01 Mai 2017

1. Mai, 2017


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht’s jetzt ans Eingemachte: Nur für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – wir haben wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Spurs gegen Rockets, der Texas-Two-Step in den Conference Semi-Finals 2017. Aufgrund der geographischen Nähe beider Teams ist es kaum zu glauben – doch zum ersten Mal in seiner 20 Jahre langen Ägide trifft der dienstälteste NBA Coach Gregg Popovich mit San Antonio in den Playoffs nun auf Houston. Es ist das erste Postseason-Duell dieser beiden Teams seit 1995.

Und wie damals stehen zwei Spieler ganz besonders im Fokus. Vor 22 Jahren hieß es David Robinson gegen Hakeem Olajuwon, heute bekommt es in Kawhi Leonard der wohl beste Two-Way-Player der NBA mit James Harden zu tun, dem wohl vielseitigsten Offensivspieler. Die Klaue gegen den Bart im MVP-Duell Runde zwei.


Hier treffen nicht nur zwei unterschiedliche Generationen von Spielertypen aufeinander, sondern auch grundverschiedene Systeme: Gregg Popovich und sein Teambasketball, der gefühlt jedem Durchschnittsspieler +10 im NBA 2k17 Rating verschafft – gegen „Moreyball“, bedingungslose Offensive konzentriert auf Layups, Freiwürfe und Dreier.

Dank des Heimvorteils und ihrem Übermaß an Erfahrung und Routine gehen die Altmeister aus San Antonio leicht favorisiert in dieses Duell. In der Regular Season gewann der fünffache Champion drei der vier direkten Duelle. Jedoch endeten auch drei dieser Begegnungen mit exakt zwei Punkten Unterschied, der höchste Sieg betrug sechs Punkte. Hochspannung ist in diesem Texas-Showdown also vorprogrammiert.

Die Spurs sehen sich ihrer ersten schweren Prüfung ohne „The Big Fundamental“ Tim Duncan gegenüber. Schafft es ihre goldene Generation um Tony Parker und Manu Ginobili noch einmal in die Conference Finals, oder gelingt James Harden mit seinen Rockets die Wachablösung im Lone Star State?


Warum San Antonio gewinnt
Als Divisons-Rivalen spielen die Spurs und Rockets jedes Jahr ihre eigene kleine Serie gegeneinander aus. Saison für Saison stehen vier Texas-Duelle in der Hauptrunde an. In Ära von Gregg Popovich hat San Antonio nur zwei dieser 21 Serien verloren. Die aller erste, wo die Spurs für Tim Duncan tankten und 2013/14, als Kawhi Leonard & Co. bekanntlich zuletzt Meister wurden.

Von einem Angstgegner kann in Alamo City also nicht die Rede sein, wenn die Rockets kommen. San Antonio gegen Houston ist aber nicht wegen des „Derby-Charakters“, sondern vor allem aufgrund des Aufeinandertreffens der unterschiedlichsten Spielsysteme eine spannende Serie. Die beste Verteidigung der regulären Saison trifft auf das Team mit dem zweithöchsten Offense-Rating.

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Für die Spurs spricht: Gerade in der Postseason setzte sich in diesem Vergleich in der Geschichte der NBA meist eher die Franchise durch, die den eigenen Korb beschützen konnte. Schaut man sich die Effiency Ratings der ersten Playoff-Runde an, fällt auf, dass die beiden Teams ihre Rollen scheinbar getauscht haben. Angesichts der kleinen Samplesize sind diese Zahlen aber nur wenig aussagekräftig.


X Faktor Spurs
Den alten Herren in San Antonio wird seit Jahren vorgeworfen, dass sie… nun ja, eben zu alt sind. Während Tony Parker, Manu Ginobili und vormals Tim Duncan ihre Kritiker häufig genug Lügen straften, war der Rost an dem einen oder anderen Spieler in der Serie gegen Memphis nicht zu verkennen. In der Grind City erwischte der 34-jährige Parker ein Spiel mit null Punkten und null Assists. Dabei spielte er immerhin 19 Minuten.


