roll treffen darf und soll und defensiv gut innerhalb eines funktionierenden Teamgefüges versteckt wird.

Findet er eine solche Destination nicht, könnte es wegen seiner mangelnden Körpergröße, unterdurchschnittlichen Athletik und fehlenden Durchschlagskraft in der gegnerischen Zone eng werden.

Im Idealfall wird Evans lange in der Liga bleiben und sich als Backup oder Rollenspieler etablieren. Earl Watson könnte hier ein nachahmungswürdiger Kandidat sein.

Schlimmstenfalls rutscht Evans bis zur zweiten Runde durch - was nicht unwahrscheinlich ist - und muss sich jedes Jahr auf's Neue einen Rosterspot in den Trainingscamps erarbeiten. Brevin Knight wäre ein Name, der in dieser Hinsicht Evans ähnelt.