07 März 2017

8. März, 2017


von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Für die Cleveland Cavaliers und allen voran LeBron James waren die ersten Tage der Buyout-Season wie Weihnachten. Beim amtierenden Champion klafften auf zwei wichtigen Backup-Positionen seit Saisonbeginn ernstzunehmende Löcher, die bislang eher notdürftig geflickt wurden.

Während Mo Williams als Point Guard hinter Kyrie Irving aufgrund von Verletzungen und privaten Querelen nicht mehr im Kader stand, war mit Chris Andersen kein kleiner Name verpflichtet worden. Der „Birdman“ spielte allerdings vor seinem Kreuzbandriss keine große Rolle, sodass Center Tristan Thompson besonders am eigenen Korb auf sich alleine gestellt war.

Mit Deron Williams und Andrew Bogut sind GM David Griffin ein ehemaliger All-Star und First-Pick in die Hände gefallen. Abgerundet mit den vorherigen Additionen Kyle Korver und Derrick Williams machen die Cavs nicht nur qualitativ einen gewaltigen Sprung nach vorne, sondern besitzen nun auch die vielleicht tiefste Rotation der Liga - sofern Tyronn Lue es zulässt.

Direkte Hilfe
„D-Will“ ist mit seinen Fähigkeiten als Floor General der ideale Ersatzmann für Irving. „Das Team brauchte ja einen Backup für Kyrie Irving und auch jemanden, der mit Kyrie zusammen spielen kann“, zeigt sich der Point Guard mit seiner neuen Rollen von der Bank gleich einverstanden.

Ähnlich wie bei Bogut, ist es für ihn wichtig, eine Chance auf die Meisterschaft zu haben. Für diese haben beide für das Minimum in Höhe von 900.000 $ bis zum Saisonende unterschrieben, obgleich andere Klubs den Free Agents attraktivere Offerten vorgelegt hatten.



Ein Beitrag geteilt von Cleveland Cavaliers (@cavs) am

Dabei kommt die Unterstützung nicht nur „Uncle Drew“ zugute: Mit zuletzt 5,8 APG und als neuer Anführer der Bank wird Deron Williams auch James Verschnaufpausen verschaffen. Deshalb passt auch Bogut so gut in das System: Er bringt nicht nur elitäre Defense, sondern zählt mit einem Karrierewert von 2,3 APG auch zu den besten großen Passern.


Seine verpönten Screens, die ligaweit und von der Konkurrenz gerne mal als „illegal“ deklariert, aber selten bis gar nicht geahndet werden, sind für die Cavaliers ein weiteres Plus. Scharfschützen wie Irving oder Korver dürften demnächst noch bessere Looks erhalten.

Tandem mit Thompson
Der Australier ist in vielerlei Hinsicht ein Geschenk für die Nummer eins im Osten. Aufgrund seiner überragenden Physis kann Thompson eigentlich die komplette Saison wühlen und das Feld beackern. Eine große Agenda schien ein Backup nicht zu sein, zumindest in den Medien und für die breite Öffentlichkeit nicht.

Bereits in unserer Preview haben wir darauf hingewiesen, dass Cleveland neben einem zweiten Guard auch Größe gut täte. Bogut ist mit seinen 2,13 Meter nicht nur sofort der längste Akteur im Roster, sondern bildet mit „Double-T“ defensiv ein perfektes Tandem. Wo Thompson aufgrund seiner Mobilität und Leichtfüßigkeit nach dem Pick & Roll auf den Ballführer switchen und kleinere Spieler verteidigen kann, war der Neuzugang jahrelang der beste Rim Protector der Liga – das geht dem Starter ab.


Boguts körperliche Verfassung ist zwar nicht mehr ideal, aber sein Einfluss bleibt immens: In 26 Partien mit den Mavs verbesserte er das Defensive Rating von 110,4 auf 99,8. Zudem rangiert er mit Rudy Gobert und Draymond Green an der Spitze des Defensive Real-Plus-Minus und ist daher ebenfalls ein wichtiger Faktor mit Blick auf die anstehenden Playoffs und eine mögliche Finals-Serie gegen die Golden State Warriors.

Für eine Mannschaft wie Cleveland, die seit der Ankunft von James nur in wichtigen Duellen oder in den Postseason ernsthaft verteidigt, bringt das Direkthilfe, die wahrscheinlich nicht einkalkuliert war. Zudem wird Thompson, obwohl er so unermüdlich wirkt, Ruhephasen erhalten, die für die Playoffs garantiert nicht von Nachteil wären; das gute Rebounding wird durch Bogut (in Dallas 8,3 RPG) vor allem bis zur Genesung von Kevin Love gewiss nicht schlechter.

