31 Mai 2017

1. Juni, 2017


Die Finals sind da! Nach drei Vorspiel-Runden an beiden Küsten ist der Moment der Wahrheit angebrochen: Ab Donnerstag starten die dritte Auflage der Golden State Warriors und Cleveland Cavaliers. Im internen Finals-Duell steht es 1-1. Wer macht's dieses Jahr?

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports & ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Entrée
Zum ersten Mal in der Geschichte der NBA treffen drei Spielzeiten in Folge die gleichen zwei Teams in den Finals aufeinander. Von Langeweile kann trotzdem keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, der Großteil NBA-Fans konnte die Endspielserie gar nicht mehr erwarten und das hatte gute Gründe.

Beide Teams fegten nur so durch ihre Conference. Für Golden State und Cleveland geht es nun erstmals in der Postseason 2017 gegen einen Kontrahenten, der sie richtig fordern wird. Durch das Upgrade Kevin Durant werden die Warriors als klarer Favorit gehandelt, aber waren sie das nicht auch im letzten Jahr?


Die Duelle in der regulären Saison gingen genau so aus, wie es in der Finalbilanz zwischen den beiden Franchises steht. Die Warriors und Cavaliers können je einen Sieg vorweisen. Der Erfolg der Cavs an Weihnachten war dank eines ausgebliebenen Foulpfiffs jedoch mehr als schmeichelhaft.

Doch was ist schon die reguläre Saison? Die Cavaliers konnten seitdem den sagenumworbenen Schalter umlegen. Sie sind kein völlig anderes Team, aber eines, das seine Stärken hervorragend ausspielt und seine (defensiven) Schwächen besser zu verstecken weiß.

Es heißt einmal mehr: DAS Superteam der NBA-Neuzeit gegen DEN Superstar der vergangenen Dekade. Play ball...


Warum Golden State gewinnt
Weil sie das beste Team der NBA sind! Das war Golden State zwar auch schon im letzten Jahr, wo es nicht zum Titel reichte. Doch der „Warriors-blew-a-3-1-lead-meltdown“ war genau deshalb etwas besonderes, weil es so etwas nie zuvor gegeben hatte und wohl auch so bald nicht mehr geben wird.


Das Team in Oakland mag in der regulären Saison weniger Spiele gewonnen haben als 2015/16. Dass die Warriors sich im Vergleich zu den letzten Finals verschlechtert haben, behauptet trotzdem niemand. Zu Recht: Mit der Ankunft von Kevin Durant wurde Steve Kerrs Truppe noch unberechenbarer.

In der Hauptrunde stellte „Strength In Numbers“ den effizientesten Angriff und verfehlte den Platz an der Sonne beim Körbeverhindern nur um 0,2 Punkte pro 100 Ballbesitze. Auch in den Playoffs konnte kein anderes Team das daraus resultierende Net-Rating toppen.


Getoppt wurden die Warriors eh schon lange nicht mehr. Golden State ist das erste Team in der Geschichte der NBA, das mit einer 12-0-Bilanz in die Finals einzogen ist. Die Franchise aus der Bay-Area hat zuletzt am 10. April eine Partie verloren und dort ging es kurz vor Schluss der Hauptrunde um rein gar nichts mehr.


X Faktor Warriors
In den Finals 2016 kosteten die Warriors ihr Hang zu unnötigen Turnovern und die vielen zugelassenen Offensiv-Rebounds den Titel. Hier heißt es Tristan Thompson unter Kontrolle zu bringen. Der Kanadier pflückt mit 4,2 Abprallern pro Spiel am gegnerischen Brett schon wieder nach Lust und Laune.

Zaza Pachulia wird hier nicht die Lösung sein, die Athletik von JaVale McGee schon eher. Der ehemalige „Shaqtin-A-Fool“-MVP hatte seine Karriere in der Bay Area wiederbelebt. Vorne muss er nur Lobs verwandeln und hinten bietet er zumindest ansatzweise den Ringschutz, der wegen des Abgangs von Andrew Bogut fehlt.


Die Verletzung des Australiers ließ die Endspielserie vor zwölf Monaten kippen - genauso wie die Sperre von Draymond Green. Wenn es der Big Man schafft, seine Signature-Tip-Kick-Bewegung in die Leistengegend des Gegners zu vermeiden, ist den Warriors schon jede Menge geholfen.


