17 Februar 2017

17. Februar, 2017


Jahr für Jahr dreht die NBA mehr oder weniger kräftig am Rad – wenn nämlich die Trading Deadline immer näher rückt und alle Teams zum letzten Mal vor Ladenschluss ihre Kader verstärken (dürfen). In dieser Saison fällt der Stichtag auf den 23. Februar. Auf dem Weg dort wirft die #NBACHEF Redaktion wie immer einen genaueren Blick auf die wichtigsten Spieler - neben unserem Auftakt-Dreiteiler, der die Situation der prominentesten Namen und Stars bereits untersucht hat.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Ein Team, viele Probleme. Würde dieser kurze Satz die aktuelle Situation der Chicago Bulls beschreiben: Der geneigte Bulls-Fan wäre froh. Denn der erste Teil des Satzes ist keine treffende Umschreibung für den derzeitigen Zustand des Bullen-Kaders.

Der fehlende Zusammenhalt der Truppe und die Spaltung in “erfahren” und “unerfahren” kulminierte im sehr öffentlich ausgefochtenen Konflikt zwischen Dwyane Wade, Jimmy Butler und Rajon Rondo.

Spätestens da wurde für jeden Beobachter sichtbar, was viele schon vor dem ersten Wurf der Saison 2016/17 (passenderweise ein langer Zweipunktewurf von Wade) erwartet hatten: Diese Gruppe passt nicht zusammen. Dass diese Aussage nun sogar auf mehreren Ebenen absolut zutreffend ist, war so nicht vorhersehbar, im Mindesten aber zu befürchten.

Sich aus dieser Sackgasse zu befreien, die in der Offseason vom Front Office selbst erbaut wurde, muss die oberste Priorität der Tage vor der Trade-Deadline sein. Die Bulls sind im seltsamen Eastern Conference Playoff-Rennen noch voll dabei.

Das täuscht über die Probleme hinweg, die sich durch alle Ebenen der Franchise ziehen und im “Sumpf” zwischen Platz sechs und zwölf im Osten nicht ungewöhnlich sind. Gerade wegen der vielen Probleme überall im Osten wäre es aber wichtig, schnell (schneller als die Konkurrenz) wieder auf einen Weg zu kommen, der für die mittel- und langfristige Zukunft eine positive Einschätzung der Franchise zulässt.

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Die Namen, welche bei dieser Aufräumaktion im Fokus stehen sind die, die sowohl in Berichten über interne Konflikte als auch in zahlreichen Trade-Gerüchten aus dem näheren Umfeld Chicagos wieder und wieder auftauchen: Rondo, Nikola Mirotic und Taj Gibson.

Der offenbar nach wie vor aktive interne Diskurs um die Rolle des Franchise Players (genau über diesen Titel herrscht Uneinigkeit) Jimmy Butler wäre einen eigenen Text wert, die Chance auf eine Lösung der Butler-Situation noch vor der Trade-Deadline scheint eher gering.

Die Ziele eines Trades aus Sicht der einst so großen Franchise sollten klar sein. Zum einen nämlich Harmonie und eine funktionierende Hierarchie im Team herzustellen und damit die kurzfristige Leistung zu verbessern.

Zum anderen den durchaus mit Talent gespickten Kader zu verändern, indem weiteres Talent in Form von jungen Spielern und/oder Draft-Picks akquiriert wird. Gleichzeitig muss der Fokus darauf liegen, Spieler mit vielfältigen Fähigkeiten (pro Spieler, aber vor allem auch über das gesamte Team betrachtet) zu addieren, die das vorhandene Material ergänzen.

Neben den genannten Spielern hat Chicago all seine First Round Picks sowie einen potenziellen Pick aus Sacramento, der dieses Jahr durchaus im ungeschützten Bereich (als Pick 11-30 wandert er nach Chicago) landen kann.

Hier stellt sich natürlich die Frage ob diese Picks eher als Trade-Assets behandelt werden oder aufgrund der langen Kontrolle über die verhältnismäßig niedrig dotierten Rookie-Verträge beinahe den Status “unantastbar” genießen sollen. Die Antwort darauf ist die gleiche, die auf alle Trade-Szenarien und die Frage “kann und soll Spieler/Pick XY getradet werden?” - Es kommt auf den (zusätzlichen) Gegenwert an.


Das führt uns zur entscheidenden Frage: Welchen Gegenwert können die drei wahrscheinlichsten Trade-Kandidaten auf dem Markt erzielen?

Bei den Boston Celtics war Rajon Rondo vor wenigen Jahren ein unangefochtener Superstar. Auch in 2016/17 ist er einer von nur neun Spielern, die mehr als fünf Punkte, Rebounds und Assists pro Spiel auflegen.