LaMarcus Aldridge ist drei Jahre jünger, fand gegen die Grizzlies aber auch nicht so recht in die Serie. Sein Punkteschnitt sank um drei Zähler im Vergleich zur Hauptrunde. Der von Pau Gasol halbierte sich sogar fast von 12,4 auf 6,5. Gegen Memphis konnten die Spurs die ausbleibenden Punkte der Starter über die deutlich bessere Bank kompensieren.

Gleiches wird gegen Houston nicht funktionieren. Die Rockets haben die wattstärkste Ansammlung von Mikrowellen aller Playoff-Teams bei sich auf der Bank sitzen. Wenn San Antonio zum 14. Mal in die Conference Finals einziehen will, ist es unabdinglich, dass Parker, Aldridge, Gasol und auch Danny Green die Leistung aufs Parkett bringen, die die Spurs zu 61 Siegen führten. Denn mit Teams, bei denen in der Offensive alles über einen Mann geht, kennen sich die Rockets nach ihrem Duell mit den Thunder bestens aus.


Marquee Matchup
Wenn in der NBA ein MVP für die erste Playoff-Runde gewählt werden würde, dann hätte Kahwi Leonard gute Chancen gehabt, das Ding abzuräumen. Der Franchise-Player der Spurs überzeugte mit 31,2 Punkten im Schnitt bei Wurfquoten mit denen selbst im 50-40-90 Club kaum jemand mithalten kann.


James Harden mag etwas mehr gescort haben. In Sachen Effizienz sollte er den Vergleich mit Leonard jedoch scheuen. An 55 Prozent aus dem Feld, 48 von Downtown und 97 von der Freiwurflinie führt kein Weg vorbei. Schon in der regulären Saison hatte der 25-Jährige im Duell mit Harden mächtig aufgedreht. Unvergessen sind seine 39 Punkte inklusive dem Spiel entscheidenden Block gegen den Bart Anfang März.

Bei der Wahl des Hauptrunden-MVP wird Leonard Harden wegen seiner unauffälligen Art wohl den Vorrang lassen müssen. Doch genau diese Introvertiertheit könnte nun sein Vorteil werden. Der Spur konzentriert sich nur auf sein Spiel und wird alles dafür geben, Houstons Nummer 13 in der Verteidigung die Luft zum Atmen zu nehmen.


Warum Houston gewinnt
Das 4-1 Triumph über die limitierten Thunder war souverän und letztlich nie gefährdet, vor allem auf heimischem Parkett. Und das obwohl die Rockets deutlich unter ihrem Niveau agierten: Ryan Anderson (12,5%), Trevor Ariza (18,8%), James Harden (24,0%) und Eric Gordon (35,5%) trafen teilweise unterirdisch von Downtown, fanden aber trotzdem Wege, sich konstruktiv einzubringen und die Partien zu gewinnen.

„Live by the three, die by the three“ – galt für die eigentlich so vom Distanzwurf abhängigen Rockets in der ersten Runde nicht. Für die Serie gegen die Spurs ist deswegen niemand besorgt oder panisch, denn die genannten Scharfschützen werden nicht noch weitere Backsteinhäuser bauen, schlimmer geht nimmer.

Wenn sie auch nur zu ihrer Normalform zurückkehren, setzt das die Spurs (in der Regular Season 25. in Three Point Attempted, 17. in Three Points Made) schon gehörig unter Druck. Einzig drei Spieler San Antonios – Leonard, Patty Mills und Danny Green – strahlen von der Dreierlinie wirklich Gefahr aus. Popovichs Truppe ist für einen offenen Schlagabtausch nicht gerüstet, umso mehr wird ihn Houston herbeiführen.


Seit dem Gewinn der Championship 2014 sind die Spurs nicht mehr in die Conference Finals eingezogen und scheiterten jeweils an dynamischeren Gegnern, die den Veteranen ihr Tempospiel aufzwangen. Von den ebenfalls rüstigen Memphis Grizzlies drohte diese Gefahr nicht, von Houston umso mehr.

Die Rockets weisen den dritthöchsten Pace-Wert der Regular Season auf, die Spurs den viertniedrigsten. Der Grund findet sich im Alter einiger der Schlüsselspieler. Tony Parker (34), Pau Gasol (36) und David Lee (34) standen allesamt gegen die Grizzlies pro Abend über 20 Minuten auf dem Feld.

