07 Februar 2017

7. Februar, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

Das Cinderella-Team der ersten Saisonwochen in der NCAA waren ganz klar die UCLA Bruins. Tauchten sie vor der Saison zwar in den meisten Rankings auf und wurde in Previews das explosive Potenzial des Kaders angeschnitten, waren dennoch Zweifel an der Final Four Tauglichkeit der Bruins angebracht.

Mit dem überraschenden Sieg in Kentucky, in einer der toughsten Arenen im College Basketball, schlug das Pendel der medialen Aufmerksamkeit in die andere Richtung aus und die Bruins kletterten plötzlich auf den ersten Platz der AP Polls. Erste Vergleiche mit den Warriors, die gar nicht so abwegig sind, kamen auf.

Erst das Gastspiel bei den Oregon Ducks Ende Dezember bedeutete die erste Niederlage für die Bruins. Ein Buzzerbeater von Dillon Brooks war notwendig, um UCLA tatsächlich zu bezwingen. Während diese Niederlage sicher ärgerlich war, zweifelte danach dennoch niemand an der Dominanz der Bruins und Zweifel an einer Final Four Teilnahme waren kaum zu vernehmen.


Erst mit der Niederlage gegen Arizona vor heimischem Publikum vor gut zwei Wochen änderte sich die öffentliche Meinung - fast schon dramatisch. Als erstes Team konnten die Wildcats über 40 Minuten UCLAs offensichtliche Schwächen in der Verteidigung aufdecken und ausnutzen. Auch defensiv war der Gameplan interessant zu beobachten, da Arizona Lonzo Ball zum Scoren forcieren wollte, anstatt ihm die Möglichkeit zu geben, für seine Mitspieler zu kreieren.

Stadtrivale USC machte sich das prompt zu Nutze und attackierte UCLA ebenfalls sehr viel im Pick & Roll und nahm Ball offensiv den Zauber durch viel Zonenverteidigung. Nach diesen drei Niederlagen haben sich die Bruins mittlerweile schon fast aus dem PAC12 Titelrennen verabschiedet und müssen nun nicht nur Oregon und Arizona schlagen, sondern darauf hoffen, dass die beiden Konkurrenten jeweils ein Mal stolpern. Der PAC12 Titel wäre wichtig, um als 1 Seed im Tournament starten zu können, was möglicherweise kürzere Wege und einfachere Gegner bedeuten würde.

Offense
Nicht ohne Grund wurden die Bruins zu Beginn der Saison mit den Golden State Warriors verglichen. Lonzo Ball mimte mit Dreierversuchen aus gut acht Metern und mehr den Steph Curry, während das gesamte Team durch brandgefährliches Shooting brillierte. Ball ist dabei der perfekte Dirigent, der für einen Freshman ein außergewöhnliches gut balanciertes Maß zwischen eigenem Abschluss und dem perfekten Pass zum Mitspieler findet.

Zudem erlaubt die Anwesenheit von Ball Spielern wie Bryce Alford oder Isaac Hamilton, die sich in den vergangenen Jahren nach dem Abgang von Kyle Anderson sehr oft in der Rolle des Ballverteils befanden, dem eigenen Naturell entsprechend abseits des Balls um Screen zu hetzen und Würfe aus der Bewegung zu treffen.

Gerade Alford ist vermutlich so gut wie kein anderer Spieler der NCAA darin, Blöcke abseits des Balls zu nutzen, die Defense zu lesen und Fehler direkt zu bestrafen. Die folgenden Szenen geben einen kurzen Vorgeschmack:


In der ersten Situation begeht Oregons Chris Boucher das Kapitalverbrechen, unter dem Block von T.J. Leaf zu bleiben. Zwar ist es für Boucher in der Matchup Zone nicht so leicht zu realisieren, wen er da eigentlich gerade verteidigt, dennoch darf er Alford niemals so viel Platz und Zeit lassen. Alford nutzt diesen Fehler eiskalt aus und lässt sich auch von den heranstürmenden Krakenarmen Bouchers nicht irritieren.

Die zweite Szene verdeutlicht, wie schnell Alford Fehler erkennt und wie wenig Zeit er braucht, um einen vernünftigen Wurf Richtung Korb zu schicken. Arizonas Verteidiger ist eigentlich bei Alford, hält allerdings doch etwas zu viel Abstand und guckt dann auch noch für eine Millisekunde fälschlicherweise nur auf den Ball. Das reicht, damit Alford den Screen nutzt und seelenruhig seinen Distanzwurf verwandelt.

