22 Juni 2017

22. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Um Jarrett Allen ist es ziemlich ruhig geworden. Während auf der einen Seite über die Starpower der ersten Picks diskutiert und Rankings im Minutentakt verworfen und auf der anderen Seite die Sleeper aus der Masse gefiltert werden, ist Allen irgendwo in der Mitte dieser Pole anzusiedeln und daher bislang kaum Gesprächsthema.

Vor einem Jahr war die Situation noch etwas anders gelagert. Im Sommer 2016 trat Allen mit der U18-Auswahl der USA bei den Amerikameisterschaften an. Markelle Fultz war zwar sicherlich die Entdeckung und der größte Aufsteiger des Team USA, doch auch Allen konnte seine Aktien als ewig langer und dafür sehr mobiler Big Man steigern.


Nach dem Gewinn der Goldmedaille blieb Allen direkt seinem Nationaltrainer treu und folgte Shaka Smart nach Texas. Im zweiten Jahr in Austin musste der junge Trainer nun endgültig den Umbruch einleiten, da aus der Rick Barnes Ära fast alle Spieler dem College entwachsen waren. Entsprechend viele junge und wilde Rekruten besetzten wichtige Rosterspots. Anführer sollte eigentlich Isaiah Taylor werden, doch der Aufbauspieler überraschte alle mit seiner Draftanmeldung und ließ die Longhorns ohne richtigen Point Guard dastehen.

Entsprechend schwierig verlief die Saison. Junge Guards, die in ihrem Leben nie zuvor als Point Guard eingesetzt wurden, mussten plötzlich eine ganze Offense organisieren, auf den Ball aufpassen und ihre Mitspieler in Szene setzen. Das entstehende Chaos war im Endeffekt unvermeidbar. Texas spielte sehr unansehnlich, hatte Spiele, in denen sie öfter den Ball verloren als Assists verteilten.

Allen litt unter den fehlenden Anspielen und musste sich den Großteil seiner Punkte auf eigene Faust erarbeiten. Da Texas das Tournament frühzeitig nicht mehr realistisch erreichen konnte, geriet Allen ein wenig aus der Diskussion, was jedoch am immensen Potenzial des jungen Bigs nichts ändert und ihn zum Anführer der Big Man Riege Mitte der ersten Runde macht.


Offense
Gerade im Angriff lässt Jarrett Allen schon jetzt ungeahnte Qualitäten aufblitzen und hat noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Wird er in ein gutes Offensivsystem eingebunden und ist er von fähigen Guards umgeben, die seine Qualitäten zu schätzen und vor allem einzusetzen wissen, kann Allen problemlos die dritte oder vielleicht sogar die zweite (dann nicht mehr problemlos) Option eines Teams sein.


Allen ist mit seinen 2,10m Körpergröße und seiner Armspannweite von 2,25m zusätzlich noch ein sehr schneller Big Man. Zwar wirkt er manchmal etwas behäbig, allerdings ist das bei jungen Bigs seiner Statur keine Seltenheit und kann sich in zwei Jahren ausgewachsen haben. Denn schon jetzt verblüfft der Big mit einer Explosivität, die sich aus anderen Bewegungen überhaupt nicht erahnen lässt.

Den größten Schaden richtet Allen bislang als Rebounder und Finisher an. Beim Rebound nutzt Allen seine ewig langen Arme, um seinen Gegenspieler den Ball einfach über dem Kopf wegzuschnappen. Notfalls tippt er den Ball nochmals in die Luft und näher zu sich heran, da er einen schnellen zweiten Sprung hinterherschicken kann und sich auf Dauer seine Länge auszahlen wird. Zudem hat er ein gutes Timing und antizipiert gut, wie er sich positionieren muss. Ihn auszuboxen ist trotz seiner schmächtigen Statur kaum möglich, weil er zu lang ist und sich gut bewegt.

Als Finisher kann Allen entweder per Putback oder nach Durchsteckern und Lobs in Erscheinung treten. Allen ist ein sehr kompromissloser Vollstrecker, der in der abgelaufenen Saison für so manches Highlight in Form eines Poster-Dunks sorgte. Angesichts der Leichtigkeit, mit der Allen einfach so über Verteidiger stopft, lässt sich ein schelmisches Grinsen oft nicht zurückhalten.

Im Pick & Roll hat Allen ebenfalls sehr gute Anlagen. Seine guten Hände, seine Reichweite zum Passerhalt und seine Touch als Finisher machen ihn zum idealen Roller. In der vergangenen Saison konnte er diese Qualität leider nur andeuten, weil das Spacing und die Entscheidungsfindung der Guards zu schlecht war.

