20 Juni 2017

20. Juni, 2017


Am 22. Juni geht für 60 brandneue Rookies beim NBA Draft ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Die Louisville Cardinals hatten in den vergangenen beiden Jahren - bedingt durch den Skandal um unlauteres Recruiting - wenige Lichtblicke, die ihnen Freude bereiteten. Einer davon war Donovan Mitchell. Der Combo Guard erwies sich bereits als Freshman als äußerst lernwillig und hochtalentiert.

Im Zuge des erwähnten Skandals verzichteten die Cardinals freiwillig auf die Teilnahme am NCAA Tournament 2016, um möglichen Sanktionen zuvorzukommen. Für die Spieler war diese Nachricht jedoch alles andere als erfreulich, denn die Mannschaft hatte durchaus das Potenzial zum Sleeper im Tournament.


In der vergangenen Saison führte Mitchell die Cardinals schließlich ins heiß ersehnte Turnier. Als junger Anführer eines insgesamt sehr jungen Teams konnte Mitchell seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen. Egal was das Team gerade am dringendsten brauchte, Mitchell lieferte zuverlässig ab.

Im Tournament fehlte dann allerdings die notwendige Erfahrung, um das gewaltige Potenzial der Mannschaft in Form eines tiefen Runs auszukosten. Gegen die heißen Michigan Wolverines schieden die Cardinals am Ende denkbar knapp in der zweiten Runde aus.

Für Mitchell persönlich kann die vergangene Saison nur als Erfolg gewertet werden. Abseits der reinen Zahlen entwickelte sich der Guard zum unbestritten wichtigsten Spieler eines der besten ACC Teams und konnte monatlich auf den Draftboards der bekannten Scouting Seiten klettern.

In einem Draft, der nach einer starken Top Ten nur wenige interessante Optionen auf den Außenpositionen bietet, rechnet sich Mitchell - zurecht -  gute Chancen auf einen Platz in der ersten Runde aus, was das vorzeitige Ende der College Karriere bedeutet.



Offense
Donovan Mitchell ist einer der besten Athleten der diesjährigen Draft Class. Dadurch kann er fehlende Körpergröße problemlos kompensieren. Beeindruckend sind jedoch nicht nur die reine Sprungkraft und Schnelligkeit, die Mitchells Spielweise prägen. Besonders die explosive Art und Weise, mit der Mitchell in den nächsten Gang schaltet, machen den jungen Guard zu einem sehr attraktiven Ziel.

Besonders in der Transition kann Mitchell für Highlights sorgen und andeuten, warum die NBA der richtige Ort für ihn ist. Als Ballhandler treibt er das Leder in Windeseile über die gesamte Länge des Courts und lässt die Verteidiger wie Slalomstangen stehen. Er kann allerdings zwischen verschiedenen Tempostufen variieren und somit auf das Verhalten der Defense reagieren.


Einer von zwei Hauptgründen für den rasanten Aufstieg des Sophomores ist sein deutlich verbessertes Shooting. Traf Mitchell als Freshman nur 25 Prozent seiner Dreier, waren es in der vergangenen Saison 35 Prozent - bei deutlich gesteigertem Volumen. In der vergangenen Saison traf der Cardinals Guard 80 Distanzwürfe. Zum Vergleich: In seiner Premierensaison nahm er lediglich 72 Würfe, von denen er 18 versenkte.

Mitchells Wurf entspricht in seiner Optik in mehrfacher Hinsicht der Idealform. Mitchell kombiniert einen kraftvollen Absprung mit einem Moment der Hangtime, einem weichen Handgelenk und einer guten Koordination von Arm- und Beinbewegung. Gerade im Catch & Shoot fällt der Dreier daher sehr sicher. Selbst nach vorherigen Cuts, sind die Füße schnell sortiert und sorgen für austarierte Balance beim Sprungwurf.

Der Guard ist es zudem gewohnt, aus Handoffs oder mehrfachen indirekten Blöcken zu kommen und direkt abzudrücken. Grundsätzlich muss Mitchell jedoch noch in seinen Wurf aus dem Dribbling viel Zeit investieren. Hier kann er noch nicht genug Power aus den Beinen in den Wurfablauf übertragen, weswegen viele Würfe noch zu kurz sind.

Neben seinem deutlich verbesserten Wurf, tat sich Mitchell in der vergangenen Saison als Ballhandler im Pick & Roll hervor. Auch in dieser Sparte des Spiels ließ sich erkennen, wie viel harte Arbeit der Cardinal investiert, um besser zu werden. Besonders das Ballhandling war in der abgelaufenen Spielzeit wesentlich ausgereifter.

Mittlerweile hat Mitchell kein Problem mehr, in Pick & Roll Situationen den Drive bis tief in die gegnerische Zone zu bewerkstelligen. Mitchell liebt das Splitten der Verteidigung und freut sich jedes Mal, wenn ein Big verwegen ist und ihn trappen will. Scheinbar mühelos nutzt Mitchell kleinste sich bietende Lücken, um den Verteidiger des Blockstellers schlecht aussehen zu lassen.

