15 April 2017

15. April, 2017


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck – straight auf den Punkt.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
James Harden gegen Russell Westbrook. Es hat so kommen müssen. Die beiden ehemaligen Waffenbrüder und Finalisten 2012 wirbelten sich seit der Trennung im selben Jahr in die Riege der Liga-Elite und legten beide just eine historische Regular Season hin, in der sie jeweils mehrere Rekorde brachen und nach menschlichem Ermessen das MVP-Rennen untereinander ausmachen werden.


Folglich dreht sich in dieser Serie alles um die beiden balldominanten Aufbauspieler, auf deren Schultern sämtliche jeweiligen Hoffnungen und Erwartungen der gesamten Stadt liegen. Eine schwache Runde darf sich keiner der zwei erlauben – es wäre gleichbedeutend mit einem sicheren Urlaubsticket.

Außer der starken Fokussierung auf ihren Franchise Player haben die beiden Kontrahenten wenig gemeinsam: Houston spielt überwältigenden Offensivbasketball und feuert aus allen Rohren, vor allem von der Dreierlinie, nimmt dafür defensive Defizite billigend in Kauf. Die jungen Thunder sind in dieser Hinsicht ausgeglichener, stellen eine bessere Verteidigung, müssen aber auf eine gute Form ihrer wenigen Schützen hoffen, um in Houstons Dreierregen nicht zu ertrinken.

Die Rockets gehen als Favoriten in dieses Matchup. Mit 55 Siegen nehmen sie den Rückenwind der drittbesten Bilanz ligaweit in die Postseason mit und haben das direkte Duell 3-1 gewonnen. Allerdings betrug in drei dieser vier Begegnungen der Endstand drei Punkte Differenz oder weniger und wurde jeweils erst in der letzten Sekunde entschieden. Ein Vorzeichen für eine spannende und abwechslungsreiche Serie.


Warum Houston gewinnt
Die neuformierten Raketen schießen ihre Gegner reihenweise aus der Halle und stellen eine schlagerprobte Armada auf, der kaum bis gar nicht beizukommen ist. James Harden geht als Flagschiff und numerisch bester Vorlagengeber der Liga (11,2 pro Spiel) voran.

Der Bärtige hat seine neue Funktion als erster Playmaker nahtlos verinnerlicht, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes getan. Logische Konsequenz: Houston stellt die zweitbeste Offensive der NBA und wird immer einen Weg finden, Punkte aufs Scoreboard zu bringen.

Das Pick & Roll mit Clint Capela und Nenê funktioniert ausgezeichnet, am Perimeter weiß Harden stets mehrere Abnehmer mit offenem Visier bereit. Selbst wenn der Wurf von Houstons Nummer 13 nicht fällt, hat er allein in der Starting Five in Ryan Anderson, Trevor Ariza und Patrick Beverley gleich drei Scharfschützen auf seiner Seite, denen allesamt zuzutrauen ist, auf Knopfdruck heiß zu laufen und für ihn einzuspringen. Auf diesen Luxus darf Hardens Rivale in Blau nicht vertrauen.

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Der Dreipunktewurf ist in der heutigen NBA so wichtig wie nie zuvor und wird auch in dieser Serie zum entscheidenden Faktor werden. Oklahoma City weist mit 32,7% die schlechteste Dreierquote der ganzen Liga auf.

Ihre prozentual besten Schützen, Alex Abrines und Jerami Grant, sorgen am eigenen Korb für mindestens ebenso viel Schaden, wie sie am gegnerischen verursachen. Den Thunder bleibt daher nur die bloße Hoffnung, dass Houston als Gesamtkonstrukt von Downtown die Form der Regular Season nicht zu bestätigen vermag.

Sollte es OKC gelingen, die Serie offen zu halten, bleibt als Houstons finaler Trumpf der Heimvorteil in einem potentiellen siebten Spiel. Die Texaner haben 30 ihrer 41 Partien auf heimischem Parkett für sich entschieden. Derweil stellt OKC mit 19-22 das zweitschlechteste Auswärtsteam der Playoffsteams im Westen.


X Faktor Rockets
Die zweite Garde. Hier sind die Rockets ihrem Herausforderer qualitativ weit überlegen und bringen in Eric Gordon und Lou Williams die beiden Favoriten auf den Award des besten sechsten Mannes von der Bank. Die Antwort der Thunder auf dieses Duo fällt namentlich mit Norris Cole, Semaj Christon, Alex Abrines und Doug McDermott eher mau aus.

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Mit Westbrook auf dem Feld ist das Offensive Rating der Thunder um ganze 12,5 Punkte besser – bedeutet aber auch: Sobald Russ auf der Bank Platz nimmt, bricht OKC ein. Genau dann werden Gordon, Williams und auch Nenê zuschlagen und jede Sekunde Verschnaufpause gnadenlos bestrafen.

Die Rockets stellen die Bank mit dem viertbesten Net Rating (3,5). Die der Thunder steht mit -3,2 auf Rang 20, also nicht einmal in Playoff-Gefilden. Sollten sich Harden und Westbrook gegenseitig neutralisieren, wird die zweite Reihe den Unterschied pro Houston machen.


Marquee Matchup
Patrick Beverley und Trevor Ariza gegen Russell Westbrook. Die Thunder brauchen Westbrook in seiner Ausnahmeform der letzten 80 Spiele um überhaupt Land zu sehen. Umgekehrt macht das OKC ausrechenbar und Houstons Coach Mike D'Antoni muss nicht lange überlegen, auf wen er seine beiden Edelverteidiger Ariza und Beverley hetzt. Dieses Duo wird sich abwechselnd um „Mr. Triple Double“ kümmern, um ebendies zu verhindern und ihn gleichzeitig mit ihrer Präsenz an der Dreierlinie defensiv verausgaben.