Marquee Matchup
Draymond gehört zu den drei besten Verteidigern der Liga. So viel ist vor der NBA Award Show am 26. Juni klar. Seine Performance in den Finals wird die Vergabe des Defensive Player of the Year nicht beeinflussen. Für den Titel wird Golden State jedoch einen Green ein Bestform benötigen.

Seine Aufgabe könnte schwieriger nicht sein. Green soll die Mensch gewordene Abrissbirne LeBron James in Schach halten. Aus dem Spiel nehmen kann den vierfachen MVP niemand. Seine Fabelwerte von 32,5 Punkten, 7 Assists und 8 Rebounds im Schnitt bei 56 Prozent aus dem Feld und 42 Prozent von Downtown gilt es jedoch vor einer weiteren Leistungsexplosion zu bewahren.


Apropos Dreierquote: Hier würde Golden States Nummer 23 seinen Teamkollegen einen großen Gefallen tun, wenn er seine Playoff-Effizienz von 47 Prozent getroffener Würfe halten kann. Fällt die Quote auf das Niveau der regulären Saison (30 %), könnte sich Cleveland wieder mehr auf die Shooter Curry, Thompson und Durant konzentrieren.


Warum Cleveland gewinnt
Der amtierende NBA-Champion besitzt keine Chance auf die Titelverteidigung. Das ist die Auffassung außerhalb von Cleveland, zwischen der Bay Area und etwaigen Buchmachern wie Analysten. Demnach werden die Warriors die Finals mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 93 Prozent (ESPN Basketball Power Index) gewinnen. Ein Team um LeBron James galt zuletzt in der ersten Endrunde des besten Ballers dieser Welt (2007, 0-4 gegen die Spurs) als derart krasser Außenseiter.

"Ich finde dieses Gerede um unseren Underdog-Status lustig. Wir nehmen das als Motivation“, fand Kevin Love die jüngsten Prognosen gegenüber Cleveland.com amüsant, aber eigentlich sind sie respektlos. Spätestens seit dem historischen Comeback im Vorjahr muss jeder wissen: Mit den Cavaliers ist zu jedem Zeitpunkt zu rechnen. Dafür gibt es gute Gründe.


Zwar waren die bisherigen Playoffs in der Eastern Conference kein Maßstab für den Meister, aber die Cavs zeigten wöchentlich Fortschritte. Während LBJ weiter gen Basketball-Olymp klettert und nun der beste Scorer der Playoff-Geschichte ist, hat auch die Franchise zahlreiche Meilensteine aufgestellt. Dabei überzeugte abermals die Offensive: Mit mehr als 122 Punkten pro 100 Ballbesitzen stellt Cleveland derzeit den besten Postseason-Angriff der Geschichte.

Diese brachiale Attacke war selbst von versatilen Defensivspezialisten wie den Celtics nicht zu bändigen – im Gegenteil. Mit 43,5% trifft niemand den Dreier besser als der von Scharfschützen gespickte Kader vom Lake Erie. Neun der 13 eingesetzten Akteure schmeißen mindestens brandheiße 40% von draußen. Auch die generelle Field Goal Percentage weist mit 50,7% den besten Wert der wichtigsten Saisonphase auf. Findet Cleveland also zum gewohnten Rhythmus, kommt es zum Shootout.

Des Weiteren hat Tyronn Lue eine gute Entwicklung genommen, die gerne vernachlässigt wird. Der Coach nimmt zum richtigen Zeitpunkt Auszeiten und sagt effektive Plays an. Keine Playoff-Franchise schließt nach Timeouts besser ab (47.4%). Starten Curry, Durant und Co. einen Lauf, hat der 40-Jährige (wahrscheinlich) eine passende Antwort parat. Das wird vor allem am eigenen Ende wichtig sein, aber dazu später mehr.

Am wichtigsten bleibt jedoch die alleinige Präsenz von James. Er legt abermals fabelhafte Werte auf und wirkt in seinen Entscheidungen abgeklärter denn je.

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Als Boston in den Eastern Conference Finals für die bislang einzige Pleite der Cavs sorgte (108-111), erwischte Bron einen rabenschwarzen Abend (4-13). Eine solche Off-Night wird es in den kommenden Tagen nicht geben. Die Cavaliers haben das Gefühl einer Pleite erfahren – Golden State hingegen nicht.

