04 Mai 2017

2. Mai, 2017


Die zweite Playoff-Runde hat begonnen. Mit den Conference Finals in Greifweite nimmt das Drama in der besten Liga der Welt weiter seinen Lauf – und die NBACHEF-Redaktion zückt seine Küchenmesser, um die zweite Runde mundgerecht aufzubereiten. Wo wird’s knapp, wo wird’s eindeutig? Welches Matchup steht rot markiert auf dem Speiseplan? Das und viel mehr hier im Menü...

von NBACHEFSQUAD

Light of the Seven

Stefan Dupick @hoopsgamede: Im Westen wird es in der zweiten Runde keine Serie über die volle Distanz geben. Im Osten sehe ich in beiden Serien Potential für ein siebtes Spiel. Während die Raptors noch eine Wundertüte sind und es gegen die Cavs schwer haben dürften, könnte es zwischen Boston und Washington durchaus über die volle Distanz gehen.

Harald Mainka: Alle vier Paarungen sind sehr interessant, aber Mensch, werden das spannende Spiele im Osten! Cleveland traue ich sowohl ein klangloses Ausscheiden als auch eine Machtdemonstration gegen die Raptors zu. Toronto braucht weniger 'Oh, Canada... wir sind in den Playoffs!' und mehr Fokus, um die Cavs niederzuringen. Am Ende wird's wohl LeBron richten, wie immer - das spricht für, aber eben auch immer mehr gegen den Titelverteidiger.
John Wall spielt gerade auf Elite-Level, die Wizards wirken nach einer tollen Serie gegen die Hawks wie berauscht. Bostons Rebounding hängt nach wie vor wie ein Damoklesschwert über den Ambitionen - und jetzt kommt mit Marcin Gortat der Geist, den Danny Ainge gerufen hat. Vom Talent her sind die Celtics das bessere Team, dennoch: ich gehe mit Washington. In Sieben? Gerne!


Jan Wiesinger @WiesiG: Schwierig. Vor Sonntag hätte ich wohl auf Boston gegen Washington getippt. Mal sehen, als wie schlimm sich die Verletzung von Markieff Morris erweisen wird. Ebenfalls in der Verlosung für eine lange Serie ist der texanische Showdown zwischen Rockets und Spurs. Hier treffen nicht nur zwei MVP-Kandidaten, sondern zwei völlig unterschiedliche Basketballphilosphien aufeinander. Ein Serie über sieben Spiele ist da nicht komplett abwegig.

Torben Siemer @LifeOfTorben: Drei der vier Serien traue ich die volle Distanz zu, allen außer Golden State gegen Utah. Zwei der drei werden vorher entschieden sein, deshalb mein Tipp: Celtics und Wizards treffen sich sieben Mal. Boston fehlt Rebounding, Washington die Tiefe – und sieben Mal Isaiah Thomas gegen John Wall? Gekauft.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Cavaliers gegen Raptors – einfach aus der Inkonstanz beider Teams heraus. Die Cavs hätten gegen die Pacers eigentlich mindestens zwei verlieren müssen. Für Paul George + x (x=0) mag das reichen, gegen Kyle Lowry, DeMar DeRozan und Serge Ibaka muss von LeBron James + x mehr kommen. Die Dinos wiederum haben sich gegen die jungen Bucks nicht mit Ruhm bekleckert und hätten selbst das sicher geglaubte entscheidende sechste Spiel mit 25-Punkten Vorsprung beinahe noch weggeschmissen. Ich erwarte eine Achterbahn mit deutlichen Siegen auf beiden Seiten, die in ein siebtes Spiel führt.


Sweep City

Dupick: In den Conference Semis wird es nur einen Sweep geben. Der Top-Favorit aus Golden State wird sich mit 4-0 durchsetzen. Die anderen Serien sind deutlich enger und haben kaum Sweep-Potential. Cleveland wird es in den Semis deutlich schwerer haben. Die Raptors konnten in der ersten Runde zwar nicht begeistern, werden gegen die Cavs ihre Leistung jedoch auf ein anderes Level heben.

Mainka: Wie gesagt, diesen Cavaliers ist alles zuzutrauen. Und weil es wieder keiner wahr haben will: Dem Spurs, man, dem Spurs...

Wiesinger: Gibt es nicht. In der zweiten Runde finden sich für gewöhnlich keine Teams mehr, die in die Playoff gerutscht sind, wie die Jungfrau zum Kinde kam. Die Warriors sind definitiv heiß, aber ganz blank werden sie die unangenehmen Jazz nicht spielen. Boston müsste für einen Sweep noch drei Spiele so weiterballern wie in Spiel 1 der Serie gegen die Wizards. Und Toronto ist besser für die Cavs gerüstet als im letzten Jahr, als sie auch immerhin zwei Spiele der Serie gewannen.

