30 April 2017

30. April, 2017


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht’s jetzt ans Eingemachte: Nur für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – wir haben wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Entrée
Zwei Teams, die sich nicht ausstehen können. Zwei Teams, die von ihrem dynamischen Backcourt leben. Zwei Teams, die in Runde eins sechs Partien zum Weiterkommen brauchten. Zwei Teams, die ihre guten regulären Saisons mit dem Einzug ins Conference Finale legitimieren wollen. Boston trifft im Ost-Semifinale auf Washington.


Die Celtics beendeten die reguläre Spielzeit mit der besten Bilanz im Osten - ohne zu überragen, ohne zu dominieren. Tatsächlich gilt das Team aus Massachussetts als einer der statistisch miesesten Nummer eins Seeds aller Zeiten.

Dieser Eindruck bestätigte sich in Runde eins gegen die Chicago Bulls. Boston verlor die ersten beiden Duelle im heimischen TD Garden, blickte einer schwierigen Aufgabe mit vermutlich verheerendem Ende entgegen. Isaiah Thomas' tragische Familiensituation trübte das Bild zusätzlich.

In Chicago, mit dem Rücken zur Wand, wachte der Supporting Cast des winzigen All-Stars endlich auf. Bostons Rollenspieler lieferten in den nächsten vier Partien überzeugenden Leistungen ab; die Kobolde gewannen alle vier Duelle und machten den 'Back End Sweep' gegen zum Teil peinliche Bulls klar.

Auch Washington brauchte sechs Partien, um die Atlanta Hawks zu deklassieren. Die Wizards hielten ihre Weste in heimischer Halle mit zwei überzeugenden Siegen zum 2-0 sauber. Atlanta schlug dank Paul Millsap, Dennis Schröder und einer tieferen Bank in Partien drei und vier zurück.

Die Wizards regelten abschliessend, tüteten erst einen vorentscheidenden 103-99 Erfolg ein und legten in Atlanta mit einem 16-Punkte-Blowout den Deckel aufs Erstrundenfass. John Wall (42 Punkte) und Bradley Beal (31) zeigten eine ihrer gemeinsam besten Partien zu einem der wichtigsten Zeitpunkte in ihren Karrieren.

Die Serie an Scharmützeln zwischen Boston und Washington geht damit in ihre nächsten Runden. Die vier Duelle in der regulären Saison waren von jeweils zwei deutlichen Heimsiegen, Trashtalk, Kostümschauen und viel Aggression bestimmt. Zwei ähnlich aufgestellte und operierende Teams könnten also ohne Weiteres über die volle Distanz gehen, um den Conference Finalisten auszuspielen.  


Warum Boston gewinnt
Die Celtics haben in Brad Stevens einen gewieften Head Coach, der es exzellent versteht, im Laufe einer Serie die richtigen Anpassungen vorzunehmen. Seine Entscheidung, Amir Johnson aus der Startformation zu verbannen und ihn durch Gerald Green zu ersetzen, warf gegen Chicago die erwünschten Dividenden ab.

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Gegen Washington wird Stevens' Kreativität erneut gefordert sein. Wie reagiert er auf den bombastischen Backcourt Wall/Beal? Wie viele Guards setzt er gleichzeitig ein? Gelingt es ihm, mit einer ultrakleinen Lineup die so eingespielte Top-Fünf der Hauptstädter zu knacken? Kann er mit nur einem echten Big Man überleben?

Al Horford ist weit vom Superstar entfernt, den viele gerne in Boston an der Seite von Isaiah Thomas gesehen hätten. Der Dominikaner weiss aber eine Partie auf so viele andere Arten zu beeinflussen. Gegen Washington erzielte er in der abgelaufenen Saison 18 Punkte im Schnitt bei 63% aus dem Feld. Gegen die Bulls legte er in Runde eins 15 Punkte, neun Rebounds und acht Assists auf, brillierte dabei als Pick & Roll Partner und sekundärer Playmaker.

