13 März 2017

13. März, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

Heimlich, still und leise konnten sich die Florida Gators in den vergangenen Wochen zu einem sehr beliebten Geheimtipp mausern. In der zweiten Saison unter Mike White, der den in die NBA zu den OKC Thunder abgewanderten Billy Donovan ersetzte, spielen die Florida einen Basketball, der dem Stil der Donovan-Ära zum Verwechseln ähnlich sieht.

Mit einem Erdrutschsieg über Kentucky in der frisch sanierten heimischen Arena konnten die Gators Anfang Februar erstmals in den ganzen USA für Schlagzeilen sorgen. Doch bereits im Vorhinein war die erbrachte Leistung beachtlich. Die ersten elf Saisonspiele wurden alle auf neutralem Boden in gegnerischen Hallen ausgetragen.

Dennoch manövrierte sich Florida mit einer 8-3-Bilanz durch die frühe Phase der Saison. Dabei waren die Gegner alles andere als Laufkundschaft - ganz im Gegenteil: Im Normalfall sollten sich sieben Kontrahenten für das NCAA Tournament qualifizieren. Die wenigsten NCAA Teams treffen in einer ganzen Saison auf so viele Schwergewichte. Kampferprobt sollten die Repitilien nun auf jeden Fall sein.


Einen herben Dämpfer musste Coach White allerdings genau in dem Moment einstecken, als die US-Medien sich für sein Team zu interessieren begannen. Center John Egbunu riss sich das Kreuzband und fällt damit für den Rest der Saison aus. Der kantige Innenspieler mochte zwar keine herausragenden individuellen Statistiken aufweisen, verlieh den Gators aber eine enorme Präsenz unter den Körben und in der Verteidigung.

Diesen Schock hat die Mannschaft aber mittlerweile gut verkraftet und sich an die neue Situation gewöhnt. Kevarrius Hayes verrichtet seine Aufgaben nach der Beförderung zum Starter sehr solide. Einzig die fehlende Tiefe unter den Körben war in den vergangenen Wochen ein Anlass zur Sorge.

Mindestens genauso interessant wie der Umgang mit der veränderten Rotation ist die Tatsache, dass Florida in den vergangenen Spielen beweisen konnte, dass sie Spiele auf unterschiedliche Arten gewinnen können. Gegen Auburn erzielte Florida 114 Punkte, vier Tage später waren es 57 bei Mississippi State - beide Spiele entschied das zweitplatzierte Team der SEC für sich.

Ein Blick auf die offensiven und defensiven Vorlieben vermittelt einen ganz guten Eindruck darüber, wieso Florida in der Lage ist, sich variabel der Spielweise des Gegners anzupassen.

Offense
Im Halbfeldangriff beschränkt sich White auf verhältnismäßig einfache Strukturen und Systeme, weswegen es die Gators teilweise etwas schwer haben, sich beständig gute Optionen zu erspielen.

Einen Großteil der Offense macht allerdings auch der Schnellangriff aus. In Transition Situationen sind die Gators kaum zu halten. Das liegt in erster Linie an den beiden wieselflinken Guards Kasey Hill und Chris Chiozza. Beide beschleunigen in Bruchteilen von Sekunden auf Schallgeschwindigkeit und rasen über den Court, sobald sich die Möglichkeit dazu ergibt. Hier einige Beispiele:


Anhand dieses Zusammenschnitts sollte ein erster Eindruck davon entstanden sein, wie schwierig es ist, Hill und Chiozza zu stoppen. Selbst in Unterzahlsituationen haben die beiden immer eine Idee, wie sie ihre Gegenspieler schwindelig spielen und mehrere Verteidiger auf einmal aussteigen lassen können.

In der ersten Situation sind eigentlich drei Verteidiger zwischen dem Ball und dem Korb, was im Normalfall ausreichend sein sollte, um Punkte in der Zone zu unterbinden. Hill lässt jedoch mit einem Crossover und folgendem Antritt gleich zwei Verteidiger links liegen. Auch der dritte Beschützer kann ihn nur unwesentlich beim Korbleger stören. Schaffen es schon drei Verteidiger im Verbund nicht, Hill zu bremsen, sollte man ihm nicht den Ball in die Hände passen, wie es in der zweiten Szene der Fall ist.

