28 April 2017

28. April, 2017


Die Top-Klubs machen den NBA-Titel unter sich aus, während die meisten Franchises die Saison 2016/17 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Zum Auftakt: die Milwaukee Bucks.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Saison 2016/17
Es war eine Rollercoaster-Saison in Milwaukee, wo die Bucks vor Beginn der Spielzeit 2016/17 von Buchmachern bei weniger als 30 Siegen verortet wurden. Dass das Team von Head Coach Jason Kidd zwei fatale Verletzungen wegsteckte und dennoch die Playoffs erreichte, muss als Erfolg gewertet werden.

Ohne Khris Middleton, ihren besten Spieler der Vorsaison, kamen die Bucks solide aus dem Startblock. Durchwachsenen Leistungen der vielen Rollenspieler, vor allem aber die immense Verbesserung der beiden Youngster Giannis Antetokounmpo und Jabari Parker, schoben die jungen Hirsche auf über 50 Prozent Erfolgsquote zum Jahreswechsel.

Ein verheerender Januar mit zehn Niederlagen aus elf Partien ließ Skeptiker bereits an eine verlorene Saison glauben. Just als Middleton in die Lineup zurück kehrte, erlitt Parker einen Kreuzbandriss - ein weiterer, herber Schlag für den Forward und seinen Klub.


Was dann passierte, werden Bucks-Fans so schnell nicht vergessen: Middletons Comeback katalysierte einen zischend heissen März, der Milwaukee dank ausgezeichneter Defensive von sieben Spielen unter .500 auf vier drüber und in die Postseason powerte. 42-40 Siege waren am Ende gut genug für Setzplatz sechs und ein Playoff-Duell mit Toronto.

Dort verlangten Kidds Truppen den Raptors viel ab. Zwar setzte sich die Erfahrung und Tiefe der Kanadier gegen offensiv überforderte Bucks letztendlich durch. Deren Lernzuwächse und Wiederholungen unter Druck lassen die Zukunft aber noch aussichtsreicher erschimmern, als das Antetokounmpos Aufstieg zum Superstar vermuten hat lassen.

Offseason Agenda
Milwaukee muss respektive kann in der Offseason nicht besonders viel tun. Die Möglichkeiten, den Kader entscheidend zu verändern/verstärken, sind begrenzt. Die beste Möglichkeit stellt die Midlevel Exception dar. Wie viel finanziellen Spielraum GM John Hammond zur Disposition haben wird, hängt von den Entscheidungen Greg Monroes und Spencer Hawes' ab.

Beide Big Men haben Spieleroptionen, können also aus ihren bestehenden Verträgen aussteigen - oder eben nicht. Insbesondere der üppig entlohnte Monroe wird es schwer haben, die ausstehenden 17,9 Mio. $ zu egalisieren, die ihm für 2017/18 noch zustehen. Auch Hawes ist mieser als sein Paycheck.


Hammond kann und wird weiterhin versuchen, Backup-Center Monroe zu traden. Da ihm das bisher nicht gelungen ist, sollten Bucks-Fans auch diesmal nicht allzu viel erwarten. 'Moose' ist ein netter Joker von der Bank, nicht mehr. Im besten Fall kann der GM einen Draft-Pick anheften, um den schwerfälligen Fünfer loszuwerden. Der beste Fall tritt vermutlich nie ein. Hawes kann fast gar nichts.

Dieser Klub sollte geduldig bleiben und seinen Kern analysieren, bevor radikale Schritte vollzogen werden, um den Prozess zu beschleunigen. Dazu zählt auch, Antetokounmpo, Middleton und Parker gemeinsam auf dem Parkett zu studieren. Passen diese drei zusammen, und bleibt Milwaukee dann ähnlich erfolgreich wie bisher?

Die Addition von Schützen muss obersten Priorität geniessen. Ob in Form weiterer Three-and-D Flügel, Backup-Guards oder Stretch Bigs, spielt keine Rolle. Die Bucks zählten zu den schwächsten Dreierteams der Liga. Der Mangel an offensiven go-to Optionen, die zumindest ihre Würfe treffen, wurde gegen Toronto offensichtlich. Je mehr Raum Antetokounmpo geniesst, desto verheerender entfaltet sich sein lückenloses Skillset.

Personal
Neun Bucks stehen über den Sommer hinaus sicher unter Vertrag: Antetokounmpo, Parker, Middleton, Brogdon, Maker, Henson, Mirza Teletovic, Matthew Dellavedova und Rashad Vaughn. Der Vertrag von Gary Payton II. ist nur teilweise garantiert. Milwaukee kann ihn entlassen.