Neben Trainersohn Alford ist auch Isaac Hamilton ein Genie darin, indirekte Blöcke so zu nutzen, dass er mehrere Verteidiger bindet und in der Regel trotzdem noch den Ball versenken kann. Im Vergleich zu Alford nutzt Hamilton jedoch besonders gerne Downscreens. Außerdem fühlt sich Hamilton besonders im Halbdistanzbereich wohl. Seine Floater, Runner und Curls zum Korb sind für die Defense immer hochriskant.


Hamiltons gute Fußarbeit sorgt dafür, dass er blitzschnell nach dem Passerhalt in der Luft steht und seinem Verteidiger keine Chance lässt, den Wurf überhaupt zu stören. In diesem Fall bestraft er, dass Arizonas Big in der Zone bleibt und nicht hilft. Kommen die Verteidiger des Blockstellers allerdings zur Hilfe, kann Hamilton sie durchaus schlagen und sich mit ein oder zwei Dribblings zum Korb durchschlagen.

Solche Downscreens sind zudem gut zum Slippen geeignet. Gerade wenn sich beide Verteidiger auf den Nutzer des Blocks konzentrieren und ihn am Wurf hindern wollen, ergeben sich oft Freiräume für die Blocksteller in Ringnähe.


Nach dem Baseline Einwurf gehen die Bruins in eine Flexaufstellung, bei der sich der Schütze aus der Weakside Ecke kommend entweder für den Flex-Cut an der Baseline oder den Downscreen zur Dreierlinie entscheiden kann. Alford entscheidet sich meist für den Cut zur Dreierlinie und auch in der vorliegenden Situation ist dies der Fall.

Alford bindet aufgrund seiner Reputation als Shooter zwei Verteidiger, wodurch nur noch ein Verteidiger auf der Weakside verbleibt. Dieser muss jetzt entscheiden, ob er den Roller bumpt und dafür den offenen Dreier abgibt oder doch an der Dreierlinie beim Schützen bleibt und so die Zone vollkommen ungeschützt lässt.

Arizonas Verteidiger orientiert sich daran, wo Alford hinguckt. Allerdings ist der UCLA Guard so geschickt, Ball an der Dreierlinie anzugucken, um den Verteidiger herauszulocken. Der Verteidiger fällt auf den Trick rein und Alford findet Leaf mutterseelenallein in der Zone. An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Leaf der perfekte Blocksteller für solche Situationen ist, weil er ein angeborenes Timing besitzt und Blöcke genau im richtigen Moment löst.

Diese Szenen zeigen, dass oft schon ein Block oder ein schlafender Verteidiger ausreichen, um den Schützen der Bruins ihre Lieblingswürfe zu geben. Noch schwieriger wird es für die Defense jedoch dadurch, dass UCLA im Halbfeld viele Misdirection und Screen-the-Screener Aktionen einbaut, die die Defense oft auf eine falsche Fährte locken.

Ein Beispiel für ein solches Misdirection-Play ist der folgende Baseline-Einwurfspielzug:


Thomas Welsh erhält den Einwurfpass, während die Weakside für ein vermeintliches Two-Men-Game von Ball und Leaf freigeräumt ist. Alles rechnet nun damit, dass Ball zum Korb zieht oder selber kreiert, was jedoch nur der Ablenkung dient.

Nach dem Pass auf die andere Seite, erhält Einwerfer Alford, für den das Play wieder konzipiert ist, zwei versetzte Blöcke. Bereits mit dem ersten kann er seinen Bewacher abschütteln, da er geduldig wartet, bis der Screen steht und ihn so eng wie möglich nutzt.

Arizonas Big Man wird dadurch als Verteidiger des zweiten Blockstellers erneut dazu gezwungen, eine Hilfe leisten zu müssen. Der Innenspieler ist jedoch zu spät dran und will die Zone nicht verlassen, wofür sich Alford dank des zielgenauen Anspieles seines Point Guards bedankt.

Noch gefährlicher und verwirrender sind Screen-the-Screener-Plays:


Alleine die Grundaufstellung ist ungewöhnlich und macht die Aktion schwer zu verteidigen. Die drei beteiligten Akteure sind die einzigen, die sich unterhalb der Freiwurflinie befinden.

Alford setzt zunächst den Crossscreen für Hamilton. Damit Alfords Verteidiger nicht zu sehr auf Distanz gerät, versucht Oregon die Situation zu lösen, indem Boucher als Verteidiger von Leaf Hamiltons Cut bumpt. Allerdings muss sich Casey Benson nun eigenständig um den Screen von Leaf kämpfen.

Alleine die Kommunikation mit den Mitspielern reicht aus, damit Benson doch den Kontakt zu Alford verliert. Zusätzlich begeht er den Fehler, über den Block gehen zu wollen, womit er endgültig aus dem Spiel genommen wird und Alford, der diesen Fehler instinktiv erspürt, die Möglichkeit zum offenen Dreier aus der Ecke gibt.

