13 Mai 2017

13. Mai, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Los Angeles Clippers.

von MARC LANGE @Godzfave

Saison 2016/17
Same old song in Lob City. Wenn ein Wort die Saison der Clippers am besten beschreibt, dann ist es wohl "Verletzungspech". Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Doch dazu später mehr.

Zunächst ein kurzer Rückblick: Die Clippers erkämpften sich 2015/16, trotz langer Abstinenz von Blake Griffin und Chris Paul, einen respektablen vierten Platz im Westen (53 Siege).

Zurück im Jetzt: Die Clippers erkämpften sich 2016/17, trotz langer Abstinenz von Blake Griffin und Chris Paul, einen respektablen vierten Platz im Westen (51 Siege).

Die anscheinend porösen Knochen und dauersauren Muskeln der beiden Starspieler konnten vom Rest des Teams also erneut gut aufgefangen werden. Dass die beiden Starspieler jeweils wieder nur 61 Mal auf dem Parkett standen, sorgte jedoch im Lager von Los Angeles für mittelschweres Magengrummeln.


Dabei gab es gerade in den letzten Wochen der regulären Saison vielen Grund zur Hoffnung: Der komplette Kader war rechtzeitig wieder fit, die letzten neun Spiele wurden in Folge gewonnen. Aus dem Rückenwind wurde jedoch schnell ein dünnes Lüftchen.

Kurzer Rückblick in die vergangene Postseason: Die Clippers führten nach zwei Spielen in Runde eins gegen die Portland Trail Blazers. Blake Griffin verletzte sich schwer (Oberschenkel). Saison-Aus. Los Angeles verlor die Serie anschliessend.

Zurück im Jetzt: Die Clippers führten nach drei Spielen in Runde eins gegen die Utah Jazz. Blake Griffin verletzt sich schwer (großer Zeh). Saison-Aus. Los Angeles verlor die Serie daraufhin noch. Einziger Unterschied: Es könnte die letzte Playoff-Niederlage der Lob City Ära gewesen sein.

Offseason Agenda
Die Clippers brauchen einen neuen Coach. So hart es auch klingt: Doc Rivers ist zu einem der wohl überbewertetsten Trainer in der gesamten NBA avanciert. Spätestens Spiel sieben war der endgültige Beweis dafür, dass die Truppe unter Rivers niemals einen Ring gewinnen wird – und das hat absolut nichts mit Verletzungspech zu tun.

Es darf einfach nicht sein, dass ein ehemaliger Coach eines Championship-Teams nur zwei Spielzüge in seinen Playbook niedergeschrieben hat. Diese lauten seit vier (!) Jahren: Alley Oop oder "Chris Paul macht das schon."


Natürlich ist der kleine General ein so formidabler Aufbauspieler, dass er seine Garde über lange Strecken alleine orchestrieren kann und außerdem ein hervorragendes Improvisations-Talent besitzt. Dass die Clippers seit seiner Ankunft in LA eines der zwei, drei besten Offensivteams der NBA sind, hat alles mit CP3 zu tun.

Das darf aber nicht alles sein, was der 55-jährige Rivers in den Trainingseinheiten predigt. Nach 48 Minuten statischem Horror-Basketball in Spiel sieben wurde mehr als deutlich, dass Rivers keinen Plan B hat und ihm jegliches taktisches Fundament für erfolgreichen Basketball fehlt.  

Hoffentlich erkennt auch Team-Besitzer Steve Ballmer diesen Umstand und setzt bei der Offseason Agenda an der richtigen Stelle an.

Personal
Im Vorfeld hieß es, dass die Ära Lob City bei einem erneuten Scheitern in den Playoffs Geschichte sei. Das könnte sich vielleicht noch ändern. Chris Paul (Spieler-Option) winkt in Los Angeles der große Payday. Mit einem neuen Vertrag in Kalifornien könnte er über 200 Mio. Dollar verdienen. Stevie B. wird alles daran setzen, das Herz und Hirn seiner Mannschaft weiterhin zu halten.

Hinter der Personalie Blake Griffin (ebenfalls Spieler-Option) steht hingegen ein großes Fragezeichen. Will man einen Spieler, der seit Jahren massiv verletzungsgeplagt ist, überhaupt behalten? Andererseits: Wenn bei vollen Kräften, ist Griffin ein Game-Changer. Zudem hat er noch immer nicht seinen absoluten Zenit erreicht.

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Erwähnenswert ist noch J.J. Redick. Der Scharfschütze spielte dieses Jahr unterirdische Playoffs – und das ist noch nett ausgedrückt. Im Kontrast dazu wünscht sich der baldige Free Agent jedoch einen neuen Kontrakt, durch den er zwischen 18 und 20 Mio. Dollar pro Jahr verdienen wird. So wie es momentan aussieht, wird er dieses Gehalt in Los Angeles nicht bekommen.

Der Rest: Jamal Crawford, DeAndre Jordan, Austin Rivers und Wesley Johnson sind allesamt noch mit Verträgen für die neue Saison ausgestattet. Luc Mbah a Moute und Marreese Speights besitzen zudem Spieler-Optionen. Die restlichen Wandervögel, in Form von Brandon Bass, Alan Anderson und Raymond Felton, werden zu Free Agents.

Draft
Die Clippers haben in diesem Jahr keinen Draft Pick. Der gesamte Fokus liegt also darauf, den Kern der Mannschaft weiterhin zu binden und einen Glücksgriff in der Free Agency zu landen.

Zukunft
Durch einige hanebüchene Fehleinschätzungen und Panik-Trades von GM Rivers in der Vergangenheit sehen die Optionen der Clippers nicht sonderlich rosig aus.

Best Case Szenario: Paul und Griffin verlängern, Steve Ballmer macht das Portemonnaie, zahlt die Luxussteuer, weil sich noch ein bis zwei brauchbare Veteranen nach Los Angeles verirren. Damit stünden die Clippers aber wieder da, wo sie auch am Anfang dieser Saison standen.

Durch den Win-Now-Modus der letzten Jahre wurde die Talentförderung immer kleiner geschrieben, und das trifft die Franchise nun. Wenn dein "Top-Talent" Austin Rivers ist, hast du definitiv etwas falsch gemacht.

Größere Trades mit anderen Teams sind aufgrund der Vertragssituationen der attraktiven Spieler zudem eher unwahrscheinlich. Lediglich ein Sign-and-Trade-Geschäft mit Griffin wäre eine denkbare Möglichkeit. Sollte von den Big Three 2018 tatsächlich nur DeAndre Jordan übrig bleiben, deutet alles auf einen langjährigen Rebuild hin.

Die Offseason der Clippers wird also zum schmalen Grat zwischen Contendership und Lottery. Als Fan bleibt einem nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass sich die Band für eine erneute Tour noch einmal zusammenreißt – aber hoffentlich mit einem neuen Dirigenten an der Seitenlinie.