27 Mai 2017

27. Mai, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Boston Celtics.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2016/17
So nah und doch so fern: Mit 53 Siegen in der Regular Season erreichten die Kelten das beste Ergebnis seit 2011 und zogen erstmals seit 2012 wieder in die Conference Finals ein. Und doch war für Boston das große Ziel, die Finals, nicht greifbarer als für all die früher ausgeschiedenen Teams, einfach weil – damals wie heute – LeBron James ihren Weg kreuzte und die Machtverhältnisse im Osten einmal mehr schonungslos offenlegte.

Die in der Form unerwartete Leistungsexplosion von Isaiah Thomas (28,9 Punkte pro Spiel, +6,7 im Vergleich zum Vorjahr) erübrigt die Suche nach dem Franchise Player und Anführer in der Post-Pierce/Garnett/Rondo-Ära. Insbesondere dank Mastermind Brad Stevens und „IT“ als Taktgeber haben sich die Celtics in dieser Spielzeit als Schwergewicht in der leichtgewichtigen Eastern Conference etabliert.

An unforgettable season by @IsaiahThomas ☘️⌚️ #ThankYouIT #YouKnowWhatTimeITis #PickMeLastAgain #ItsNotLuck

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Zu mehr aber auch nicht, was mitunter auf Bostons Zurückhaltung zur Trade Deadline zurückzuführen ist. Klangvolle Namen wie Jimmy Butler und Paul George schwebten im Februar über den TD Garden, blieben jedoch reine Illusionen, weil Bostons starker Mann Danny Ainge den Preis für diese All-Star-Kaliber nicht bereit war zu zahlen.

Die erste Playoff-Runde vergegenwärtigte die offenkundigen Mängel, die mit einem Trade weitestgehend hätten behoben werden können. Gegen die – eigentlich – chaotischen Chicago Bulls, angeführt vom – eigentlich – schon in der Irrelevanz versunkenen Ex-Celtic Rajon Rondo, standen die Kobolde nach zwei verlorenen Heimspielen mit dem Rücken zur Wand, profitierten dann maßgeblich vom Ausfall Rondos.

Gegen die Washington Wizards lieferten sie sich in Runde zwei eine Schlacht auf Augenhöhe, die in sieben Spielen gipfelte und in der letztlich Bostons Heimvorteil den Unterschied machte. In der Serie verlor kein Team auf heimischem Parkett.

In den Conference Finals wiederholte sich schließlich das Leid der vorherigen Celtics-Generation. Gegen LeBron sahen die Mannen in Grün kein Land, gewannen dank eines Buzzer-Beaters immerhin ein Spiel, waren aber schon vor Beginn der Serie chancenlos und mussten letztlich trotz besserer Bilanz in der Regular Season den Klassenunterschied zu den Cleveland Cavaliers hinnehmen.

Offseason Agenda
Der erste Pick im Draft und circa 40 Mio. $ Cap Space machen die Celtics zu einem der Hauptakteure des Sommers. Die signifikanten Entscheidungen, die die Führungsriege im Februar noch nicht bereit war zu treffen, sind nun überfällig.

Boston braucht endlich einen Plan, eine eindeutige Richtung. Gehen sie weiter auf Kompromiss – einerseits Talententwicklung in Anbetracht der vielversprechenden Picks aus Brooklyn, andererseits sportliche Wettbewerbsfähigkeit ohne wirklichen Contender-Status? Oder ist Danny Ainge endlich bereit, den Tresor zu öffnen, um einen ernsthaften Herausforderer auf die Cavaliers aufzubauen?


Al Horford wird im Juni 31 Jahre alt, Isaiah Thomas im Februar 2018 29. Bostons beste Spieler sind jetzt auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und können nicht weiter auf die Entwicklung etwa von Jaylen Brown oder weiteren Top Picks warten. In Massachusetts droht die Gefahr, den Zenit von besagtem Duo zu verschlafen, in der Aussicht auf ein besseres Übermorgen.

Personal
Boston ist in der Basis mit Horford, Thomas sowie Avery Bradley und Jae Crowder gut und tief besetzt, an entscheidenden Stellen aber eben nicht sehr gut. Seit Jahren schon fehlt ein wettbewerbsfähiger Rim Protector und Rebounder, überhaupt Qualität auf den großen Positionen.

