21 Juni 2017

21. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Sieht man Ike Anigbogu zum ersten Mal, würde man aufgrund der optischen Erscheinung nicht vermuten, dass der Big Man der jüngste Spieler dieser Draft Class ist. Tatsächlich wird Anigbogu erst im Oktober 19. Alleine diese Kombination aus Alter und Physis machen Anigbogu zum Hingucker für den Draftabend.

Der Big Man flog als High School Spieler im Vergleich zu anderen Freshman, die sich zum diesjährigen NBA Draft anmeldeten, etwas unter dem Radar. Er landete bei den UCLA Bruins und hätte vermutlich keine bessere Situation für sich aussuchen können, um in wenigen Monaten eine Menge Bekanntheit zu erlangen und vor allem seine Schokoladenseiten zu zeigen.


Denn die Bruins waren eines der am heißesten diskutierten Teams, was besonders an Freshman Kollege Lonzo Ball lag. Genau von dessen Anwesenheit profitierte Anigbogu enorm. Der Aufbauspieler lieferte Anigbogu Vorlagen, die dieser gar nicht nicht verwerten konnte.

Anigbogus Saison verlief insgesamt sehr ungewöhnlich für einen Kandidaten, der Ende der ersten Runde gehandelt wird. Als Backup bekam das Kraftpaket nicht mal 15 Minuten pro Begegnung und hatte keine Aussicht, Starter Thomas Welsh zu verdrängen. Doch in dieser kurzen Zeit konnte Anigbogu genug Energie aufwenden, um das Interesse von NBA Scouts auf sich zu ziehen.



Offense
Besonders offensiv macht sich in der Mehrzahl der Aktionen bemerkbar, dass Anigbogu noch sehr roh ist und eine Menge lernen muss, um als Basketballer auf dem Feld erkennbar zu sein. Momentan kommen seine Punkte fast ausschließlich durch Hustle, Pässe von Mitspielern und Finishes in Korbnähe zustande.


Trotz seiner massiven Statur ist Anigbogu sehr leicht füßig und schnell auf den Beinen. Die meisten Gegenspieler lässt er beim Rimrun im Fastbreak mühelos hinter sich zurück. Doch nicht nur im Fastbreak ist die Mixtur aus Schnelligkeit und purer Kraft ein Vorteil. Als Offensivrebounder kann Anigbogu kaum ausgeboxt werden, antizpiert gut, wo der Fehlwurf landen könnte, und ist schnell genug, um in Bruchteilen von Sekunden die nötigen Meter zum Ball zurückzulegen.

Putbacks und Finishes am Ring sind die Hauptnahrungsquelle von Anigbogu. Er hat ordenltiche Hände und durchaus auch Touch, weswegen er ein dankbarer Abnehmer für Durchstecker oder Alley-Oop-Anspiele über Ringniveau ist. Der Center ist sehr kompromisslos bei seinen Abschlüssen und nimmt Kontakt gerne an. Besonders ist zudem, wie schnell der Big seinen wuchtigen Körper in die Luft hebt.

Allerdings lässt Anigbogu auch noch sehr viele einfache Layups und besonders Dunks auf der Straße liegen. Kaum ein Spieler dürfte so einen großen Anteil seiner Dunks auf die hintere Kante des Rings geschmettert haben wie Anigbogu.

Skills zum Vorzeigen oder Anwenden hat der aus Nigeria abstammende Innenspieler noch nicht. Im Lowpost sollte er beispielsweise nicht auf sich alleine gestellt sein. Ihm fehlen noch Moves für das Eins-gegen-Eins am Zonenrand. Sobald er außerhalb der Zone starten muss, endet die Aktion meist mit einem halbgaren Jumphook, der keine Chance auf Erfolg hat.

Auch als Schütze besteht wenig Hoffnung. Zwar hat Anigbogu Touch, doch sieht sein Wurf einfach nicht danach aus, als könnte er jemals zu einem hochprozentigen Satz fallen.

Im Pick & Roll stellt der kantige Big Man exzellente Screens, die seinem Mitspieler einen greifbaren Vorteil verschaffen. Der Weg in die Zone ist meist frei. Dank seiner Schnelligkeit und Sprunggewalt ist Anigbogu als Roller kaum zu verfehlen, allerdings hat er oft seine Hände nicht bereit und das Timing ist noch ausbaufähig.

