19 Mai 2017

19. Mai, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Orlando Magic.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

Saison 2016/17
20, 23, 25, 35. Das sind die Anzahl der Siege, die die Orlando Magic nach dem Abgang von Superman II bis zum vergangenen Sommer gewannen. Dass der Rebuild schwer werden würde, war allen Beteiligten klar. Kaum ein Team hat den Trade eines Superstars - und als der wurde Dwight Howard 2012 tatsächlich gehandelt - jemals schadlos überstanden.

Doch es ging voran - in kleinen Schritten, aber peu à peu. 2016/17 sollte die triumphale Rückkehr in die Playoffs werden. Das war dem Front Office einige Millionen wert. Evan Fourniers Vertrag wurde für 85 Millionen verlängert. Bismack Biyombo für 72 Millionen aus Toronto losgeeist und auch Jeff Green konnte sich über einen Ein-Jahres-Deal mit einer 15 und sechs Nullen freuen.

Am stolzesten war das Front Office jedoch über die Verpflichtung von Serge Ibaka. Der aus Oklahoma herbei getradete Kongo-Spanier sollte das werden, was den Magic zuvor all die Jahre gefehlt hatte: der Franchise-Player. Eine mutige Rolle für einen Spieler, der bei den Thunder nur das drittwichtigste Rad am OKC-Wagen gewesen war.


Als erste Geige war er leider nicht in der Lage, seinen Einfluss auf das Spiel zu vergrößern. Ibakas Zahlen waren nicht besser als in seiner besten Spielzeit an der Seite von Russell Westbrook und Kevin Durant. Weil „Iblocka“ nun ohne solche Mitspieler auskommen musste, veränderte sich vor allem eins. Es hagelte Niederlagen.

Im November und Dezember hangelten sich die Magic unter Neu-Trainer Frank Vogel noch zu einer annähernd ausgeglichenen Bilanz. Spätestens der 4-12 Record im ersten Monat 2017 zeigte, dass dieses Team mit den Playoffs nichts zu tun haben würde.


Damit waren auch die Tage von Ibaka in Disneyland gezählt. Das Horrorszenario vor Augen, der teuer erkaufte Power Forward könnte Orlando im Sommer ohne Gegenwert verlassen, motivierte das Front Office seinen zweitbesten Scorer nach Toronto zu schicken. Die Saison trudelte mit einem 8-17-Lauf aus.

Offseason Agenda
Die wichtigste Lücke, die in Orlando geschlossen werden muss, ist keine im Kader sondern in der Chefetage. Nach dem deutlichen Rückschritt der Magic hieß es Kofferpacken für den bisherigen General Manager Rob Hennigan. Die 132-278-Bilanz seines Teams während seiner Amtszeit war die zweitschlechteste der NBA nach „Trust the Prozess“.

Während Philadelphia in der Draft aber wenigstens den einen oder anderen Hoffnungsträger zog, war der produktivste Spieler, für den Hennigan sich entschied, Victor Oladipo und der spielt inzwischen bekanntlich in Oklahoma City.


Die Umstrukturierung im Front Office war also verständlich und könnte richtungsweisend werden, wenn sich die Magic für den richtigen Mann entscheiden. Doch wer soll das sein? Laut Marc Stein besteht Interesse an Milwaukees John Hammond, Torontos Jeff Weltman sowie dem ehemaligen Rockets-Trainer Kevin McHale.

Zwei der drei haben ihre Franchise in den letzten Jahren zu einer sehr positiven Entwicklung verholfen. Das hat David Griffin in Cleveland auch getan. Er soll das Topziel von CEO Alex Martins sein.

Ob das wirklich die beste Idee ist? Schließlich darf ganz stark bezweifelt werden, dass Griffin Deals wie die für Smith oder Korver hätte abschließen können, wenn er nicht die „Join-LeBron-Karte" hätte.

Personal
Wer auch immer den vakanten GM-Posten übernimmt, wird einiges zu tun haben. Sollten die nicht garantierten Verträge von C.J. Watson, Stephen Zimmerman, Patricio Garino und Marcus Georges-Hunt gecuttet werden, stünden Mister-X dafür etwas mehr als 30 Millionen Dollar zur Verfügung. Dicke Fische holt man anders an Bord.

Das Stichwort heißt hier: Addition durch Subtraktion. Die beiden Topverdiener im Kader spielen auf der gleichen Position und sind nebeneinander nicht einsetzbar. Nikola Vucevic ist ein begnadeter Scorer, reist am eigenen Korb aber keine Bäume aus. Bei Bismack Biyombo ist es genau andersherum.


Interessanterweise weisen die Magic bei sonst gleichbleibendem Lineup mit Fournier, Gordon, Ross und Payton genau das gleiche Net-Rating auf, wenn die Center gegeneinander ausgetauscht werden.

Da Frank Vogel ein defensiv-orientierter Trainer, sollte vermutlich Vucevic gehen. Das Problem: Der Markt für Pivoten, die gut aus der Mitteldistanz treffen aber nicht von Downtown ist überschaubar.


Eine andere mögliche Baustelle ist die Point-Guard-Position. Die Entwicklung von Elfrid Payton verläuft im Schneckentempo. Wird der zehnte Pick der 2014er Draft jemals mit etwas anderem als einer Frisur auffallen?

Draft
Wie gut, dass der diesjährige Frischfleisch-Jahrgang reich an Aufbau-Talenten ist. Die Magic können das erste Mal an Position sechs ziehen.


Hochkaräter wie Markelle Fultz und Lonzo Ball dürften an dieser Stelle nicht mehr verfügbar sein. Je nachdem wie die Teams vor Orlando zugreifen, sollte der Erwerb von Dennis Smith oder De’Aron Fox jedoch möglich sein.

Auch Fox’ Kentucky-Teamkollege Malik Monk wird in der Mehrheit der Mock-Drafs in Magic-Reichweite gehandelt. Monk ist jedoch in bestem Falle ein besserer Victor Oladipo.


Am College war 'MM' ein begnadeter Scorer. 2,3 Assists lassen nicht gerade darauf schließen, dass er dem Angriff in Orlando neue Struktur verleihen könnte.

Zukunft
Idealerweise finden die Magic ihren Point Guard der Zukunft und werden Vucevic oder Biyombo für einen soliden Rollenspieler los.

Ein Kern aus Rookie x, Fournier, Ross und Gordon wird sicherlich nicht in den nächsten Jahren die Dominanz der Cleveland Cavaliers im Osten durchbrechen. Eine Rückkehr in die Playoffs erscheint aber möglich, wenn an den richtigen Schrauben gedreht wird.

Die Miami Heat haben heuer vorgemacht, wie weit man mit durchschnittlichem Talent kommen kann. Durch unbändigen Einsatz, eine gute Teamchemie und noch besseres Coaching, schrammte der Florida-Rivale nur haarscharf an der Postseason vorbei.

Die Blaupause liegt also beriet. Nun müssen die Magic nur zeigen, dass auch sie zaubern können. Die neue Teamführung steht in der Bringschuld, um das Niemandsland post-Howard endlich zu verlassen.