Insbesondere die Personalie Beverley bringt die Extraportion Würze in Spiel, denn der Zusammenprall beim letzten Playoff-Duell dieser beiden Clubs im Jahr 2013 ist noch heute überpräsent – er kostete Westbrook die restliche Saison, OKC damit die Wettbewerbsfähigkeit und sämtliche Chancen auf den Titel.

Bei jedem Foul, jedem kleinem Kontakt, jeder der unausweichlichen Konfrontationen werden die Erinnerungen und Emotionen hochkochen. Technische Fouls und Rudelbildungen sind vorprogrammiert. Nicht ganz zufällig kam Oklahoma Citys einziger Sieg in dieser Spielzeit gegen Houston zustande, als Beverley verletzungsbedingt fehlte.


Warum Oklahoma City gewinnt
Nur zwei Sekunden nachdem Kevin Durant seinen Abschied aus Oklahoma City verkündet hatte, begannen die Diskussionen darüber, was Russell Westbrook nicht könne. Skeptiker bezweifelten, dass er diese junge und an einigen Stellen limitierte Truppe in die Postseason zu führen vermag. Diese Zweifel räumte Russ schnell aus, die Playoff-Teilnahme der Thunder war von Beginn an nie gefährdet.

Im Laufe der Saison wurde endlos über seinen Triple Double-Schnitt diskutiert, über den Rekord von Oscar Robertson, beides Ende des letzten Kalenderjahres noch weitestgehend für unwahrscheinlich deklariert. Westbrook belehrte wieder einmal alle eines Besseren.


Nun also die große Frage: Warum sollte Westbrook entgegen aller Erwartungen seine Thunder nicht noch ein Stückchen weiter tragen, als ihm ohnehin viele nicht zugetraut haben? Wie kann nach dieser Spielzeit überhaupt die Rede davon sein, dass eine weitere Steigerung unmöglich sei?

Die Thunder sind jung und ausgesprochen dynamisch (7. in Pace), sie werden kein Problem mit dem Druck und dem hohen Tempo der Gegenseite haben. OKC mag nicht mit Dreierschützen gesegnet sein, dafür gehören sie zur Liga-Elite in der Verteidigung des eigenen Perimeters. Westbrook und seine Gefolgsmänner lassen die viertwenigsten Versuche von der Dreierlinie zu, auf dem gleichen Rang stehen sie bei den getroffenen Triples ihrer Gegner (nur 8,8 pro Spiel).

OKC hat die defensiven Waffen, den Schützen der Rockets das Leben schwer zu machen. Und nicht nur das, ihre größte Stärke ist eine der Schwächen der Gegenseite: Dank ihrer Big Men Steven Adams, Enes Kanter und Taj Gibson sind die Thunder das beste NBA-Team in der Rebound-Rate (53,4). Houston ist hier mit 50,2 und Rang 14 nur Durchschnitt. Diesen Feldvorteil an den Brettern gilt es zu nutzen.


X Faktor Thunder
Enes Kanter. Ja, Kanter ist defensiv ein Hochrisiko und wann immer er auf dem Feld steht, werden die Rockets erbarmungslos die Zone attackieren. Umgekehrt ist der Türke aber auch gemeinsam mit Victor Oladipo OKCs wichtigster Punktesammler hinter Westbrook. Im Inside Game sind die Rakten mit dem noch grünen Clint Capela und dem in die Jahre gekommenen, defensiv ohnehin nie überragenden Nenê angreifbar.

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Zweifelsohne kann selbst Westbrook den Gewinn dieser Serie nicht im Alleingang stemmen. Er braucht seinen Big Man zur Entlastung in der Offensive, für ein variableres Spektrum beim Punktesammeln. In den vier Partien der Regular Season gegen die Texaner weist Kanter ein für seine Verhältnisse überragendes Net Rating von 4,9 auf (Saisonwert: -0,1).

Seine Fähigkeiten am gegnerischen Brett und die Versatilität in der Zone sind einer der Schlüssel zum Tor in die nächste Runde, denn eine hohe gegnerische Punktzahl lässt sich ohnehin selbst mit überragenden Defensivleistungen nur schwer verhindern.

Marquee Matchup
Andre Roberson gegen James Harden. Trotz der zahlreichen Shooter der Rockets ist ihre Offensivpower ohne den Bart nicht dieselbe. Und in Roberson haben die Thunder neben San Antonios Kawhi Leonard wahrscheinlich den Spieler in ihren Reihen, der Harden in der laufenden Saison am besten verteidigte.

Dessen Wurfquoten in den ersten drei Begegnungen waren deutlich unter Niveau, so dass von keinem Zufall ausgegangen werden kann: 4-16, 6-23, 6-16. Erst im vierten Match brachte Harden mit 8-15 ordentliche Zahlen aufs Parkett, traf aber auch nur 2-8 seiner Dreier.


Dieses Matchup ist nicht nur defensiv enorm wichtig. Selbst wenn es Roberson gelingt, Hardens Kreise einzudämmen, steht ein dickes Fragezeichen hinter der offensiven Tauglichkeit des 25-Jährigen. Seine Ungefährlichkeit (Dreierquote 24,5%) erlaubt der Gegenseite, Hardens defensive Mängel zu kaschieren.

Oklahoma Citys Nummer 21 steht also vor der Herkulesaufgabe, nicht nur einen der besten Angreifer der Welt abwehren zu müssen – sondern darüber hinaus, sich durch ein wenigstens halbwegs effizientes Offensivspiel nicht um den Lohn der eigenen Mühen zu bringen.


Die Rechnung, bitte!