30 März 2017

30. März, 2017


von GÜVEN TAŞ @GuvenTas

Jednom braća...
28. Juni 1991. Halbfinale der Basketball Europameisterschaften.  In der italienischen Hauptstadt Rom stehen sich Frankreich und Titelverteidiger Jugoslawien gegenüber. Die Mannschaft vom Balkan ist amtierender Europa- und Weltmeister. Bei den letzten drei Großereignissen steht nur eine einzige Niederlage in der Bilanz der Jugoslawen, in einem unbedeutenden Vorrundenspiel gegen Puerto Rico bei der WM 1990.

Mit 97:76 erteilen sie den Franzosen eine Lehrstunde und ziehen ins Endspiel ein. Während dessen sitzt ihr nomineller Starter auf der Eins, Jure Zdovc, in seinem Hotelzimmer und verfolgt das Geschehen auf dem TV Gerät. Der Point Guard aus Ljubljana versteht die Welt nicht mehr. Stunden vor dem Semifinale erhielt er ein Fax vom slowenischen Verband.

Der damalige Erfolgstrainer Dušan Ivković erinnert sich: „Genau während der Europameisterschaft 1991 in Italien hatte sich Slowenien für unabhängig erklärt. Ein slowenischer Spieler aus unserer Mannschaft hat einen Brief erhalten. Es hieß darin, falls er weiter für Jugoslawien spielen würde, werde er als Verräter in Slowenien gelten.“

Nur drei Tage vor dem Halbfinale hatte Slowenien als erste Teilrepublik die Unabhängigkeit vom Mutterland erklärt und befand sich daraufhin im bewaffneten Konflikt mit der Jugoslawischen Volksarmee. Von einem Tag auf den anderen finden sich ehemalige Teamkameraden in einem unversöhnlichen Zwist wieder. Einst eine brüderlich verschworene Einheit, fällt der Kern der Mannschaft nach diesem Turnier auseinander.

Der Krieg auf dem Balkan wirft seinen langen Schatten auch über den Basketball. Coach Ivković: „Ende der 80er hat noch keiner damit gerechnet. Wir haben uns nicht gefragt, wo wir herkommen, wer wir sind. Wir haben einfach gespielt – für uns, für Jugoslawien. Doch Anfang der 90er haben die nationalistischen Ressentiments auf dem Balkan auch uns eingeholt. Man musste sich mit einer Nationalität identifizieren.“

Schließlich gewinnt Jugoslawien auch das Finale gegen Gastgeber Italien und wird zum fünften Mal Europameister. Es ist der letzte Titel als vereintes Jugoslawien. Slowenien und sein tragischer Held Jure Zdovc schlagen den eigenen Weg ein. Kurze Zeit danach folgen Kroatien und Mazedonien. Ein Jahr später, 1992, trennt sich auch Bosnien-Herzegowina vom Verbund der Sozialistischen Gemeinde.

In den Jahren 1989 bis 1991 dominiert die Auswahl mit dem Roten Stern auf der Brust das internationale Geschehen. Mit ansteckendem Spielwitz und einer überragenden Teamchemie dominieren sie ihre Gegner nahezu nach Belieben.

Die ersten sieben Spieler in der Rotation der EM in Italien: zwei Kroaten, zwei Serben, ein Slowene, ein Montenegriner und ein Mischling. Ein polyglotter und äußerst erfolgreicher Mix.

„Die einzige Art, wie wir früher über unsere ethnische Herkunft gesprochen haben, war durch Witze. Früher lachte jeder herzhaft darüber. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander.“, erzählt der Kroate Dino Radja.

Die Goldene Generation des jugoslawischen Basketballs findet jedoch nach der EM 1991 ein unwürdiges Ende, mit all ihren Leistungsträgern in ihrer Blüte.

