09 Januar 2017

9. Januar, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

Seit der Auftaktpleite gegen Indiana haben die Kansas Jayhawks kein Spiel mehr verloren. Das klingt im ersten Moment nicht sonderlich spektakulär, doch tatsächlich hatten die Jayhawks in den ersten Saisonwochen und auch zum Start der Big12 Conference einige Probleme zu lösen.

Bereits vor der Saison war klar, dass die diesjährigen Jayhawks etwas von früheren Teams abweichen würden. Traditionell setzt Bill Self auf dominante Big Men, die gezielt am Korb gesucht werden und durch ihre Präsenz für leichte Punkte sorgen. Die Guards dienten in der Vergangenheit eher als Organisatoren und Taktgeber, während die Flügelspieler in der Regel Schützen oder Slasher waren.


In dieser Saison muss Self jedoch gewaltig umdisponieren. Nach dem Abgang von Perry Ellis im Sommer, der Verletzung von Freshman Udoka Azubuike und der Formschwäche von Sophomore Carlton Bragg, ist an der Small Ball Lineup mit dem kommenden Top5 Pick Josh Jackson als Vierer nicht mehr zu rütteln.

Durch den fehlenden zweiten Big Man sind viele Sets der Jayhawks, die im vergangenen Jahrzehnt hochprozentige Abschlüsse am Korb sicherstellen konnten, nicht in ihrer ursprünglichen Form zu benutzen. Stattdessen vertraut Self seinem erfahrenen Backcourt Duo aus Frank Mason und Devonte' Graham und verlagert den offensiven Schwerpunkt daher ans Perimeter. Die folgenden Szenen zeigen beispielhaft, wie Kansas diese Saison im Angriff agiert.

Offense
Viele der Sets, die Kansas in dieser Spielzeit vermehrt läuft, waren schon in den Vorjahren im Playbook verankert, werden diese Saison aber deutlich häufiger angewandt.

Brot und Butter ist in dieser Saison allerdings das High Pick & Roll, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn Kansas einen erfolgreichen Angriff in einer wichtigen Spielphase braucht oder ein Play nicht nach den Vorstellungen von Self umgesetzt wird.

Sowohl Mason als auch Graham sind hervorragende Pick & Roll Ballhandler, die das Spiel in dieser Hinsicht verstanden haben und die notwendigen Fähigkeiten besitzen, von diesem Wissen auch zu profitieren.

Eine Schlüsselrolle spielt die Wurfstärke der beiden Guards. Aus dem Dribbling heraus können beide blitzschnell von der Dreierlinie abdrücken und hochprozentig treffen, weswegen Verteidiger nicht unter dem Screen durchhuschen können.


In diesen beiden Szenen ist Mason der Nutznießer inkonsequenter Verteidigung. Während sich Masons direkter Gegenspieler in der ersten Szene noch über den Block kämpft, ist der Verteidiger des Blockstellers zu sehr darauf bedacht, schnell genug wieder bei Roller Lucas zu sein, was Mason registriert und mit einem erster Treffer quittiert.

Alarmiert durch diesen ersten Erfolg sollte die Defense nachfolgend eigentlich zulegen, doch stattdessen geht Masons Bewacher dieses Mal sogar unter dem Block lang. Ein Rescreen reicht, um Mason mehrere Meter Platz zu verschaffen. Mason lässt sich seinen Lieblingsjumper aus dem Linksdribbling nicht entgehen und verwandelt zielsicher.

Besonders zu Beginn einer Partie streuen Mason und Graham solche Distanzwürfe gerne mal ein, um die Defense aus der Reserve zu locken und anschließend zu sezieren. Denn haben die beiden erst etwas Platz, ziehen sie unaufhaltsam in die Zone, reißen Lücken, finden ihre Mitspieler oder drücken selber aus allen Lagen ab.


Im ersten Pick & Roll bindet Graham beide involvierten Bewacher. Der Verteidiger des Blocksteller bleibt sehr lange beim Kansas Guard, weshalb der dritte Texas Tech Spieler sehr lange in der Zone verharren und zur Hilfe beim Roller bereit sein muss. Graham beweist sein gutes Auge und erkennt diese Konstellation, was er mit seinem Kickout auf den freien Mason unterstreicht, der sich einnetzt.

Anschließend zeigt Graham was passiert, wenn der Big Man seinen Screen gut trifft. Weder Graham noch Mason sind von den langsameren Bigs im Eins-gegen-Eins zu stoppen. In dieser Situation entscheidet sich Graham für den Stepback. Allerdings ist er durchaus auch in der Lage dank seines kräftigen Oberkörpers am Brett zu finishen.

Diese Stärke im Pick & Roll sorgt dafür, dass die Jayhawks in ihren Sets sind variabel und offen sind, weil sie darauf vertrauen können, dass der Ball am Ende in Händen landet, die mit dem Leder umgehen können.

