06 Februar 2017

6. Februar, 2017


Esst mehr Obst! Auch wenn der Winter 0049 wieder verlassen hat, hagelt es in der Chefküche Vitaminbomben. Bananen gefällig?

von HARALD MAINKA

Zweite Bananen in der NBA - jede Franchise, die was auf sich hält (sprich: um die Meisterschaft mitspielt) hat sie. Den Consigliere. Den Komplizen. Den Sergeant at Arms. Der Franchise Player muss jemanden neben sich wissen, der das Holz holt, während er selbst die Kohlen aus dem Feuer manövriert.

Der sich für die Drecksarbeit nicht zu schade ist. Das ist im Basketball nicht anders wie in sonstigen Bereichen der Popkultur. Batman hatte Robin. Harvey Specter hat Mike Ross. Carrie Underwood hat ihren Ehemann. Bon Jovi hatte Richie Sambora. Olli Schulz hat Jan Böhmermann.

Kein Team gewinnt die  Meisterschaft ohne einen Superstar, und ein Superstar erobert nichts ohne seine rechte Hand. Das Naturgesetz der „Second Banana“ bestätigen die wenigen Ausnahmen der jüngeren NBA-Historie: die Detroit Pistons gewannen 2004 den Titel; dabei war die Mannschaft im Grunde eine ganze Bananenstaude.

Die Leistungsträger Chauncey Billups, Rip Hamilton, Ben Wallace und Rasheed Wallace produzierten so viel Kalium, dass sie den Lakers schlaflose Nächte bereiteten und schließlich die Sensation schafften. Ansonsten befruchteten sich zwei Topstars in schöner Regelmäßigkeit: Shaq wusste Kobe neben sich, bevor Kobe mit Pau Gasol eine kongeniale Partnerschaft einging.

Steve Nash und Amar’e Stoudemire sind noch immer die Blaupause für Seven Seconds or Less. Dwyane Wade stellte in Miami für LeBron James sein Ego mächtig zurück. Der frisch gebackene Hall of Famer Yao Ming arbeitete den größten Teil seiner Karriere Tracy McGrady zu. Apropos McGrady: nehmt euch kurz Zeit für einen der, wie heißt es doch so schön, „puren“ Shooting Guards der NBA-Geschichte.


Bei den oben genannten Duos definierte die Rolle des einen die Rolle des anderen. Dies ist nicht zu verwechseln mit Kollaborationen, die in der heutigen NBA-Landschaft noch zuhauf vorzufinden sind. LeBron und Kyrie Irving haben Cleveland zum Champion gemacht. DeMar DeRozan ist Torontos ganzer Stolz, doch auf Kyle Lowry kann in Kanada niemand verzichten - erst recht nicht die Raptors. Washington ist John Wall Land, doch ohne Bradley Beal wären die Wizards niemals aus ihrem Loch zu Saisonbeginn geklettert. Die Aufgaben sind gerecht verteilt.

Nicht so bei anderen Mannschaften. Wir haben uns im Obstgarten der NBA umgeschaut.

Andrew Wiggins
Wiggins' Leistungen werden im Schatten von Karl-Anthony Towns gerne als Bagatelle abgetan, seine 22,2 Punkte pro Partie könnten dem 21-jährigen Kanadier allerdings bereits die zweite Spielzeit mit durchschnittlich 20 oder mehr Zählern einbringen. In den letzten zehn Jahren schafften nur Damian Lillard und Kyrie Irving dieses Kunststück in ihren ersten drei Profijahren.


Daher gibt überhaupt keinen Grund, an der Nummer 22 zu zweifeln, der bereitwillig das Scheinwerferlicht mit seinem Kumpel auf Groß teilt. Die fortwährende Entwicklung seines Distanzwurfs ist für ihn selbst als auch für Minnesotas Offensivstatistik essentiell.

0,8 Punkte pro Angriff als Ballhandler im Pick & Roll sind nicht mehr als Durchschnitt, ergo zu wenig zu wenig für einen Spieler mit derart athletischen Anlagen. Der Junge wird mal richtig, richtig gut und ist bereits jetzt der vielleicht zweitbeste Flügelspieler im Westen. Mit 21 Jahren, man kann es nicht zu oft betonen.

Jabari Parker
Der andere Top-Pick von 2014. Mehr noch als Wiggins stellt der Hybrid-Forward den prototypischen Consigliere dar. Parkers Offensivtalent ist nach zwei schwierigen Jahren endlich unbestritten. Die Quersumme aus feine Hände plus schnelle Auffassungsgabe plus großer Popo ist der Schlüssel für Giannis ABCDEFGHIJKLMNOPQRZ-Aktionen, die Gegner ja so oft Kopfzerbrechen bereiten.

Die Bucks haben in Antetokounmpo und Parker ein Duo, deren Talente perfekt harmonieren und deren Egos absolut im Einklang sind. Parker hat akzeptiert, dass er mehr Robin als Batman ist und das Franchise-Tag letztlich zu groß für ihn ist. Spieler mit seinem Körper und seiner Passion für’s Punkten sind mehrfache All Stars geworden. Wer jetzt an Carmelo Anthony denkt, liegt richtig. Welch eine Überleitung.


