21 März 2017

21. März, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

Basketballdeutschland kennt momentan scheinbar nur ein Thema: Moritz Wagner. 26 Punkte haben ausgereicht, um Madness in die deutsche Basketball-Community zu bringen und Interesse an einer stiefmütterlich behandelten Form des Basketballs zu wecken: dem College Game.

Doch die Zahl alleine und das Lob von vielen Seiten, all das ist nicht hilfreich, wenn die Leistungen der Michigan Wolverines (beim NCAA Tournament gibt es übrigens immer noch eine Meisterschaft zu gewinnen) und Moritz Wagners nicht richtig eingeordnet werden.


Um eine solche Einordnung vorzunehmen, müssen zunächst ein paar Rahmbedingungen verstanden werden. Beispielsweise war es über weite Strecken der Saison gar nicht garantiert, dass Michigan überhaupt am NCAA-Turnier teilnimmt.

Auf einen sehr starken Start im November folgte eine länger andauernde Schwächephase, die bis weit in den Januar anhielt. Der Wendepunkt kam erst mit einer Niederlage gegen Illinois. Nach dem Spiel sagte der Center der Fighting Illini sinngemäß, dass Michigan "einfach kein toughes Team sei und man sie schlagen könne, sobald ein wenig Intensität im Spiel ist."

Damit traf Maverick Morgan den Nagel auf den Kopf. Michigan war in den ersten Saisonmonaten alles andere als 'tough'. Erst als Point Guard Derrick Walton am Folgetag ein Meeting für die Spieler einberief und alle sich gegenseitig den Kopf wuschen, änderte sich die Einstellung.

So wie die Wolverines jetzt spielen, spielen sie bereits seit Ende Januar. Nach einem 11-6 Start bis Mitte Januar verlor Michigan seither nur noch fünf Mal. Mit Ausnahme von Ohio State kamen diese Niederlagen gegen andere Tournament-Teams zustande.


Genau genommen sind die Wolverines seit Mitte Januar das beste Team der Big Ten Conference. Das Turnier Seeding an #7 ist, gemessen an der gesamten Saison, sicher nachzuvollziehen und richtig, spiegelt aber nicht die jüngst erbrachten Leistungen wider. Insofern ist es keine Sensation oder riesige Überraschung, dass die Wolverines in Runde eins Oklahoma State und danach Louisville aus dem Turnier werfen konnten.

Zumal beide Gegner sehr unerfahren waren. Bei Oklahoma State hatten im Vornherein nur vier Spieler Tournament-Erfahrung. Die Leistungsträger der Louisville Cardinals sind vor allem in der Sophomore Class anzutreffen, die letztes Jahr nicht am Tournament teilnehmen durfte. Sie dachten beispielsweise, CBS Field Reporterin Tracy Wolfson, eine ehemalige Michigan Absolventin, würde in den Auszeiten die Plays für den Gegner ausspionieren.

Auch bei der Lektüre der US-Medien ist Vorsicht angebracht. Der oft zitierte Flugzeugunfall dürfte das Team in der Tat noch mehr zusammengeschweißt haben, doch das kann eher als verstärkender Effekt verstanden werden, nicht als Hauptursache dieser Cinderella Story. Auch die Revanche an Louisville für das Finale 2013 dürfte überhaupt keine Rolle gespielt haben, da bis auf die Trainer keine Protagonisten übrig geblieben sind.

Insofern ist die Mär von den Michigan Wolverines als Underdog eine verzerrte Darstellung, da Michigan gemessen an den Leistungen der letzten zwei Monate vermutlich zu den 15 bis 20 besten Teams der NCAA gehört.

Die Sweet Sixteen Teilnahme ist also eher haargenau im erwarteten Rahmen anzusiedeln. Dass in dieser Mannschaft sogar Potential zu mehr steckt, deuteten die vergangenen Wochen an. Das hängt vor allem mit der Spielweise zusammen.

Die Offensive gehört zu den besten in der gesamten NCAA. Wenn die Schützen einen guten Tag haben und die Big Men sowie Point Guard Walton für Gefahr in der Zone sorgen, sind die Wolverines kaum zu stoppen.