Insides von GSW
Apropos Warriors… Der Pivot hat mit seinem Ex-Team noch eine Rechnung offen. Nachdem er mit den GSW 2014-2015 zunächst Meister wurde und im letzten Jahr die beste Spielzeit aller Zeiten ablieferte (73-9), wurde er im Sommer geschasst, um Kevin Durant verpflichten zu können. 

Klar, Bogut ist ein Vollprofi, aber sowas geht auch an einem Spitzensportler nicht spurlos vorbei.

Kommt es im Juni zum Three-Peat zwischen Cleveland und den Warriors, wird in der neuen Nummer sechs der Cavaliers ein besonderes Feuer lodern. Gegenüber ESPN erklärte sein Agent David Bauman deshalb: „Das gibt Andrew die Chance noch einmal in die Finals zu kommen und zu zeigen, was für ein guter Defensiv-Spieler er sein kann.“


Außerdem, und da wird das Trainerteam hellhörig werden, kennt der Center die GSW in- und auswendig. Was Golden State im letzten Jahr mit Anderson Varejao (vorher Spieler in Cleveland) versuchte und seit Saisonbeginn mit Assistant Coach Mike Brown (Cheftrainer in Cleveland von 2005 bis 2010) praktiziert, können Lue und sein Trainerstab nun auch. Durch Bogut als Insider ist ein besseres Scouting und Einstellen durchaus denkbar.

Enorme Versatilität 
Auch Flügel Derrick Williams wurde bis zum Saisonende fest gebunden. Weder bei den Sacramento Kings, New York Knicks oder den Miami Heat machte der Small und Power Forward in den vergangenen Monaten und Jahren nachhaltig auf sich aufmerksam, aber dieser Gamble ist bislang aufgegangen.

In den bisherigen neun Partien legte Williams, der sich mit Deron Williams noch um den Spitznamen „D-Will“ streiten muss, in 24,2 Minuten 10,3 Punkte und 4,1 Rebounds auf und traf dabei brandheiße 42,9% von Downtown und 69,0% seiner Zwei-Punkt-Würfe.


Für die heuer drittschlechteste Bank (29,8 PPG) – durch die Verletzungen von Kevin Love und J.R. Smith stehen Channing Frye (9.2 PPG) und Iman Shumpert (7,5 PPG) zumeist in der Starting Five - sind Deron (13,1 PPG in Dallas) und Derrick Williams sowie Bogut (Karrierewert 10,0 PPG) und der im Januar verpflichtete Korver (11,2 PPG) Glücksgriffe.


Darüber hinaus befindet sich mit Deron Williams, Korver, Shumpert / Richard Jefferson, Frye / Derrick Williams und Bogut eine bessere zweite Fünf im Kader als die Nets wahrscheinlich überhaupt aufbieten könnten. Diese enorme Versatilität ermöglicht es Lue, diverse Lineups auf das Parkett zu schicken und seinen Stars tatsächlich auch zu schonen.

Wenn James, der mit 37,6 Minuten die zweitmeisten der Liga abspult, für den Rest der Regular Season bei 31, 32 Minuten gehalten würde, wäre das für die anstehenden Aufgaben bereits eine Hilfe.

GM Griffin hat durch diese Transaktionen abermals einen Case für sich im Rennen um den „Manager des Jahres“ gemacht. Diese Deals einzufädeln, obgleich Cleveland bereits tief in der Luxussteuer steckt und kaum Mittel zum Dealen besaß, sind aus Franchise-Sicht wie ein Weihnachtswunder.

Die Cavs verfügen wohl über den tiefsten und qualitativ besten Kader der Liga und könnten die Warriors genau mit dem Mittel schlagen, das Steve Kerr zuletzt ausgezeichnet hatte, aber wegen Durant aufgegeben wurde. Deshalb täte Lue gut daran, seinen wichtigsten Mann in den nächsten Wochen öfters zu schonen.

Egal, wie stark nun die Bank sein mag oder welche Spielertypen der Coach für schwierige Matchup-Situationen besitzt: Fällt James aus, ist die Titelverteidigung Geschichte. Dieses Risiko kann durch die zahlreichen Neuzugänge nun minimiert werden.

Nachtrag: Andrew Bogut brach sich nach einer Minute in seinem ersten Spiel für Cleveland das Schienbein und fällt mehrere Monate aus.