Besonders nach Auszeiten laufen die Bruins folgendes Play sehr gerne:


Der Backscreen von Alford ist nur sehr schwer zu verteidigen, weil Leaf Blöcke fast so gut nutzt wie sein Guard und in Ringnähe auf College Ebene ein sehr sicherer Finisher ist. Alfords Schussstärke sorgt dafür, dass sich die Verteidiger in Sekundenbruchteilen zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen.

In der ersten Situation bumpt Alfords Verteidiger Leaf nicht, da die Angst vor einem Dreier zu groß ist. Als Resultat hat Leaf einen offenen Layup. Beim zweiten Anlauf bumpt Alfords Verteidiger dann doch, was zur Folge hat, dass der Bewacher im Downscreen von Welsh hängenbleibt und Alford wieder Platz beim Dreier hat.

Offensiv lassen sich als in der Tat Argumente finden, die Vergleiche zu den Warriors zulassen: Die Gefahr von der Dreipunktelinie wird durch viel Bewegung abseits des Balls und speziell durch indirekte Blöcke geschürt.

Alle fünf Spieler sind mindestens aus der Mitteldistanz hochgefährlich und sorgen damit für Paranoia bei der gegnerischen Verteidigung. Nicht umsonst sind die Bruins tatsächlich eines der besten - wenn nicht gar das beste - Offensivteams der Liga. Defensiv offenbaren die Bruins jedoch große Defizite.

Defense
Die Schwachstellen in der Verteidigung beginnen dabei meist schon im Angriff. Denn auch wenn die Bruins durchaus zur Offensivelite der NCAA gehören, nehmen sie viele frühe und teilweise fragwürdige Würfe. Auch für leichtfertige Ballverluste sind die Bruins anfällig. Beides zusammen führt zu vielen Transition Situationen, mit denen sie so ihre Schwierigkeiten haben.

Gerade hier wird offensichtlich, was für alle Defensivaktionen der Bruins gilt: Es gibt kaum Spieler im Kader, die Interesse an guter Defense haben und großartig Energie an diesem Ende des Feldes verschwinden wollen. Hin und wieder agieren sie opportunistisch und machen sich die fehlende Cleverness ihrer Gegner zu Nutze, doch grundsätzlich mangelt es an Einsatz, Wille, Kampfbereitschaft und Intensität. Die hochgelobten Alford, Hamilton, Ball und Leaf sind hier die größten Sünder.

Einige exemplarische Szenen geben einen ersten Eindruck darüber, was für dramatische Züge die Defense teilweise annimmt:


Schon beim ersten Fastbreak zeigt sich, dass sowohl Hamilton als auch Ball den Ballhandler einfach gewähren lassen und ihn gar nicht großartig behindern. Ball bleibt sogar unter dem Korb stehen und lässt Oregons Spieler einfach den Layup vollstrecken.

Ein ähnlich freches Defensivverhalten erlaubt sich Alford in der dritten Szene, als Jordan Bell hinter ihm startet und ihn über die Hälfte des Courts um gut fünf Meter übersprintet, weshalb die Zone gänzlich ungeschützt ist und Bell für einen spektakulären Alley-Oop einfliegt.

Die Impressionen aus dem Arizona Spiel unterstreichen die Probleme. Gerade Balls Wurfauswahl kann durchaus problematisch werden, wenn die Würfe mal nicht fallen. Bei sieben Sekunden verbleibender Angriffszeit und insgesamt neun Sekunden bis zur Halbzeitsirene einen solchen Wurf zu nehmen, während er von einem Big Man verteidigt wird, ist nicht die smarteste Entscheidung.

Dass er anschließend aber auch in der Transition keine gute Figur abgibt und keine Anstalten macht, seinen Fehler wieder gutzumachen, passt ins Bild, das die Bruins teilweise abgeben. Genau solche Phasen und Aktionen können im Tournament und auf höchstem Niveau Spiele entscheiden.

Noch eklatanter werden die Schwächen, wenn es um die Pick & Roll Verteidigung im Halbfeld geht. Oft wirken die Bruins so, als hätten sie weder einen Plan noch den Willen ihre Gegner vom Scoring abzuhalten. Dabei ist es auch unerheblich, ob der gefährlichere Spieler der Ballhandler oder Blocksteller ist, denn beides können die Bruins nicht wirklich kontrollieren.


Die erste Szene zeigt, dass Leaf, obwohl er durchaus athletisch ist und in dieser Hinsicht bisher überraschen konnte, defensiv noch sehr viel an seiner Fußarbeit und seiner lateralen Geschwindigkeit arbeiten muss. Dillon Brooks spaziert im Pick & Roll durch die Zone und spielt Leaf einen Knoten in die Beine, da dieser keine Balance hat und aus der Bewegung heraus auch kein guter Shotblocker ist.

