22 Juni 2017

22. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Der beste internationale Spieler in dieser Draft-Klasse 2017 ist der Franzose Frank Ntilikina. Der jüngste Akteur, der am Donnerstag Commissioner Adam Silver die Hand schütteln wird, ist gleichzeitig auch der mysteriöseste für die 30 interessierten Teams.

Ntilikina, der für SIG Straßburg in der ersten französischen Liga aufläuft, spielte im Vorfeld des Drafts bei keiner einzigen Franchise vor. Trainingseinheiten, geheime Sessions oder Gruppen-Workouts? Alles Fehlanzeige.

Stattdessen konzentrierte sich der 18-Jährige in den vergangenen Wochen ausschliesslich darauf, mit SIG - das vom französischen Nationalmannschaftstrainer Vincent Collet betreut wird - in den Playoffs der Pro A so weit wie möglich zu kommen. Straßburg ist einen Sieg vom Titel entfernt.



Das fünfte und entscheidende Duell in der Finalserie gegen Chalon steigt am Freitag - dem Tag nach dem NBA-Draft. "Pre-Draft Workouts sind cool, aber ich versuche, einen Titel zu holen", sagte Ntilikina vor Kurzem. Seine Prioritäten scheinen klar zu sein - und ein wenig extra Mysteriösität hat im Vorfeld noch nie geschadet.

Dass Ntilikina trotz geringem Stichprobenumfang und gegen null tendierende Augenzeugenberichte bei General Managern der Association so hoch im Kurs steht, muss einen Grund haben. Tatsächlich hat der in Belgien geborene Sohn rwandischer Einwanderer vor knapp drei Jahren erstmals auf sich aufmerksam gemacht, als er beim Jordan Brand Classic seine Skills aufblitzen liess.

Mit 16 Jahren spielte er bereits in der Pro A, mit 17 Euroleague. Sowohl beim Basketball Without Borders Camp während des All Star Wochenendes in Toronto, als auch beim U-18 All-Star Game während der Europameisterschaft in Lille (wo Ntilikina mit 13 Punkten und acht Assists zu den MVP-Kandidaten zählte) offenbarte der Youngster sein ausgefeiltes Spiel und professionelles Naturell.


Offense
Ich habe Ntilikina einige Male, auf verschiedenen Bühnen, live erlebt. Was natürlich sofort auffällt ist die immense Länge des Nachwuchsspielers, der mit 1,95 Metern für einen Point Guard überdurchschnittlich hoch gewachsen ist - vor allem, wenn wir seine krakenmässige Spannweite von mehr als 2,10 Metern mit berücksichtigen.

Seine geschmeidige Art ist sehr angenehm anzuschauen. Ntilikina zwingt die Action nie, lässt statt dessen das Spiel lieber auf sich zukommen und verlässt sich auf seine lupenreinen Instinkte und das überlegene Gefühl für Raum, Zeit und Bewegung von Mit- und Gegenspielern.

Dieselbe entspannte Attitüde kreiden ihm manche als Passivität an. Tatsächlich habe ich Ntilikina nie mit dem Kopf durch die Wand wollend erlebt. Weder forciert er den Drive, noch sucht er händeringend seinen eigenen Wurf.


Statt dessen ist der Franzose stets um das smarte, fundamental richtige Play bemüht. Egal ob Swing-Pass, Kickout nach Penetration oder simples Post-Entry Anspiel vom Flügel: Ntilikina respektiert die kleineren, feineren Dinge des Spiels.

Einen Lead-Guard, der im Alleingang für den Sieg sorgt, indem er Scoring und Playmaking in Vollzeit übernimmt, werden Interessierte hier nicht finden. Ntilikinas offensive Obergrenze scheint die eines sekundären Spielgestalters und tertiären Scorers zu sein.

Seine Wurfmechanik ist technisch sauber, sein Jumpshot fällt auch aus sieben-plus Metern. Auch seine Freiwurfquote liegt im soliden bis guten Bereich. Vor allem im Catch & Shoot wirkt der gut ausgebildete Point Guard entspannt. Auch hier: alles sieht geschmeidig aus, ohne Glück erzwingen zu wollen.