Besonders beliebtes Stilmittel sind Handoffs entlang der Dreierlinie. Je nach Spielvariante dienen die Übergaben dazu, Graham oder Mason den Ball mit Tempo in die Hand zu drücken, damit die beiden ihre überforderten Verteidiger schlagen können.

Die beliebteste Version dieser Angriffsstrategie sind mehrere Handoffs mit einem anschließenden Ballscreen, sobald Mason oder Graham den Ball erhalten. Die Kombination aus Handoffs und direktem Block sorgt dafür, dass sich alle fünf Angreifer bewegen, was es der Defense schwer macht, beim Pick & Roll wieder in geordneter Aufstellung zu sein.

Ist die Defense nicht bereit für die Pick & Roll Verteidigung, haben Graham und Mason in ihrer Paradedisziplin leichtes Spiel. Gleichzeitig kann der einzig verbliebene Big, meist Landen Lucas, gute Position sehr nah am Ring beziehen und ist für Postups in guter Ausgangsposition.


Mason erhält von Jackson den Ball per Handoff und nachfolgend den angesprochenen Block am Ball. Der Aufbauspieler spielt direkt den Pass in den Rücken der Pick & Roll Verteidigung zum liftenden Jackson. Lucas kann durch den Screen seinen direkten Gegenspieler auf den Rücken nehmen. Dank des gut getimeten und ausgeführten Lobanspiels, das nach wie vor das Markenzeichen der Jayhawks ist, fängt Lucas den Ball direkt am Korb.

Die Hilfe von der Weakside kommt zu spät, da Masons Verteidiger, dafür zuständig ist. Der wurde gerade erst von Lucas am Perimeter weggesperrt und braucht daher einen Moment zur Orientierung. Diese Sekunde nutzt der Kansas Senior eiskalt aus.

Eine weitere beliebte Option ist, Jackson den Ball zu übergeben, während er von der linken Spielfeldseite aus Anlauf nimmt und seine Schnelligkeit über die stärkere rechte Hand ausspielt. Funktioniert das nicht, wird meist wieder der Big Man am Zonenrand gesucht.


In diesem verteidigt Texas Tech den entscheidenden Handoff zu Jackson gut, da sie die Ballübergaben einfach switchen. Kansas und speziell Jackson fällt jedoch nicht in Panik, sondern der Ball wird geduldig um die Dreierlinie bewegt, während Big Man Bragg sich in Korbnähe um eine gute Position bemüht und für seine Beharrlichkeit mit einem Layup belohnt wird. Solche Aktionen sieht man vom Power Forward jedoch viel zu selten.

Sehr erfolgsversprechend sind zudem Backdoorcuts bei den Handoffs, falls Gegner den Pass verhindern wollen. Besonders nach Auszeiten müssen Gegner für dieses Manöver immer gewappnet sein.


In diesem Fall dient Svi Mykhailiuk als Dekoration. Der Ukrainer läuft zunächst selber einen Backdoorcut. Spätestens nach dieser Aktion sind die mahnenden Worte des Trainers aus der Auszeit vergessen und an einen weiteren Backdoorcut wird kein Gedanke verschwendet.

Mykhailiuk rennt im Kreis zurück auf die linke Seite und erhält dabei den Ball. Alles rechnet damit, dass der ausgewiesene Schütze den Ball Aufbauspieler Mason in die Hand drücken wird. Doch genau hier schnappt die Falle zu und Kansas verdient sich zwei Punkte an der Freiwurflinie.

Self ist also durchaus auch kreativ, wenn es darum geht, seine Spieler am Perimeter einzusetzen. Wenn es jedoch hart auf hart kommt, vertraut er immer noch seinen liebsten Go-to-Sets, die in der Regel für Bigs konzipiert sind.


Während der vergangenen drei Jahre war dieses scheinbare simple Pick & Pop zwischen Aufbauspieler und Power Forward, die gefährlichste Waffe und diente dazu, Perry Ellis ins Spiel zu bringen. In dieser Saison darf sich Josh Jackson öfter als Blocksteller versuchen und in der Tat fühlt er sich in dieser Situation mittlerweile einigermaßen wohl.

Durch die Gefahr, die von den Ballhandlern ausgeht, hält er sich seinen eigenen Kontrahenten oft für einen kurzen Moment vom Leib. Dieser Moment reicht jedoch aus, um den Abstand, den Verteidiger angesichts seines unterdurchschnittlichen Wurfes halten, zu negieren und mit voller Wucht zum Korb zu ziehen.

Abschließend noch ein Klassiker aus der Trickkiste von Bill Self, der besonders nach Auszeiten in der Crunchtime weiter Anklang findet. Ziel dieses Plays ist es, einen Lobpass auf den Big Man über dessen Verteidiger zu spielen, während die Weakside vollkommen leer und eine Hilfe somit nahezu unmöglich ist.