Teamchef Ivković zur damaligen Situation: „Als wir das Finale gewonnen hatten, mussten wir – wie sich das gehört – auf das Siegertreppchen und einer musste die jugoslawische Flagge halten. Doch die meisten Spieler haben sich zurückgezogen, sie wollten das nicht. Es war für alle klar, das war das Ende.“

Die doppelte Goldene Generation
Das Jahr 1987 ist in doppelter Hinsicht ein Goldenes Jahr für den jugoslawischen Sport.
Im Finale der U-20 Weltmeisterschaft der Fußballer in Chile setzen sich die Junioren Jugoslawiens gegen die Auswahl der Bundesrepublik Deutschland durch.

5:4 steht es nach Elfmeterschießen für die Mannschaft vom Balkan. Unter den Spielern befinden sich spätere Stars wie Davor Šuker, Predrag Mijatović, Zvonimir Boban und Robert Prošinečki. Bis heute gilt diese Mannschaft als die Goldene Generation des jugoslawischen Fußballs.

Im selben Jahr gewinnt auch die Basketballabteilung der Junioren den Weltmeistertitel. Im Endspiel besiegt Jugoslawien die US-Amerikaner. Die wichtigsten Spieler im Team von Coach Svetislav Pešić: Toni Kukoč, Vlade Divac und Dino Radja. Allesamt spätere Schlüsselspieler der dominanten Formation zwischen 1989 und 1991.

Für Trainerlegende Pešić ist der Junioren WM-Titel von 1987 nach eigenen Angaben bis heute „mein persönlich größter Erfolg“. Sportlich lief es in dieser Zeit fabelhaft für Jugoslawien. Politisch sah die Sache hingegen leider ganz anders aus.


Genosse Tito
Das Jahr 1980 wird zu einer Zäsur für den slawischen Vielvölkerstaat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 war es dem Anführer des Partisanen Wiederstandes gelungen, sechs Republiken unter einer Fahne zu vereinen: Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina bilden fast 50 Jahre lang eine sozialistische Föderative.


Die ersten 35 Jahre regiert der damalige Partisanenführer. Er ist der Sohn eines kroatischen Vaters und einer slowenischen Mutter. Josip Broz, genannt „Tito“, wird bis zu seinem Tod im Jahre 1980 beinahe gottgleich verehrt. Ihm gelingt es, über drei Jahrzehnte lang den einzelnen Ethnien weitgehende Gleichheit zu sichern. Bis heute bezeichnen viele Menschen Titos Zeit als die stabilste Epoche in der Geschichte des Balkans.

Mit dem Tod des 87-jährigen Sozialisten entsteht ein fatales Machtvakuum. Ohne Genosse Tito, der in allen Ecken Jugoslawiens gleichermaßen verehrt wie auch gefürchtet wird, reißen die Stricke zwischen den einzelnen Ethnien. Es kommt immer wieder zu Konfrontationen und historischen Schuldzuweisungen.

Der Niedergang Jugoslawiens
Besonders bei den Kroaten formen sich in den 80er Jahren nationalistische Bestrebungen. Auch der Sport wird nun stark politisiert. Profivereine werden häufig für Sezessionismus missbraucht, nicht nur in Kroatien. Bei Spielen zwischen serbischen und kroatischen Klubs kommt es oft zu Auseinandersetzungen. Die Differenzen werden immer mehr zu rassistischen und rechtsextremen Konflikten auf beiden Seiten.

Hajduk Split gilt früher als die „inoffizielle Nationalmannschaft Kroatiens“. Neben Dinamo Zagreb ist das Team aus dem Süden der bedeutendste Verein Kroatiens. Spiele dieser Klubs gegen die serbischen Schwergewichte Partizan und Roter Stern Belgrad haben besondere Brisanz. Partizan gilt als „Team der Zentralregierung Jugoslawiens“ und Roter Stern als „Team des serbischen Nationalismus“.

Ultras und Fanatiker nutzen solche Begegnungen für politische Manifestationen und Provokationen. Diese Extremisten werden in gewisser Weise zu Vorboten des Krieges auf dem Balkan. Nicht wenige Ultras sind dann später auch im tatsächlichen Krieg im Einsatz. Zu der schlimmsten Sorte solcher Einheiten gehören „Arkan's Tigers“.

