01 Mai 2017

1. Mai, 2017


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht’s jetzt ans Eingemachte: Nur für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – wir haben wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel & JAN WIESINGER @WiesiG

Entrée
Mit den nach der regulären Saison zweitplatzierten Cleveland Cavaliers und den drittplatzierten Toronto Raptors treffen in dieser Serie zwei auf dem Papier gleich starke Teams aufeinander.  Die Cavaliers dürfen sich dabei dennoch über den nicht unerheblichen Heimvorteil erfreuen, da sie drei der vier direkten Aufeinandertreffen für sich entscheiden konnten.

Die Serie ist zudem eine Neuauflage der letztjährigen Conference Finals im Osten. Vor knapp einem Jahr konnte der spätere Champion aus Cleveland dieses Duell mit 4-2 für sich entscheiden.

Die Cavaliers gehen gut ausgeruht in die Serie. Der 4-0-Sweep gegen die Indiana Pacers in der ersten Runde war schlussendlich trotz einiger enger Partien eindeutig. Die in ihrer Erstrundenserie ebenfalls favorisierten Raptors hatten mit den Milwaukee Bucks erhebliche Probleme, konnten sich aber final mit 4-2 durchsetzen.


Die Buchmacher sehen die Cavaliers in dieser Serie als deutlichen Favoriten. Wer aber glaubt, die Serie sei ein reines Rematch des letztjährigen Aufeinandertreffens, irrt. Cleveland steht nicht mehr alleine an der Spitze des Ostens.

Auch die Raptors haben durch intelligente Additionen den Abstand zu Lebron & Co verringern können, was die identische 51-31-Bilanz der beiden Teams nach der regulären Saison eindrucksvoll beweist. Aber kann Toronto dem amtierenden NBA-Champion auch in einer Playoff-Serie ernsthaft gefährlich werden?


Warum Cleveland gewinnt
Mit einem unspektakulären Sweep hat sich Cleveland gegen die Pacers auf dem ersten Blick problemlos durchgesetzt. Die Serie war jedoch deutlich knapper, was erneut an der fahrlässigen Defensive lag. Mitunter wurde Indiana zu offenen Körben eingeladen, aber wenn es drauf ankam, lieferte der Champion von 2016 ab.



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Überzeugend waren die Vorstellungen dennoch nicht, obgleich der berüchtigte Schalter gefunden wurde. LeBron James befand sich mit 32.8 ppg, 9.8 rpg, 9 apg, drei Steals und zwei Blocks in Triple-Double-Sphären. Er bleibt der Taktgeber und war abermals die gefährlichste Waffe von Tyronn Lue, der seinen Star pro Partie nur knapp vier Minuten Schonzeit gab.

Solange bei LBJ keine Verschleißerscheinungen auftreten, ist der Small Forward von keinem Team der Welt aufzuhalten. Diese Erfahrung hat Toronto nicht nur in den letztjährigen Conference Finals (4-2) gemacht; auch die reguläre Saison ging mit 3-1 an Cleveland, sodass Sorgenfalten trotz der eigenen Schwierigkeiten nur bedingt entstehen.

Zudem ist eine Leistungssteigerung von Kyrie Irving und Kevin Love zu erwarten. Beide sind noch nicht vollkommen in den Playoffs angekommen. Sollten die Cavs gar ihre Verteidigung ansatzweise in den Griff bekommen, kann es sogar eine verdammt klare Kiste werden. Die Raptors gehören zwar zu den besten Teams bei gegnerischem Ballbesitz, aber sobald Cleveland heiß läuft, gehen die Lichter in Kanada aus.


X Faktor Cavs
Die Schützen müssen ihre Dreier treffen – nicht mehr, nicht weniger. In den vier Partien der ersten Runde hatte der Favorit der Eastern Conference einen großen Vorteil aus der Distanz.

Die Cavaliers jagten 40.3% ihrer Versuche von Downtown durch die Reusen und beinahe jeder Akteur hatte Fabelquoten; gleich acht Spieler versenkten mindestens 38.5% ihrer Versuche. Genau das soll der Supporting-Cast um James auch leisten.


Dabei ließ ausgerechnet Irving mit 7-32 Versuchen beziehungsweise 21.9% zu wünschen übrig. Dieser Wert wird sich eher nach oben als nach unten korrigieren, da Uncle Drew vom Höhepunkt seines Schaffens noch einige Prozentpunkte entfernt ist

Die Raptors ließen gegen die Bucks die höchste Quote von außen zu (41.2%), weil die Zone wegen Giannis Antetokounmpo zugestellt wurde. Da aber besonders James und Irving den Korb attackieren werden, wird es offene Spots für das Team von Coach Lue geben. Diese Gelegenheiten müssen erneut hochprozentig genutzt werden.


Marquee Matchup
Der amtierende Champion hat mit 451 Punkten lediglich 16 mehr erzielt als Indiana. Das zweitbeste Offensive Rating (118.9) trügt also, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Vorstellung am eigenen Korb weiter zu wünschen übrig lässt (Defensive Rating:114.7). Die Raptors verstehen ihr Handwerk in der Defensive. Cleveland wird größere Schwierigkeiten haben, selbst zu scoren, wenn der Dreier nicht in Ansätzen fällt wie zuletzt.


