27 Februar 2017

27. Februar, 2017


von HARALD MAINKA

Start
Eine Saison für die Geschichtsbücher kann nicht genug sein. Die Oklahoma City Thunder trennen neun Siege von Platz neun im Westen, wenig bis gar nichts spricht gegen das Erreichen der Playoffs.

Damit haben vor der Saison Wenige gerechnet. Mit Russell Westbrook allein wird es für die zweite Runde jedoch nichts werden, von daher soll der Kader mit Spezialisten und Charakteren für den Frühling gewappnet werden. Spacing, anyone?

Gar Forman hatte weiter nördlich erwartungsgemäß am Tag der Trade Deadline ordentlich den Bizeps angespannt - sofern er in seinem Büro keine Freisprechanlage besitzt. Die vor der Saison antizipierten Schwächen sind eingetreten, schlimmer noch: die Chicago Bulls wissen zu viele Hähne im Korb, die Umkleide spaltet sich in zwei Lager.


Auf der einen Seite scharrt Dwyane Wade samt seiner „Been there, done that“-Attitüde um sich, während der beim chinesischen Einreiseamt bereits gemeldete Rajon Rondo den Jungstieren den Kopf verdreht.

Welch Ironie - im Management sieht es nicht anders aus: Forman und seine Kollegen debattieren seit Wochen über die Ausrichtung dieses wie erwartet auftretenden Teams. Und so kam es, dass sich trotz der teuren Verpflichtungen und Platz sieben im Osten über der windigen Stadt die Rebuild-Wolke zusammenbraut. Mittendrin statt nur dabei: Jimmy Butler. Oder?


Deal
Die Thunder erhalten Taj Gibson, Doug McDermott und einen Second Round Pick 2018.
Die Bulls bekommen im Gegenzug Cameron Payne, Joffrey Lauvergne und Anthony Morrow.


Bulls
Kurz vor Meldeschluss sickerte der erwartete Trade aus Chicago durch. Jimmy Butler musste seine bereits angemietete Wohnung in New England stornieren und bleibt (überraschenderweise) vorerst in Chi-Town. Jae Crowder plus der Top-Pick der Nets plus ein Youngster war letztlich zu wenig, um
die Bulls aus der Reserve zu locken. Und wer will es ihnen verdenken? Die Bulls haben ähnlich zu San Antonio, Cleveland, Houston und Oklahoma City einen unangefochtenen Franchise-Player.

Chicago blieb standhaft und scheint sich pro Butler ausgesprochen zu haben. Richtig so. Das Management hat klare Kante bewiesen. Aber setzt es jetzt alles daran, Butlers beste Jahre voll auszuschöpfen, ihm ein starkes Personal zur Seite zu stellen und in den Playoffs anzugreifen? Leider nein, leider gar nicht.

Nikola Mirotic und Rajon Rondo bleiben an Bord. Für die beiden Stinkstiefel wird es ohnehin kaum ernsthafte Trade-Angebote gegeben haben. Ausgerechnet Taj Gibson samt auslaufendem Vertrag musste seinen Spind räumen. Der Inbegriff des Locker Room Guys und dienstälteste Bulle lässt einen zerstrittenen Hühnerhaufen zurück.

Es übernimmt Joffrey Lauvergne, der vom Spielertyp her an Gibsons Stelle rücken könnte. Irgendwann. Seine Energie, Defense und ein kleines bisschen Wurfstärke müsste er allerdings in seinem alten Apartment in Denver abholen - bei den Thunder blieb für den Franzosen lediglich einer der hinteren Bankplätze übrig. Auch in Chicago ist für Lauvergne zunächst nicht viel mehr vorgesehen. Gibsons Minuten auf der Vier sind für den haarsträubend vernachlässigten Bobby Portis und Mirotic vorgesehen.