Allerdings ist diese Saison auch schon die vierte in Folge, in der Rondo aus diversen Gründen hinterfragt wird und werden muss. Die On/Off-Statistiken sprechen seit Jahren eine sehr klare Sprache, was die Argumente der Kritiker, die schon länger behaupten, er spiele primär um individuelle Stats zu sammeln, mit Zahlen stützt.

Die Hoffnung auf den sagenumwobenen “Playoff-Rondo” ist spätestens seit dem unrühmlichen Ende seiner Zeit in Dallas nur noch sehr theoretisch vorhanden, der Ruf des guten Verteidigers längst verflogen.


Ein Trade scheint zur Zeit nur machbar, wenn Chicago Rondo als “negatives Asset” behandelt und noch einen Pick anhängt, um ihn loszuwerden. Mit der Möglichkeit eines möglicherweise relativ günstigen Buyouts im Hinterkopf ist ein Trade aktuell nur sehr schwer vorstellbar.

Die Rondo-Story könnte aber noch vor Ende des Monats ein neues und potentiell sehr spannendes Kapitel erhalten, denn nach einem Buyout dürfte es durchaus einige Interessenten geben, die Rondo eine ähnliche Rolle wie bei den Bulls (seit Anfang Januar beschränkt sich diese auf 20 Minuten von der Bank) mit deutlich mehr Erfolgsaussichten bieten können.


Die Entwicklung von Nikola Mirotic, der in seiner Rookie-Saison Platz sechs im Voting zum “Sixth Man of the Year” Award belegte, zeigt ohne Zweifel in die falsche Richtung. Letztes Jahr hatte er zwar einige Spiele gestartet und seine Dreierquote auf fantastische 39% gesteigert, war gleichzeitig aber auch ziemlich inkonstant.

Elf Spielen mit 20 oder mehr Punkten standen zwölf Partien mit weniger als fünf Punkten gegenüber. Diese Varianz ist in dieser Saison deutlich kleiner geworden, allerdings nur weil die Ausreißer nach oben gänzlich wegfallen. Seine Saisonbestleistung in Sachen Punkte beträgt exakt 20, diese Marke erreichte er ein einziges Mal.


Es gibt in dieser Saison nur zwei Spieler, die bei mehr als drei Versuchen pro Spiel hinter der Dreierlinie unter 30% davon treffen. Der eine davon, Aaron Gordon, ist jung und versucht noch sein Spiel zu finden und entwickeln, aber Mirotic nimmt eben auch nicht nur knapp drei Triples pro Spiel, sondern mit 4,9 gleich 1,5 Dreier mehr als Gordon.

Bei diesem Volumen (mindestens 4,5 Dreier) ist 33% schon extrem niedrig und wird nur von zwei weiteren Spielern neben Mirotic unterboten. Letztendlich ist es angesichts dieser Entwicklung schwer vorstellbar, dass ein Team allzu viel für den spanischen Nationalspieler, der kurzzeitig als “Threekola” bekannt war, aufgibt.

Durch die Lichtblicke, die er vor allem im letzten Jahr, aber auch in seiner Rookie-Saison zeigen konnte, ist ein Szenario in dem er einen mittleren bis niedrigen First-Round Pick in die Windy City bringt aber auch nicht völlig ausgeschlossen.

Zu den Teams, die den Poker eingehen und Mirotic als Bank-Puzzleteil (wie groß dieses Teil dann auch sein mag) eines Playoff-Runs sehen könnten, zählen Washington, Boston, Houston, Oklahoma City und die LA Clippers.


Taj Gibson gilt als einer der beliebtesten Teamkollegen in der gesamten NBA. Dieser Fakt allein macht ihn zum vermutlich wertvollsten der drei Bulls-Tradepatronen. Gepaart damit, dass auch sein Beitrag auf dem Court deutlich stabiler und wertvoller als der seiner Kollegen ist, scheint ein Gibson-Trade die beste Option für die Bulls zu sein.


Jedes Playoff-Team, auch eines das ums Heimrecht kämpft, vielleicht sogar einer der Titel-Contender, kann einen Typen wie Gibson gebrauchen. Sowohl auf als auch neben dem Parkett ist er genau das, was große Teams ausmachen.

Sicherlich wird er kaum irgendwo eine zentrale Rolle in einer Starting Five einnehmen können. Als wichtiger Bank-Spieler, der diese Rolle nicht nur annimmt, sondern wenn nötig mit Haut und Haaren lebt, passt er überall hinein.

Ein Trade wäre daher für alle drei involvierten Parteien (wer auch immer die dritte Partei sein könnte, die Möglichkeiten sind in der Tat quasi unbegrenzt) sinnvoll und könnte die Entwicklung zweier Teams in eine positive Richtung lenken.

Aus Chicago wird in den kommenden Tagen einiges zu hören sein. Ob und wie die vorhandenen Probleme dadurch gelöst oder verlagert werden, wird spannend zu beobachten sein.