Deshalb muss nun endlich ein Fortschritt in der Verteidigung erfolgen. Hier ist vor allem die Starting Lineup gefragt. Das Net-Rating war mit -2.4 zuletzt negativ. Lue zeigte beim historischen Game 3 (25-Punkte-Rückstand gedreht), dass im Zweifel Irving, Love und J.R. Smith obsolet sind, wenn sie ihren Job nicht komplett erledigen. Zwei Drittel einer Big Three zu benchen, kann in der Postseason jedoch kein Erfolgsrezept sein.



In punkto körperlicher Frische genießen die Cavs einen klaren Vorteil. Das Selbstvertrauen stimmt ebenfalls. Es fehlt nur noch eine allumfassende überzeugende Vorstellung, aber dafür muss Cleveland auf dem Weg zur Titelverteidigung auch gegen den Spalding abliefern.


Warum Toronto gewinnt
GM Ujiri hat das Team nach dem letztjährigen Ausscheiden gegen die Cavs für genau dieses Aufeinandertreffen adjustiert und geformt. Der kluge Manager weiß: Wenn du den Osten gewinnen willst, musst du an den Cavaliers vorbei.

Der Kader der Raptors besticht durch die Flexibilität, die durch Spieler wie Ibaka & Tucker insbesondere am defensiven Ende des Feldes enorm gesteigert wird. Tucker kann als Primär-Verteidiger von Cavs-Superstar LeBron James eine enorme Entlastung für DeMarre Carroll darstellen. Ibaka konnte in der Erstrundenserie zeigen, wie wichtig seine Athletik und Präsenz unterm Korb für die Defensive eines NBA-Teams immer noch sein können.

Offensiv war die Serie gegen die Bucks hingegen schwer verdauliche Kost für den Power Forward. Die Erwartungen an den Spanier, durch seine Reichweite Räume für Drives der Raptor-Guards zu schaffen, konnte dennoch Ibaka erfüllen.

Gegen Cleveland bekommt vor allem Ibakas Rolle als mobiler, athletischer Verteidiger eine besondere Bedeutung, um Clevelands kleineren Aufstellungen und insbesondere Kevin Love den Dreier und den Aktionsradius zu beschränken.

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Im deutlichen Gegensatz zu den Spielen gegen die Bucks wird die Perimeter-Verteidigung der Raptors in dieser Serie eine besondere Rolle einnehmen. Anders als die Bucks haben die Cavaliers den Dreipunktewurf in ihrer DNA verinnerlicht.

Am anderen Ende des Feldes kann sich Toronto auf seine altbekannten Stärken verlassen. Die größte Stärke heißt DeMar DeRozan. Dieser ist mit einem unwiderstehlichen Scoring-Drive ausgestattet. Den Cavaliers mangelt es hier deutlich an einer probaten Option, den Allstar in seine Schranken zu weisen.

Ein weiterer Allstar der Raptors ist Kyle Lowry, der sich nach einer Operation an seiner rechten Hand erst kurz vor Beginn der Playoffs fit meldete. Vorher erzielte Lowry mit 22,4 Punkten und 41,7% Dreierquote offensive Bestwerte. In der Serie gegen die Bucks lieferte Lowry solide, aber nicht überragend ab.

Dieses Prädikat darf jedoch getrost an Norman Powell verliehen werden.
Der Sophomore traf in der ersten Playoffrunde über 90% seiner Dreipunktversuche und stellte eine verlässliche Offensivoption für die Kanadier dar. Gelingt dies in der Serie gegen die Cavs auch nur annähernd, dürfte das deren Defensive vor enorme Probleme stellen.


X Faktor Raptors
Hier kann nur Kyle Lowry genannt werden. Der erschien in der ersten Runde entgegen den Erwartungen einiger Experten überraschend fit. Und das muss er auch sein, ist der mittlerweile 31-jährige Point Guard doch die Schaltzentrale des Spiels der Raptors.


Lowry kann aus dem Pick-and-Roll heraus seine dynamischen Drives initiieren, dabei selbst am Korb abschließen oder den offenen Mann finden. Platz sollte ihm dabei nicht zugestanden werden, trifft der zehnjährige Veteran seinen Dreier in dieser Saison doch brutal akkurat.

Kyle Lowry ist Torontos wichtigster Spieler, ohne dessen Bestleistungen ein Sieg gegen die Cavaliers kaum möglich scheint. Wie stark aber wirkt sich die mangelnde Spielpraxis des Veteranen aus, wenn er über eine ganze Serie mit mehr als 40 Minuten pro Spiel auch noch gegen einen Top-Guard wie Kyrie Irving verteidigen muss?


Marquee Matchup
Raptors-Defender gegen LeBron. Punkt. Kann Toronto James stoppen? Geht das überhaupt? Sind nicht alle, die jemals im Vorfeld einer Serie hoffnungsvoll als „LeBron-Stopper“ bezeichnet wurden, kläglich gescheitert?


Einer von denen war auch DeMarre Carroll. Der hat in Runde eins nicht wirklich viele Minuten gesehen, denn seine Fähigkeiten wurden noch nicht wirklich benötigt. Wenn die Nummer mit Carroll nicht klappen sollte, kann Coach Dwane Casey mit seinem flexiblen Spielermaterial auch Tucker oder Ibaka gegen James stellen.

Dass ein Superstar mit James’ Format nicht aus dem Spiel genommen werden kann, ist jedem noch so optimistischen Raptors-Fan klar. Das geht nur, wenn LeBron auch defensiv konsequent attackiert wird. Und spätestens da kommt das Guard-Duo der Raptors erneut ins Spiel.


Die Rechnung, bitte!