Bei Alford ist vor allem der fehlende Wille, sich um Screens herumzukämpfen und wieder vor seinen Gegenspieler zu kommen, das größte Probleme. Er bleibt am ersten Block hängen und hat anschließend eigentlich Zeit, um Oregons Guards doch noch den Weg abzuschneiden, indem er ihn zur rechten Seite drängt. Doch Alford gelingt das nicht und Oregon kommt durch den kleinsten Spieler auf dem Feld zu zwei einfachen Punkten in der Zone.

In diesen beiden Szenen fehlt die Helpside, was eine zusätzliche Belastung darstellt. Doch selbst mit einer Hilfe wendet sich das Geschehen nicht unbedingt zum Besseren, wie die folgende Szene zeigt:


Blocksteller Lauri Markkanen ist der beste Shooting Big der NCAA Geschichte, weswegen sein Verteidiger Welsh beim Block nicht helfen kann, da er sonst Markkanens Pop zur Dreierlinie nicht unterbinden kann.

Folglich müsste von der Weakside eine Hilfe kommen. In diesem Fall sollte dies Lonzo Ball sein, weil sein Gegenspieler näher zur Baseline steht und der schlechtere Schütze ist. Ball steht jedoch überhaupt nicht in Position und zu allem Überfluss kommt auch noch Hamilton herbeigestürzt. Selbst Alford sinkt von der Ballseite ab, weshalb Arizonas Guard sich zwischen gleich drei möglichen Passabnehmern entscheiden darf. Mit Allonzo Trier findet er genau den richtigen Abnehmer.

Auch mit athletischen Bigs haben die Bruins Probleme und Breakdowns sind allgegenwärtig:


In beiden Fällen müsste ein Verteidiger von der Weakside den sich abrollenden Chimezie Metu bumpen, um zu verhindern, dass der athletische Big mit Anlauf abspringen kann. Leaf verpasst es jedoch teilweise gänzlich, überhaupt Körperkontakt zu initiieren, weswegen Metu vollkommen unbedrängt in die Zone sprinten und die guten Pässe einschlagen kann.

Um sich solche Peinlichkeiten zu ersparen und Gegner aus dem Rhythmus zu bringen, streut Coach Steve Alford seit Jahren schon immer wieder gerne eine 3-2-Zone ein, was angesichts der Länge und Schnelligkeit des Kaders auch keine verkehrte Idee ist.

Gerade kleine Guards oder schussschwache Mannschaften können durchaus Probleme bekommen und sich so in Einzelaktionen verzetteln. Genau darauf lauern die Bruins. Sobald sie einen schlechten Wurf forcieren oder einen Ball abfangen, starten sie ihren Schnellangriff und können sie innerhalb weniger Minuten einen zweistelligen Rückstand aufholen.


In der ersten Situation funktioniert die Zone wie geplant: Die Bruins forcieren einen überhasteten Drive und einen Pass, mit der Big Man nichts anfangen kann. Sobald Ball sich das Leder sichert, zündet er den Turbo und findet seinen Mitspieler für den offenen Dreier, wodurch UCLA erstmals seit langer Zeit in diesem Spiel wieder auf Tuchfühlung ist.

Allerdings kann die Zone auch zum Eigentor werden, wenn ein Team sich das fehlende Kommunikationsverhalten und die Halbherzigkeit der Bruins zum eigenen Vorteil auslegen kann. In der zweiten Szene entsteht Verwirrung durch den Pass auf den Flügel, da der Angreifer genau zwischen den Reihen steht und zwei Verteidiger zeitgleich herausstürzen. Der Cut zum Lowpost wird von zwei weiteren Bruins nur alibimäßig verteidigt, wodurch zwei Angreifer vier Verteidiger binden und sich auf der Weakside eine Eins-gegen-Zwei-Situation bildet.

Insgesamt sind die Bruins ein sehr gefährliches Team, weil sie offensiv unfassbar potent und kaum zu stoppen sind. Ein erster wichtiger Schritt ist es daher, ihnen die Transition so gut es geht wegzunehmen. Die eigene Offense muss also der Defense helfen. Je weniger schlechter Würfe oder Turnovers ein Gegner produziert, desto besser für die Bruins. Zumal das auch angesichts der schwachen Verteidigung gar nicht passieren sollte.

Genau hier müssen die Bruins sich dramatisch verbessern, wenn sie tatsächlich das Final Four erreichen wollen. Das Problem ist nur, dass viele Spieler sich über Jahre schlechte Gewohnheiten zugelegt haben und bisher auch keine Einsicht zur Besserung zeigen. Die Bruins setzen schlicht darauf, dass sie einfach mehr Punkte als der Gegner machen.