Anführer dieser Miliz, die sich schwerer Kriegsverbechen schuldig macht, ist der im Januar 2000 erschossene Željko Ražnatović, genannt Arkan. Ein dubioser Geschäftsmann und gleichzeitig Wortführer der einflussreichsten Ultra Gruppierung von Roter Stern Belgrad.

Trauriger Höhepunkt der Spannungen ist das Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad am 13. Mai 1990 im Maksimir-Stadion zu Zagreb. Bei den heftigen Zusammenstößen zwischen den „Bad Blue Boys“ (Dinamo Ultras) und den „Delije“ (Roter Stern Ultras) werden über 60 Menschen verletzt, ein halbes Dutzend davon schwer.

Die Delije werden an diesem Tag angeführt von Arkan. In diesem Spiel erlangt ein gewisser Zvonimir Boban Berühmtheit, als er einen Polizisten attackiert, nachdem dieser einen kroatischen Fan verprügelt hat. Viele Menschen halten diese Begegnung für einen der wesentlichen Auslöser des kroatisch-serbischen Krieges im folgenden Jahr.

Die Politiker der Teilrepubliken stellen nun eine Komponente in den Mittelpunkt ihrer Reden, die Tito immer versucht hatte zu vermeiden: den Nationalismus. In den 80er Jahren leitet es den Niedergang Jugoslawiens ein, bis 1991 das Pulverfaß explodiert.


Der Vater des jugoslawischen Basketballs
Aleksandar Nikolić ist vermutlich das sportliche Äquivalent zu Genosse Tito. „Aca“ oder „Professor“, wie der Serbe auch genannt wurde, gilt als Pionier des jugoslawischen Basketballs. Als Spieler verbringt er sechs äußerst erfolgreiche Jahre auf dem Court und gewinnt sogar mehrere nationale Meistertitel. Als Trainer wird er 1978 sogar Weltmeister mit seinem Heimatland.

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn arbeitet Nikolić zunächst als Dozent an der Fakultät der Belgrader Universität für Sport und Erziehung. Seine Methoden sind zu dieser Zeit einzigartig. Viele Jahre lang studiert der leidenschaftliche Pädagoge auch die Theorie seines geliebten Sports.


Aufgrund seiner eigenen sportlichen Fähigkeiten kann er seine Ideen auch in der Praxis prüfen. Dadurch entwickelt er sehr effektive Trainingsmethoden. Und einen Spielstil, den die jugoslawischen Formationen mit den Jahren perfektionieren werden: tödliche Reichweite und überfallartige Fastbreaks.

Nikolić stirbt im Jahre 2000 in Belgrad. Sein Erbe könnte prächtiger nicht sein. Denn zu seinen Schützlingen und Studenten gehören u.a. Dušan Ivković, Želimir Obradović, Bogdan Tanjević und Božidar Maljković, allesamt extrem erfolgreiche Trainer.


Coaches „Made in Yugoslavia“

Željko Obradović
Der erfolgreichste Schüler von Aca Nikolić ist wohl der Serbe Želimir Obradović. Der ehemalige Spielmacher von Partizan Belgrad beendet 1991 seine Spielerkarriere und übernimmt im direkten Anschluss den Trainerposten seines Klubs, im Alter von gerade einmal 31 Jahren.

In seinem ersten Jahr als Chefcoach schafft Obradović eine Sensation. Mit Partizan Belgrad gewinnt er die letzte Meisterschaft der jugoslawischen Liga, ehe sich diese 1992 auflöst. Zudem holt er mit seinem Team den nationalen Pokal und triumphiert auch in der EuroLeague, dem wichtigsten Vereinstitel des europäischen Basketballs. Im Alter von gerade einmal 32 Jahren holt „Željko“ also das Triple, eine unfassbare Leistung als Rookie Coach!

Der mittlerweile 55-Jährige aus der Basketballhochburg Čačak gehört seit über zwei Jahrzehnten zur absoluten Trainer Elite in Europa. Insgesamt sammelt er bis heuer 35 bedeutende Titel mit seinen Vereinen. Alleine acht Mal (!) gewinnt er die EuroLeague (bis 2000 noch „Europapokal der Landesmeister“), vergleichbar mit der Champions League im Fußball.