Grundsätzlich setzt Anigbogu einfach noch viele Dinge und Kleinigkeiten nicht richtig um, was mit fehlender Erfahrung zu erklären ist. Er braucht Spielpraxis und gutes Coaching, um lernen zu können, wie er seine Vorzüge besser zu Geltung bringt.

Defense
An diesem Ende des Feldes hat Ike Anigbogu fast noch mehr Potenzial als im Angriff. Denn bereits jetzt lässt er seinen direkten Gegenspieler bei jeder Aktion spüren, mit wem sie es aufnehmen müssen. Der Center spielt mit einer unglaublichen Energie und Physis, die eine wahre Pest sein können. Sammelt der Big genug Erfahrung, wird kein NBA Spieler gerne die Ellenbogen mit dem kommenden Rookie kreuzen.


Bis zu diesem Zeitpunkt wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern. Denn momentan kennt Anigbogu einfach keine Limits, Grenzen und Gänge zum Zwischenschalten. Dadurch handelt er sich immer wieder unnötige Fouls ein, die seine Minuten deutlich beschneiden können.

Abgesehen von ärgerlichen Fouls und unnötigen Sprüngen nach Fakes des Gegners ist Anigbogu jedoch ein ordentlicher Verteidiger mit äußerst vielversprechenden Ansätzen. Seine Spannweite von fast 2,30m und seine kräftiger Oberkörper sorgen dafür, dass Rebounds immer in seinen Händen landen. Selbst gestandene College Spieler waren mit ihrem Latein und ihren Kräften am Ende, wenn Anigbogu erst einen Finger an den Ball bekam.

Zudem beschützt Anigbogu hervorragend den Ring. Eine Blockquote von 8,8 Prozent bedeutet den zweitbesten Wert hinter Zach Collins. Auch hier hilft ihm seine Spannweite enorm. Gleichzeitig beweist er ein gutes Timing. 

Als Pick & Roll Verteidiger solllte der Big perspektivisch ebenfalls auf NBA Level standhalten. Es darf zwar bezweifelt werden, dass Anigbogu jemals nach einem Switch einen explosiven Guard konstant vor sich halten kann, doch zumindest bei flachen Verteidigungsformen wird Anigbogu durchaus eine Unterstützung für den zweiten Verteidiger darstellen.

ABs Pick
Potenzial ist bei Ike Anigbogu das Schlüsselwort, um das sich sein Draftwert dreht. Spätestens Ende der ersten Runde werden GMs wohl nicht drumherum kommen, einen sehr genauen Blick auf den jüngsten Spieler des Drafts zu werfen und sich insgeheim in die Faust zu beißen, wenn ihnen der Mut fehlt, Anigbogu tatsächlich zu wählen.

Im schlechtesten Fall wird Anigbogu ein Energizer, der in einer ähnlichen Rolle wie bei UCLA landet: 15 Minuten von der Bank kommen, Vollgas geben und der eigenen Mannschaft möglichst viele Bälle sichern und den eigenen Korb schützen.

Dieser Status als Rollenspieler in einer NBA Rotation wäre bereits ein Erfolg. Läuft jedoch alles wie am Schnürchen, könnte sich Anigbogu als Small Ball Big in der Starting Five eines Teams etablieren und eine mit Tristan Thompsons Wirkungskreisen vergleichbare Rolle einnehmen. Ob er jedoch jemals das Niveau des Kanadiers erreicht und wie Anigbogu überhaupt spielt, wenn er mal mehr als nur für kurze Phasen auf dem Parkett steht, sind kaum zu prognostizieren.

Es scheint nicht gänzlich ausgeschlossen zu sein, doch dafür müsste Anigbogu in den kommenden Jahren verdammt viel lernen, was einfach aufgrund einer geringen Minutenzahl in den Anfangsjahren einfach nicht möglich erscheint. Eine Entwicklung in Richtung Jason Maxiell wäre Option bei einer dichotomen Aufteilung in bester und schlechtester denkbarer Fall.