„Jungspund“ LaMarcus Aldridge mag sich mit seinen erst 31 Jahren noch auf dem körperlichen Zenit befinden, hatte aber noch nie seine Stärken im Tempospiel, was auch ihm in diesem Matchup etwas Wind unter den Flügeln nimmt.

In der zweiten Runde, nach sechs kraftraubenden Partien gegen das Grindhouse, werden die Beine der Altmeister noch ein wenig schwerer sein – das ist Houstons Chance. Angeführt von James Harden werden die Roten in gewohnter Manier den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen, schnelle Fastbreaks laufen und mit ihrem Dreierregen den Spurs das eigene Spiel aufzwingen.

Tony Parker war gegen Memphis nach Kawhi der entscheidende Faktor pro San Antonio, trifft nun aber auf Patrick Beverley, der – trotz dessen exquisiter Zahlen in den ersten drei Vierteln – Russell Westbrook weitestgehend stark verteidigte. Parker ist längst nicht (mehr) so dynamisch und athletisch wie Russ, sein Wurf sogar noch schlechter. Houstons „Wolverine“ hat folglich die Klingen für den französischen Point Guard geschärft.

Und zu guter Letzt: Wir erinnern uns alle, was beim letzten Mal passierte, als diese beiden Teams aufeinandertrafen.


X Faktor Rockets
Wieder die Bank. Lou Williams, Eric Gordon und Nenê haben gegen die Thunder den Unterschied gemacht und sind auch dieses Mal ein signifikanter Faktor. Mit einem Net Rating von 15,4 weist die zweite Reihe der Raketen den bisher besten Wert der Playoffteams auf, gefolgt von – den Spurs mit 11,8. In der regulären Saison hatte San Antonio mit 8,9 den Bestwert.


Eine Kernschmelze wie bei den Thunder ist von der Bank des texanischen Rivalen daher nicht zu erwarten, im Gegenteil. Umso wichtiger, dass das besagte Trio seinen Wert aus Runde eins nicht nur bestätigt, sondern ausbaut, somit die eigenen Starter entlastet und den Druck auf die gegnerischen erhöht.

Außerdem besteht die Möglichkeit der Rückkehr von Sam Dekker, der seit Anfang April wegen einer gebrochenen Hand ausfällt. Der 18. Pick des 2015 Drafts gäbe Coach Mike D'Antoni eine zusätzliche adäquate Option von der Bank.


Marquee Matchup
Trevor Ariza gegen Kawhi Leonard. Leonard gibt bei den Spurs den Takt an, Popovichs Truppe ist von „The Klaw“ so abhängig wie wahrscheinlich noch nie von einem einzelnen Spieler in seiner langen Regentschaft. 31,2 Punkte, 6,0 Rebounds, 2,0 Steals und ein Net Rating von 16,3 bei einer Usage von 31,3% in der ersten Runde gegen die Memphis Grizzlies sprechen für sich.

Daher ist es an Houstons bestem Flügelverteidiger, Leonards Kreise einzugrenzen. Nicht nur um den gegnerischen besten Scorer zu limitieren, sondern auch um ihm defensive Energie zu nehmen und daher James Harden einen Vorteil zu verschaffen, der es in Ballbesitz meistens mit Kawhi zu tun bekommen wird.


Trevor Ariza fand gegen die Thunder offensiv kaum statt (6,2 Punkte pro Spiel), war aber defensiv unter anderem gegen Russell Westbrook und Victor Oladipo wesentlich daran beteiligt, dass die Rockets ihre Spiele auf den letzten Metern gewannen.

Nun bekommt es der 31-Jährige mit dem nächsten MVP-Kandidaten zu tun, dieses Mal als Hauptaufgabe. Weil sich in Houstons Aufgebot kaum eine Alternative auftut, um den 2,01 Meter großen Leonard zu verteidigen, wird Mike D'Antoni die Spielzeit Arizas möglicherweise exakt auf jene Kawhis abstimmen, ähnlich wie es die Thunder mit Andre Roberson und James Harden taten.

Kawhi Leonard steht wie kein anderer seiner Teamkollegen zwischen den Rockets und dem Einzug in die Conference Finals. Ariza ist der Schlüssel, ihn zu knacken – erst recht, wenn er auch wieder seine Würfe trifft.


Die Rechnung, bitte!