02 Mai 2017

2. Mai, 2017


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht’s jetzt ans Eingemachte: Nur für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – wir haben wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Die Erstrundenserie der Golden State Warriors gegen die Portland Trail Blazers ist jetzt schon mindestens einen Monat her. (*Checkt den Spielplan, stellt fest dass es "nur" eine Woche war, wundert sich, macht Spielplan wieder zu).

Eine solch lange Pause hatten die Kalifornier nicht ein einziges Mal im Laufe der gesamten Saison, noch nicht einmal während des All-Star Wochenendes. Der 4-0 Sweep gegen überforderte Rip City Blazers belohnte die zweifachen Finalisten mit extra Chill- und Trainingssessions, um letzte Automatismen zu schleifen.

Die wären gegen den Opponenten im Conference Semifinale nicht zwingend nötig gewesen, aber extra Reps und extra Rest können bekanntlich nie schaden. Obwohl Golden State lieber gegen die L.A. Clippers angetreten wäre, weil in Salt Lake City nichts geht (... Das stimmt übrigens. SLC ist genau das Kaff, das sich die meisten von euch vorstellen!), wartet in Runde zwei Quin Snyders aufstrebende Truppe auf den Favoriten aus der Bay.


Utah deklassierte in einer Serie über die vollen sieben Partien dezimierte Los Angeles Clippers, gewann Spiel sieben auf fremdem Parkett in Blowout-Manier 104-91. Damit stehen die Jazz-Männer zum ersten Mal seit 2010 wieder in einem Conference Semifinale.

Die reguläre Saison ging mit 2-1 an die Warriors. Zwei überzeugenden Siegen im Dezember folgte (ohne Klay Thompson) eine Niederlage  im vorletzten Spiel vor den Playoffs - die einzige Pleite der Kalifornier seit Mitte März.


Warum Golden State gewinnt
Utah hat das Momentum auf seiner Seite. Obwohl die Jazz als klare Underdogs in diese Serie gehen, spricht zumindest die Leichtigkeit nicht vorhandener Erwartungen für Snyders Truppe. Golden State wirkt unbezwingbar, hat aber weiterhin mit einem gewissen Mangel an personeller Konstanz zu kämpfen.

Kevin Durant wurde gegen Portland geschont, um seine Wadenprobleme nicht zu verschlimmern. Shaun Livingston und Matt Barnes fehlten ebenfalls. Und Steve Kerr geht es derzeit dermaßen beschissen, dass der Meistermacher vermutlich kein einziges Spiel in dieser Serie coachen wird. Im schlimmsten Fall überhaupt nicht mehr in diesen Playoffs.

Sonst noch was pro-Utah? Nope, das war's schon. Golden State ist das in allen Belangen überlegene Team. Championship-Erfahrung: Check. Multiple All-Stars: Check. Vier der fünf besten Spieler in dieser Serie: Check. Eine bessere Defensive als Utah: Check. Eine bessere Offensive als Utah: Double-Triple-Quadruple-Check.


Wisst ihr, wie Kawhi Leonard oder LeBron James im MVP-Rennen 2016/17 oft übersehen wurden? Nehmt dieses Phänomen, multipliziert es mit 100, und dann entwirrt mir dieses Konundrum: Wer ist mittlerweile der am meisten unterschätzte Megastar der Liga? Richtig wäre: Steph Curry.

Der zweifache MVP ist irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Wenn heute in Bars, öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulhöfen, Whatsapp-Gruppen und Klugscheisser-Foren von den absoluten Checkern in der NBA gesprochen wird, fällt sein Name kaum noch.

Was diese Crowd bei aller Liebe für Harden, Westbrook oder all die sexy Newcomer vermutlich übersieht: Curry hat immer nur versucht, einen anderen Megastar zu integrieren, hat sein persönliches Game für Kevin Durant hinten angestellt. Ohne Durant ist Curry wieder Curry. Gegen Portland latzte der beste Shooter aller Zeiten 30 Punkte in 33 Minuten pro Partie. Sein PER-Wert war der höchste seiner Karriere in Runde eins. Dass Curry mit zunehmenden Playoffs immer besser wird, verspricht mehr Trouble für Utah.

Dass Gordon Hayward gegen die Dubs kaum Land sieht, ebenfalls. Es ist ja schön und gut, dass die Jazzer das Tempo drosseln und dank ihre sehr guten Defensive Golden State in den lahmen Infight locken wollen. Um vier Mal in sieben Partien gegen das beste Angriffsteam im Basketball bestehen zu können, muss der Ball vorne aber auch ab und an durch die Reuse. Hayward ist Utahs go-to Option im Angriff. Gegen Golden State hat der All-Star in den vergangenen zwei Jahren weniger als ein Drittel seiner Würfe versenkt.

