04 März 2017

4. März, 2017


von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Der Januar scheint kalendarisch gar nicht so weit weg zu sein. Für alle Fans der Philadelphia 76ers könnte aber die Diskrepanz zum Jahresanfang nicht größer sein. Ein Monat ist in Philadelphia vergangen, der an Turbulenz kaum zu überbieten war. Das berauschende Gefühl, dass im Januar in Philly vorherrschte, ist komplett verflogen.

Ein Januar wie im Traum
Die Verlockung „damals“ zu schreiben ist groß, aber dafür ist noch zu wenig Zeit vergangen. Einigen wir uns auf „vor zwei Monaten“ als Einstieg. Die Sixers gewannen 10 ihrer 15 Spiele im Januar. Seit Beginn des „Process“ ein überwältigendes Glücksgefühl für jeden Fan der Sixers - egal ob Process Truster oder nicht. Spiele zu gewinnen war eine Seltenheit. Das Gefühl ein paar Spiele hintereinander zu gewinnen wurde zu überschwänglicher Freude. Die Heimspiele in Philly wurden zu einem echten Event.

Die Sixers machten Spaß, angeführt von Joel Embiid, dem Hoffnungsträger auf den alle so lange gewartet hatten und der sein A+ Social Media Game auf den Basketballplatz übertragen konnte. Der Rookie spielte groß auf. Teilweise dominiert er spiele - offensiv wie defensiv. 20 Punkte, 8 Rebounds und 2,5 Blocks legte der Kameruner im Januar auf. Es wurde sogar über eine All-Star Nominierung nachgedacht, so groß waren Embiids Hype und Produktivität.


Noch erstaunlicher wird die Leistung Embiids, wenn man einen Blick auf die +/- Werte der Sixers wirft. Embiid ist der einzige Spieler, der einen positiven Plus-/Minus-Wert vorweisen kann. Die Sixers schnupperten sogar an einem Playoff-Platz, an den zwar nur die kühnsten Optimisten glaubten, aber das alleine verstärkte die Euphorie sogar noch. Die war in ganz Philadelphia spürbar. Die Lust auf guten Basketball war über die letzten, deprimierenden Jahre enorm gestiegen.

Inmitten aller Euphorie sagte General Manager Bryan Colangelo schliesslich noch, Nummer eins Pick Ben Simmons würde einen finalen Scan für seinen verletzten rechten Fuß bekommen. Die Gerüchteküche servierte das Debüt für Anfang März. Die Sonne schien über Philadelphia.

Die Trading Deadline
Die Big Man Situation war ja eigentlich seit dem Saisonbeginn nichts Neues. Jeder wusste es, niemand scherte sich und Colangelo wartete. Mit Joel Embiid, Nerlens Noel, Jahlil Okafor und Rashaun Holmes standen vier Center im Kader, die alle Spielzeit haben wollen.

Embiid ist ein Franchise Player, Nerlens Noel ist kommender Restricted Free Agent und will bezahlt werden, Okafor ist immerhin der dritte Pick aus dem letzten Draft, Holmes hat das Zeug ein guter Backup zu werden.

Teil des Problems ist, dass ein Zusammenspiel der Bigs nicht funktioniert. Verletzungen von Okafor und Noel verhinderten zwar, dass von Anfang an alle vier Center im Kader waren. Das Damokles-Schwert hing trotzdem zu jeder Zeit über dem Front Office. Doch es passierte nichts - eine Entscheidung, die sich rächen sollte.

Zunächst aber passierte ein guter Move. Ein Tag vor der Deadline wurde Ersan Ilyasova für zwei Zweitrundenpicks und den verletzten Center Tiago Spiltter nach Atlanta getradet. Auch wenn der Türke eine gute Saison spielte, tradete Colangelo den Veteranen auf dem Höhepunkt seines Wertes. Ein Move, der Hoffnung machen sollte auf die "echte" Trading Deadline. Diese Hoffnung hielt einen einzigen Tag.

