31 März 2017

31. März, 2017


von GÜVEN TAŞ @GuvenTas

Einst Brüder - Dražen und Vlade
...Hier der Kroate mit serbischen Wurzeln. Geboren im dalmatinischen Šibenik im Süden Kroatiens. Seit Kindertagen ein Besessener. Selten gab es einen Basketballer, der so in sein Element vertieft war wie Dražen Petrović. Ein kompromissloser Vollblutprofi, der seiner Profession alles unterordnete.

„In Šibenik hatte er die Schlüssel für die Halle. Um sechs Uhr morgens stand er auf und wollte immer alleine trainieren. Er stellte Stühle auf und umdribbelte sie. Jeden Tag hängte er sich an die Tür, weil er größer werden wollte. Ständig sprang er durch das Haus, wollte jeden Tag spielen und besser werden. Er hatte nur Basketball im Kopf“, sagte seine Mutter Biserka.

Unvergessen seine 112 Punkte (in Worten: einhundertundzwölf!!) in einem Meisterschaftsspiel der jugoslawischen Liga am 5. Oktober 1985. Petrović und sein Team KK Cibona deklassieren den slowenischen Rivalen Smelt Olimpija mit 158:77. Den alten Rekord von Radivoj Korać (74) bricht Dražen knapp nach der ersten Halbzeit, in der er sagenhafte 67 Punkte auflegt. Seine Statline am Ende der Partie: 40/60 FG, 10/20 Dreier, 22/22 FT.

Mit Cibona dominiert Petrović national und auch international das Geschehen. So gewinnt er mit dem Team aus Dalmatien 1985 und 1986 die EuroLeague. Auch in der Liga krönt sich Cibona Zagreb mehrfach mit dem Meistertitel.


Einwurf: Ende der 1980er kommt echte Spannung in die Liga. Vor allem im südlichen Split formiert sich ein starker Rivale, dank der beiden besten Young Guns von Jugoplastika Split: Toni Kukoč und Dino Radja. Die beiden Seven Footer (beide 2,11 m) laufen tödliche Fastbreaks und überrennen ihre Gegner mit ihrem schieren Tempo. Erst als Dražen 1988 die Liga verlässt, durchbricht Jugoplastika endgültig die Dominanz Cibonas. Die Mannschaft aus Split gewinnt vier Meistertitel in Folge (1988-1991) und fegt auch über die EuroLeague (Champions 1989 bis 1991) hinweg.

Die Wurftechnik des 1,96 m großen Shooting Guards ist beinahe makellos. Ein sehr schneller Release gepaart mit einem butterweichen Handgelenk machen Petrović zu einem echten Killer aus der Distanz. Aber auch sein Zug zum Korb ist sehr effizient. Reggie Miller bezeichnet Dražen Petrović noch heute als besten Shooter aller Zeiten.

Gemeinsam mit seinem alten Freund Vlade Divac wagt Petrović 1989 den nächsten Schritt in seiner Karriere und wechselt in die NBA. Während ihrer gemeinsamen Zeit in der NBA pflegen Drazen und Vlade engen Kontakt. Während Divac sofort mit der Startruppe der Los Angeles Lakers (Magic Johnson, James Worthy & Co.) Erfolgt hat, bekommt Petrović große Schwierigkeiten bei seinem neuen Arbeitgeber in Portland.

Der damalige Coach der Trail Blazers, Rick Adelman, kann mit dem Star aus Europa nicht viel anfangen. Es ist eine Beziehung, die von beiderseitiger Abneigung geprägt ist. Dražen darf sein gefürchtetes Konterspiel und seine tödliche Reichweite nicht vollends entfalten. In dieser schwierigen Zeit steht ihm Divac besonders nahe. Fast täglich telefonieren die beiden „Brüder“ nach eigener Aussage miteinander.

Der damalige Nationaltrainer Jugoslawiens Dušan Ivković: „Sie waren unzertrennliche Freunde. Der Sport hat sie zusammen gebracht, sie sind gemeinsam damit aufgewachsen. Und überhaupt, das war eine Generation sehr talentierter Spieler und großer Freunde.“


Mit dem Wechsel zu den New Jersey Nets Anfang 1991 kommt die Wende für Petrović. Auch wenn er anfangs wieder nur von der Bank kommt, kann er im „Garden State“ seine Stärken richtig ausspielen. Sein neuer Coach Bill Fitch gibt dem Two-Guard grünes Licht für sein gewohntes Spiel aus Europa.

