21 Mai 2017

21. Mai, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Houston Rockets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
Das debakulöse Aus gegen die San Antonio Spurs im sechsten Spiel der Conference Semi-Finals zieht einen dunklen Schatten über die eigentlich sehr gute Saison der Raketen. Noch im November war Head Coach Mike D'Antonis Scheitern bei den New York Knicks und Los Angeles Lakers omnipräsent, ebenso die Verletzungsanfälligkeit der Neuzugänge Eric Gordon und Ryan Anderson sowie die miserable Teamchemie im Vorjahr, wegen der es die Roten nur mit Ach und Krach in die Playoffs geschafft hatten.

Nicht viel größer waren daher vor allem die externen Erwartungen an die Rockets – manch einer stellte gar ihre Playoff-Tauglichkeit infrage. Spätestens im Dezember (15-2 Siege) mussten diese Einschätzungen nach oben korrigiert werden. Die Personalie D'Antoni und dessen Schachzug, James Harden auf der Point Guard Position aufzustellen, erwiesen sich als Glücksgriff. Die neuen Rockets rannten wie eine gut geölte Maschine die Gegner reihenweise in Grund und Boden und setzten sich frühzeitig an der Spitze der Western Conference fest.

Ein wichtiger Baustein dieses Erfolgs: Die erwähnten Ex-Pelikane Gordon und Anderson, die Houstons Schlagkraft an der Dreierlinie erheblich verbesserten und entgegen aller Erwartungen je über 70 Spiele der Regular Season absolvierten. Vor allem dank dieser neuen Feuerkraft praktizierten die Roten erstmals „Moreyball“ in Reinform: 3306 Dreierversuche, 1181 Treffer von Downtown. Beides historische Liga-Bestwerte.

Und auch Harden selbst hat – lässt man die letzten sechzig Minuten der Postseason wohlwollend außer Acht – aus den Fehlern des Vorjahres gelernt, bemühte sich schon letzten Sommer intensiv um eine gute interne Stimmung und rasche Integration der Neuen, ging auf und abseits des Feldes mit gutem Beispiel als Anführer voran.


Die Folge: Platz drei im Westen und der gesamten Liga, Harden in MVP-Form, die Evolution des Dreierregens, ein recht problemloser 4-1 Triumph in der ersten Playoff-Runde gegen die Oklahoma City Thunder und immerhin zwei Blowout-Wins in Runde zwei gegen die Spurs.

Offseason Agenda
Die Art und Weise des Ausscheidens, das saft- und kraftlose Auftreten in Spiel sechs gegen den texanischen Rivalen wird die Rockets bis in die neue Spielzeit beschäftigen, geradezu heimsuchen. Mike D'Antoni kündigte bereits an, den in diesem Spiel desaströsen Harden von nun an häufiger schonen zu wollen, muss aber selbst seine Sieben-Mann-Rotation ab Spiel fünf hinterfragen.

Abhilfe hierfür sorgen qualitative Verstärkungen, für die die Führungsriege um GM Daryl Morey ein wenig Spielraum hat. D'Antoni betonte, dass vor allem die Defensive im nächsten Jahr besser werden müsse, denn am anderen Ende des Feldes (2. in Offensiver Effizienz) gibt es nur noch wenig zu schrauben.

Taktgeber James Harden wird aller Voraussicht nach anschließend an die Free Agency als einer der ersten den neuen Super-Max-Vertrag (5 Jahre, +200 Mio. $) unterzeichnen.


Verstärkung braucht vor allem Clint Capela in der Zone und beim Rebounding. Der Schweizer stand spätestens nach Nenês Verletzung ziemlich alleine auf weiter Flur. Einen weiteren „echten“ Center hat Houston nicht, wenig überraschend beendeten sie die Regular Season als 14. in der Rebound Rate.

Die Rockets sind im Win-Now-Modus, folglich werden sie nicht auf einen Entwicklungssprung von Montrezl Harrell oder Chinanu Onuaku spekulieren, sondern auf der Suche nach Unterstützung für Capela den Markt an qualitativen Bigs ausgiebig sondieren.

Personal
Abgesehen von Trevor Ariza hat kein Schlüsselspieler die 30 Jahre überschritten, einzig relevanter Free Agent ist Nenê, der bereits starkes Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit signalisiert hat und voraussichtlich zu einem weiterhin günstigen Tarif unterschreiben wird.