Erste Gerüchte sickerten durch, dass ein Trade von Okafor zu den New Orleans Pelicans Formen annimmt, doch der Trade fiel auseinander. Letztendlich wurde nicht Okafor, sondern Nerlens Noel getradet - zu den Dallas Mavericks. Für Justin Anderson, Andrew Bogut und einen falschen Erstrundenpick. Fake daher, weil der Pick Top-18 geschützt ist.

Wer die Standings kennt, weiß, dass die Mavs nicht unter den besten 12 Teams der Liga landen werden. Der Pick wird somit zu zwei Zweitrundenpicks, einer 2017 und einer 2020. Dass den Fans vorgegaukelt wurde, einen Erstrundenpick für Noel zu bekommen, sollte der erste von vielen schlechten PR-Moves Colangelos sein.

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Bogut wurde sofort aus seinem Vertrag gekauft, der Gegenwert bestand also aus Anderson und zwei Zweitrundenpicks. Dieser Gegenwert ist viel zu gering für einen Center, der bewiesen hat, dass er defensiv auf hohem Niveau spielen kann. Das Management wollte Noel im Sommer vermutlich einfach nicht bezahlen, da das Tischtuch zwischen den beiden Partien zerschnitten war. Noel äußerte sich immer wieder negativ über die vorherrschende Situation in Philly.

Colangelo wartete darauf, dass die anderen Teams händeringend nach einem Center suchen, doch am Ende verzweifelte nur ein Team: die Philadelphia 76ers. Der Plan, zu warten, ohne genügend Minuten für Noel und Okafor verfügbar zu haben, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ein klassischer Fall von verzockt.

Dass die Situation der Bigs nicht schon im Sommer geklärt wurde, hat den Sixers ungemein geschadet. Mit Noel haben sie ihren zweitbesten Center erst vergrault und dann getradet. Das Paar Embiid und Noel hätte zwar auch nicht über einen längeren Zeitraum funktioniert, aber Noel als Ersatz für Embiid zu wissen, wäre eine gute Lösung gewesen. Die Sixers hätten über die kompletten 48 Minuten immer einen sehr guten Ringbeschützer auf dem Feld stehen. Okafor hat zwar viele Post Moves und kann scoren, ist aber defensiv nicht hilfreich.

Es kann sein, dass die vergangene Deadline in ein paar Jahren völlig unwichtig sein wird. Embiid wird die Zukunft der Franchise bestimmen, positiv wie negativ. Trotzdem hat es Colangelo verpasst, einen guten Gegenwert und mehrere Puzzlestücke zu bekommen, die später einmal wichtig sein könnten. Die Hoffnungen liegen damit auf Anderson und einem ähnlichen Effekt wie bei Jae Crowder, der seit seinem Wechsel aus Dallas zu den Boston Celtics groß aufspielt.

Verletzungen und die fehlende Transparenz
Jenseits des schlechten Gegenwerts im Noel-Trade ist die größere treibende Kraft der wachsende Mangel an Vertrauen der Stadt ins Front Office der 76ers, wie es mit Spieler-Updates und der Presse umgeht. Updates, die bestenfalls als unwahr beschrieben werden können und schlimmstenfalls als schlichtweg gelogen.

Bereits Anfang der Saison wurde eine Handgelenksverletzung von Guard Jerryd Bayless als kurzfristig etikettiert.  Dieser verpasste aber einen kompletten Monat. Nach einer kurzen Phase auf dem Parkett fiel er für die ganze Saison aus.

Auch Joel Embiids neueste Knieverletzung wurde erst als Day-to-Day gelistet, obwohl Embiid Journalisten sagte, er würde zwei bis drei Wochen ausfallen. Neben der ursprünglich diagnostizierten Knieprellung wurde dann auch noch ein kleiner Riss im Meniskus des Kameruners entdeckt. Kommuniziert wurde das nicht.