Thomas blieb gegen Chicago zwar unter seinem Saisonschnitt, wird aber gegen Washington mehr Freiheiten geniessen, sein verheerendes Scoring-Game aufzuziehen. Knapp 28 Punkte und 8.0 Assists pro Einsatz werden von keinen Wizard zu stoppen sein.

So explosiv I.T. auftritt, er wird Hilfe brauchen. Gegen Chicago wachte Backcourt-Kollege Avery Bradley auf. Der Verteidigungsspezialist erzielte in den beiden letzten Partien der Serie 24 und 23 Punkte, traf dabei 20 seiner 31 Wurfversuche. Ein ähnlich sicherer Off-Guard wird den Druck auf Wall und Beal an beiden Enden hoch halten. Seine Defensive und die von Marcus Smart waren die Hauptgründe, warum Wall mit nur 17.8 Punkten pro Einsatz seine schwächsten Leistungen der Saison zeigte.


Bostons niedrige Ballverlust-Rate während der regulären Saison wird essenziell sein, um Washingtons grosse Stärke in Transition zu minimieren. Die viel tiefere Ersatzbank, das überlegene Coaching, eine robustere Abwehr und der Heimvorteil in einem potenziell entscheidenden Spiel sieben sind Gründe genug, auf die Kobolde zu setzen.


X Faktor Celtics
Rebounding. Dass die enorm limitierten Chicago Bulls in der Serie gegen Boston mehr als nur eine Chance hatten, lag an ihrem gigantischen Vorteil an den Brettern. Den hat gegen die Celtics jedes Team. Boston reboundet katastrophal.

Robin Lopez sah phasenweise wie Wilt Chamberlain in seiner Prime aus, pflückte einen Abpraller nach dem anderen. Auch Rajon Rondo dominierte an den offensiven Boards, eher ihn eine Verletzung ausser Gefecht setzte.


Ihre Probleme aus Runde eins drohen sich auch gegen Washington ungehindert fortzusetzen. Die Wizards bestimmten in vier regulären Duellen den Kampf in der Zone, griffen sich fast ein Drittel aller verfügbaren Rebounds für mehr als 20 Second Chance Punkte pro Abend.

Das können sich die Celtics in dieser Serie einfach nicht erlauben. Wenn sie es nicht schaffen, Marcin Gortat und Markieff Morris von den Brettern fernzuhalten, drohen sie Gefahr, diese Serie klar zu verlieren.


Marquee Matchup
Avery Bradley gegen Bradley Beal. Der Celtic brillierte phasenweise gegen die Bulls, warf sich in einen Rausch und liess es danach auch an Selbstbewusstsein nicht mangeln. "Ich habe das Duell gegen Jimmy Butler gewonnen", liess sich Bostons Chef-Bulldogge anschliessend zitieren. Tatsächlich blieb der All-Star der Bulls beim Scoring, Passspiel und den Quoten unter seinen gewohnten Werten zurück.


Mit Beal wartet die nächste schwere Aufgabe auf Bradley. Der Shooting Guard der Wizards setzte seinen Karrieretrend auch gegen Atlanta fort: In den Playoffs legt Beal immer ein paar extra Holz aufs Feuer. Gegen die Hawks erzielte er 25.8 Punkte im Schnitt, obwohl sein Dreier kaum Nylon fand.

Will Boston Beal und Wall nicht nonstop hinterher laufen, liegt es vor allem an Bradley, seine physische Defensive über die gesamte Spielzeit aufrecht zu erhalten und Washingtons Guard-Duo in unangenehme Situationen zu drängen.


Warum Washington gewinnt
Die Backcourt-Paarung Wall und Beal zeigte auch gegen Atlanta, was sich bereits während der regulären Saison manifestierte: wenn gesund, kann es kaum ein Rückraum in der NBA mit diesem One-Two Punch aufnehmen.