Arkansas hat gleich vier Spieler, die mit Ballhandler KeVaughn Allen mindestens auf gleicher Höhe sind. Allerdings fehlt die Ordnung im Umschalten. Niemand sichert den Korb, keiner kommuniziert und die hinteren zwei Verteidiger sprinten nicht zurück. Hayes demonstriert seine Mobilität und überläuft Freund wie Feind, wofür er von Allen mittels exzellentem No-Look-Pass belohnt wird.

Mit solchen Schnellangriffen lässt sich für jedes Spiel der Gators ein ordentliches Highlight Tape zusammenbasteln. Doch es müssen noch nicht mal solche Einzelaktionen oder direkte Fastbreakaktionen sein, damit Floridas Offense an Effizient zunimmt. Oft reicht es auch, wenn der Ball schnell nach vorne getragen wird und mit der Early Offense gutes Ballmovement initiiert wird:


Chiozza passt den Ball früh zu seinem Backcourt Partner Hill an die Spielfeldseite. Hill drückt wieder auf das Gaspedal. Auch wenn er dieses Mal nicht selber abschließen kann, wird ihm die maximale Aufmerksamkeit der Teamdefense zuteil. Gleich fünf schwarze Jerseys versammeln sich um den Senior und wollen weitere leichte Zähler verhindern. Der ehemalige Highschool All American bewahrt trotz seines Tempos die Übersicht und Ruhe und findet Shooter Canyon Barry an der Dreierlinie.

Barry zeigt mal wieder, wie smart er ist und lässt mit einem einfachen Wurffake nicht nur einen Verteidiger aussteigen, sondern bringt auch noch zwei weitere dazu, überhastet auf ihn herauszustürmen. Chiozza erkennt, dass viel zu viele Verteidiger auf einer Seite stehen und leitet den Ball gedankenschnell per Touchpass zu Mitspieler Devin Robinson weiter. Der Small Forward zeigt, wie sehr er sich als Schütze verbessert hat und netzt eiskalt ein.

Um eine ähnliche Ballbewegung auch im Halbfeld kreieren zu können, ist gutes Spacing ganz oben auf Whites Prioritätenliste. Fast immer sind vier Spieler außerhalb der Dreierlinie in den Ecken und auf den Flügelpositionen verteilt. Ein einzelner Big Man stellt Screens für die Guards, damit diese ihre Schnelligkeit und Spielintelligenz ausnutzen können, um die Defense zu Rotationen zu zwingen. Ähnlich wie in der Transition glänzen Hill und Chiozza als Ballhandler im Pick & Roll durch ihre guten und trickreichen Entscheidungen.


Hill startet beim Pick & Roll sehr weit vom Korb entfernt, wodurch er eine Menge Anlauf hat, um in die Zone zu penetrieren. Hill entscheidet sich zunächst gegen die Screen, um seinen eigenen Verteidiger aus der Balance zu bringen. Erst im zweiten Anlauf nutzt er den Rescreen und schüttelt dadurch seinen Verteidiger ab.

Anschließend zieht er jedoch nicht blind in die Zone, sondern zieht den Verteidiger des Blockstellers auf sich. Da nun zwei Verteidiger Hill am Drive hindern wollen, ergibt sich auf der Ballseite eine Zwei-gegen-Eins-Situation zwischen dem abrollenden Blocksteller, dem Schützen auf der Seite und dessen Verteidiger. Dieser Verteidiger muss sich nun entscheiden, ob er an seinem Matchup kleben bleibt oder die Zone sichert. Hill hat die Ruhe, die Entscheidung des Verteidigers abzuwarten und entsprechend zu reagieren. Als Resultat hat Hayes unter dem Ring freie Bahn.

Laufen die Gators dann doch richtige Setplays, ist das Pick & Roll meist zentraler Bestandteil. Hoch frequentiert ist beispielsweise dieses Standard Chin Pick & Roll:


Prinzipiell ist auch dieses Play eher simpel. Allen erhält einen Downscreen und den Ball. Nach dem Pass cuttet Hill über einen Backpick in die Zone und füllt auf der Seite auf, zu der er den Ball gepasst hat. Abschließend stellt Backscreener Hayes einen direkten Block am Ball. Der Backscreen im Vorhinein sorgt allerdings dafür, dass Hayes' Verteidiger einen Moment später zur Stelle ist.

In beiden Situationen ist jedoch entscheidend, dass der Ballhandler Allen eine gute Entscheidung trifft. Gegen South Carolina reicht eine Täuschung, um den Verteidiger des Blockstellers in die Luft springen zu lassen, was dem Roller enorm viel Platz verschafft. In der zweiten Szene gegen Arkansas ertappt Allen seinen Gegenspieler dabei, wie sich dieser nach dem zu erwartenden Block umsieht.

Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzt Allen, um in die Zone vorzudringen und elegant abzuschließen. Dass Allen mittlerweile im Pick & Roll für sich und seine Mitspieler kreieren kann, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt.

Nicht nur beim Chin Pick & Roll ist Allen der Nutznießer, oft wird er auch per Pistol Action in eine gute Ausgangslage gebracht.


Florida spielt die bekannteste und am weitesten verbreitete Form der Pistol Offense: Der Aufbauspieler dribbelt mit Tempo auf eine Seite, wo er Ball an den aus der Ecke stürmenden Mitspieler per Handoff übergibt. Auf diesen Handoff folgt noch ein Ballscreen des Bigs. Diese Aktion ist zwar nicht sonderlich schwierig zu durchschauen, dennoch nicht leicht zu verteidigen.

Arkansas entscheidet sich dafür, den Handoff und das Pick & Roll zu switchen, weshalb Allen zwar nicht direkt durchbrechen kann, nun aber ein Mismatch vorfindet. Im Eins-gegen-Eins gehört der geborene Scorer ohnehin zur gehobenen Elite der NCAA. Ein Mismatch gegen einen deutlich langsameren Big lässt sich Allen da nur sehr selten entgehen.

In den vergangenen Wochen war zudem zu beobachten, dass White seine Offense den Gegebenheiten etwas angepasst hat. Einerseits aus Mangel an Big Men, andererseits der individuellen Stärke seiner Guards geschuldet, spielen die Gators immer mal wieder eine 5 Out Offense. Besonders gegen Ende eines Spiels treibt White den Smallball auf die Spitze und entscheidet sich in der Crunchtime für eine Lineup aus drei Combo Guards und zwei Tweenern.


Chiozza, Hill und Allen sind allesamt in der Lage, ein Eins-gegen-Eins in der Spielfeldmitte bei herablaufender Wurfuhr für sich zu entscheiden und auf Hilfen weiterer Verteidiger zu reagieren. Besonders Chiozza ist nur sehr schwer zu kontrollieren und schafft es wegen seiner Schnelligkeit nach Belieben in die Zone.

Die letzte Szene zeigt jedoch, dass diese Strategie durchaus auch nach hinten losgehen kann und Florida sich nicht zu früh in einer Begegnung allein auf das Time Management konzentrieren sollte. Weil nur ein Spieler in Aktion ist, während die anderen vier im schlimmsten Fall 20 Sekunden lang unbeteiligt herumstehen, kann das ganze Team sehr schnell an Rhythmus verlieren, was einen Vorsprung im Handumdrehen gefährdet.

Defense
Der Antrieb im Spiel der Gators liegt eindeutig in der Verteidigungsleistung. Sie sind bisweilen darauf angewiesen, dass ihre Defense ihrer Offense leichte Zähler ermöglicht. Schnelle Hände, viel Athletik und Geschwindigkeit, Länge auf mehreren Positionen und blitzschnelles Umschalten gehören zu den Eigenschaften, die Coach White an seinem Team schätzt.

Entsprechend sind die Gators nicht nur darauf aus, den Gegner zu stoppen, sondern sich mittels Ballgewinn oder Defensivrebound in Windeseile einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Dazu versuchen die Außenspieler Pässe abzufangen, während die Innenspieler nach Rebounds schnelle Outletpässe spielen.

Um schwierige Würfe und Ballverluste zu verursachen, versuchen die Gators in erster Linie durch gutes Positionieren Drives zum Korb zu verhindern. White lässt seine College Athleten viel switchen, was einer einerseits dazu führt, dass die Gators sich in der Verteidiger seltener um Blöcke herumkämpfen müssen und besser ihre Ordnung bewahren, andererseits aber auch Verwirrung und Ratlosigkeit beim gegnerischen Team hervorrufen. Mismatches sind nur gelegentlich eine ernsthafte Bedrohung, da die Teamdefense gut funktioniert und notfalls einschreiten kann und nur wenige NCAA Teams konstant Mismatches zu ihren Gunsten ausnutzen können.