Carmelo Anthony
Carmelo Anthony ist ein begnadeter Scorer und noch immer der beste Spieler der Knicks. Macht ihn das zum Franchise Player? Leider nein, schließlich ist Kristaps Porzingis für New York wie der rote Apfel im Paradies. Ein alternder Melo kann für die Knickerbockers nicht mehr sein, schon gar nicht mit diesem ultramiesem Sleeveshirt, in dem er neulich auftritt.

Und doch bin ich aufgeregt: ein Trade kann endlich die Frage beantworten, die seit 2008 während der olympischen Spiele immer wieder aufkeimt: ist Co-Star in einem Kader, in dem ein anderes Alphamännchen die Hauptlast trägt, womöglich seine natürlichere Rolle? Das Geschwafel von „Drei Goldmedaillen sind auch was!“ kann er sich jedenfalls sparen. Komm’ schon Melo, knick ein (Wortspiel beabsichtigt), schenk uns die No Trade-Klausel und geh nach Los Angeles!

Sacramento Kings
Kaliforniens Hauptstadtpresse sollte jeden Tag Vivek Ranadive danken, dass er es irgendwie schafft, Boogies Loyalität für diese Chaoten-Franchise aufs Neue aufrecht zu halten. Die mittlerweile regelmäßigen Scharmützel mit lokalen Reportern trieb Cousins im Dezember einmal zu weit, als er gegenüber Andy Forillo von der Sacramento Bee fast handgreiflich wurde.

Es vergeht trotzdem kein Spieltag, ohne dass mittels wackligem Handy-Video die innige Beziehung des Centers und der Journalistenschar in die Welt hinausgetragen wird. Die Beziehung zwischen Cousins und Sacramentos Beatwritern sucht ligaweit ihresgleichen - keiner weiß, wohin die frische Liaison zwischen LeBron und dem Chuckster schließlich noch hinführt. Jedenfalls, das mehr und mehr sarkastische Auftreten Cousins lässt keinen Zweifel an der Rollenverteilung. Er ist der Star, alle anderen bei den Kings sind nur Statisten. Ein Paradebeispiel:


Mike Conley
Mike Conley ist der bestbezahlte Spieler der Liga, und das geht absolut in Ordnung. Die Straßenmusiker auf der Beale Street entschädigen noch lange nicht für eine insgesamt langweilige Stadt. Top Fünf Point Guard im Westen, der in zehn Jahren nie All Star war. Ein Skandal, also solltet ihr beim nächsten Mal eure Vibes einsetzen. Andererseits: für ein Team wie die Grizzlies ist ein All Star schon mehr als genug. Und der heißt ohne Wenn und aber: Marc Gasol. Daher ist diese ganze Conley for All Star-Werbekampagne eigentlich für Nüsse. Oder für Bananen. Auch gut.


Basketballfans auf Waiters Island
Dion Waiters hat so viel Swag, als hätte er die Heat in den Finals nach einem 1-3 noch zur Meisterschaft geführt. Keine Ahnung, woher das kommt. Nach dem Gamewinner gegen die Warriors und einer Player of the Week-Auszeichnung sollten wir so frei sein, um ihm die Ehre zu erweisen: „Heilige geschälte Frucht, wir sind deine zweite Banane, Dion!“ Pass’ nur auf, dass du nicht ausrutschst…

Atlanta Hawks
Paul Millsap ist vielleicht der Superstar, der kein Superstar sein will. Dwight Howard ist der Ex-Superstar, der einmal zu oft dem Kryptonit begegnet ist. Dennis Schröder ist auf einem guten Weg, wird in der Liga respektiert, noch fehlt ihm allerdings das Standing. Die Hawks sind nicht mehr als das Mittelklasseteam, dass selbst in der eigenen Stadt nicht angenommen wird.

Die Franchise weist einen der geringsten Zuschauerschnitte der Liga auf, spielt nur einen Steph Curry Dreier von der Heimstätte der Atlanta Falcons entfernt. Dazu kommen die hässlichen Trikots (subjektiv) und ein insgesamt langweiliges, durchschnittliches Team (objektiv) das in dieser Saison trotz aller Ambitionen wieder nichts reißen wird. Atlanta ist die Personifizierung der zweiten Banane.

Steph Curry
Kevin Durant ist ein verdammter Freak und der beste Offensivspieler der Welt. Ohne integrierten Cheat-Code ist Steph Curry die „Chiquita“ unter den Kohlenhydratlieferanten. Eine Saison wie 2015/16 werden wir, aus Gründen, nicht mehr erleben. Wobei...


Harrison Barnes
Ähnlich wie Erik Spoelstra in Miami: so lange ein etwas älterer Herr die Klubfarben repräsentiert, muss Barnes zurück stecken. Das reicht dieses Jahr zum Most Improved Player Award. Immerhin. Kann der Flügelspieler, der in Dirk Nowitzkis Abwesenheit immerhin die Offensivlast als erste Banane trug, jemals mehr sein, im Franchise-Kontext interpretiert? Erst die Zeit nach Nowitzki wird darüber Aufschluss geben.