Dražen dankt es seinem Trainer mit konstant guten Leistungen zurück. Kontinuierlich steigert der Kroate seine Ausbeute. Spätestens ab der Saison 1991/92 gehört er zu den elitären Schützen der Association. Starke 45% seiner Versuche from Downtown finden ins Ziel. Mit nun 27 Jahren kommt der dalmatinische Sniper in seine Prime.

Auf der größten Basketballbühne der Welt blüht er förmlich auf. In der Saison 1992/93 setzt er sogar eine Schippe drauf und beendet die Spielzeit mit 22 Punkten pro Partie bei 52% aus dem Feld, 45% von der Dreierlinie und 87% von der Freiwurflinie).

Endlich können auch die kritischsten Fans und Experten sehen, warum Petrović in der Heimat „Mozart“ genannt wird. Schwächen in seinem Spiel auszumachen, gestaltet sich schwierig. Viel zu schön sind nun seine Auftritte. Ein traumhafter Jumpshot, ein messerscharfer Basketball-IQ und ein Fokus, den man sonst nur von Gehirnchirurgen kennt - diese Skills machen viele Spiele der Nets zu einem Genuss für alle Beobachter. Aus der Nationalmannschaft kennen ihn seine Kameraden bereits gut.

„Wenn wir einen unserer Gegenangriffe über ihn liefen, blieben manchmal Jungs aus unserer Mannschaft stehen, einfach nur um in Ruhe Dražen zuzusehen“, scherzt Divac. Selten traf die Bezeichnung Naturtalent so zu wie bei der „Croatian Sensation“. Auf dem Platz ist er voll in seinem Element. Aufgrund seiner bodenständigen Persönlichkeit wird er in ganz Jugoslawien respektiert und von der Jugend bewundert.


... Dort der fröhliche Serbe mit dem markanten Bart. Schon in jungen Jahren sprießt ein prächtiges Geflecht aus dem Gesicht des Vlade Divac. Mit 2,16 Meter ist der Center ohnehin nicht zu übersehen.

Zum ersten Mal nach gut 20 Jahren kommt Divac in die kroatische Hauptstadt Zagreb. Beim letzten Auftritt feierten die Zuschauer ihren Hünen noch frenetisch. Damals hatte dort die jugoslawische Nationalmannschaft bei der heimischen EM 1989 in berauschender Manier die Goldmedaille gewonnen.

Nun, zwei Dekaden später, wird der Serbe mit misstrauischen Blicken und gar Anfeindungen konfrontiert. Manche Wunden des Krieges heilen eben nie.

Das blinde Verständnis zwischen Dražen und Vlade auf dem Platz spiegelt ihre enge Verbundenheit abseits des Courts wieder. Zwei Basketball Bekloppte, die sich in jungen Jahren finden. Divac besitzt bereits als Teenager ein verblüffendes Ballhandling, ein Center mit den Skills eines Point Guards.


Dank seiner brillanten Spielübersicht hilft er, die Rolle des Pivoten neu zu definieren. In seiner NBA Karriere verteilt Divac über 3.500 Assists - eine fantastische Marke für einen Center!

Nicht selten ist es Divac, der die angsteinflössenden Fastbreaks der Jugoslawen selbst einleitet. Mit einem für seine Statur erstaunlichen Tempo. Auch bei den Lakers darf er das Uptempo-Spiel zelebrieren. „I never saw such a tall guy handling the ball with that ability like Vlade“, sagte Magic Johnson über seinen ehemaligen Teamkameraden.

Auch im taktischen Halfcourt-Game weiß der Ex-Partizani zu überzeugen. Ein aktuell treffender Vergleich ist sicherlich Marc Gasol in Memphis. Der Spanier verfügt wie Divac ebenfalls über hervorragende Passfähigkeiten.

Beide zeichne(te)n sich durch Teamdienlichkeit und hohen Basketball-IQ aus. In der Defensive fungier(t)en sie als Anker. Ein weiches Handgelenk und dadurch sehr gute Reichweite für einen Big Man macht(e) sie im Angriff vielseitig und schwer ausrechenbar. Divac hatte in Punkto Athletik und Rebounding Vorteile, Gasol ist kräftiger.


