16 April 2017

16. April, 2017


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Zusammen 23 Meisterschaften und 27 Conference-Titel. Zwei der altehrwürdigsten und weltweit bekanntesten Teams. Zwei der stimmungsvollsten Basketballtempel. Eine Historie gespickt mit klangvollen Namen wie Bill Russell, Larry Bird, Michael Jordan und Scottie Pippen. Rot gegen Grün.

Mehr Tradition geht kaum, wenn in der ersten Runde die Boston Celtics auf die Chicago Bulls treffen und dieser jahrzehntealten Rivalität ein neues Kapitel hinzufügen. Gegensätze ziehen sich hier an.


Die jungen, dynamischen Celtics, die erstmals seit dem letzten Titelgewinn 2008 den ersten Platz der Eastern Conference erobert haben, gegen die routinierten Bulls, die sich nach einer teils haarsträubenden Achterbahnsaison nur dank des Tiebreakers über die Miami Heat in die Postseason mogelten.

Und doch ist diese Eins-gegen-Acht-Serie, wie in dieser Konstellation eher unüblich, durchaus offen. Denn: Seit 2012 sind die Kelten nicht mehr über die erste Runde hinausgekommen.

Die Playoff-Erfahrung von Schlüsselspielern wie Isaiah Thomas und Jae Crowder lässt sich an einer Hand abzählen. In den direkten Begegnungen steht es 2-2 und die Bulls bringen eine Menge Championship-Erfahrung in dieses Prestigeduell.


Warum Boston gewinnt
Die Celtics übertrafen mit dem ersten Platz in der Eastern Conference alle Erwartungen. Al Horfords Ankunft als hoch gepriesener Free Agent im Sommer signalisierte den Wunsch in Beantown, mit den grossen Boys mitzuspielen.

Mit einem Griff die Division-Krone von Toronto und den regulären Ost-Titel von Cleveland zu entreissen, hätten sich aber nicht einmal treueste Celtics-Fans erträumt. Schliesslich steckt das Team von Danny Ainge weiterhin im Wiederaufbau, hat in der aktuellen Konstellation unter Brad Stevens noch keine einzige Playoff-Serie gewonnen.


Der Weg ins erste Conference Finale seit 2012 ist aber angesichts der Tabellensituation an der rechten Küste frei geworden. Toronto und Cleveland müssen sich auf der unteren Seite des Brackets mit Milwaukee und Indiana zanken, während Boston mit Washington, Atlanta und Chicago drei zuletzt wenig beeindruckende Kontrahenten im Playoff-Baum sitzen hat.

Chicago mag mit Veteranen gespickt sein, hinkt talentmäßig und spielerisch aber um Längen hinterher. Kein Team ligaweit traf schlechter, niemand war von jenseits der Dreierlinie harmloser. Die Point Guard Situation ist seit Oktober eine rotierende Chaostür, im Frontcourt fehlt's an Shooting, die Protagonisten hassen sich.

Coach Hoiberg kann seinen präferierten Stil nicht umsetzen, wünscht sich klammheimlich schon seit Monaten, den wohligen Kokon an der Universität Iowa niemals für diesen Kackhaufen in der Windy City verlassen zu haben. Mit anderen Worten: Die Bulls sind kein gutes Basketball-Team.

Boston ist tiefer, ausgeglichener, talentierter und hat Heimvorteil. Starke Flügelverteidiger wie Jae Crowder, Avery Bradley, Marcus Smart und Jaylen Brown werden Jimmy Butler und Dwyane Wade über ausreichend lange Strecken neutralisieren. Niemand sonst bei den Bulls kann ein Spiel an sich reissen (Sorry, Paul Zipser Fans).


X Faktor Celtics
Isaiah Thomas ist Bostons mit Abstand bester, dyamischster und wichtigster Spieler. Der Dynamo erzielte die drittmeisten Punkte unter allen NBA-Akteuren (28.9 PPG). Noch nie scorte ein Spieler unter 1,80 Meter in der besten Liga der Welt so ausgiebig. Er war der fleissigste und produktivste Driver ligaweit.

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Als Dreh- und Angelpunkt der Celtics-Attacke geriet Thomas aber in wichtigen Partien bisher immer unter Druck. Wenn der Gegner sich auf Boston einstellen kann, wenn er für Thomas game-planen kann, leidet das Spiel der Kobolde empfindlich.

Thomas' Treffequote in zehn Playoff-Partien liegt mit 37,6 Prozent aus dem Feld fast sieben Prozentpunkte niedriger als die in der regulären Saison. Seine schwache Defensivarbeit verkompliziert die Sache zusätzlich.

Alle wissen: Meist gelingt es nur mit strategischer Verteidigerbewegung, I.T.s Explosivität auf dem Weg in die Zone und als stark verbesserter Shooter einzudämmen. Dann reissen irgendwo auf dem Parkett Löcher auf. Sollten es die Bulls-Verteidiger schaffen, Thomas zu doppeln oder gar zu neutralisieren, müssen seine Nebenleute die Freiräume nutzen.


Marquee Matchup
Einst waren sie Teamkollegen, heute sind sie verbitterte Rivalen auf dem Court: Jae Crowder und Jimmy Butler werden es über weite Strecken dieser First Round Series miteinander zu tun bekommen und für ihre Teams das Zünglein an der Waage sein.