Das kann im besten Fall ein Trumpf sein, ebenso wie der nicht vorhandene Heimvorteil, denn Cleveland feierte in Oakland den Titel – und wird dieses Kunststück auch wiederholen. Angetrieben von der Obsession, chancenlos zu sein.

X Faktor Cavaliers
Anders als nach den vorangegangenen Zeilen anzunehmen, ist nicht etwa James der X-Faktor aus Cavs-Sicht. Eine hervorragende Produktion der Nummer 23 ist bereits vor Tip-Off von Game 1 in jeglichen Box-Scores manifestiert. Mit Durant anstelle von Harrison Barnes besitzt der Gegner ein monströses Upgrade in den eigenen Reihen, weshalb LBJs Verschnaufpausen in der Defense auf ein Minimum reduziert sein dürften.

James braucht daher Entlastung. Über 30 Prozent aller Abschlüsse wurden zuletzt von ihm genommen, ein solides Drittel aller erfolgreichen Treffer assistierte er ebenfalls. Daher ist es wenig überraschend, dass er die Playoff-Win-Shares mit 3,3 anführt.

Gefragt sind deshalb vor allem Kyrie Irving und Love. Während der Power Forward mit einem Double-Double nicht nur eine statistisch ordentliche Postseason absolviert, lässt Cavs-Sympathisanten der Eindruck nicht los, dass Uncle Drew noch mindestens einen Schalter offen hat. Vor allem der Dreier fiel mit zuletzt 35.3% im Vergleich zum Team-Schnitt unterdurchschnittlich. Auch die 6,6 Punkte pro Spiel von J.R. Smith sind zu wenig.

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Hier hat derweil die Bank einen gigantischen Sprung gemacht: Das Net-Rating der Rotation ist von -1,3 in der regulären Runde auf 8,6 geschnellt. Die Klasse von Deron Williams und Kyle Korver, die beide letztes Jahr noch nicht das „wine & golden“-Jersey trugen, oder Channing Frye zahlt sich also voll aus. Deshalb müssen die Veteranen in ihren limitierten Minuten für entsprechende Punches sorgen.


Marquee Matchup
Wer auf Curry, Durant, Thompson und Green trifft, hat eine einfache wie simple Frage zu beantworten: Wie stoppe ich diese Naturgewalt? Zugegeben, die Verteidigung der Cavaliers ist gewiss nicht die beste der NBA, aber eine positive Entwicklung ist seit Mitte April definitiv zu erkennen. Das bestätigt das Defensive Rating, denn Cleveland weist mit 104,6 den drittbesten Wert hinter den Bucks (101,5) und den Warriors auf (99,1).

Wie sattelfest jedoch die Arbeit gegen den Spalding ist, wird sich erst in der Nacht zum Freitag offenbaren. Cleveland lieferte in den wichtigsten Spielen seit der Rückkehr von James stets ab, aber einfaches Doppeln, das beispielsweise gegen die Pacers und Raptors hervorragend funktioniert hat, wird bei GSW auf Granit stoßen – zumindest auf Dauer.

Mit Irving und Love steht doppelter Ballast in der Starting Five, was die Sache gegen vier All-Stars nicht leichter macht. Deshalb ist die Entlastung für James auch von eminenter Bedeutung, denn der 32-Jährige wird das Gaspedal defensiv durchtreten müssen.

Wichtigster Akteur bleibt am eigenen Brett Tristan Thompson. Der Center ist aufgrund seiner Mobilität vor allem nach Switches gegen die Guards gefragt und wird versuchen, das Pick & Roll zu zermürben. Cleveland benötigt an allen Abenden diesr Serie überragende Vorstellungen des Defensiv-Junkies, der nach wie vor nicht den Stellenwert genießt, den er verdient.

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Mit James, Thompson, Smith, Iman Shumpert und Dahntay Jones, der wahrscheinlich nur Garbage-Time bekommen wird, stehen lediglich fünf Defender im Roster. Daher müssen von Love und Irving zumindest phasenweise gute Szenen kommen, ansonsten wird die Mission Titelverteidigung eine schwierige, vielleicht unlösbare. „The Stop“ macht Hoffnung.


Die Rechnung, bitte!