Der dort hin und wieder effektiv agierende Kelly Olynyk wird Restricted Free Agent und bringt Danny Ainge vor die nächste schwierige Entscheidung: Olynyks Schnitt von 9,0 Punkten und 4,8 Rebounds rechtfertigt keinesfalls den großen Vertrag, den der 2,13 Meter Schlacks mutmaßlich im Juli hinterher geworfen bekommen wird.


Andererseits sind die erwähnten qualitativen Lücken der Celtics selbst mit dem 26-Jährigen bereits groß genug, sodass ein Abgang die Lage noch weiter dramatisieren würde. Die Free Agency Klasse 2017 hält kaum gleichwertigen Ersatz bereit, sodass Boston womöglich in den sauren Apfel beißen und den Kanadier unverhältnismäßig überbezahlen muss.

Neben Olynyks laufen die Verträge von Gerald Green, Jonas Jerebko, Amir Johnson und James Young aus, deren Abgänge jedoch allesamt durchaus zu verkraften wären.

In puncto Neuzugänge werden die Celtics mit einem der namhaftesten Free Agents des Sommers, Gordon Hayward von den Utah Jazz, in Verbindung gebracht. Insbesondere weil der 27-Jährige im College mit den Butler Bulldogs unter dem jetzigen Celtics-Coach Brad Stevens spielte und sie es 2010 gemeinsam bis ins NCAA-Championship Game schafften. Dieses Erfolgsrezept wäre auch bei den Profis vielversprechend.


Denn Boston bringt schon jetzt eine Top-10 Offensive aufs Parkett. Stevens' Genius kombiniert mit Haywards Allround-Fähigkeiten im Scoring an der Seite von Thomas und Horford würde die Kobolde unmittelbar auf die vordersten Plätze katapultieren. Die Celtics haben die sportlichen und monetären Voraussetzungen, um Utahs Small Forward an die Ostküste zu locken.

Draft
„It's not luck“ lautet der derzeitige Slogan der Celtics – und doch war ihnen das Glück in der Draft Lottery hold: Boston freut sich über den allerersten Pick, darf außerdem noch an 37., 53. und 56. Stelle auswählen.


Alle Augen sind auf Markelle Fultz gerichtet, dem prognostizierten besten Spieler dieses Jahrgangs. Und das ist ein Unglück, denn als Point Guard und balldominanter Spielmacher agiert Fultz auf exakt der Position, auf der die Grünen am wenigsten Bedarf haben.

Hier öffnet sich also die bereits diskutierte Grundsatzfrage: Traden die Celtics den No. 1 Pick für sofortigen Erfolg, wie es der Rivale aus Cleveland Anno 2014 mit Andrew Wiggins vorgemacht hat? Schicken sie gar in Isaiah Thomas (Unrestricted Free Agent 2018) ihren All-Star und „King of the Fourth“ weg, bauen geduldig ein junges Team um Fultz auf und bringen sich somit für die Zeit nach LeBron James (wird im Dezember 33 Jahre alt) in bestmögliche Position?


Oder geht Danny Ainge doch wieder den Weg des geringsten Risikos und wählt den erneuten Kompromiss, indem er beide Spieler behält, die Mannschaft somit sportlich relevant bleibt, aber eben auf absehbare Zeit weiterhin dem Primus des Ostens hinterherhinkt?

Zukunft
So oder so ist mit den Celtics dauerhaft zu rechnen. Zu groß der Talent-Pool, zu zahlreich die Assets, zu verständig (wenn auch in letzter Zeit zu zaghaft) die Verantwortlichen, als dass die Grünen demnächst wieder in Abgründen der Mediocrity Treadmill verschwinden könnten.

Auf dem Papier hat der 17-fache Champion die besten Karten aller Verfolger, um die Eastern Conference in naher Zukunft endlich wieder spannend zu gestalten. Damit die Spielzeit 2016/17 nicht als verlorenes Jahr in die ruhmreiche Geschichte der Celtics eingeht, gilt es in diesem Sommer die Versäumnisse des Februars nachzuholen. Ansonsten müssen die Bostoner Fans tatsächlich darauf warten und hoffen, dass (oder ob?) LeBron James irgendwann vom Zahn der Zeit eingeholt wird.