Hierin liegt die Krux für den Außenseiter aus dem Mormonenstaat: er bekommt es mit einem spielerisch überlegenen Gegner zu tun, der mehr Waffen, mehr Optionen (Thompson, Draymond Green, Andre Iguodala und Javale McGee wurden noch gar nicht angesprochen, Durant kommt gleich...) und besseren Ball auf seiner Seite weiss, der aber selbst Utahs grösste Stärke - die Defense - mindestens duplizieren kann. Utah hat Gobert? Cool. Golden State hat Draymond Green.


X Faktor Warriors
Kevin Durants Name ist bisher noch nicht gefallen, sagt ihr? Korrekt. Weil er hierher gehört. Durants Gesundheit ist der grosse X-Faktor in dieser Serie gegen die Jazz. Nicht im Sinne von 'Nur wenn Durant fit ist hat Golden State eine Chance!'

Selbst ohne dass der 'Slim Reaper' nur eine Sekunde auf der Platte stünde, hätte Utah es verdammt schwer, die Serie offen zu halten. Läuft Durant hingegen auf, ist diese Angelegenheit in Windeseile vorbei.


In der regulären Saison erzielte der Forward gegen diesen Gegner knapp 20 Punkte bei 51% aus dem Feld. Dass er nur 11 Prozent seiner Dreierversuche traf, war eine Anomalie, auf die Utah nicht noch einmal hoffen kann. Eine halbwegs normale Quote von Downtown schraubt Durants Punkteschnitt auf knapp 30 Punkte pro 36 Minuten Einsatzzeit - ein Boost, den die Warriors eigentlich gar nicht brauchen.

Durants volle Verfügbarkeit als Rebounder, Verteidiger, Shotblocker und allseits gefährliche Angriffsoption, die jederzeit heiss laufen und 40 einschenken kann - KD ist immer noch der gefährlichste pure Scorer der NBA - kippt diese Serie von Warriors-in-5-oder-6 zu einer, die bedrohlich nahe an Sweep-Territorium rutscht.


Marquee Matchup
Golden States Big Four ist der Schlüssel, der die Tür zum Sweep öffnet. Kerr-Ersatz Mike Brown legt ohnehin mehr Wert auf eine einzelne Partie, könnte also besonders früh in der Serie vermehrt auf seine besten Lineups setzen und den Startern so viel PT zuschaufeln, wie sie gewuppt bekommen.


Obwohl Utah das erste reguläre Duell knapp gestaltete, das dritte sogar für sich entschied, lohnt ein genauerer Blick auf die jeweiligen Lineups. Das werden sowohl Brown als auch Snyder auf der Suche nach taktischen Vorteilen sicherlich getan haben. Was Utahs Coach dabei entdeckte, wird ihn mehr als nur eine Stunde Schlaf gekostet haben.

Die Plus/Minus-Werte von Curry, Thompson, Green und Durant in den regulären Einsätzen gegen Utah 2016/17 lesen sich folgendermaßen: Thomson plus-49; Curry plus-46; Durant plus-36; Green plus-29. Ihr wisst bestimmt, was das heisst.

Den Unterschied in Styles kann Utah mit langsamerem Tempo zu kaschieren versuchen. Den temporären Ausfall des weiterhin angeschlagenen Derrick Favors (fehlt mindestens in Partie eins) kann Snyder dank eines vielseitigen Kaders auffangen. Das Minus an Playoff-Erfahrung können Veteranen wie Joe Johnson, Boris Diaw und George Hill dämpfen.

Gegen Golden States eklatanten individuellen Vorsprung ist hingegen kein Kraut gewachsen. Talent und individuelle Qualität setzt sich durch. In den Best-of-Seven Playoffs mehr als in jedem anderen Format. Wenn dein Gegner über vier solcher Typen verfügt, du im besten Fall über einen, ist in den meisten Fällen alles vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat. Warriors in Fünf.


Warum Utah gewinnt
Die Serie gegen die Clippers war eine Feuertaufe für die jungen und zum Teil unerprobten Mormonen – und sie haben bestanden. Spiel sieben auswärts derart zu dominieren und eine eingespielte Veteranentruppe, angeführt von einem der besten Feldgeneräle dieses Jahrtausends, so selbstverständlich in den Sommerurlaub zu schicken, gibt den Jazz ordentlich Auftrieb.

Den werden sie brauchen, denn viel größer könnte die Herausforderung, die jetzt in der zweiten Runde wartet, kaum sein. Doch die Jazz sind mit ihrer erdrückenden Defensive genau das, was sich die Warriors nicht erhofft hatten. Das Team vom Salzsee hat alle Mittel, der Gegenseite mit ihrer erdrückenden Defensive (3. in Defensiver Effizienz trotz anhaltender Verletzungsprobleme in der Regular Season) den Spaß am Spiel zu nehmen.