Zusätzlich hat der Combo Guard einige nett anzusehende Anschlussbewegungen für den Abschluss in Korbnähe. Jumppenetrations, Eurosteps und vor allem der Spinmove gegen einen Helpsideverteidiger oder den überforderten Big sind Markenzeichen von Mitchell.

Trotz seiner Verbesserungen als Schütze und Ballhandler stellt sich allerdings weiterhin die Frage, welcher Spielertyp Mitchell offensiv sein sollte. Gemessen an seiner Körpergröße müsste er eigentlich als Aufbauspieler fungieren und das Spiel leiten.

Dafür fehlt ihm allerdings doch noch das Spielverständnis. Viele Passentscheidungen trifft er zu sorglos. In vielen Situationen wird deutlich, dass Mitchell wohl niemals die natürliche Ausstrahlung eines Aufbauspielers auf dem Feld innehaben wird.

Zudem fehlt Mitchell bei all seiner Explosivität und seinem verbesserten Umgang mit dem Ball die Fähigkeit, seinen Gegenspieler im Eins-gegen-Eins zu schlagen und mit dem ersten Schritt an ihm vorbeizuziehen.

Abseits des Balls scheint Mitchell, speziell durch seinen verbesserten Wurf aus dem Catch & Shoot, dann doch einfach besser aufgehoben zu sein. Allerdings könnte er mit größeren und genauso athletischen Gegenspielern auf Dauer ernsthafte Schwierigkeiten bekommen

Defense
Das derzeitige Leistungsvermögen von Donovan Mitchell in der Verteidigung zu bewerten, fällt wie bei jedem Spieler der Louisville Cardinals schwer. Denn durch ihre sehr spezielle Verteidigungsform, eine Matchup Zone mit Mannprinzipien, war Mitchell kaum in direkte Eins-gegen-Eins-Duelle verwickelt.


Mitchell hat auf jeden Fall interessante Anlagen, die das Potenzial zu einem guten Verteidiger eröffnen. Er ist schnell, kräftig und sehr ehrgeizig. In Passwegen kann Mitchell dadurch sehr viel Druck ausüben.

Schlechte Pässe werden von ihm direkt abgefangen und selbst dann, wenn ein erster Stealversuch nicht klappt, bleibt er an der Sache dran und ist meist wenige Sekunden später doch noch der glückliche Ballinhaber.

Das Risikomanagement des Guards muss sich rapide verbessern. Auch hier macht sich der Einfluss der Louisville Teamdefense bemerkbar. Einerseits ist die Ansage von Coach Rick Pitino, dass seine Guards ein hohes Risiko eingehen sollen, weil andererseits genügend Shotblocker am Korb warten und Fehler bereinigen können.

Das ist in der NBA zwar nicht unähnlich, dennoch sollte Mitchell sein Risiko angesichts des deutlich höheren Spielniveaus der Angreifer drastisch reduzieren.

Trotz seiner akzeptablen Länge - seine Spannweite liegt bei 2,08m - fehlt Mitchell in der Verteidigung die Größe, um ein guter bis sehr guter NBA Verteidiger zu werden. Gegen größere Gegenspieler hat er oft das Nachsehen, weil diese über ihn drüber werfen. Als Helpside kann er eigentlich nur auf Offensivfouls hoffen, dafür fehlt ihm aber noch das richtige Timing

ABs Pick
Bei vielen, wenn nicht gar allen, Spielern ist vor dem NBA Draft zu vernehmen, welch grandiose Arbeitseinstellung sie doch an den Tag legen würden. Bei kaum einem anderen Spieler scheint diese Aussage tatsächlich so nah an der Wahrheit zu liegen wie bei Donovan Mitchell.

Die Entwicklungssprünge in verschiedenen Bereichen des Spiels zwischen Freshman und Sophomore Saison sind beeindruckend und zeugen von großem Arbeitseifer.

Mitchell könnte tatsächlich als später Lottery Pick oder generell Mitte der ersten Runde schon eine Option sein, da der Draft insgesamt relativ arm an aussichtsreichen 3-and-D-Kandidaten ist.

Entwickelt sich Mitchell optimal, könnte er sich zu einem zweiten Avery Bradley mausern, der einer der unangenehmsten Kontrahenten ist, auf die NBA Spieler während einer Saison treffen können. Mitchells Mentalität und Spielweise sind dem Celtics Guard nicht unähnlich.

Entwickelt sich Mitchell nicht wie erhofft, könnte sein Weg in die Richtung eines Terry Roziers verlaufen. Als neunter oder zehnter Mann einer Rotation würde Mitchell dann ins Spiel kommen, ein bisschen zu aggressiv verteidigen, den Gegner nerven und vielleicht den einen oder anderen Wurf treffen. Rozier war in seiner Louisville-Zeit allerdings wesentlich wilder unterwegs.