Butler war die einzige Konstante in einer schizophrenen Bulls-Saison. Der All-Star brillierte mit 23,9 Punkten, 6,2 Rebounds, 5,5 Assists und 1,9 Steals pro Abend. Nur ihm war letztendlich zu verdanken, dass Chicago überhaupt noch den Sprung in die Postseason schaffte. Er wird für einen Grossteil der Bulls-Offense verantwortlich sein, egal ob als Kreativer im Pick & Roll oder isoliert auf dem Flügel.

Seine Kreise einzudämmen wird primäre die Aufgabe von Crowder sein. Der ist zwar eine minimal kleinere und weniger talentierte Version seines guten Kumpels Butler, zeigte aber seine bisher beste NBA-Saison und hat sich als Three-and-D Wing einen Namen gemacht. Wenn Crowder hinten und vorne seine Leistungen abrufen kann, ist Boston schon halb im Ziel.


Warum Chicago gewinnt

Auch wenn die Saison der Bullen, vorsichtig ausgedrückt, eher bescheiden lief – als es darauf ankam, legten die Veteranen den andernorts zuletzt vielzitierten Schalter um: Dies bezeugen nicht nur die zwei Siege über die Celtics, sondern auch das 4-0 gegen die Cleveland Cavaliers und das 2-2 gegen die Toronto Raptors. Zweckoptimisten behaupten an dieser Stelle, dass die Bulls ihre Kräfte für die wichtigen Partien schonen.

Und vielleicht liegen sie damit gar nicht so falsch, denn Chicago hat sieben der letzten neun Partien gewonnen und befindet sich offensichtlich nicht ganz zufällig zum wichtigsten Zeitpunkt der Saison in Bestform. Dass zudem in den Playoffs gerne etwas der Fuß vom Gas genommen wird, spielt den Routiniers in Rot in die Karten und wird ihre Vorzüge noch etwas dicker unterstreichen.


Die Celtics haben auch in diesem Jahr keinen Shotblocker im Aufgebot, was selbst für den inzwischen 35-jährigen Dwyane Wade als offene Einladung zu verstehen ist. D-Wade wird permanent die gegnerische Zone attackieren und dadurch die Schwachstellen in Bostons Verteidigung offenlegen. Bereits letztes Jahr, in seiner finalen Saison bei den Miami Heat, hob Wade in den entscheidenden Momenten sein Spiel auf ein neues Level und führte die Heat in die Conference Semi-Finals.

Die Bulls stellen die sechsteffizienteste Verteidigung der Liga. Ihre weitestgehend impotente Offensive hat infolge der Wiederauferstehung Nikola Mirotićs (15,3 Punkte, 41,2% Dreier im März) frisches Blut in die Venen gepumpt bekommen. Chicago ist vierter in der Offensiven Rebound Rate (Boston 24.), Sideshow Bob-Imitator Robin Lopez (3,0 Offensiv Rebounds pro Spiel) wird die Zone dominieren und seinen Mitspielern reihenweise Second Chance Points ermöglichen.


X Faktor Bulls
Die Legende von „Playoff-Rondo“ ist spätestens seit seinem Stelldichein bei den Dallas Mavericks eher als Treppenwitz zu verstehen. Doch gerade in den letzten Wochen wusste der 31-Jährige bei Siegen über Playoff-Teams wie die Milwaukee Bucks (18 Punkte, neun Rebounds, neun Assists), Cleveland Cavaliers (15 Assists) und Atlanta Hawks (25 Punkte, elf Rebounds, sechs Assists) durchaus zu überzeugen.


Und weil es gegen seine alte Liebe geht, das Team, mit dem er 2008 seine einzige Championship gewann, wird der eigenwillige Aufbauspieler alle Irritationen der vergangenen Monate beiseite wischen, alles tun was nötig ist – auch für die eigene Karriere.


Marquee Matchup
Jimmy Butler gegen Jae Crowder/Avery Bradley. Wade und Rondo hin oder her, Chicagos wichtigster Mann bleibt trotz aller Trade-Gerüchte der Goldmedaillengewinner von Rio. Butler ist offensiv wie defensiv für Coach Fred Hoiberg unentbehrlich.

Als erfolgreichster Punktesammler der Bullen (23,9 pro Spiel) brauchen sie vor allem seinen offensiven Input – umgekehrt werden die Celtics ihre besten Flügelverteidiger auf Butler ansetzen. Je nach Lineup muss sich der dreifache All-Star also gegen Crowder und Bradley behaupten, beide extrem unangenehm zu spielen. Nur wenn Butler als erste offensive Scoring-Option dieser Herausforderung Stand hält, bleiben die Bulls kompetitiv.


Eine besondere Note erhält dieses Matchup, da Butler Gerüchten zufolge schon letzten Sommer zum Draft und dieses Jahr zur Trade Deadline auf halbem Wege nach Boston gewesen sein soll. Den Verantwortlichen der Celtics war das Preisschild für den Most Improved Player 2015 jedoch zu hoch. Nun erhält „Jimmy Buckets“ die womöglich einmalige Gelegenheit, vor deren Augen seinen Wert neu zu determinieren.


Die Rechnung, bitte!