Daryl Morey muss also keine große Anstrengungen auf den bestehenden Kader aufwenden und kann sich voll und ganz den wenigen hochkarätigen Free Agents des Sommers widmen. Dass Flügelspieler Gordon Hayward von den Utah Jazz weit oben auf seiner Liste steht, ist ein offenes Geheimnis.

Hayward würde Houstons Hochgeschwindigkeitsoffensive um einige PS erhöhen, als vielseitiger Scorer und gefährlicher Schütze (40% Dreier in der Saison 2016/17) exzellent in Houstons Spielphilosophie passen.

Allerdings wird es nicht leicht werden, den 27-jährigen Rotschopf vom Salzsee wegzulocken, zumal mutmaßlich in den Boston Celtics ein reizvoller Nebenbuhler seine Absichten bekundet. Um Hayward marktgerecht zu bezahlen, müssten die Rockets mindestens einen Spieler aus der Rotation traden.


Der Kern um Harden, Capela, Anderson, Gordon, Ariza, Lou Williams, Patrick Beverley und Sam Dekker steht, im neuen Jahr wird vermutlich Onuaku (13,6 Punkte, 10,6 Rebounds in der D-League) zumindest sporadisch seine Chance auf der großen Bühne erhalten. Die Verträge von Bobby Brown, Kyle Wiltjer, Isaiah Taylor und Troy Williams sind nicht garantiert. Ihr Schicksal hängt von den Entwicklungen der Free Agency und des Drafts ab.

Draft
Die Rockets haben ihren Erstrundenpick im Zuge des Lou Williams-Deals an die Los Angeles Lakers abgetreten. Die #28 im kommenden Draft hätte für Houston jedoch ohnehin nur geschmälerten Wert gehabt, denn in Capela, Harrell, Onuaku und Dekker (alle 23 oder jünger) befindet sich bereits viel junges Blut im Aufgebot. Zudem spart sich Morey nun das garantierte Salär des in der ersten Runde gedrafteten Spielers und verfügt über etwas mehr Spielraum in der Free Agency.

In der zweiten Draft-Runde dürfen die Texaner gleich zwei Mal ran: Der eigene Pick (#58) geht an die Knicks, auswählen dürfen die Rockets anstelle der Denver Nuggets (#43) und der Portland TrailBlazers (#45). Aufgrund der erwähnten Vielzahl als Talenten im Roster ist ein Draft-and-Stash Spieler ebenso wahrscheinlich wie ein Trade.


Denn Houston hat im Italiener Alessandro Gentile (24) und im Chinesen Zhou Qi (21) gleich zwei einigermaßen vielversprechende internationale Youngster in der Hinterhand, die in der kommenden Spielzeit zumindest für die D-League vorgesehen werden könnten und folglich einen der 15 Rosterplätze belegen würden. Die Addition von Euroleague-MVP Sergio Llull, dessen Spielmacherfähigkeiten die Rockets sofort ein gutes Stück besser machen würden, bleibt weiterhin ein feuchter Traum.

Zukunft
Auf dem Papier sehr positiv – doch so sah es auch nach dem Einzug in die Conference Finals 2015 aus, der in Selbstzufriedenheit, einem übergewichtigen Franchise Player, internen Schwierigkeiten und einer durchwachsenen Folgesaison mündete.

All das gilt es nun zu verhindern und das Versagen in den Playoffs als Antrieb mit in die neue Saison zu nehmen. Bei allem Grimm über die finalen eineinhalb Spiele 2016/17: Houston hat im ersten Jahr unter D'Antoni mit Harden in neuer Funktion deutlich über den Erwartungen gespielt und ein solides Fundament für kommende Erfolge gesetzt.

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Vielleicht schafft die Truppe um einen hoffentlich mental gewachsenen James Harden sogar auf dieser Basis die langersehnte Wachablösung in Texas. Die Rockets verstehen sich ohnehin als einen der ersten Herausforderer auf den mutmaßlichen dreifachen Champion des Westens aus Nordkalifornien. Dies gilt es im kommenden Jahr zu bestätigen – und den Exit 2017 wiedergutzumachen.