Siemer: Die Cavaliers mögen die Pacers gesweept haben, deutlich war die Serie dennoch nicht. Anders die der Warriors: Golden State überrollte die Trail Blazers. Und wird auch in Runde zwei nicht zu stoppen sein. Die Jazz mögen mit ihrer defensiven Vielseitigkeit eine Herausforderung sein, stoppen können sie die gold-blaue-weiße Maschine nicht. Acht Spiele, acht Siege – warum nicht?

Schlechtriem: Am ehesten Golden State. Die lange Pause von über einer Woche schadet dem Rhythmus ein wenig, hilft aber umso mehr, das Lazarett zu lichten. Die Jazz sind von ihrer Serie über die volle Distanz müde und Rudy Gobert nicht bei 100%. Die Defensive der Mormonen mag sehr gut sein, nur ist die des Titelverteidigers im Westen noch besser. Die Warriors wollen und werden ein Zeichen setzen.

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High Noon

Dupick: Cavs gegen Raptors ist das Duell, auf das ich mich freue! Vor den Playoffs wurden die Raptors als größter Konkurrent der Cavs im Osten gehandelt. Auch wenn die erste Runde der Kanadier eher enttäuschend war, glaube ich noch immer an das enorme Potential des Teams. Toronto wird die Cavs fordern und dafür sorgen, dass LeBron an seine Grenzen gehen muss um die Serie erfolgreich zu beenden, denn auch bei den Cavs ist noch nicht alles Gold was glänzt.

Mainka: Die Spurs und die Rockets befinden sich auf Augenhöhe,  Kawhi Leonard gegen James Harden im direkten Duell ist bestes Frühstücksfernsehen. Und ein kleiner Hinweis an die Erziehungsberechtigten: lasst eure Kinder bloß nicht bei Washington gegen Boston einschalten. Wall und Thomas sorgen für allerhöchste Trash Talk-Gefahr!

Wiesinger: Eben jene Serie zwischen Cleveland und Toronto. Ich bin extrem gespannt, wie gut die neuen Ergänzungen der Raptors sich auch im tatsächlichen Aufeinandertreffen mit LeBron & Co. bewähren können. Playoffs sind ja schließlich keine Managersimulation. Die Cavs wirkten in der regulären Saison nicht immer sattelfest. Die Raptors ohnehin nicht, was aber insbesondere am Ausfall von Kyle Lowry lag. Der ist jetzt wieder da und hoffentlich genauso fit und gesund wie alle anderen Schlüsselspieler der Serie. Nichts wäre ärgerlicher, als eine erneute Playoffserie, die durch Verletzungen entschieden wird.

Siemer: Spurs-Rockets! Spätestens seit Kawhi Leonards Crunchtime-Gala im letzten Regular Season-Duell gibt es da noch eine offene Rechnung, außerdem ist es das nächste Aufeinandertreffen zweier MVP-Kandidaten(Ernsthaft, NBA? Award-Verleihung NACH dem Draft?). San Antonio hat im Duell mit Memphis Schwächen offenbart, Houstons Offensive klickt. Let the games begin.


Schlechtriem: Scharf geschossen wird in Texas. Spurs gegen Rockets ist ein frisches Matchup, völlig unvorhersehbar und bringt einiges an Story-Potential mit. Die Scheinwerfer sind auf Leonard und Harden gerichtet, den Unterschied wird aber der jeweilige Support Cast machen. Die White Walker aus San Antonio gegen die Feuerspeier aus Houston. Valar morghulis!


Homecourt Disadvantage

Dupick: Im Osten sehe ich Washington in einer guten Position. Gegen Boston werden die Wizards vom Backcourt um John Wall und Bradley Beal profitieren, denn so gut Isaiah Thomas in der Offensive auch ist, seine Schwächen in der Defensive werden Wall und Beal ausnutzen. Es könnte eng für Boston werden. Im Westen sehe ich die Rockets in einer guten Position gegen die Spurs. Die Raketen aus Houston werden die Spurs überrennen und einen Dreier nach dem anderen netzen. Die Spurs haben in Kawhi Leonard den besten 2-Way-Player der Serie, aber der Supporting Cast um Parker, Ginobili oder Gasol ist inzwischen einfach zu alt um das hohe Tempo der Rockets mitzugehen.

Mainka: Auch hier geht der Blick wieder in den Osten. Boston wurde von den Bulls in den ersten beiden Partien auf dem falschen Fuß erwischt, nach Rajon Rondos Verletzung stellten die Bulls nur noch eine Bewährungsprobe dar. Wenn Washington es schafft, das Momentum der Hawks-Serie nach kurzer Regeneration in den Semifinals aufrecht zu halten, werden die Celtics wieder um den Heimvorteil bangen müssen. LeBron musste alle Geschütze auffahren, um The Land zu verteidigen. Der König und seine Hofnarren sind nach einwöchiger Spielpause ausgeruht und treffen nun auf den einzig realistischen Herausforderer auf dem Weg in die Finals. Jetzt gilt's: können die Cavs wirklich, wenn sie müssen? Hier sind Zweifel durchaus angebracht.