Je länger die Saison andauerte, desto häufiger und selbstbewusster lief Ntilikina das Pick & Roll. Seine Effektivität in diesem Play lässt noch zu wünschen übrig. Er scheut den Körperkontakt am Brett noch zu sehr. Das kann natürlich mit seinem Alter zu tun haben. Es kommt nicht selten vor, dass solch junge Spieler noch zögern, ehe sie später in ihren Karrieren die Wichtigkeit aggressiverer Drives bis direkt zum Ring erlernen, anstatt das Ausweichmanöver eines Pullup-Jumpers aus der Mitteldistanz zu nutzen.

Ntilikinas Qualitäten als Cutter abseits des Balles sind ein unterschätztes Element in seinem Spiel. Seine Länge, Agilität und die Fähigkeit, das Spiel zu lesen, erlauben ihm, sich durch die Hintertür zu schleichen. Gerade von der Weakside wird Ntilikina dank dieser und seiner Spielmacher-Qualität häufig Druck auf die Defensive ausüben dürfen.

Defense
Ntilikina wird vom ersten Tag an positiven Einfluss aufs Spiel der Mannschaft haben, die ihn mit einem der ersten zehn Picks ziehen wird, denn seine Defensive ist bereits jetzt auf absolutem NBA-Niveau.

Seine Länge, Fußarbeit und immense Spannweite macht es ihm einfach, vor seinem Mann zu bleiben und dessen Kreise einzuschränken. Vor allem kleinere Point Guards erstickt Ntilikina häufig, indem er sie auf Schritt und Tritt beschattet und belästigt.

Er bewegt sich lateral und vertikal exzellent und geht mit der nötigen Portion Härte vor. Seine Disziplin macht sich in der niedrigen Foul-Rate und wenigen mentalen Aussetzern bemerkbar - etwa das Verpassen einer Rotation, falscher Reads im Pick & Roll oder dem Spekulieren auf Steals. Er antizipiert sehr gut, und obwohl er immerfort nach der Deflection strebt, geht das nicht auf Lasten seiner Position.

Schon in diesem Alter zählte der ehemalige Teamkollege von Kostja Mushidi zu den besten Verteidigern in der französischen Profiliga. Seine Einsatzbereitschaft, seine Team-Defense und sein aggressives Rebounding, vor allem gegen kleinere Gegenspieler, werden ihn vom ersten Tag an zu einem der besten Abwehrspieler seines neuen Auftraggebers machen.

Ntilikina kann ohne weiteres vorne den Einser geben und hinten Flügelspieler decken, was ihn zu einem idealen Tandempartner für einen kürzeren, offensiv aggressiveren Guard macht. Die Rolle der zweiten Geige im Backcourt passt auch besser zu seinem Naturell.

SDs Pick
Frank Ntilikina wird vermutlich nie ein Star. Er wird nie zur ersten Option eines Teams heran reifen, vermutlich nie den Sprung in multiple All-Star Teams schaffen oder seine Mannschaft im Scoring anführen.

Seine Fähigkeiten als teamdienlicher Rollenspieler machen ihn aber zu einem klaren Top-Ten Talent - das einzige, vielleicht in der gesamten ersten Runde dieses tiefen Drafts, das nicht in der NCAA auf sich aufmerksam machte.

Für eine Mannschaft wie die New York Knicks oder Dallas Mavericks - die beide stark an Ntilikina interessiert sind und in einem realistischen Bereich selektieren dürfen - wäre der Teenager die richtige Wahl.

Bei den Mavericks kann er im System von Rick Carlisle eine Rolle als Strippenzieher einnehmen, der seine Mitspieler besser macht. Bei den Knicks passt er dank seiner Länge und Abgeklärtheit perfekt in die Triangle Offense, die von Phil Jackson gefordert und dort umgesetzt werden soll.

Entwickelt sich das junge Talent optimal, ist ein Karriereverlauf wie der von George Hill denkbar. Auch der schaffte es über die Rolle der zweiten bis dritten Option im Angriff nie hinaus, machte seine Teams aber dank smartem und defensiv hartem Basketball stets besser.