Obwohl Arkansas das Spiel schnell machen möchte, ist die Defense der Gators bereits relativ strukturiert. Hill bleibt seinem Gegenspieler auf den Fersen und bekommt am Zonenrand die Hilfe vom Mitspieler. Daraus entsteht zwar zunächst das Mismatch zwischen Flügelspieler Robinson und Arkansas Big Moses Kingsley, einem der besten Bigs der SEC, doch da das Spacing der Offense noch nicht steht, bricht der Innenspieler seine Angriffsbemühung zunächst ab.

Das gibt Mitspieler Barry die Gelegenheit, beim ersten Dribbling des Centers entscheidend zu stören und den Pass zurück an die Dreierlinie zu forcieren. Das entstehende High Pick & Roll wird geswitcht. Robinson kann dank seiner Kombination aus Größe, Länge und Schnelligkeit problemlos Guards vor sich halten. Allen ist als kräftiger Guard zumindest nicht gänzlich chancenlos gegen Kingsley in der Zone. Indem Allen frontet, lässt er es gar nicht zum direkten Eins-gegen-Eins kommen.

Problematisch kann jedoch die Pick & Roll Verteidigung werden, sobald das Blocken-und-Abrollen nicht geswitcht wird. Besonders dann, wenn Bigs involviert sind, die bis zur Egbunu Verletzung nur spärlich Minuten bekamen.


Barry bleibt die ganze Zeit der Verteidiger am Ball und switcht nach den Handoffs zum neuen ballführenden Spieler. Anschließend folgt ein Pick & Roll, bei dem er seinem Big Man Keith Stone andeutet, dass er den Angreifer zur linken Hand forcieren möchte. Stone steht jedoch zunächst auf der falschen Seite. Beim zweiten Anlauf des Ballhandlers hat Stone immer noch die Möglichkeit, die Penetration zu verhindern, rennt aber plötzlich doch zu seinem direkten Gegenspieler. Somit ist die Bahn frei und Florida muss zwei leichte Punkte in Kauf nehmen.

Ein weiteres Problem, das sich bei so vielen Switches ergeben kann, ist die eintretende Passivität der Verteidiger. Folgt Angriff für Angriff ein Handoff auf den nächsten und wird jede dieser Aktionen konsequent geswitcht, können einzelne Verteidiger den Fokus verlieren.


Hier in diesem Beispiel erhält einer der besten Shooter der SEC einen Handoff. Chiozza reagiert nach dem Switch jedoch nicht wirklich. Auch wenn der Schütze ein gutes Stück hinter der Dreierlinie abdrückt, muss der Florida Guard damit rechnen und aggressiver Verteidiger - gerade wegen seiner mangelnden Körpergröße.

Richtig problematisch wird es jedoch erst dann, wenn gleich mehrere Gators in einer Defensivsequenz nicht auf der gleichen Wellenlänge liegen. Das kann Florida auf Dauer nicht kompensieren.


Barry will wieder den Handoff switchen, womit Hill jedoch nicht rechnet. Da zwischen den beiden keine Absprache erfolgt, verteidigen zwei Spieler am Ball und vernachlässigen den Cutter. Das ist im ersten Moment noch nicht schlimm, da es folgenlos bleibt, doch solche Missverständnisse können sich im Nachhinein rächen.

Die Fehlerkette geht damit weiter, dass Hayes dieses Mal sehr leicht das Duell im Lowpost mit Kingsley abschenkt. Der Arkansas Big muss noch nicht mal richtig darum kämpfen, von seinem Mitspieler in bester Position gefunden zu werden. Kingsley fängt den Ball viel zu nah am Brett, weswegen auch jede Hilfe zu spät kommt und Kingsley relativ unbekümmert seinen Move vollstreckt.

Grundsätzlich ist Florida ein sehr unangenehmer Gegner, der auch nach dem Ausfall von Starting Center aussichtsreiche Chancen auf das zweite Wochenende und abhängig von den Matchups sogar auf das Final Four hat. Die Gators haben einen klaren Plan in allen Aktionen, die sie ausführen. Offensiv wollen sie das Pick & Roll meistern und über die Drives ihrer drei Playmaker Chiozza, Hill und Allen viel Ballbewegung erhalten. Defensiv switchen sie viel und erorbern dank hoher Aggressivtät viele Bälle. Diese Mischung kann im März brandgefährlich sein.

Damit es jedoch zum Feuerwerk und dem tiefen Run reicht, müssen die Gators konstant ihre Würfe treffen und zumindest solide Leistungen von ihren Bigs erhalten. Gerade in letzterer Hinsicht ist eine gewisse Skepsis angebracht.