Wiesinger: Ich hätte ehrlicherweise schon wieder die Wizards genannt. Mal schauen, was die in Spiel zwei in Boston so reißen können. Unter dem grade noch frischen Eindruck der deutlichen Niederlage und der Verletzung von Morris wage ich aber an einem Auswärtssieg der Washingtoner zu zweifeln. Allerdings gibt zumindest das erste Viertel Anlass zur Hoffnung. Genau wie die Tatsache, dass die Celtics in Spiel zwei wohl nicht wieder 49% ihrer Dreier treffen werden. We will see.


Siemer: Die Wizards sahen in den ersten 24 Minuten von Spiel eins so aus, als könnten sie den Celtics den Heimvorteil klauen. Dann verletzte sich Markieff Morris, Washingtons Bank war wie immer ein Plus für den Gegner und Boston gewann trotz 0-16-Start einigermaßen souverän. John Wall & Co. sind auch das Team, das ich am ehesten trotz des tieferen Setzplatzes vorne sehe. Je nachdem, ob und wie lange Morris ausfällt. Aber wer Playoff-Rondo wieder auferstehen lässt, bekommt mit Playoff-Beal ziemlich sicher auch Probleme.

Schlechtriem: Die Celtics haben sich schon gegen die Bulls extrem schwer getan und – ich kann nicht fassen, dass ich das im Jahr 2017 wirklich schreibe – extremes Glück gehabt, dass Rajon Rondo ausgefallen ist. Michael Carter-Williams und Isaiah Canaan als verbliebene Taktgeber waren der Anfang vom Ende der Bullen. Boston hat immer noch keinen Center und in den ersten Runde gegen schwache Bulls so viele Federn gelassen, dass ihnen der Heimvorteil nichts mehr bringt und sie letztlich von John Wall und Bradley Beal vollends gerupft werden.

First-Round MVP

Dupick: Kawhi Leonard hat die Spurs in der ersten Runde auf seinen Schultern getragen. The Klaw konnte in der Serie gegen Memphis zeigen, dass er nicht nur ein Superstar ist, sondern auch mit Recht eine Rolle im MVP-Rennen gespielt hat. Leonard hat die Grizzlies im Alleingang besiegt. Nun treffen die Spurs in der zweiten Runde auf James Harden und die Rockets. Wenn die Spurs hier eine ernsthafte Chance haben wollen, dann muss Kawhi an die Leistungen der ersten Runde anknüpfen.


Mainka: Ich muss an dieser Stelle Gregg Popovich widersprechen. Der beste Spieler der Liga ist nicht Kawhi Leonard. Noch nicht. Das ist immer noch LeBron James, und angesichts etablierter Co-Stars wie Kyrie Irving und Kevin Love sowie einem 128 Millionen Dollar teurem Kader ist es eigentlich ein Armutszeugnis, dass James die Cavaliers im Alleingang durch die erste Runde bugsieren musste. Er wird auch gegen die Raptors dominieren. Dumm nur, dass Dwane Caseys Jungs die Waffen haben, um die restlichen elf Totalausfälle zu bestrafen. Der Champ wackelt! Der Thron von LeBron allerdings nicht.

Wiesinger: Für mich spielt Kawhi Leonard hier ganz vorne mit. Seine Performance gegen die Grizzlies war wirklich fabelhaft. Über 30 Punkte pro Spiel bei beeindruckenden Quoten. Davon mehr als zehn durch Freiwürfe. Da bleibt einem die Spucke weg. Leonard ist endgültig zu dem Alphatier der Spurs herangereift und ist mit seinen erst 25 Jahren das Masterpiece für eine neue Ära. In der aufkommenden Serie gegen das schnelle Spiel der Houston Rockets wird seine Führungsrolle an beiden Enden des Feldes mehr als zuvor benötigt werden. Und diese auch adäquat auszufüllen wird ihm gelingen.

Siemer: LeBron James. Der Grund, warum die Cavaliers vier knappe Spiele für sich entscheiden konnten. LeBrons Konstanz ist nicht von dieser Welt. Der King ist deshalb so etwas wie die „Default“-Einstellung bei der MVP-Wahl. Egal ob einzelnes Spiel, Serie oder Saison. Das wird er auch in Runde zwei bestätigen, seit 2010 hat kein Ost-Team vier aus sieben gegen ein Team mit LeBron gewinnen können. Dabei wird es bleiben.

Schlechtriem: Die Grizzlies waren deutlich besser, als ich sie erwartet habe. Dass sie letztlich dennoch ausgeschieden sind, respektive sich für ihre beiden Siege doch sehr strecken mussten, lag einzig und alleine an Kawhi Leonard. Spiel vier dieser Serie war das bisher beste der diesjährigen Postseason: Wie Kawhi seine Spurs hier im Alleingang am Leben gehalten und in die Overtime geführt hat, hatte schon Westbrook'sche Ausmaße (nur eben unterm Strich erfolgreich). Gemessen an Signifikanz und Leistungsvermögen macht das die Klaue zum MVP der erste Runde.