An dieser Stelle kommt wieder Moritz Wagner ins Spiel, der seit Saisonbeginn zusammen mit Frontcourt Kollege D.J. Wilson der X-Faktor ist. Spielen die beiden aggressiv, smart und ohne Foulprobleme, ist Michigan ein anderes Team. Gerade Wagner bietet offensiv ein Skillset an, das wenige Bigs der NCAA matchen können. Zudem ist für viele Teams und Verteidiger Wagners ungewohnt, dass der Fünfer auch mal vom Perimeter aus attackiert oder Dreier nimmt.

Diesen entscheidenden Vorteil konnte sich der Berliner häufig zu Nutze machen. Purdues Biggie Swanigan und Wisconsins Ethan Happ gehören zu den prominentesten Opfern Wagners. Der große Unterschied, der jetzt von NBA und Draft Experten in den 26 Punkten gegen Louisville gesehen wird, liegt in der Athletik des Cardinals-Frontcourts, der in dieser Hinsicht für NCAA Verhältnisse tatsächlich sehr nah an der NBA dran ist.

Gerade hier ist es jedoch von Vorteil, wenn man sich ansieht, wie Wagners Punkte im Detail zustande kamen. Rick Pitino entschied sich dafür, Blöcke zu switchen, wodurch Wagner konstant Mismatches gegen kleinere Gegenspieler mit wenig Erfahrung hatte.


Hier war seine Effizienz sicher atemberaubend und der Schlüssel zum Sieg. Ingesamt fehlten allerdings die direkten Aufeinandertreffen mit den Frontcourt Spielern Louisvilles. Die wenigen, die es gab, sahen nicht schlecht aus:


Sobald jedoch der Überraschungseffekt beim Gegner fehlt, reicht die Geschwindigkeit gegen NBA Athleten aber nicht aus:


Dass Wagner ein sehr variabler Offensivspieler ist und sich im Laufe der Saison immer mehr zutraute, sollte keine neue Erkenntnis sein. Genau dieses Mismatch-Potential macht Michigan seit Saisonbeginn so gefährlich und lässt Wagner überhaupt an den Rand des NBA Scheinwerferlichts treten.

Die Zauberworte sollten eher "Defense" und "Konstanz" lauten. Beides ist eng miteinander verknüpft. Häufige Foulprobleme und defensive Fehler führen dazu, dass Wagner bisher viele Spiele hatte, in denen er einfach nicht die Minuten bekam, um sein Können zu zeigen.

Solange er nicht die Athletik, das Timing und die Erfahrung besitzt, um in Verteidigung dauerhaft Situationen zu lösen und so unbeschadet auf dem Feld zu bleiben, ist die NBA vorerst noch in weiter Ferne. Gerade an diesem Wochenende wurde das auch wieder deutlich. Gegen Oklahoma State fing er sich früh zwei Fouls ein:


Auch gegen Louisville war seine defensive Performance mehr als ausbaufähig:


Niemand will Wagners Leistung gegen Louisville diskreditieren und ihm NBA-Talent absprechen. Im Gegenteil: Wagner ist mit einer guten Grundausbildung ausgestattet und hat sich in den letzten zwölf Monaten zum Starter und einer wichtigen Scoring Option eines Sweet Sixteen Teams hochgearbeitet.

Einen jungen Deutschen mit so viel Verantwortung zu sehen, kommt gerade in den Bundesliga Hallen zu selten vor und entspricht einer höchst erfreulichen Abwechslung. Der 19-Jährige birgt viel Mismatch Potential und kann als Big sehr vielseitig scoren (Dreier, Postup, Drive, Pick & Roll, Pick & Pop) oder Plays machen, was in der NBA immer mehr in die Aufgabenbeschreibung "moderner" Bigs hinein passt.