Derek Bodner, Journalist aus Philadelphia, schrieb einen Artikel darüber und berichtete von der Verletzung. Erst daraufhin wurde sie von den Sixers öffentlich und offiziell kommuniziert. Dann hieß es, Embiid sei auf unbestimmte Zeit verletzt, kurz darauf wurde verkündet, dass seine Saison komplett gelaufen sei.

Auch bei Ben Simmons war die wirklich Zustand seines verletzten Fußes nie klar. Zwar trainierte der Top-Pick seit Anfang Januar, ein Datum oder eine Zeitspanne für eine Rückkehr gab es jedoch nie. Erst in der Pressekonferenz nach der Trading Deadline wurde bekannt, dass der Fuß nicht wie erhofft heilte und Simmons die komplette Saison ausfallen würde. Simmons führt die Tradition weiter, dass ein weiterer Sixers-Rookie (nach Embiid und Noel) im ersten Jahr kein einziges Spiel machen wird.


Die Informationspolitik (welche eigentlich?) der Sixers ist hier das größte Problem. Immer wieder sickern Gerüchte durch, die natürlich dadurch genährt werden, dass die Organisation keine klaren Aussagen trifft und immer nur auf Berichte der Medien reagiert. Bayless, Embiid, Simmons... Nie gab es ein klares Update. Hier geben die Sixers ein ganz schlechtes Bild ab und verpassen es die Kontrolle über ihr eigenes Narrativ zu haben. So wird genügend Platz für Spekulationen eingeräumt, die es nicht braucht. Professionalität sieht anders aus.

Eine Theorie ist, dass Simmons von seinem persönlichen Sponsor Nike Bonuszahlungen in Millionenhöhe erhält, wenn er diverse Awards wie den Rookie of the Year Award gewinnt. Würde Simmons diese Saison ein handvoll Spiele bestreiten, würde er sich von der Wahl im nächsten Jahr disqualifizieren, weil er seinen Rookie-Status verliert.  Bestimmt wird es Stimmen in seinem Camp gegeben haben, die Simmons von einer Rückkehr auf den Platz in dieser Saison abgeraten haben. Sportlich geht den 76ers durch diese Entscheidung in den verbleibenden knapp 25 Partien nichts ab.


Die Schonzeit für Colangelo ist vorbei
Zugegeben: Colangelo hatte keinen leichten Start in Philadelphia. Der ehemalige General Manager Sam Hinkie wird von einem nicht kleinen Teil der Fans immer noch als Heilsbringer angesehen, der unrechtmäßig aus der Stadt vertrieben wurde. Dass Philly unter seiner Ägide eine der miesesten Dreijahresbilanzen aller Zeiten einfuhr, übersehen diese Fans.

Die Umstände, wie Colangelo in den Job gelangte sind sicherlich auch nicht nur ihm geschuldet. Sowohl die NBA als auch sein mächtiger Vater Jerry Colangelo hatten ihre Finger im Spiel. Dennoch ist er nun fast ein ganzes Jahr lang mit an Bord.

Bisher sieht die Bilanz nicht viel besser aus als unter Hinkie. Ben Simmons an erster Stelle des Drafts zu ziehen, war offensichtlich. Die verpflichteten Free Agents waren solide. Timothé Luwawu-Cabarrot, Pick Nummer 24 im letzten Draft, ist talentiert und zeigt immer wieder Ansätze. Sportlich ist Colangelo nicht viel vorzuwerfen.

Doch auch die Kommunikation ist Aufgabe des Front Office, dem Colangelo vorsteht. Hier hat er einen ganz miesen Job gemacht. Das Versprechen, transparent und offen zu sein, hat er auf größtmögliche Art gebrochen. Der Gegenwind aus der toughen Stadt Philly weht ihm jetzt schon kalt ins Gesicht.