#FearTheDeer

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Monroe und Hawes besitzen Early Termination Optionen, können also aus ihrem bestehenden Deal aussteigen und neu verhandeln - entweder mit den Bucks oder einem beliebigen anderen Team.

Die Veteranen Jason Terry und Michael Beasley gehen in die Unrestricted Free Agency; Tony Snell ist Restricted Free Agent, kann also gehalten werden, falls das Management befindet, dass der 25-Jährige weiter Teil der Zukunft sein soll.

Bis zu einem gewissen Preisschild sollte er das. Snells Länge (2,01m) und Treffsicherheit von Downtown (41%) machen ihn zu einem geschätzten, wenngleich nicht unverzichtbaren Teilstück in Kidds Perimeter-Kette.

Die auf ihre Art limitierten Henson, Hawes und Vaughn spielten in Kidds Playoff-Rotation überhaupt keine Rolle mehr. Das war nicht Matchup-basiert, sondern Skill-basiert. Keiner dieser drei wird über kurz oder lang relevanter.

Draft
Die vergangenen fünf Erstrundenpicks Milwaukees laufen nach wie vor im Bucks-Jersey auf - keine Selbstverständlichkeit in dem sich so schnell drehenden NBA-Personalkarussell.

Henson (2012), Antetokounmpo (2013), Parker (2014), Vaughn (2015) und Maker (2016) sahen allesamt Einsatzzeit im zweistelligen Minutenbereich in Kidds langer Rotation. Hinzu kam Brogdon, der sich vom Zweitrundenpick zum Favoriten auf die Rookie des Jahres Trophäe mauserte.


Ausser Parker wurde keiner dieser Youngster mit einem hohen Pick selektiert. Auch heuer wird Hammond wieder irgendwo in der Mitte der ersten Runde auswählen dürfen. Milwaukees emsige und kreative Scouting-Abteilung dürfte in diesem Bereich erneut fündig werden.

Ein Flügelspieler mit Shooter-Qualitäten dürfte weit oben auf Milwaukees Wunschliste stehen. Terrance Ferguson, Justin Jackson, OG Anunoby oder Luke Kennard sind wie gemacht für das Anforderungsprofil der Bucks. Mindestens einer von ihnen sollte an Position 17 noch am Start sein.

Dass Hammond auch in der zweiten Draft-Runde fündig werden kann, um das Talentlevel und die Tiefe der Rotation zu stärken, bewies nicht zuletzt der gewiefte Move um Brogdon. Auch wenn aus dem Ex-Guard der Virginia Cavaliers nie ein NBA-Star werden wird, bringt er überdurchschnittliche Produktivität für den ganz kleinen Geldbeutel - in einem der kleinsten Märkte der Liga ein nicht zu verachtendes Detail.

Zukunft
Antetokounmpos Evolution hat die Geschicke dieser Franchise verändert. Der 'Greek Freak' schaffte den Sprung ins All-Star Team, verkaufte eines der zehn beliebtesten Jerseys der Liga, platzierte als erster Spieler überhaupt unter den Top-20 ligaweit bei den Punkten, Rebounds, Assists, Steals und Blocks.

Im Alter von erst 22 Jahren verursacht der Alleskönner bei seinen Opponenten bereits alle nur erdenklichen Arten von Migräne. Wenn er, wie angedeutet, an seinem Wurf, seiner Physis und seinen Leistungen als Anführer werkelt, landet sein Name vielleicht schon nächstes Jahr im MVP-Rennen.


Einen Spieler von diesem Format in seinen Reihen zu wissen, ist ein enormer Luxus. Milwaukee kann Stil und Kader am Alien mit der Nummer 34 ausrichten. Passt der defensiv limitierte Parker langfristig neben die kompatibleren Antetokounmpo und Middleton? Oder sollte die Bucks versuchen, seinen Trade-Wert nach der verheerenden Knieverletzung zu steigern und ihn für passendere Puzzleteile einzutauschen?

Wie viel sind die Errungenschaften der abgelaufenen Saison wert? Welcher Stil zeichnet die Bucks idealerweise aus? Die Playoff-Defensive - lang, ultraaggressiv und phasenweise erstickend - ist nicht über eine volle Saison oder sogar mehrere Jahre konservierbar. Mit Parker in der Lineup ist sie unmöglich zu spielen. Bulldoggen wie Middleton, Brogdon und vor allem Maker sind unverzichtbar. Parker ist es nicht.

Die Bucks haben Zeit, all diese Fragen in Ruhe zu beantworten. Selbst, wenn Monroe und Hawes rein optieren, Terry und Beasley das Weite suchen: der Kern ist jung, die Basis bereits ultrastabil. Die Playoffs 2018 sind vorbestellt, der erste Seriensieg seit 2001 dann zumindest realistisch möglich.