29 April 2017

29. April, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Oklahoma City Thunder.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

Saison 2016/17
Der Bundesstaat Oklahoma ist bekannt für seine gefährlichen Gewitter. Insofern ist es passend, dass die Saison für das Basketball-Team aus OKC mit einem echten Donnerschlag begann. Kevin Durant, Most Valuable Player von 2014 und einer der besten Scorer der Association, ließ sein altes Team einfach links liegen und ritt gen Oakland.

Superstars, die die Franchise verließen, die sie gedraftet hatte, das hatte es in der NBA schon einige Mal geben und in den meisten Fällen fand sich das abgebende Team anschließend zerstört am Boden wieder. In der Tat entwickelte sich in Oklahoma ein zerstörerischer Tornado, doch der Wirbelsturm verwüstete nicht die Chesapeake Energy Arena, sondern so ziemlich jede andere NBA-Arena.

Russell Westbrook hätte es so leicht gehabt, er hätte nach dem Abhang seines kongenialen Star-Partners ebenfalls darauf drängen können, die Thunder zu verlassen. GM Sam Presti hätte sicherlich einen für beide Seiten akzeptablen Trade finden können. Doch Russ wollte nicht weg. Seine Mission in OKC war nach dem 3:4 gegen die Warriors in den Conference-Finals noch nicht beendet.

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Er verlängerte seinen Vertrag sogar für 85,7 Millionen Dollar um drei Jahre. Im Gegensatz zu so einigen seiner Teamkameraden sollte er jeden Cent davon wert sein. Zu Westbrooks unfassbaren Triple-Double-Saison muss nichts weiter gesagt werden. Dafür erhielt er zu Recht den NBACHEF-MVP-Award. Dank der Nummer 0 erreichten die Thunder entgegen der meisten Voraussagen die Playoffs.

Spätestens dort entpuppte sich jedoch, wie weit ein einzelner Spieler eine NBA-Franchise tragen kann. Die Antwort lautete: nicht viel weiter. Russ spielte auch gegen die Rockets groß auf. Doch unter seiner abnormal hohen Usage-Rate von 47 % litt seine Effektivität. Besonders in den vierten Vierteln fehlte dem athletischen Guard oft die Kraft, weil es einfach keine Unterstützung gab.

Offseason Agenda
Die Thunder sind kein Contender mehr, dümpeln aber auch nicht im Rebuild-Modus rum. Auf lange Sicht ist das in NBA verpönnt. Auf lange Sicht könnte sich das aber auch wieder ändern. Mit Alex Abrines, Domantas Sabonis und vielleicht ja sogar Jerami Grant hat OKC ganz ohne Tanking drei hoffnungsvolle Talente in seinen Reihen. Für sie gilt es im Sommer weiter an ihren Schwächen zu arbeiten.

Für 2017/18 kommt die vakante Co-Star-Rolle neben Westbrook wohl für alle noch zu früh. Angesichts ihrer Erfahrung und ihres Einkommens liegt der Fokus hier eher auf Enes Kanter, Victor Oladipo und Steven Adams. Alle drei verdienen kommendes Jahr über 17,8 Millionen Dollar.


Die unbequeme Wahrheit: Keiner der Jungs produziert wie es sich für diese Gehaltsklasse gehört. Die Drei legten in den Playoffs 24 Punkte im Schnitt auf - in der Addition wohlgemerkt. Klar Kanter spielte kaum, aber eben weil er für jeden Korb, den er macht, auch einen zulässt. Was den Thunder fehlt, sind Spieler, die auf beiden Seiten des Feldes zugreifen.

Personal
Neben dem bereits erwähnten Trio und Westbrook haben Abrines, Singler, McDermott, Sabonis und Josh Huertis garantierte Verträge für die kommende Saison.

Allein mit diesen Spielern liegt OKC bereits über dem voraussichtlichen Salary-Cap von 101 Millionen Dollar. Viel Hoffnung auf Verpflichtungen in der Free Agency sollten sich die Fans in Oklahoma folglich nicht machen.