Die wiederum zeichnet die Warriors aus: Stephen Curry und Klay Thompson sind gelebte Spielfreude, Draymond Green tritt gerne um sich, wenn es nicht nach Wunsch läuft. Wichtigste Aufgabe Utahs ist es also, den Vizemeister zu entnerven und ihnen ein langsames, körperbetontes Spiel aufzuzwingen.

Die Warriors pausierten infolge ihres Sweeps über die TrailBlazers mehr als eine Woche, mussten ihren Rhythmus künstlich aufrecht erhalten. Die Jazz hingegen kommen direkt aus dem Staples Center und sind voll im Saft. Utah wird von der ersten Sekunde an voll da sein, die Warriors erst eine Findungsphase überstehen. Das kann im ersten Spiel gleich ein womöglich entscheidender Vorteil sein.

Die Jazz wussten von Anfang an genau, wer sie in der zweiten Runde erwartet, während die Warriors in ihrer Vorbereitung zweigleisig fahren und sich auf zwei völlig unterschiedliche Teams einstellen mussten. Bis Spiel eins in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bleibt wenig Zeit zum mentalen Warmmachen.

Utah vereint einen Mix aus hungrigen Spielern – angeführt von Gordon Hayward, der gegen die Clippers mit soliden 23,7 Punkte, 7,3 Rebounds und 2,9 Assists voranging – sowie gestandenen Veteranen wie Boris Diaw und Joe Johnson, die in ihrer langen Karriere schon alles erlebt haben. Rodney Hood und Joe Ingles haben in der laufenden Spielzeit einen großen Schritt nach vorne gemacht und sind nun bereit für die ganz große Bühne.


X Faktor Jazz
Rudy Gobert. Gegen die Clippers war der französische Abwehrrecke aufgrund einer Knöchelverletzung kaum ein Faktor. Doch nun braucht ihn seine Mannschaft mehr denn je: Die größte Schwäche der Warriors ist bekanntlich die Center-Position, für die sich die Star-Truppe auf der Resterampe – namentlich Zaza Pachulia und JaVale McGee – bedienen musste.

In der ersten Runde hatte Golden State das Glück, in Jusuf Nurkić den dominanten Center der Gegenseite im Lazarett zu wissen. Gobert hingegen kommt wieder in Form und ist ausgeruht. In der Regular Season legte der 2,16 Meter Hüne gegen den Vizemeister 20 und 17, 11 und 17 sowie 17 und 18 auf. Als NBA Blocks leader 2017 wird Gobert uneingeschränkt über die Bretter herrschen und mutiert gegen die Kalifornier zum menschlichen Mismatch.


Das Todes-Lineup der Warriors mit Draymond Green und Kevin Durant als verkappten Centern ist gegen Gobert ein Hochrisiko, weil ihre Unterlegenheit an den Brettern dadurch noch deutlicher wird und der 24-Jährige aufgrund seines erheblichen Größenvorteils in der Zone einfaches Spiel hätte, den Ball im Korb unterzubringen. Auch Goberts erster Backup Derrick Favors zeigt sich pünktlich zur Postseason in Hochform: Mit 17 Punkten und 11 Rebounds war er am Triumph im entscheidenden Spiel gegen die Clippers wesentlich beteiligt.


Marquee Matchup
George Hill gegen Stephen Curry. Selbst in einer Ansammlung von All-Stars wie der Warriors existieren feste Strukturen Hierarchien, in diesem Fall Ex-MVP Steph Curry als offensiver Dirigent und bester Schütze im Team.

Curry trifft nun in George Hill auf einen der besseren Verteidiger seiner Zunft, der in der laufenden Spielzeit nebenbei noch elitäre Zahlen aufs Scoreboard brachte, sofern ihn nicht Verletzungen daran hinderten (20,0 Punkte, 4,3 Assists, 55,4% aus dem Feld und 52,5% von der Dreierlinie im November).

Mit seinen bald 31 Jahren ist Hill offensiv wie defensiv einer der Tonangeber im Spiel der Jazz und wird an beiden Enden gebraucht werden, um der Übermacht aus der Bay Area beizukommen. Er erhält die undankbare Aufgabe, einerseits nach Menschenmöglichkeit Curry auszubremsen sowie bei eigenem Ballbesitz die nur durchschnittlichen Offensive der Mormonen mit Drives und Distanzwürfen zu bereichern.

Hill ging von 2008 bis 2011 durch die Popovich'sche Teambuilding Schule in San Antonio, somit ist es an ihm, seine Jazz auf dem Feld und im Locker Room anzuführen.


Die Rechnung, bitte!