Der rote Stern
Bei der WM 1990 in Argentinien setzen die Jungs vom Balkan neue Maßstäbe, holen den Weltmeister-Titel nach zwölf Jahren wieder nach Jugoslawien. Das Finale gegen die Sowjetunion ist eine Kopie des gesamtes Turniers. Heillos überforderte Gegner, Jugo-Spielzüge wie auf der PlayStation, euphorische Zuschauer auf den Rängen.

Pass in die Zone zu „Mr. 30 Tage Bart“ Divac, Dražen läuft die Reihen der Abwehr via Slalom Technik durch (Ray Allen lässt grüßen), krallt sich das Leder auf Höhe des Zeugwartes und ballert das Ding gewissenlos durch die Reusen. Toni Kukoč und Žarko Paspalj verteilen meanwhile schon beim Flug des Balles High Fives an die Fans.


Selbst die bierernsten Velimir Perasović und Željko Obradović lassen sich von dieser großartigen Spielweise anstecken. Jugoslawien ein verschworener Haufen. Die Teamchemie auf dem Platz ist beispiellos.

Viele Gegner werden förmlich überrannt und zugeballert, um es etwas martialisch auszudrücken. Die Supporter in den Hallen wedeln stolz die Fahne mit dem feuerrot schimmernden Stern der Sozialistischen Republik in der Mitte des Banners.

Im WM-Finale 1990 stürmen die Fans vom Balkan nach der Schlusssirene das Parkett. Ein Fan schwingt dabei die Fahne der Teilrepublik Kroatien und verunglimpft dabei die eigentliche Flagge - zumindest nach Aussage von Vlade Divac.

„Ich habe ihn freundlich gebeten, die Flagge wegzustecken. Wir spielten schließlich für Jugoslawien, nicht für Kroatien, Serbien oder Bosnien. Er meinte zu mir, die jugoslawische Flagge sei Müll. Ich war wütend, ich hab ihm die Flagge weggerissen, und hab ihm gesagt, dass er gehen soll“, kommentiert Divac diesen Vorfall.

Dieser Zwischenfall und die Vorfälle im Maksimir-Stadion zu Zagreb (zwischen Dynamo und Roter Stern 1990) wirken sich auch auf die Beziehung der beiden Freunde Petrović und Divac aus. Besonders Dražen, der wie viele Spieler damals von der verdrehten Politik beeinflusst wird, distanziert sich allmählich von Vlade. Ihre Freundschaft kühlt ab.


Der 7. Juni 1993 wird zu einem der traurigsten Tage des Basketballsports. An diesem Tag ist Petrović gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Klara Szalantzy mit dem PKW in Bayern unterwegs. Begleitet werden die beiden von Hilal Edebal, einer Freundin Klaras und ebenfalls Basketballerin.

Dražen schläft gerade, als der Wagen auf der Deutschen Autobahn von einem LKW erfasst wird. Szalantzy sitzt am Steuer, der Kroate auf dem Beifahrersitz und die 19-jährige Edebal auf der Rückbank des VW Golf II.

Der wohl beste Basketballer in der Geschichte Europas (neben Dirk Nowitzki natürlich) erliegt seinen schweren Verletzungen noch vor Ort.  Hilal Edebal hat bis heute unter den Folgen des Unfalls zu leiden. Klara Szalantzy erholt sich als einzige von ihren Verletzungen, ist heute als Ehefrau von Oliver Bierhoff bekannt.

Der Sport von Urvater James Naismith verliert einen seiner hingebungsvollsten Athleten. Kroatien und das altehrwürdige Jugoslawien verlieren einen geliebten Sohn und Volkshelden. Und wir Fans verlieren einen fabelhaften Virtuosen und fairen Sportsmann. Dražen Petrović wurde nur 28 Jahre alt.


Für Vlade Divac ist es ein besonders bitterer Verlust. Er bekommt nie mehr die Gelegenheit, sich mit seinem alten Freund zu versöhnen. In heutigen Interviews merkt man die tiefe Betroffenheit des Serben über den Tod seines kroatischen Freundes:

„Ich wünschte, ich hätte mich mit ihm aussprechen können. So musste ich seinen Tod voller Bitterkeit hinnehmen. Ich habe Dražen immer geliebt und liebe ihn noch bis heute. Denn wir waren einst Brüder.... jednom braća.“


Fortsetzung folgt - Vol. 3 am Dienstag, 4. April