Mehr als die Bankrolle traut Chicago Cameron Payne zu, für den die Thunder obendrein einen Windbreaker ins Paket legten. Hinter Westbrook sah der hochgelobte 22-Jährige kaum Tageslicht. Die Bulls glauben eventuell, ihren zukünftigen Point Guard geholt zu haben. Wie schnell er im verstopften Backcourt zu entsprechenden Spielanteilen kommt, bleibt jedoch abzuwarten.

Payne muss zwei Jahre Basketballentwicklung aufholen. Sein in der Theorie vorhandener Wurf macht ihn prinzipiell zu einem guten Fit neben den balldominanten Führungsspielern Butler und Wade - sofern diese in Zukunft in Chicago überhaupt an Bord bleiben.

Der auslaufende Vertrag von Anthony Morrow ist Peanuts. Der Dreierspezialist spielt eine schwache Saison, die 5,9 Punkte pro Spiel bei 29,4% aus dem Feld können Chicagos Youngster alle mal leisten. Dabei machte Morrows Gehalt den Trade finanziell erst möglich - Wahnsinn.

Die Bulls bekennen sich nicht zum Rebuild und versuchen den Mittelweg zwischen der Entwicklung junger Talente und erfolgreichem Basketball zu gehen. Irgendwo ist Jimmy Butler. Mal eben nachschauen, wann das das letzte Mal funktioniert hat… stimmt, noch nie.


Thunder
Sam Prestis Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass Andre Roberson aus diesem Trade herausgehalten wurde. Lange Zeit war der Verteidigungsspezialist Bestandteil des Pakets, in dem die Thunder ihren Wunschspieler bekamen.

Der heisst Taj Gibson. Er ist der beste Spieler dieses Trades, bringt zusätzliche Härte und die Motivation eines auslaufendem Vertrags mit. Das spielt Presti zusätzlich in die Karten. Der kommende Free Agent-Markt ist vollgepackt mit Big Men.

Gibson bekommt die Möglichkeit, in einer Mannschaft voller Underdogs als Veteran voranzugehen - etwas, was OKC definitiv gefehlt hat. In Chicago ballte Gibson in den letzten Jahren für den Mannschaftserfolg oft die Faust in der Tasche.


Bei den Thunder kann er sich als starker Mann neben Westbrook beweisen. Nach der Abfgabe von Serge Ibaka im Sommer fehlte den Thunder ein Big mit defensiver und offensiver Variabilität. Mit Gibson bekommt Westbrook einen zusätzlichen Partner fürs Pick & Roll, der obendrein aus der Mitteldistanz respektiert werden muss. Gibson ist ein besserer Angreifer als Steven Adams, defensiv weit besser als Enes Kanter.

Für benötigtes Spacing sorgt auch Doug McDermott. Als eigentlicher Wunschspieler von Fred Hoiberg konnte sich der College-Star in Chicago nie durchsetzen. Dabei ist sein Distanzwurf unbestritten. Zudem hat er sich als Konterbewegung den Zug zum Korb angeschafft.

Thunder Head Coach Billy Donovan wird die geeignete Lineup für ihn noch finden müssen, denn seine katastrophalen Aussetzer am eigenen Korb sind letztlich der Grund, weshalb er in Chicago nie zum Zuge kam. Auch wenn die Kyle Korver Vergleiche mittlerweile töricht sind, ist 'Dougie McBuckets' der respektable Shooter, den OKC gesucht hat. Das Catch & Shoot ist seine Nische und ermöglicht den Thunder variablere, offenere Spielzüge. Solange Westbrook die Aufmerksamkeit zieht, wird McDermott freie Würfe erhalten.

Mit Gibson und McDermott sind die Thunder besser gerüstet für die Playoffs. Ob das reicht, um gegen ein Team wie Golden State oder San Antonio zu bestehen, ist fraglich. Gegen Mannschaften wie Houston sind OKCs Chancen in Runde eins aber gestiegen.


Fazit
Haben die Bulls immer noch Rajon Rondo und Nikola Mirotic? Okay.

Vorteil: Thunder