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Mir geht es mehr um die Darstellung seiner erbrachten Leistungen. Denn solche Performances wie gegen Louisville konnte er in der regulären Saison immer wieder abrufen und damit seinen Anteil dazu beitragen, dass Michigan nun überhaupt im März tanzen darf. Das macht jene Leistungen mindestens genauso wichtig.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Wagner gerade in der Defense, körperlich, athletisch und in Punkto Konstanz besser werden muss. Punkt eins und drei wird er nur erreichen können, wenn er weiterhin viel Spielzeit sieht und lernt, mit Verantwortung umzugehen. Dafür bietet ihm das College eine ideale Situation, weshalb eine weitere Saison durchaus sinnvoll wäre.


Hier kann er seine Pick & Roll Defense, die vor allem am Timing hapert, und sein Rebounding verbessern. Ob er jemals ein Ringbeschützer auf NCAA oder NBA Niveau wird, darf zwar bezweifelt werden, doch zumindest würde ihm auch hier besseres Positioning helfen.

Zudem sollte nicht vergessen werden, dass die Konkurrenz groß ist. Im kommenden Draft gibt es fast schon ein Überangebot an fähigen Big Men (Robert Williams, Jarrett Allen, Justin Patton, Caleb Swanigan, John Collins, Ivan Rabb und T.J. Leaf könnten alle ab #10 aufwärts gedraftet werden), was angesichts des kollektiv sinkenden Interesses an Big Men schnell zu einem rasanten Fall am Draftabend führen kann.

Auch der Michigan-Effekt darf nicht außer Acht gelassen werden. John Beilein bringt seine Spieler in Positionen, die sie von ihrer besten Seite zeigen und Schwächen kaschieren. Der prominenteste Fall ist der von Mitch McGary, der am College und für Michigan unstoppable schien, seit seinem Draft 2014 aber erst 52 NBA Spiele absolviert hat und dort niemals Fuß fassen konnte.

Kurz zusammengefasst: Wagner ist ein offensiv erstklassiger NCAA Spieler mit Mismatch Potential, das er die ganze Saison über immer wieder aufblitzen ließ. Mangelnde Konstanz und defensive Schwächen sorgten jedoch dafür, dass Wagner auch immer wieder schlechtere Spiele zeigte.

Michigan war auf gar keinen Fall absoluter Underdog in den ersten beiden Partien dieses NCAA-Turniers, sondern konnte die bessere Formkurve und ein Plus an Erfahrung aufweisen. Diskussionen um Wagners NBA-Zukunft sind verfrüht, da das Tournament noch läuft und es hier in erster Linie um sportlichen Erfolg zwischen 16 verbliebenen Teams geht. Die haben genauso viel Beachtung und Interesse verdient, wie der einzige deutsche Spieler des Tournamentfeldes, der am Ende ohnehin selbst entscheiden wird, ob und wann er in die NBA geht.

Wem Wagners Leistungen Interesse am College Basketball geweckt haben sollten, wer sich über die verbliebenen Tournament-Teams informieren will, kann das hier, hier oder hier machen. College Basketball ist weder "Anti-Basketball" noch "wildes Gezocke", bei dem ein paar NBA Plays für College Spieler gelaufen werden.

Es geht um Meisterschaften, Prestige (und viel Geld), weswegen Fehler von 18- bis 22-Jährigen auf einer solch großen Bühne verständlich und nachvollziehbar sein sollten. Wer hier perfekte Spiele und Spektakel erwartet, hat die Bedeutung von College Basketball und March Madness nicht verstanden.

Trotz aller Fehler steckt viel Planung und Strategie hinter dem Handeln auf dem Feld. Bei so viel Intensität in der Verteidigung kann die Offensive durchaus in Bedrängnis kommen - was bei jungen Studenten, von denen die meisten niemals Profibasketball spielen werden, mehr Empathie auslösen sollte.

Die erste echte Härteprobe kommt auf Wagner und seine Wolverines übrigens erst im Sweet Sixteen gegen die Oregon Ducks zu. Die Enten spielen eine Matchup Zone (was individuelle Glanzleistungen wie die des Berliners in Runde zwei schwierig macht), verfügen ausserdem mit Jordan Bell über einen exzellenten Verteidiger für fünf Positionen. Das wird ein echter Prüfstein für Wagner und Michigan.