Hinzu kommen womöglich noch Jerami Grant (Team-Option) und Samaj Christon (nicht garantiert). Eigene Free Agents findet das Front Office in Andre Roberson, Taj Gibson, Nick Collison und Norris Cole.

Draft
Durch die Free Agency hat OKC noch nie Hochkaräter in die Stadt gelockt. Der Kern des Teams, das zwischen 2012 und 2017 dreimal in den Conference Finals stand, kam durch die Draft in den Sooners State. Damals waren die Thunder aber auch wesentlich früher am Zug. 2017 darf GM Sam Presti erst an 21. Stelle seine Fühler in den Talentpool ausstrecken.

Um in diesen Gefilden einen Spieler zu finden, der dem Team wenn möglich sofort oder sonst möglichst zügig weiterhilft, bedarf es schon einer Menge Glück. Offene Stellen finden sich im Thunder-Kader etwa auf der Back-Up-Position von Westbrook. Wie gut, dass die diesjährige Draft-Jahrgang zumindest auf der Guard-Position eine hohe Talentdichte aufweisen soll.

Ist die Wiese bei den Aufbauspielern schon abgegrast, sollte sich das Front Office nicht nur wegen dem potentiellen Abgang von Andre Roberson nach „Three-and-D“-Akteuren umsehen. Klar defensiv liegt die Latte in diesem Vergleich hoch, doch hier könnten die Verantwortlichen Abstreiche machen, wenn ihr neuer Flügel mehr als 3 von 21 Freiwürfen treffen kann …


Ihren Zweit-Runden-Pick haben die Thunder im vergangenen Sommer für die Verpflichtung von Joffrey Lauvergne geopfert. Hier ist folglich zuschauen angesagt.

Zukunft
Finanzielle Flexibilität. Die beiden Lieblingswörter von Thunder-Besitzer Clay Bennett. Der Geschäftsmann war 2012 nicht mal bereit, für ein mögliches Championship-Team Luxussteuer zu bezahlen. Anderenfalls hätte James Harden Bennetts Team kürzlich nicht aus den Playoffs geschossen. Im vergangenen Jahr wurde Serge Ibaka aus ähnlichen Gründen nach Orlando geschickt - im Tausch für Victor Oladipo und Domantas Sabonis.


Es sollte also nicht verwundern, wenn OKC sein Glück wieder auf dem Trade-Mark versucht. Enes Kanter würde man wohl lieber früher als später nur noch im Auswärtstrikot in der Chesapeake Energy Arena sehen. Doch was ist ein Spieler wert, der in der Postseaon nur 9 Minuten pro Spiel auf dem Hardwood stand?

Ähnliches gilt für Victor Oladipo. Der Nummer-Zwei-Pick von 2013 ist in seiner Rolle als Wing-Man von Russell Westbrook durchgefallen. Dank des 84 Millionen-Vertrags, den ihm die Thunder unbedingt im Oktober schon anbieten mussten, dürfte sich das Interessen stromauf- und abwärts des North Canadian River ebenfalls in Grenzen halten.

Wahrscheinlich bleibt den Fans also nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass Talente wie Abrines oder Sabonis einen ordentlichen Leistungssprung machen. Der ist bei Russell Westbrook nicht mehr möglich. Hier könnte dafür weniger mehr sein. Seine Fähigkeiten stehen außer Frage. Doch die Nummer 0 neigt immer noch dazu, gelegentlich mit dem Kopf durch die Abwehrwand zu wollen, die gegnerische Teams vor ihm aufbauen.

Hat Westbrook eine ganze Saison verlässliche Schützen an seiner Seite, könnten seine Drives noch effektiver werden. Bis zur Rückkehr in die Conference Finals ist es noch ein langer Weg. Doch Russ hat sich bewusst für die steinige Tour entschieden. Nun schuldet die Franchise es ihm mitzuziehen.