Diese acht Titel holt er mit vier verschiedenen Teams, eine weitere unglaubliche Leistung. Seine erfolgreichste und längste Amtszeit verbringt “Europas Phil Jackson” bei Panathinaikos Athen. In seinen 13 Jahren als Coach der Hellenen (1999-2012) feiert Obradović 11 Meisterschaften, sieben Pokalsiege und gewinnt fünf Mal die EuroLeague.

Seit 2013 trainiert der Weltmeister von 1990 den türkischen Spitzenklub Fenerbahçe, mit dem er bislang zwei Meistertitel (2014, 2016) sowie den Gewinn des Pokals (2016) feiern konnte.

Obradović fungierte auch schon als Nationaltrainer. Mit der Auswahl Jugoslawiens gewinnt er 1997 die Europameisterschaft, im Jahr darauf gelingt ihm sogar der Triumph bei der Weltmeisterschaft 1998 in Griechenland, als man in einem engen Finale die Russen schlagen kann.

Ein bekennender Bewunderer von Željko Obradović ist übrigens niemand geringeres als Gregg Popovich, der ebenfalls jugoslawische Wurzeln hat.

Božidar Maljković
Ebenfalls ein sehr erfolgreicher Schüler des Professors ist Božidar Maljković, genannt “Boža”. Der im kroatischen Otočac geborene Serbe sagt einst über sich selbst: “Als junger Kerl hatte ich einen ordentlichen Jumper, aber keine Defense. Als Coach hätte ich mich selbst niemals in eine ernsthafte Mannschaft gewählt.”


Maljković legt großen Wert auf Disziplin und Teamplay. Aufgrund seines intensiven Trainings hat er den Ruf eines Schleifers. Die harte Gangart macht seine Klubs aber sehr erfolgreich. Neben sechs nationalen Meisterschaften und fünf Pokalsiegen, gewinnt der Serbe auch vier Mal die EuroLeague (mit 3 verschiedenen Vereinen!).

Ende der 80er Jahre ist Boža der Coach von KK Split, zu dieser Zeit Jugoplastika Split. Drei Meisterschaften, ein Pokalsieg und zwei Triumphe in der EuroLeague in nur vier Jahren Amtszeit (1986-1990) sprechen eine deutliche Sprache.

Dušan Ivković
Nicht minder erfolgreich war Dušan Ivković. Der langjährige Nationalcoach hat in seiner Vita ebenfalls eine große Titelsammlung vorzuweisen. Bereits 1979 holt der Serbe mit Partizan das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Korac Cup (vergleichbar mit dem UEFA-Cup im Fußball).


Seine erfolgreichsten Jahre hat Ivković in Russland, wo er drei Meisterschaften mit ZSKA Moskau gewinnt, und vor allem in Griechenland. Insgesamt verbringt er 13 Jahre seiner Trainerlaufbahn in Hellas. In dieser Zeit wird er drei Mal Meister, vier Mal Pokalsieger und zwei Mal EuroLeague Sieger (beide mit Olympiakos Piräus).

In die Annalen des Basketballsports gehen jedoch seine Triumphe mit der Nationalmannschaft ein. 1989 Europameister, 1990 Weltmeister und 1991 erneut Europameister.


Eine Statistik macht den enormen Einfluss der jugoslawischen Basketball-Lehrer besonders deutlich. In den letzten knapp drei Dekaden der EuroLeague/Pokal der Landesmeister gehen 18 der 30 Titel an Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das macht eine unglaubliche Quote von 60 %.

Und fast alle dieser 18 Titel des wichtigsten Vereinswettbewerbes in Europa gewinnen ehemalige Schüler von Aleksandar Nikolić - Der Vater des jugoslawischen Basketballs. Angesichts des enormen Erfolges seiner Schützlinge vielleicht sogar der Vater des gesamteuropäischen Basketballs.


Fortsetzung folgt - Vol. 2 am Freitag, 31. März