Überraschend fortgeschritten ist bereits das Spiel im Low- und Midpost. Im Lowpost hat Allen gute Bewegungen auf Lager und beweist eine gewisse Eleganz bei seinen Spinmoves und Running Hooks. Noch effektiver ist er allerdings im Faceup aus etwas größerer Distanz. Seine enorme Schrittlänge macht es ihm möglich, mit einem einzigen Dribbling den Verteidiger komplett aus der Situation heraus zu nehmen.

In diesem Zusammenhang würde ihm ein sicherer Wurf noch besser zu Gesicht zu stehen. Dass Allen hier Potenzial hat, konnte er ebenfalls kurz aufblitzen lassen, noch fehlt ihm aber die Technik und das Selbstvertrauen, um als sicherer Mitteldistanzschütze für zusätzliche Kopfschmerzen beim Bewacher zu sorgen. Momentan ist die Bewegung eher ein Standwurf und es fehlt die notwendige Dynamik.

Als Passgeber beweist Allen ebenfalls ein gutes Spielgefühl. Grundsätzlich muss er jedoch besser auf den Ball aufpassen. Bei vielen Pässe ist er zu naiv unterwegs. Auch seine Dribblings sind noch halbgar, weswegen er nie als ein einziges durchführen sollte, will er nicht den Ball verlieren.

Alle Aspekte seines Spiels würden davon profitieren, wenn Allen die dringend benötigte Masse aufbaut und in den kommenden Jahren an Stabilität im Hüftbereich zulegt. Die Vorstellung von Allen als High-Level-Rollenspieler ist aufgrund seines Potenzials und seiner jetzigen Skills ziemlich wahrscheinlich und realitätsnah.

Defense
In der Verteidigung ranken sich viele Überlegungen und Hoffnungen um die Länge Allens. Kann er sein Potenzial voll entwickeln, besteht die Möglichkeit, dass er einer der besten Rimprotectors der NBA wird und zusätzlich auch als Eins-gegen-Eins-Verteidiger nicht völlig auf verlorenem Posten steht.


Momentan fehlt Allen noch die Schnelligkeit für die Perimeter Defense und die Kraft für die Post Defense. Doch mindestens einen dieser beiden Bereiche wird Allen künftig abdecken können. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ihm sogar in beiden gelingt, ist nicht so gering, wie man angesichts seiner momentanen Konstitution annehmen möchte.

Allen ist zumindest mobil und wurde daher von Coach Smart an der Spitze der Zonenpresse ausprobiert. Zwar erwies sich dieses Experiment auf Dauer als zu waghalsig, doch streckenweise konnte er wirklich seine Füße gut bewegen und hatte mit seiner Spannweite einen natürlichen Vorteil.

In der Pick & Roll Defense, die für Allen durchaus der entscheidende defensive Aspekt werden könnte, muss er noch an Erfahrung sammeln. Bereits jetzt kann er aber schon switchen, wenn es sein muss und der Ballhandler nicht übermäßig schnell ist. In der NBA wird er diesen Status vorerst verlieren, doch auch hier ist mittelfristig sicher die eine oder andere Verteidigungsoption möglich.

Als Rimprotector ist Allen eine Macht, weil einfach niemand ungerührt über seine ausgestreckten Arme werfen kann.

ABs Pick
Jarrett Allen hat vielleicht die größte Upside aller Bigs dieses Drafts. Allerdings ist schwer abzuschätzen, wie viel er davon in einem realistischen Szenario wirklich ausbilden kann. Allen wird nie ein kantiger Big Man sein, allerdings besteht dadurch die Chance, dass er in Kraft und Schnelligkeit gleichermaßen zulegen kann.

Als Rimprotector mit gutem Touch in der Offense und einigen Moves im Eins-gegen-Eins scheint Allen auf jeden Fall in die moderne NBA zu passen. Allerdings wird viel davon abhängen, wie gut die Situation bei seinem künftigen Arbeitgeber für ihn ist. Kriegt er Spielzeit? Wird er (in die richtige Richtung) entwickelt? Schenken die Coaches und Verantwortlichen ihm Vertrauen?

Fälle wie Hassan Whiteside oder JaVale McGee können als Anschauungsmaterial dienen. McGee ist sicherlich etwas schneller, hat aber ähnlich viel Ballgefühl wie Allen, der wiederum deutlich solider spielen kann und als Rollenspieler besser passt. Whiteside ist massiger als Allen, dafür kann Allen offensiv mehr Potenzial aufbieten.