Zielperson ist Big Man Lucas. Er startet an der Freiwurflinie und erhält einen indirekten Block von Frontcourt Kollege Jackson. Die Defense muss nun mit einem direkten Block von Lucas rechnen, was als Wedge Ballscreen bezeichnet wird.

Lucas "slipt" diesen Screen jedoch, und arbeitet um Lowpostposition, drei weitere Pässe später hat Lucas den Ball am Brett und kann finishen, da die linke Ecke unbesetzt ist und die Wege zur Hilfe lang sind.

Defense

Während die Offense also durchaus floriert und keinerlass Anlass zur Sorge bietet, zeigte sich Coach Self zuletzt genervt von den defensiven Darbietungen seiner Truppe - und mit dieser Kritik trifft er voll ins Schwarze.

Sowohl individuell als auch im Teamverbund zeigen sich die Jayhawks bisher pomadig. Im Eins-gegen-Eins sind die wenigsten Spieler bislang in der Lage, ihren Gegner konstant an der Penetration zu hindern. Einzig Freshman Jackson zeigt in dieser Hinsicht seine "winning attitude". Gerade die Körpersprache vieler Spieler ist nicht so, wie sie für einen tiefen Run im März sein sollte.


In dieser exemplarischen Sequenz wird besonders die mangelhafte Körpersprache deutlich und inwiefern sie für einfache Punkte des Gegners verantwortlich ist.

Mason trifft im eigenen Fastbreak eine schlechte Entscheidung und will gegen zwei Verteidiger das Foul schinden, obwohl er in klarer Unterzahl ist und besser beraten wäre, die Aktion abzubrechen. Anschließend reißen Mason und Lucas gleichermaßen die Arme hoch, anstatt zurückzusprinten.

Nach einem Airball erlauben die Jayhawks einen Offensivrebound und Kansas State bringt den Ball wieder aus der Dreierlinie raus. Dieser Zeitrahmen sollte eigentlich locker reichen, um defensiv wieder Ordnung herzustellen, allerdings ist Graham in dieser Szene sehr orientierungslos.

Lucas muss ihm erst eine Ansage machen, wo sein Gegenspieler steht. Diese kurze Ablenkung reicht aus, um bei der eigenen Hilfe zu spät zu sein, nachdem Mykhailiuk am Ball kurz nach hinten zur Aufregung seiner Mitspieler guckt und mal wieder die Mitte viel zu leicht aufgibt.

Auch im Halbfeld gestaltet sich ein ähnliches Bild und oft reichen einfache Aktionen, um die Jayhawks auf dem falschen Fuß zu erwischen.


Mason und Lagerald Vick switchen ein ganz normales High Pick & Roll. Allerdings wendet Mason dem Ball den Hinterkopf zu und lässt sich zusätzlich durch den Lift Cut irritieren.

Den Größennachteil von über 20 Zentimetern kann er so auf keinen Fall kompensieren. Graham steht auf der Weakside ebenfalls zwei Meter zu hoch, weshalb seine Hilfe ausbleibt.

Genau derselbe Spielzug sorgt für mehrere Breakdowns, erschreckende Missverständnisse und unverantwortliches Verteidigungsverhalten.


Dieses Mal wird das Pick & Roll nicht geswitcht, da Bragg als Big Man involviert ist. Eine kurze Körpertäuschung des Blockstellers reicht, um Bragg in die Bredouille zu bringen. Sein Kontrahent läuft so raus, als wolle er den Block zu rechten Hand des Ballhandlers stellen, entscheidet sich spät jedoch für die linke Seite. Bragg ist daher zu weit in der Spielfeldmitte und zu nah am Korb beim Block.

Der Ballhandler nutzt das noch nicht mal wirklich aus, schiebt jedoch eine Hesitation hinterher, die Braggs voreiligen Rückzug bestraft und eine Penetration tief in die Zone erlaubt. Mason steht ähnlich wie Graham zuvor zu weit außen und kann den Durchstecker auf den abrollenden Innenspieler und dessen krachenden Dunk nicht verhindern.

Zwar stimmen die Resultate für Kansas, doch Bill Self kann zurecht nicht zufrieden mit den Nachlässigkeiten seiner Mannschaft sein. Soll der dreizehnte Conference Titel in Folge oder noch viel wichtiger ein Einzug ins Final Four her, müssen sich Jayhawks gewaltig steigern.

Offensiv haben sie genug Talent und mittlerweile auch ein gewisses Verständnis füreinander entwickelt, um Spiele für sich zu entscheiden. Defensiv besteht aber noch viel Nachholbedarf. Besonders Körpersprache, Wachsamkeit und Intensität passen noch gar nicht.

Momentan ist Freshman Jackson ein Vorbild für die erfahrenen Upperclassmen. Das sollte sich schleunigst ändern. In zwei Wochen wartet Press Virginia nur auf eine solche Gelegenheit.