Wall wirkt nicht nur wie der beste Point Guard in der Eastern Conference - er spielt auch wie einer. Sein Swagger ist spätestens nach der 42-Punkte Gala im Closeout-Game bei den Hawks am Anschlag. Der Trashtalk mit Falcons-Spielern und ATL-Rappern ist das Sahnehäubchen auf einer Saison, die Wall endgültig in die Belle Etage der Playmaker katapultiert hat.

Sein Pick & Roll ist verheerend. Seine Synergie mit Gortat und Morris, zwei exzellente Blocksteller, ist auf absolutem Top-Niveau angelangt. Sein Pullup-Jumper aus der Mitteldistanz, lange der Wurf den ihm Defensive bereitwillig gestatteten, ist nass.


Weil er so explosiv, gewieft und smart ist, schwimmt die Defensive permanent. Im Fastbreak-Spiel ist gegen Walls Speed kein Kraut gewachsen. Gegen die Hawks war jeder fünfte Score in Transition, Washington erzielte dort fast doppelt so viele Punkte wie Atlanta.

Beal weiss instinktiv, wie und von wo er scoren kann. Sein Sprungwurf macht Opponenten so nervös, dass er ohne Probleme nach innen dribbeln kann, wo er einen fiesen Stepback-Jumper perfektioniert hat. Bostons Armada an Aussenverteidigern ist vorgewarnt, spekuliert bereits offen, wie sie dieses dynamische Duo neutralisieren will.

Gortat blieb in Punkto Scoring gegen die Hawks blasser als sein Teint, kontrollierte aber trotz Dwight Howard und Paul Millsap die Bretter. Das wird dem Polen gegen Bostons winzige Lineups noch weniger schwer fallen. Das Rebounding-Duell sollte dank Gortat und dem forschen Markieff Morris an den meisten Abenden an Washington gehen.


X Faktor Wizards
Transition Offense. Kommen die Wizards ins Laufen, sind sie eine Basketball-Lawine, die viele Verteidigungen unter sich begraben. Ein schneller Outlet-Pass, und ab gehts! Walls Tempo und Entscheidungssicherheit mit dem Spalding in der Hand suchen ihresgleichen.


Stevens' grosser Vorteil ist, dass er über genügend Verteidiger und viel Lineup-Flexibilität verfügt, um Washington das Leben im Halbfeld schwerer zu machen, als das die meisten Teams hinbekommen. Washington kann dieses strategische Plus neutralisieren.

Der klare Vorteil an den Brettern und die Möglichkeit, gegen ungeordnete Defensivreihen früh in der Shotclock gute Würfe zu erspielen, ist einer der Schlüssel in dieser Serie - ein Schlüssel, den Hausmeister Wall fast beliebig zücken und nutzen kann.


Marquee Matchup
John Wall vs. Bostons Defender. Der beste Point Guard im Osten ist derzeit von keinem Verteidiger der Welt zu bremsen. Seine schwachen Leistungen, vor allem in Beantown, werden den 26-Jährigen zusätzlich motivieren.

Isaiah Thomas kann Wall nicht vor sich halten. Stevens wird grosse Probleme haben, seinen kleinen Dynamo irgendwo anders zu verstecken, solange die erste Fünf der Wizards auf dem Parkett steht. Bradley und/oder Smart müssen Beal checken. Crowder wird es mit einem der Forwards zu tun bekommen - was I.T. also bei Porter oder Morris parkt.


Wenn Wall die richtige Balance zwischen eigenem Scoring, Vorbereiten, an-die-Linie-gehen (gegen Bostons miese Zonenverteidigung keine schwere Aufgabe) und Umsetzen des Gameplans findet, ist Washington zumindest in der Crunchtime immer mindestens zwei Schritte voraus.

Die beste Fünf Scott Brooks' geniesst dank seiner Erfahrung und Synergie ohnehin einen Vorteil. Jede Celtics-Lineup, die Thomas bei einem der übrigen vier Wizards parken muss, kann zusätzlich ausgebeutet werden.


Die Rechnung, bitte!